Anja Lacny: „Religiöse Werte und Rituale durch demokratische bzw. humanistische ersetzen“

Die Beschäftigung mit psychischen Störungen und deren Behandlung sowie ganz allgemein mit Bedingungen eines gelungenen Lebens schließt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Menschenbild ein. Dazu gehört auch die Frage, ob es etwas gibt, das über das Individuum hinausgeht, seien es Erlebnisse der Transzendenz, der feste Glaube an eine höhere Macht bis zu gelebter Religiosität im Rahmen der Kirchen. Schließlich wird man nicht nur Menschen begegnen, die aus dem Glauben Kraft ziehen, man wird in der Psychotherapie auch hin und wieder herausgefordert werden, den KlientInnen etwas anzubieten, das Halt gibt – eine Antwort zu geben auf die Frage, wofür es sich lohnt zu leben und das psychische Leid auszuhalten. Aufgrund der aktuellen politischen Lage stellt sich auch außerhalb der (klinischen) Psychologie die Frage, wie Religion und humanistische Werte sich zueinander verhalten bzw. wie man sie gelingend vereinbaren kann und muss, um eine Gesellschaft stabil zu erhalten und psychische Gesundheit und sozialen Zusammenhalt zu fördern.

In industrialisierten Gesellschaften werden beim Umgang mit psychischen Problemen Psychotherapie und die Heilung durch spirituelle Methoden oder Institutionen (z.B. Seelsorge, Beichte) weitgehend voneinander getrennt. „Spirituelle FührerInnen“; ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen sind voneinander abgegrenzte Berufsbilder. Dies ist historisch betrachtet relativ neu. Trotzdem spielen Spiritualität und Glaube auch in der modernen Psychotherapie eine Rolle und diese als Ressourcen in der modernen Psychotherapie zu nutzen ist nicht erst seit der Entdeckung der Achtsamkeit durch u. A. VerhaltenstherapeutInnen aktuell. Jung sah religiöse Erfahrungen als „Quelle von Leben, Sinn und Schönheit“ (1991, S. 110), räumte allerdings ein, dass diese „der Gefahr des grenzenlosen Irrtums ausgesetzt“ (ebenda, S. 111) seien. Jedoch bezog er sich ausdrücklich auf die individuelle Erfahrung, die als Ideal oder Wert dem Leben Richtung verleihen kann, nicht auf die starre Auslegung religiöser Institutionen (ebenda). Als Begründer der sinn- und werteorientierten Logotherapie befand Frankl (2007, S.52): „Der Mensch ist in seinem Unbewussten viel religiöser als er in seinem Bewusstsein ahnt.“ Er hielt es für wichtig, als TherapeutIn dafür offen zu sein (ebenda). Vielleicht würde es glücklicher machen, an eine höhere Macht zu glauben. Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen können unter Sinnverlust, der auch durch die Krankheit und deren Stigmatisierung bedingt sein kann, leiden (Ehrlich-Ben Or et al., 2013).

Nun könnte man daraus folgern, dass man als PsychotherapeutIn gut daran täte, Spiritualität zu fördern oder gar den KlientInnen dazu raten, wieder in die Kirche zu gehen. Jedoch angesichts der schädlichen Auswirkungen institutioneller Religion wie Diskriminierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen (Frauen, Homosexuelle, Angehörige anderer Religionen, die in der jeweiligen Gesellschaft eine Minderheit darstellen) und Verbreitung anti-wissenschaftlicher und teilweise menschenfeindlicher Tatsachen – Beispiele sind die Lehre der Schöpfungsgeschichte statt der Evolutionstheorie, Behandlung von psychischen Störungen mit Exorzismus statt Psychotherapie oder Anbieten von Therapie gegen Homosexualität, Missbilligung von Abtreibung (vgl. z.B. Dawkins, 2006) – ist aus meiner Sicht eine fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft zu begrüßen. Dies bestätigt sich auch durch die hohe Lebenszufriedenheit und geringe Kriminalität in zumindest weitgehend säkularen Gesellschaften, wie es z.B. die skandinavischen Länder sind (OECD Better Life Index, 2017). Konkrete psychologische Beispiele für diese Sichtweise sind ebenfalls in der Vergangenheit und Gegenwart zu finden. Ersteres bei Freud, der religiöse Handlungen als Zwangshandlungen sah (1907, zit. n. Schlieter, 2010, S. 124), zweiteres am Beispiel der u.a. in Polen aktuellen Praxis des Exorzismus bei Menschen mit psychischen Auffälligkeiten, denen aus Angst vor Stigmatisierung bei gleichzeitiger Kirchentreue der Bevölkerung so keine adäquate Behandlung zugänglich ist (Wojcik, 2016).

In Anbetracht der weltweiten Verbreitung von Religion ist es jedoch unrealistisch anzunehmen, dass es in nächster Zeit eine komplett säkulare Welt geben wird. Religion und Kultur sind stark ineinander verwachsen und die vorhandenen Strukturen der kirchlichen Rituale wie Feiertage, Sakramente wie Taufe und Ehe sowie caritative Einrichtungen und Hilfsorganisationen der Kirchen werden nicht von heute auf morgen verschwinden, auch wenn sie immer mehr sowohl durch staatliche Institutionen und Gesetze als auch durch kommerziell geprägte Rituale ersetzt werden.

Um ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben zu ermöglichen, sehe ich es aber als Voraussetzung, dass religiöse Werte und Rituale durch demokratische bzw. humanistische ersetzt werden. Ein Leben ohne jegliche transzendentale Vorstellungen und Handlungen scheint überdies auch nicht möglich. Auch Menschen, die mit einer atheistischen Erziehung aufwachsen, leben mit nicht beweisbaren Überzeugungen und Werten und verzichten auch nicht auf alles rational nicht Belegbare.

Karl Ove Knausgård (2015, S. 18) beschreibt in seinem autobiographischen Roman „Sterben“ den Unterschied zwischen seinem eigenen Sinnerleben als Achtjähriger und dem im Vergleich weniger greifbaren seines Vaters: „Während meine Tage bis zum Rand mit Sinn gefüllt waren […], war der Sinn seiner Tage nicht in einzelnen Begebenheiten gebündelt, sondern über so große Flächen verstreut, dass es kaum möglich ist, ihn mit etwas anderem als abstrakten Begriffen greifbar werden zu lassen.“. Was kann dem Menschen, der sich nicht als religiös oder spirituell erlebt, nun Halt geben, in einer scheinbar immer mehr sinnentleerten und konsumorientierten Welt? Dem Philosophen Botton (2012) zufolge sind bestimmte Aspekte der Religion auch für Atheisten nützlich. Botton glaubt, dass es bereits Ersatz für religiöse Erfahrungen der Transzendenz gibt, z.B. in kulturellen Erzeugnissen. Beim Anblick eines Gemäldes oder Lesen eines Romans beispielsweise könnten wir erfahren, dass unsere Emotionen universell sind und wir mit unseren Zweifeln und Ängsten nicht allein sind. An die Kunst könnten wir uns wenden um Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden. Eine ähnliche Sichtweise beschreibt Schmid-Salomon, der glaubt, dass in ästhetischen Darstellungsformen Lebenssinn erfahrbar werde, mit Utopien gespielt werden und Leidenschaften in Bahnen gelenkt werden könne (2014, S. 185-218). Die Wahrnehmung für diese Dinge würde ich auch in der Zukunft bei meinen KlientInnen fördern, so dass sie sich nicht mehr mit existentiellen Fragen allein gelassen fühlen, ohne auf übersinnliche Erklärungen zurückgreifen zu müssen.

Auch wenn sich über die genaue Form und Praxis von (humanistischen) Werten und Ritualen streiten lässt, sollte man deren Wichtigkeit für eine positive Entwicklung der Menschheitsgeschichte nicht aus den Augen verlieren. Hierzu möchte ich abschließend Cicero zitieren (zit. n. Schmid-Salomon, 2014, S. 73), der den Begriff der „humanitas“ verstand als eine Mischung aus Menschlichkeit und Gelehrsamkeit, wobei letztere das wahrhaft humane Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen erst möglich mache:

„Denn wenn wir zu allen Stunden sehen und hören, wie etwas Grässliches geschieht, so verlieren selbst wir, die wir von Natur aus ganz milde sind, durch diese ständigen Widerwärtigkeiten allen Sinn für Menschlichkeit [humanitas] aus unserem Herzen.“

Literaturverzeichnis

Dawkins, R. (2006). Der Gotteswahn. Berlin: Ullstein.

De Botton, A. (2012). TED-Talk: Atheism 2.0 [Video file]. Zugriff am 28.02.2017. Verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=2Oe6HUgrRlQ

Ehrlich-Ben Or, S., Hassan-Ohayon, I., Feingold, D., Vahab, K., Amiaz, R., Weiser, M., & Lysaker, P. H. (2013). Meaning in life, insight and self-stigma among people with severe mental illness. Comprehensive Psychiatry, 54 (2), 195–200.

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