Mit der Frage, ob die Berufsausübung als sinnvoll erlebt wird, setzen sich WissenschaftlerInnen an der Universität Innsbruck auseinander.
Was meint nun „Sinnerfüllung“? Kurz gesagt heißt es, dass man sein Leben als zusammenhängend und bedeutsam wahrnimmt, dass man das, was man erlebt, in einen Zusammenhang mit sich selbst bringen kann.
Was hat Sinnerfüllung nun mit dem Beruf zu tun? Arbeit wird in der bisherigen Forschung als fundamentales Element gesehen, das Lebenssinn stiften kann. Sie erfüllt dabei besonders ein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (Schnell & Höge, in Bearbeitung). Je sinnerfüllter Personen sind, umso zufriedener sind sie auch mit ihrer Arbeit. Am Beispiel von Fließbandarbeitern kann Sinn im Beruf nach Isaksen (2000) am ehesten auf folgendem Wege hergestellt werden:
- Zugehörigkeitsgefühl zur Arbeitsstelle und Tätigkeit
- Engagement in sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz
- Betrachtung der Arbeit in einem größeren Zusammenhang
- Gefühl von Verantwortung und Stolz
Nun zu den Ergebnissen im Detail:
In ihrer Diplomarbeit konnte Elke Siller in einer Studie mit 183 TeilnehmerInnen nachweisen, dass ein positiver Zusammenhang zwischen Sinnerfüllung im Beruf bzw. genereller Sinnerfüllung und Arbeitsengagement besteht. Wer also seinen Beruf als sinnvoll erlebt, ist auch bereit, sich für die Arbeit stärker einzusetzen. Wenn man umgekehrt Arbeit als sinnlos empfindet, verringert sich auch die Anstrengung, etwas für diese Arbeit zu leisten.
Auch die psychischen Aspekte der Sinnerfüllung im Beruf sind nicht zu unterschätzen: wer seinen Beruf als sinnvoll wahrnimmt, ist auch mit seinem Leben zufriedener, hat eine bessere Stimmung und fühlt sich – wenn auch in geringerem Ausmaß – körperlich wohler.
Arbeitsressourcen, also positive Eigenschaften des Arbeitsplatzes, spiegeln sich auch auf der Seite des Sinngefühls wider: Die Bedeutsamkeit der Aufgabe für andere Menschen, Anforderungsvielfalt (die Ausführung verschiedener Tätigkeiten), gewährleistete Autonomie z.B. im Arbeitsablauf und das Bekommen von Rückmeldungen über die Effektivität der Handlungen sind Aspekte, die in positivem Zusammenhang mit Sinngefühl stehen.
Soziale Unterstützung
Soziale Unterstützung durch KollegInnen, insbesondere auch durch Vorgesetzte sind dem Sinngefühl am Arbeitsplatz zuträglich. Je mehr man sich auf Vorgesetzte und KollegInnen bei der Bewältigung von Problemen verlassen kann, umso sinnvoller wird das eigene Tun bewertet.
Flexibilitätsanforderungen
Die Flexibilität von ArbeitnehmerInnen, die heutzutage immer mehr eingefordert wird, wirkt sich auch auf das Empfinden von Sinn aus: Anforderungen des Unternehmens an Selbstbestimmung und Eigenständigkeit in den Bereichen Karriereentwicklung und Lernen stehen mit Sinnerfüllung im Beruf in Zusammenhang. Das bedeutet, je stärker man in Richtung Eigenständigkeit gefordert wird, umso sinnerfüllter fühlt man sich. Kreativität im Beruf wirkt sich ebenfalls positiv auf Sinnerfüllung aus. Durchaus kritisch zu sehende Entwicklungen in Hinsicht auf die „Arbeitskraftunternehmerthese“, nach der ArbeitnehmerInnen ihre Arbeitskraft als Ware auf dem Markt anbieten und weiterentwickeln müssen, haben also durchaus sinnstiftenden Charakter: Zumindest, was Selbstbestimmung und Eigenständigkeit angeht, ist das durchaus nachvollziehbar – eigenständige Weiterentwicklung ist ein aktives Arbeiten an sich selbst, ohne dass man äußere Zwänge wahrnimmt.
Dennoch sei angemerkt, dass zu viel Freiheit im Arbeitsleben auch zu mehr Druck führen kann – hier ein sehr anschaulicher Beitrag zum Thema: Wie Krokodile Vertrauen schaffen – Die neue Selbständigkeit im Unternehmen: Arbeiten ohne Ende?
Soziomoralische Atmosphäre
Zwischen der soziomoralischer Atmosphäre und Sinnerfüllung besteht ebenfalls ein Zusammenhang. Soziomoralische Atmosphäre ist eine Kommunikationskultur, bei der man Probleme offen anspricht. Emotionale Unterstützung und Toleranz gegenüber Fehlern sind vorhanden, sodass ein Gefühl der Wertschätzung entsteht. Kommuniziert wird zwanglos, das heißt, dass über Regeln auch diskutiert und gestritten werden darf und diese nicht widerstandslos hingenommen werden. Soziomoralische Atmosphäre bedeutet auch, dass die Angestellten verantwortlich für ihr eigenes Wohlbefinden und das der KollegInnen sind.
Nach den aktuellen Ergebnissen zeigt sich, dass Unternehmen, die eine derartige Unternehmenskultur pflegen, dafür mit sinnerfüllten MitarbeiterInnen und steigendem Arbeitsengagement belohnt werden.
Fazit:
Sinnerfüllung im Beruf kann eine Quelle für mehr Engagement am Arbeitsplatz sein. Wichtige Bezugspunkte für Sinn im Beruf sind Selbständigkeit und Selbstbestimmung, eine offene Unternehmenskultur, soziale Unterstützung seitens KollegInnen und Vorgesetzten sowie positive Aspekte der Arbeitsaufgaben wie Bedeutsamkeit, Anforderungsvielfalt, Autonomie und Rückmeldungen.
Was bedeutet das nun für Arbeitgeber und –nehmer?
- Arbeitgeber sollten sich darum bemühen, ihren Beschäftigten eine Position zu bieten, in der diese relativ selbstbestimmt arbeiten und kreativ mitgestalten können; damit steigt das Sinnerleben im Beruf und das Arbeitsengagement.
- Im Kreis der KollegInnen ist es wünschenswert, füreinander einzustehen: eine Abkehr vom Konkurrenzdenken hin zu Kollegialität steigert das Sinngefühl der/des Einzelnen. Für die Arbeitgeberseite bedeutet dies, dass sich Arbeits- und Unternehmensstrukturen, die auf innerbetriebliche Solidarität abzielen, positiv auswirken.
- Eine Unternehmenskultur, in der auf Mitbestimmung bzw. Mitsprache der ArbeitnehmerInnen Wert gelegt wird, bringt ein subjektives Sinngefühl mit sich und drückt sich auch in stärkerem Engagement der MitarbeiterInnen aus.
Von Sebastian Roth
Quelle: Siller, E. (2009). Sinnerfüllung im Beruf: Zum Zusammenhang von Merkmalen der Arbeitstätigkeit, Sinnerfüllung, Arbeitsengagement und Wohlbefinden. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
Weiterführende Literatur z.B.:
Klein, S. (2010). Der Sinn des Gebens: Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiter kommen. Frankfurt: Fischer Verlag.

