Nadja-Maria Petruschke: „Leid als Chance, tiefer in den Sinnzusammenhang hineinzuwachsen“

Es gab in meinem Leben keinen Moment, der nicht von Sinn erfüllt gewesen wäre. Sinn in einer übergeordneten, umfassenden Bedeutung gedacht: das Dasein an sich erlebte ich als Sinn. Die Suche nach dem Sinn habe ich folglich als Paradox empfunden und auf die Frage, wie man zu einem sinnerfüllten Leben finden sollte, konnte ich nicht antworten. Für mich war er das Leben selbst. Infolgedessen habe ich nicht hinterfragt, ob andere Menschen Sinn im Leben empfänden, da sich, in meinem Erleben, ein Leben ohne denselben selbst widerspräche. In Frankls Konzept der Selbsttranszendenz und C.G. Jungs Idee der Individuation konnte ich mich wiederfinden: das Dasein war für mich ein stetiges Wachsen über mich selbst hinaus bzw. ein Wachsen in mich selbst hinein, indem ich meine Potentiale bis zum Grunde ausschöpfen wollte. Diese Freiheit zur Individuation, der Freiheit, „zum Einzelwesen [zu] werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst [zu] werden“ (C.G. Jung, 1933) verstand ich als das, was mich zum Menschen machte. Auch das Ziel eines glücklichen Lebens war mir, im Sinne Frankls, stets fremd. „Glück muss er-folgen und kann nicht er-zielt werden“ (Frankl, 1997). Der Versuch der Verwirklichung schöpferischer Werte, das Sammeln von Erlebniswerten und das bewusste Erleben von Einstellungswerten im Sinne Frankls waren für mich der Inhalt meines Lebens. Krankheit, Krisen und das Leid, das mich dabei erfüllte, empfand ich durch meine erlebte Freiheit als Chance, tiefer in den Sinnzusammenhang hineinzuwachsen, den ich empfand. In Heideggers Sinne begleitete mich eine überwältigende Angst vor dem Leben und der Welt, die daraus erwuchs, dass ich mir meines Seins bewusst wurde – meiner Sterblichkeit, Einsamkeit, Freiheit und damit meiner Verantwortung für mein Handeln und Leben.

Später wurde ich im Rahmen der Begegnung mit Menschen auf allen Kontinenten der Erde damit konfrontiert, dass mein Erleben von Sinn weder universell noch besonders gängig in unserer westlichen Gesellschaft ist. Während in Schwellenländern bzw. Ländern der sogenannten 3. Welt viele Menschen die Welt in einem Sinnzusammenhang erlebten, der meiner eigenen Vorstellung nicht unähnlich war, begegneten mir in westlichen Gesellschaften zunehmend Personen, die weder Sinn empfanden, noch auf der Suche danach waren. Die meisten hätte ich wohl nicht als glücklich oder erfüllt bezeichnet, aber zufrieden schienen sie doch. Schnell (2010a) bezeichnet dieses Phänomen als existentielle Indifferenz und beschreibt es als „characterized by a state of low meaningfulness that is not associated with a crisis of meaning“ (S. 1). Das Leben dieser Personen schien mir oft erfüllt von Furcht, die besonders einen potentiellen gesellschaftlichen Abstieg und damit den Verlust von Einfluss, Prestige und Besitz betraf. Im Sinne Heideggers steht diese Furcht des Daseins im „Man“ der Eigentlichkeit der Angst im Sein gegenüber. Aus ersterem Zustand könnte sich der Mensch befreien, in dem er die Welt ent-deckte und damit sein Dasein erschlösse (Heidegger, 1963). Es hat den Anschein, dass es in Teilen der Erde, die von einem kapitalistischen Gesellschaftssystem dominiert werden, wesentlich mehr Menschen gibt, die ihr Dasein im „Man“ in Heideggers Sinn fristen, als dies in Ländern der Fall ist, die durch den Globalisierungsprozess erst später mit den Werten dieses Systems in Berührung kamen (Schnell, 2016). Mit dem Wohlstandsindex scheint die existentielle Indifferenz zuzunehmen. Frankl beschreibt dieses Phänomen als existentielles Vakuum „mitten in einer „affluent society“, die kein einziges unter den von Maslow so benannten Grundbedürfnissen unbefriedigt gelassen hätte“ (Frankl, 1985, S. 32). In Anbetracht der Tatsache, dass sich im Rahmen der Globalisierung immer mehr Völker den Wertevorstellungen einer Wachstumsgesellschaft anpassen (müssen), ist der Zusammenhang derselben mit existentieller Indifferenz in meinen Augen ein beunruhigender, den es weiter zu erforschen gilt. Zu einer Zeit, in der die Idee des degrowth an Bedeutung gewinnt und die verheerenden Folgen westlich-kapitalistischen Denkens und Handelns auf das Wirtschafts- und Ökosystem offenbar werden, könnte es ebenso entscheidend sein, die Folgen auf die menschliche Psyche und Weltanschauung zu untersuchen. Eine Weltbevölkerung, die von existentieller Indifferenz und damit von mangelnder persönlicher Verantwortungsübernahme, geringer Selbstwirksamkeitserwartung und internaler Kontrollüberzeugung (Schnell, 2016) gekennzeichnet ist, ist in meinen Augen nicht der Boden, auf dem eine neue, verantwortungsbewusste Gesellschaft wachsen kann, die ein Bewusstsein für ihre Aufgaben an Natur und Menschheit entwickelt. Da existentiell indifferente Personen nicht übermäßig unter ihrem Zustand leiden, ist es unwahrscheinlich, einen Großteil dieser Bevölkerungsgruppe auf dem Wege der psychotherapeutischen Behandlung beeinflussen zu können. Meiner Meinung nach kann und sollte diesem Wandel der Welt- und Selbstanschauung vor allem auf Systemebene begegnet werden. Solange es aber im Sinne desselben ist, die Menschen davon abzuhalten, ein Bewusstsein über ihr (Konsum-)Verhalten, ihr Verbundensein und damit ihre Verantwortung gegenüber sich selbst und dem Rest der Welt zu entwickeln, wird das Phänomen der existentiellen Indifferenz wohl weiter zunehmen.

Quellen:

Frankl. V.E. (1985). Das Leiden am sinnlosen Leben: Psychotherapie für heute (9. Auflage). Freiburg: Freiburger Graphische Betriebe.

Frankl, V. E. (1997). Der Wille zum Sinn: Ausgewählte Vorträge über Logotherapie (4. Auflage). München: Pieper.

Heidegger, M. (1963). Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer.

Jung, C.G. (1995). Gesammelte Werke (Band 10). Düsseldorf: Walter Verlag.

Schnell, T. (2010). Existential indifference: Another quality of meaning in life. Journal of Humanistic Psychology, 50(3), 351-373.

Schnell, T. (2016). Psychologie des Lebenssinns. Berlin: Springer

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