Sinnkrisen und Suizidalität – eine Studie in Ecuador

Gerstner, R. (2012). Risikofaktoren und protektive Faktoren für Suizidalität bei ecuadorianischen Jugendlichen in Santo Domingo de los Tsáchilas. Universität Tübingen: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

 

Zusammenfassung

Für die vorliegende Studie wurden 330 Schüler der 13. Klasse aus vier verschiedenen Schulen Santo Domingo de los Tsáchilas hinsichtlich Suizidalität und deren Prädiktoren befragt. Es sollte untersucht werden, ob und in welchem Grad Suizidalität bei dieser Stichprobe vorhanden ist und welche Faktoren diese beeinflussen. Es zeigte sich, dass passive Suizidgedanken, das heißt, der Wunsch tot zu sein, bei mehr als der Hälfte der Jugendlichen in den letzten 12 Monaten vorhanden waren. Aktive Suizidgedanken (Gedanken, sich das Leben zu nehmen) und Suizidpläne lagen bei ca. einem Viertel der Teilnehmer(innen) in dem genannten Zeitraum vor. Fast 17% der Stichprobe hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon versucht das Leben zu nehmen, wobei das Verhältnis Männer – Frauen bei 7:1 lag. Durch die Ausprägung von Depressionen, Sinnkrisen und psychosozialen Belastungen konnte sowohl bei Männern als auch bei Frauen ein Großteil der Varianz für Suizidalität vorhersagt werden. Schutzfaktoren waren dagegen nur bei Männern wirksam, Familienfunktionalität und Sinnerfüllung wirkten bei diesen als Schutz gegen Suizidgedanken, -pläne und -versuche.

Zusätzlich wurde aufgrund theoretischer Annahmen und experimenteller Untersuchungen verschiedener Forscher postuliert, dass interfamiliäre-, interpersonelle Belastungen und traumatische Erfahrungen durch vermittelnde Prozesse (Mediatoren) wie Depressionen und Sinnkrise zu Suizidalität führen könnten. Des Weiteren wurde angenommen, dass Sinnerfüllung als Schutzfaktor gegen suizidale Gedanken und Verhaltensweisen wirkt. Diese Annahmen ließen sich teilweise verifizieren. Erlebnisse wie häusliche Gewalt, die Erkrankung oder der Unfall eines Familienmitgliedes, der Tod einer Nahestehenden Person, Konflikte mit dem besten Freund und der Betrug des Partners wurden nur dann als Prädiktoren für Suizidalität bestätigt, wenn die Jugendlichen auch depressiv waren und keinen Sinn mehr in ihrem Leben sahen. Die traumatische Erfahrung des sexuellen Missbrauches wirkte, bei Berücksichtigung von Mediatoren wie Depression, Sinnkrise und Sinnerfüllung, in geringerem Grad auf Suizidalität, was für eine partielle Mediation spricht.

Dies bedeutet für die Suizidprävention bei ecuadorianischen Jugendlichen, dass der Fokus auf Strategien zur Bewältigung von Depressivität und Sinnkrise, gelegt werden sollte. Durch Verbesserung dieser beiden emotionalen und geistigen Zustände kann demnach ein wichtiger Beitrag zur Suizidprävention geleistet werden. Jugendliche, die sich in schwierigen Situationen befinden, wie z.B. dem Miterleben von Gewalt zuhause, können möglicherweise vor Suizidgedanken, -plänen und versuchen geschützt werden, indem ihnen geholfen wird, Mechanismen zur Bewältigung von Depressionen zu entwickeln und ihrem Leben einen Sinn zu geben, bzw. ihm einen Sinn zu entringen.

Die Hypothesen, welchen diese Studie zugrundeliegt, bauen auf theoretischen Annahmen auf, die teilweise mit Längsschnittstudien belegt sind. Da die vorliegende Studie jedoch an einem einzigen Erhebungsdatum durchgeführt wurde, kann nicht belegt werden, welche Variable die andere tatsächlich beeinflusst hat. Weitere empirische Untersuchungen, insbesondere Längsschnittstudien, sind notwendig um die Ergebnisse zu bestätigen und kausale Schlüsse ziehen zu können.

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