Sinnfindung in der Freiwilligenarbeit

Führt Freiwilligenarbeit zu Sinnerfüllung?

Mit dieser Frage setzten sich Tatjana Schnell und Matthias Hoof in ihrer Studie „Zur Sinnfindung im Kontext der Freiwilligenarbeit“ auseinander und verglichen freiwillig Engagierte in Kirche, Hospizen und säkularen Institutionen mit einer repräsentativen deutschen Bevölkerungsstichprobe hinsichtlich der erlebten Sinnerfüllung, dem Auftreten von Sinnkrisen und den Sinn generierenden Lebensbedeutungen.

Sinnerfüllung bezeichnet das Ausmaß indem ein Mensch sein Leben als zusammenhängend und zielführend erlebt. Unter einer Sinnkrise versteht man nicht nur einen Mangel an Sinnerfüllung, sondern sie beschreibt den Leidensdruck, der entsteht, wenn ein Mensch keinen Sinn in seinem Leben entdeckt.  Als Lebensbedeutungen werden die Bereiche bezeichnet, die für uns im Leben zentral sind und an denen wir uns orientieren z.B.“ Liebe“, „Selbsterkenntnis“ oder „Religiosität“. [siehe LeBe]

  • In der Studie zeigte sich, dass  freiwillig Engagierte ihr Leben als sinnerfüllter wahrnehmen  als die Normalbevölkerung, freiwilliges Engagement jedoch nicht vor Sinnkrisen schützt! Da sich die von einer Sinnkrise betroffenen Engagierten von anderen freiwillig Tätigen nur in ihrer Zufriedenheit mit ihrem Engagement unterschieden (sie waren damit unzufriedener), könnte die Sinnkrise sogar auf die freiwillige Tätigkeit zurückzuführen sein. z.B. könnte bei Hospizarbeitern die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod und den letzten Tagen des Lebens existenzielle Krisen fördern.
  • Zudem unterscheiden sich Freiwillig Engagierte hinsichtlich ihrer Lebensbedeutungen von der Normalbevölkerung. Die vertikale1) und horizontale Selbsttranszendenz2) ist bei engagierten Personen höher ausgeprägt als bei der Normalbevölkerung: Freiwillig Engagierte sind fähig und motiviert zur Selbsttranszendenz, in dem Sinne, dass ihr Handeln ihr Eigeninteresse überschreitet und sich auf Bereiche wie Generativität (=Dinge mit bleibendem Wert tun/ erschaffen), soziales Engagement, Natur, Gesundheit und Selbsterkenntnis bezieht.  Das bedeutet aber nicht, dass  freiwillig Engagierte nur altruistisch, also zum Wohle Anderer handeln. Sie sind auch selbstdienlich motiviert. Denn die Möglichkeit sich auf diese Weise selbst zu verwirklichen und das persönliche und gemeinschaftliche Wohlbefinden zu fördern, steigert ihr eigenes Sinnerleben.
  • In Kirche, Hospiz und weltlichen Institutionen tragen unterschiedliche Lebensbedeutungen zur Sinnerfüllung bei. Bei freiwilligen Mitarbeitern der Kirche und Diakonie förderte ausschließlich die explizite Religiosität, also die persönliche Gottesbeziehung, das Sinnerleben. Für die in Hospizen Engagierten führte eine hohe Orientierung an vertikaler und horizontaler Selbsttranszendenz zu Sinnerfüllung. D.h. die Orientierung an einer höheren Macht oder das Engagement für irdische Belange sind zentrale Bereiche im Leben dieser Personen. Bei weltlich Engagierten trägt nur Spiritualität, nicht aber eine persönliche Gottesbeziehung zur Sinnerfüllung bei. Zudem ist bei ihnen die Möglichkeit sich selbst zu verwirklichen ein guter Vorhersagefaktor für Sinnerfüllung.

Aus diesen Ergebnissen lässt sich eine wichtige Folgerung ableiten: Institutionen, die Freiwillige beschäftigen, sollten ihre Tätigkeitsbereiche also auch danach beschreiben, welche Lebensbedeutungen bei ihnen realisiert werden können, damit die Arbeit auch zur Sinnerfüllung des freiwillig Engagierten beitragen kann.

Die Ergebnisse der Studie lassen sich auch auf erwerbslose Menschen übertragen:

  • So zeigt sich, dass erwerbslose Personen, die sich freiwillig engagieren mehr Sinnerfüllung als Erwerbslose ohne Engagement erleben und sich stärker als Teil eines größeren Ganzen fühlen. Interessanterweise sinkt hier bei engagierten Erwerbslosen sogar die Wahrscheinlichkeit eine Sinnkrise zu erleiden. (Diplomarbeit Dipl.-Psych. Ina Dickel)

Fazit

Die Studien machen deutlich, dass freiwilliges Engagement eine Sinnquelle darstellt, unabhängig von der Erwerbstätigkeit. Auch bei Erwerbslosen führt Engagement zu Sinnerfüllung und vermindert sogar die Wahrscheinlichkeit eine Sinnkrise zu erleiden. Freiwilliges Engagement kommt also nicht nur anderen zu Gute, sondern auch einem selbst. Schon zwei Stunden Freiwilligenarbeit in der Woche erhöhen das eigene Sinnerleben stark. Warum also nicht einfach einmal ausprobieren?

Sollte Ihr Interesse geweckt worden sein,  bieten Freiwilligenbörsen eine gute Anlaufstelle. Hier werden mögliche Tätigkeiten  in ihrer jeweiligen Stadt vermittelt. So zum Beispiel:

http://www.freiwilligenweb.at/

http://www.Engagiert-in-Deutschland.de/

Bei der Suche nach der passenden Tätigkeit sollten Sie darauf achten, dass Sie die Dinge verwirklichen können, die Ihnen im Leben am Herzen liegen. Denn nur so kann die Tätigkeit als sinnerfüllend erlebt werden.

Von Stephanie Theves

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1) Orientierung an einer immateriellen Macht
2) Engagement für irdische Belange über eigene Interessen hinaus

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