Bindung, Selbstkonzept und Lebenssinn

Hörmann, C. (2016). Bindung, Selbstkonzept und Lebenssinn. Über den Zusammenhang zwischen Selbstwahrnehmung, Beziehungsverhalten und persönlichem Sinnerleben. Vergleich existentiell Indifferenter mit anderen Sinnerlebnisqualitäten. Unveröffentlichte Masterarbeit, Universität Innsbruck.

Mehr als 35 % der Deutschen geben keinen oder nur gering-ausgeprägten Lebenssinn an – ohne offensichtlich unter diesem Mangel zu leiden (Schnell, 2010). Was verbirgt sich hinter dieser offenbar gleichgültigen Haltung gegenüber Lebensbedeutung und Lebenssinn – genannt Existentielle Indifferenz? In dieser Arbeit wurden die Bedeutung von Bindungsfähigkeit für ein positives Selbstkonzept und Sinnerleben erörtert, verschiedene Sinntypen miteinander verglichen und Zusammenhänge zwischen Bindungsqualität, Authentizität und Sinn aufgezeigt.

Durch die separate Erfassung von Sinnerfüllung und Sinnkrise anhand zweier Skalen ermöglicht es der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (Schnell & Becker,
2007) den Zustand existentieller Indifferenz auch empirisch zu identifizieren (Schnell, 2010). Ein Ziel dieser Arbeit ist die genauere Einordnung dieser Sinnerlebnisqualität, welche weder mit Sinnerfüllung noch mit dem Erleben einer Sinnkrise einhergeht. Dafür wurden 161 Probanden einer mehrheitlich studentischen Stichprobe zunächst einem von drei Sinntypen (Sinnerfüllte, existentiell Indifferente, Personen in einer Sinnkrise) zugeordnet und anhand motivationaler Aspekte, Bindungsqualität und Selbstwahrnehmung verglichen. Dabei zeigte sich, dass existentiell Indifferente im Vergleich zu Sinnerfüllten häufiger unzufrieden mit ihrem Leben sind, ihren Handlungen geringere Erfolgschancen beimessen, häufiger zu vermeidendem Beziehungsverhalten neigen und insgesamt weniger authentisch leben.
Da bislang nur wenige und teils widersprüchliche empirische Untersuchungen über Zusammenhänge zwischen Bindungsqualität, Authentizität und Sinnerleben vorliegen, wurde der erhobene Datensatz in einem weiteren Schritt hierauf überprüft. Obwohl für beide Ausprägungen von Bindungsunsicherheit (Angst und Vermeidung) ein negativer Zusammenhang mit Sinnerfüllung erwartet wurde, ist in der untersuchten Stichprobe nur Bindungsvermeidung mit geringerer Sinnerfüllung assoziiert. Das Auftreten einer Sinnkrise wird jedoch sowohl durch ängstliche als auch vermeidende Beziehungstendenzen begünstigt.

Wie die Mediationsanalyse ergab, ist der Zusammenhang zwischen Bindungsunsicherheit und krisenhaftem Sinnerleben durch das Ausmaß erlebter Selbstentfremdung vermittelt. Personen mit vermeidender Beziehungseinstellung schätzen die Lebensbedeutung Freiheit
als besonders wichtig ein. Hohe Werte für Bindungsvermeidung bedeuten für die vorliegende Untersuchung aber auch ein auffallend geringes Engagement für Lebensbedeutungen, welche auf die Bewahrung und Förderung des eigenen sowie fremden Wohlbefindens abzielen. Für Bindungsangst wurde ein Zusammenhang mit ausgeprägtem Interesse an Spiritualität und Selbsterkenntnis festgestellt.

Hier geht es zur vollständigen Arbeit

Bitte zitieren als: Hörmann, C. (2016). Bindung, Selbstkonzept und Lebenssinn. Über den Zusammenhang zwischen Selbstwahrnehmung, Beziehungsverhalten und persönlichem Sinnerleben. Vergleich existentiell Indifferenter mit anderen Sinnerlebnisqualitäten. Unveröffentlichte Masterarbeit, Universität Innsbruck.

Gehirn & Geist: Über Sinn

Im Juli 2017 ist eine Ausgabe von Gehirn & Geist der „Sinnformel“ gewidmet. Unter anderem berichten Patricia Thivissen und Joachim Retzbach über die empirische Sinnforschung: Sinn als „Balsam für Körper und Geist“ und „Sinn schlägt Glück

Bildergebnis für gehirn und geist sinnformel

Selbsttranszendenz: Die vergessene sechste Stufe von Maslows Bedürfnispyramide

Venter, H.J. (2016). Self-Transcendence: Maslow’s Answer to Cultural Closeness. Journal of Innovation Management, 4, 3-7.

 

Abraham Maslow gilt als einer der einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts und als einer der Begründer der Humanistischen Psychotherapie. Sein bekanntestes Werk ist die Bedürfnispyramide, die meist als fünfstufiges, hierarchisches System dargestellt wird, um die grundlegenden menschlichen Motive und Bedürfnisse zu beschreiben. Aufeinander aufbauend lauten die von Maslow postulierten Bedürfnisse:

  1. Grund- und Existenzbedürfnisse (z.Bsp.: Wärme, Nahrung, Schlaf…)
  2. Sicherheitsbedürfnisse
  3. Sozialbedürfnisse
  4. Anerkennung und Wertschätzung
  5. Selbstverwirklichung

Hierzu lautet Maslow’s Theorie, dass die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sein müssen, um das Überleben zu sichern, während die höheren Bedürfnisse dem persönlichen Wachstum und der Potentialentfaltung dienen.

In den Darstellungen seines Werks wird jedoch meist übergangen, dass Maslow zu späterem Zeitpunkt seine Bedürfnispyramide um eine sechste Dimension erweitert hat, wie Venter (2016) ausführt. Speziell in Erweiterung des Selbstverwirklichungsbegriffs wählte Maslow den Begriff Selbsttranszendenz, um das menschliche Potential zu beschreiben, über die Grenzen der eigenen Geschichte, Kultur und Umgebung hinaus ein gemeinsames Bewusstsein mit anderen Menschen zu teilen. Während Selbstverwirklichung als sehr persönliches und individualistisches Bedürfnis nach Entwicklung und Entfaltung interpretiert werden kann, spricht Maslow mit Selbsttranszendenz explizit das menschliche Bedürfnis nach einem Sinn jenseits der individuellen Entwicklung an.

Eine gesunde und voll entfaltete Person habe demnach die Grenzen dichotomen und kulturell geprägten Denkens überwunden. Das bedeutet, dass die Einteilung der Welt in Kategorien wie „Du und Ich“, „Gut und Böse“ oder „Richtig und Falsch“ überwunden wird und somit die klaren Grenzen des Selbst transzendent werden, da sich die Person vielmehr als verbunden mit der ungeteilten Welt fühlt. Dies bedeutet jedoch nicht eine Verleugnung der prägenden Kultur sondern vielmehr eine Bewusstwerdung und ein Loslösen von kulturellen und biografischen Prägungen und Schubladendenkens. Dies ermögliche einer selbsttranszendenten Person kategorisierendes, urteilendes und stereotypisierendes Verhalten abzulegen. Sie versteht ihr Streben im Sinne des größeren Ganzen, anstatt die persönliche Bedürfniserfüllung in den Vordergrund zu stellen. Dies führe laut Maslow auch zu einem besonders starken Gefühl von Sinnerfüllung im Leben. Menschen, die Maslow als selbsttranszendiert beschrieben hätte, zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre persönlichen Bedürfnisse hintanstellen und stattdessen ein hohes Engagement für andere zeigen und einen höheren Sinn oder ein höheres Ziel jenseits des persönlichen Selbst anstreben.

Die Erweiterung des Konzepts weist auf ein fundamentales, menschliches Bedürfnis – oder Potential – hin. Durch die Überwindung kultureller Grenzen und Identifizierung mit dem All-Einen hat jeder Mensch die Möglichkeit, sich von den allgegenwärtigen Urteilen und Bewertungen zu lösen und somit einen Schritt in eine friedlichere Welt zu machen. Durch die Einführung dieser sechsten Stufe bietet Maslow eine theoretische Möglichkeit an, menschliches Denken und Handeln jenseits individueller Bedürfniserfüllung und Nutzenmaximierung zu verstehen. Im Gegensatz zu Selbstverwirklichung geht es hierbei auch nicht mehr primär um die persönliche Entwicklung eines Menschen, sondern um die Identifizierung mit der gemeinschaftlichen, ganzheitlichen Entwicklung der Welt.

Dieses Verständnis der Welt wird in Zeiten der Globalisierung und weltweiten Vernetzung immer besser nachvollziehbar. Bei der Bewältigung globaler Herausforderungen wie Armut, Krieg oder Klimawandel braucht es laut Venter (2016) besonders dringend selbsttranszendente Menschen, die nicht nur die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse verfolgen, sondern vielmehr auch im Sinne der Bedürfnisse anderer und der Entwicklung der Welt als Ganzes handeln.

 

Text von Herbert-Konstantin Dittrich

Wer hat es leichter, Sinn in der Arbeit zu sehen?

Julia Kössler und Malina Scheuer haben 66 berufstätige Personen zu ihrem Sinnerleben an der Arbeit befragt. Ist dieses höher in sozialen Berufen? Die Daten weisen nicht darauf hin. Obwohl nicht signifikant, zeigt sich aber ein tendenzieller Unterschied beim Bildungsstand. Außerdem haben die Studienteilnehmenden sehr einsichtsvolle Kommentare über ihre persönliche Sichtweise hinterlassen!

Lesen Sie hier.

 

 

Wahlmöglichkeiten und das goldene Mittelmaß: Was wir aus dem Lebensrückblick betagter Menschen lernen können

Nygren, B., Norberg, A. & Lundman, B. (2007). Inner Strength as Disclosed in Narratives of the Oldest Old. Qualitative Health Research, 17(8), 1060-1073.

 

Menschliches Altern

Alt zu werden bedeutet sowohl Gewinn als auch Verlust. Verlust, da körperliche Kräfte abnehmen, vermehrt Krankheiten auftreten und Entwicklung allmählich durch Verminderung und Schwäche gekennzeichnet ist. Gewinn hingegen steht für Gesundheit, Stärke, Wachstum und Reife.

Untersuchungsziel

Das Ziel von Nygren et al. war es die Bedeutung innerer Stärke bei Menschen im Alter ab 85 Jahren zu untersuchen. Die Forscher und Forscherinnen dieser Studie richteten ihre Aufmerksamkeit folglich auf Gewinn, Gesundheit und Stärke als mögliche Aspekte normalen Alterns.

Bisheriges Wissen über das Konzept innerer Stärke

Dingley, Roux & Bush (2000) analysierten das Konzept innerer Stärke und entdeckten dabei sechs wesentliche Eigenschaften:

  • Wachstum und Wandel,
  • sich einem Lebensereignis oder einer Lebenserfahrung stellen,
  • Selbsterkenntnis vertiefen,
  • Eigene Bedürfnisse und Kraftquellen kennen um Bedürfnissen nachzukommen,
  • Verbundenheit und
  • eine konzentrierte und ausgewogene Wechselwirkung mit der eigenen Umgebung.

Darüber hinaus zeigten sie, dass innere Stärke mit einer gewissen

  • Leistungsfähigkeit,
  • Kontrolle und Selbstbestimmung,
  • Beherrschung,
  • einem positiven Selbstkonzept sowie
  • psychologischem Wohlbefinden zusammenhängt.

Was heißt es, ein betagter Mensch mit innerer Stärke zu sein?

Ergebnisse

Die Untersuchung zeigt, dass das Konzept innerer Stärke bei Menschen im hohen Alter durch folgende fünf Themenbereiche beschrieben werden kann, die jeweils ein Kontinuum zwischen zwei Polen aufmachen:

  • Sich kompetent fühlen und dennoch an andere glauben:
    Das heißt, eine Person kennt ihre eigenen Stärken. Zugleich ist es ihr möglich Hilfe von außen zu bekommen und anzunehmen; so erlebt sie auch Stärke durch andere.
  • Auf die hellen Seiten des Lebens schauen ohne sich vor den dunklen Seiten des Lebens zu verstecken:
    Ringen ist ein Teil des Lebens. Damit ist gemeint, dass man sich mit Nöten und Widrigkeiten auseinandersetzt ohne aufzugeben. Dennoch kann sich ein Mensch mit innerer Stärke freuen und positive Aspekte finden. Das Sterben wird als ein Teil des Lebens empfunden.
  • Sich entspannt fühlen und ebenso aktiv sein:
    Arbeit wird als ein weiterer Teil des Lebens betrachtet und zwar hier in dem Sinn, als dass Verantwortung sowohl für sich selbst als auch für andere übernommen wird. Menschen im hohen Alter ist es wichtig ihre Arbeit besonnen und ohne Hetze tun zu können. Gleichzeitig kann aktiv zu sein auch bedeuten energisch aufzutreten und für sich einzustehen. Ruhen und Kräfte sammeln ist die wichtige Kehrseite und gehört hier auch dazu; ebenso das Gefühl inneren Friedens, in dem man sich akzeptiert wie man ist, akzeptiert wie das eigene Leben war und wie es ist und stolz auf sein Leben blickt.
  • Die selbe Person bleiben, aber in ein „neues Gewand“ hineinwachsen:
    Alt zu werden bedeutete für die interviewten Frauen und Männer der beziehungsweise die Gleiche zu bleiben, sich selbst wiederzuerkennen, obwohl sie in ein „neues Gewand hinein wachsen“. Fast alle Befragten sagten, sie fühlen sich nicht alt, außer in einigen Situationen, wie zum Beispiel beim Gehen! Es gilt, sich mit jenen Aspekten des Alterns zu versöhnen, die nicht beseitig oder geändert werden können. Betagte Menschen mit innerer Stärke können Veränderung als Teil des Lebens annehmen und sich dennoch an neuere Umstände anpassen.
  • Verbunden mit der Gegenwart zu leben und dennoch Bezüge zur Vergangenheit und Zukunft herstellen:
    Hier geht es einerseits um vertraute, innige Beziehungen zu Mitmenschen wie um Situationen in der Gegenwart. Anderseits geht es auch um Erinnerungen an verstorbene Menschen und Erlebnisse in der Vergangenheit. Sich Menschen, Tieren und der Natur nahe zu fühlen wirkt stärkend, so auch die Möglichkeit für sich alleine sein zu können; bedrohlich hingegen ist die Erfahrung einsam zu sein.
    Das Empfinden, zu verschieden Zeitdimensionen in einem Bezug zu stehen, meint hier sich als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen; so zum Beispiel in Bezug zur Natur, zu anderen Menschen oder in dem man Geerbtes weiter vererbt.

Die Wahl haben

Die Studienautorinnen weisen darauf hin, dass einige der Haltungen, wie sie in den fünf Themenbereichen deutlich werden, keine Gegensätze darstellen – dennoch sei eine gewisse Wahl möglich. Die Frage ist, was hat innere Stärke mit der guten Wahl zu tun?

Das Goldene Mittelmaß

Aristoteles vertritt die Ansicht, dass das goldene Mittelmaß, im Sinn eines Standpunktes, immer bedeutet das Gute zu wählen. Die Wahl des Guten sollte sowohl für einen selbst als auch für andere zum Tragen kommen. Er unterscheidet dabei zwischen der Wahl des Mittleren und des goldenen Mittelmaßes. Manchmal bedeutet das Gute zu wählen „auf´s Ganze zu gehen“ – dann zum Beispiel, wenn man zu dem Schluss kommt für das Gute einstehen zu müssen. Er nennt es praktische Weisheit (griechisch: phronesis), die wir benötigen um das Gute zu wählen. Weiter bedürfe es der Übung, denn einfach sei das Wählen des goldenen Mittelmaßes nicht.

Der je eigene Lebensrückblick der Studienteilnehmerinnen weist auf viele gut getroffene Entscheidungen hin. Innere Stärke zu haben – so die Autorinnen der Studie – bedeutet die praktische Weisheit zu haben das goldene Mittelmaß zu wählen.

Zusammengefasst von Katharina Nigsch

Ein Atheist, ein Theologe und ein spiritueller Mensch sprechen über ihr Verständnis von Lebenssinn

Präsentation von Leah Rossmanith, Charlotte Zitzelsberger & Judith Günter

Hier geht es zur Prezi-Präsentation

Anonym: „Einfach nur glücklich sein?“

Ich möchte meine persönliche Stellungnahme mit einer Aussage von Viktor Frankl beginnen. Er meint, dass das Hauptproblem vieler Menschen in der heutigen (also damaligen) Zeit eine existentielle Frustration – ein „existentielles Vakuum“ – sei, zu dem es häufig trotz Befriedigung aller sogenannten Maslowschen Grundbedürfnisse in unserer
Überflussgesellschaft komme (Frankl, 1985, S. 32). Diese Beobachtung aus dem Jahr 1985
scheint mir heute aktueller denn je. Die Bestsellerliste der Glücksratgeber ist lang, der
Anspruch so Vieler an sich selbst „einfach nur glücklich“ zu sein ist enorm. Frankl (1997) hält diese exzessive Suche nach dem Glück jedoch für problematisch, denn je mehr man dem Glück nachjage, desto mehr verjage man es. Der Mensch wolle doch eigentlich nicht nur einfach glücklich sein, sondern einen wahren Grund dazu haben glücklich zu sein. Doch wo finden sich die Gründe zum Glücklichsein?

Meiner Meinung nach kann die Quelle nur in uns selbst zu finden sein. Wir selbst sind es,
die die Welt durch unseren Wahrnehmungsapparat auf ganz individuelle Weise erleben. Daher sind es auch wir selbst, die dafür verantwortlich sind, mit dem Erlebten umzugehen. Der Ratschlag Frankls, sich auf seine eigene Existenz hin zu überprüfen und sich ehrlich zu fragen, ob man sein Leben nicht möglichst eigenverantwortlich und selbstgestaltet leben möchte, gefällt mir sehr gut. Natürlich ist die Suche danach, was einen selbst im Innersten zusammenhält, nicht leicht und kostet einiges an Anstrengung. Allerdings denke ich, dass es eine unabdingbare Voraussetzung für die Ergründung des Sinns ist, der über einem selbst steht und dessen Erfüllung als höheres Ziel im eigenen Leben dienen kann.

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen dennoch versuchen ihr Glück auf weniger
anstrengendere Weise zu erlangen. In unserer medialen und konsumorientierten Gesellschaft scheint es ein Leichtes zu sei, sich die tägliche Portion Erlebniswerte (die Frankl als möglichen Weg zur Sinnfindung anführt), einfach zu besorgen. Im Zeitalter der neuen Medien und sozialen Netzwerke kann man sogar im Minutentakt Neues erleben, Freunde finden und sich gegenseitig um die zauberhaften Sonnenuntergänge des letzten Urlaubs beneiden. Ich denke, dass die damit verbundene Selbstdarstellung der eigenen Person ein Ausdruck davon ist, dass sich der Mensch als wirkungsvoll, als sinnvoll erleben will. Dieser Wunsch bei anderen Menschen Eindruck zu hinterlassen und dabei angesehen und akzeptiert zu sein ist dabei wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Die Art und Weise wie dies heute im Netz zu erreichen versucht wird erscheint mir jedoch fraglich.

Harald Welzer, der Autor des medien-kritischen Buches „FuturZwei“ hat sich hierzu viele
Gedanken gemacht und meint, die Menschen nähmen sich selbst die Möglichkeit echte Erfahrungen als „Ich“ im „Hier und Jetzt“ zu machen. Durch die mediale Inszenierung gehe einerseits die Authentizität verloren und andererseits schiebe sich zwischen das Ereignis und die jeweilige Erfahrung stets ein externer Zweck (Welzer, 2016) (z.B. die beeindruckende Wirkung des Posts auf Facebook auf den Follower). Es geht also das authentische Erleben der eigenen Erfahrungen verloren, womit, entgegen aller Bemühungen, die Sinnstiftung verhindert wird und sich der Kreis des „existentiellen Vakuums“ wieder schließt. Da unsere Gefühle und Beziehungen nicht digital, sondern analog seien helfe das Netz bei echten Problemen nicht weiter (Welzer, 2016) und so ergibt sich für viele das Bedürfnis nach analoger Hilfe.

So versucht z.B. Irvin Yalom, als existentieller Psychotherapeut, seine Klienten an ihre
Analogheit zu erinnern, indem er ihnen Fragen zu ihrem Tod stellt und sie bittet, den Umstand, dass wir alle sterblich sind mit in ihre Entscheidungen, wie sie ihr Leben (selbstverantwortlich) leben wollen, einzubeziehen. Er verschafft ihnen durch seine annehmende Haltung die Erfahrung, dass jemand an ihrem analogen „Ich“ interessiert ist und es so akzeptiert und schätzt, wie es ist. Ich denke, dass die Erfahrung einer so authentischen Begegnung als sehr heilsam empfunden werden kann und dazu motiviert sich selbst wieder auf die Suche nach der eigenen Authentizität zu machen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nichts erfüllender ist als das Gefühl, etwas zu tun, was wirklich meinem Selbst entspricht. Etwas, was ich aus innerster Motivation heraus tue, ohne damit einen externen Zweck zu erfüllen oder es aus Abwehr oder Angst zu tun. Etwas, das von der Quelle kommt, die mich im Innersten zusammenhält. Die Bereitschaft, dieser Quelle immer wieder auf den Grund zu gehen wird immer größer, je öfter ich die Erfahrung mache, dass mich nur die Dinge, die ganz ehrlich meine sind, innerlich frei und damit glücklich machen. Ganz entscheidend ist dabei zu akzeptieren, dass es viele ach so erstrebenswerte Dinge, Fähigkeiten oder Fertigkeiten gibt, die eben nicht ehrlich meine sind. Die Verführung ist oft groß und so mancher Blick auf Instagram, wo eine Bekannte ihr beneidenswertes Leben in L.A. erfolgreich inszeniert, verursacht in mir ein Gefühl des Ungenügens. Doch die Bewusstmachung, dass jeder Mensch, so auch ich, seinen eigenen, individuellen Weg gehen muss und es dabei vor allem wichtig ist, dass wir ihn authentisch und selbstverantwortlich gestalten, befreit mich dann doch immer wieder vom Gefühl dem Glück (irgendwelcher anderer) hinterherjagen zu müssen.

Mit dieser Einstellung würde ich gerne andere Menschen als Psychotherapeutin dabei
begleiten sich auf den Weg zu ihrer eigenen Quelle zu begeben, es auszuhalten ehrlich mit sich selbst zu sein und sich immer wieder in Bezug zum großen Ganzen zu setzen. Denn ich glaube, dass die jeweiligen Erfahrungen, die einem im Moment des Durchlebens oft so übermannend und erdrückend erscheinen, erträglicher werden, wenn man sie lediglich als eine lehrreiche Etappe auf der Reise zwischen Leben und Sterben betrachten kann.

Literatur
Frankl, V. (1997). Der Wille zum Sinn : Ausgewählte Vorträge über Logotherapie (4.
Aufl.). München: Piper.
Frankl, Viktor E. (1985). Das Leiden am sinnlosen Leben : Psychotherapie für heute (9.
Aufl.). Herder Freiburg: Freiburger Graphische Betriebe.
Welzer, H. (2016). Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit. S. Fischer Verlag: Berlin.

Barbara Anvidalfarei: „Glaube an ein Schicksal ist bequem – aber einschränkend“

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt und begleitet uns Menschen seit dem Anbeginn unserer Existenz. Vor allem wenn das Leben uns mit harten Erfahrungen konfrontiert, geraten wir leicht in einem Teufelskreis aus Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit, und es fällt uns schwer, einen Sinn zu finden. Wie Rollo May (1958) in seinem Werk beschreibt, beschäftigen sich der Existentialismus sowie auch die Psychotherapie mit Menschen mitten in einer Krise. Meiner Ansicht nach ist es für unsere Sinnfindung wesentlich, dass wir uns genau in diesen Lebenskrisen trauen, uns mit unserer Existenz offen auseinanderzusetzen. Nur so kann aus der Krise ein Wachstum entstehen, ein Wachstum, der uns immer näher zu uns selbst und zu einem Sinn führt.

In dieser kurzen Arbeit, möchte ich mich aber vor allem der Bedeutung des Schicksals widmen. In seinem Essay “Der Existenzialismus ist ein Humanismus” beschreibt Sartre (1968) die Haltung der Existenzialisten gegenüber dem Schicksal. Er unterstreicht die ständige Möglichkeit des Menschen, seinen Zustand zu verändern, denn “es gibt immer eine Möglichkeit für den Feigling, nicht mehr feige zu sein, und für den Helden, aufzuhören, ein Held zu sein … da das Schicksal des Menschen in ihm selbst liegt.” Das mag ein innovativer Gedanke sein. In diesem Zusammenhang fällt mir meine Reise nach Indien ein, im Frühjahr 2014. Dort sammelte ich viele Eindrücke von Menschen, die Tag für Tag aufgrund von Armut und Krankheit um ihr Leben kämpfen müssen und wo der Tod allgegenwärtig ist. Trotzdem begegnete ich vielen glücklichen, ausgeglichenen, ja ich würde sagen realisierten Menschen.

Ich kam zum Schluss, dass unsere Sinnfindung unabhängig von äußeren Gegebenheiten stattfinden kann. Frankl (1978) zum Beispiel behauptet ebenfalls, dass der Mensch immer frei ist, die eigene innere Haltung zu ändern und somit “psychischen Widerstand” zu leisten, egal wie schlimm sein Zustand auch sein mag. Trotzdem beschreibt Frankl in seinem Werk das Schicksal als unabänderlich. Ich finde die Einstellung Frankls allgemein sehr positiv und kraftspendend, jedoch frage ich mich: ist das Schicksal wirklich eine so starke und starre Gegebenheit, die es hinzunehmen gilt?

Meiner Ansicht nach ist der Glaube an ein Schicksal oft sehr bequem, jedoch a priori sehr einschränkend. Durch den Glauben an das Schicksal zwingt sich der Mensch in eine passive, unterwürfige Haltung. Und genau diese Haltung kann oft der Grund sein, wieso eine Änderung hin zu einem positiven Wachstum nicht stattfinden kann. Im Sinne der Existentialisten und vor allem von Sartre, ist der Mensch hingegen sein eigener Schöpfer.

Sartre ist der Ansicht, dass der Mensch sich erst durch seine Handlungen erschafft. Dadurch, dass der Mensch frei ist, sich zu schaffen, trägt er jedoch automatisch die Verantwortung für seine Werke. Diese Verantwortung kann große Ängste auslösen. Ich sehe es im Sinne der Therapie, unter anderem genau diese Ängste und Zweifel anzuschauen und auszuarbeiten, damit aus Angst Sinn entstehen kann. Dieses Thema spiegelt sich in der existentiellen Psychotherapie Yaloms wieder. Er sagt, dass die Ängste  und Zweifel oft nicht am Anfang des Lebens, sondern meist dann ausarten, wenn es dem  Menschen bewusst wird, dass sein Leben sich dem Ende nähert. Yalom erläutert in seinem Werk “Existentielle Psychotherapie” (Yalom, 2010) die letzten Gegebenheiten der Existenz, die sogenannten “ultimate concerns”. Diese sind nach Yalom der Tod, die Freiheit, die existenzielle Isolation und die Sinnlosigkeit. Yalom sagt, dass diese Instanzen zu Konflikte im Inneren des Menschen führen können. Bei der Sinnlosigkeit liegt der Konflikt laut Yalom darin, dass sich der Mensch die eigene Welt erschaffen muss, um dann zu erfahren, dass er nach seinem Tod in einem gleichgültigen Universum landet. Trotzdem unterstreicht er immer wieder die Wichtigkeit, als Mensch den eigenen Lebensweg so gut es geht auszukosten, denn “je größer das ungelebte Leben, desto größer die Verzweiflung”. Das Schicksal kann uns jedoch mächtig davon abhalten, unser Leben positiv und wertschätzend zu leben. Wer sich dem Schicksal ausliefert, der kann meiner Ansicht nach auch nie wirklich einen eigenen Sinn für sein Leben finden, außer vielleicht durch irgendwelche religiöse Interpretationen.

Ich glaube, dass wir als Menschen viel mehr erschaffen, als wir denken. Unsere Gedanken können zum Beispiel unglaublich viel auslösen, denn auch sie sind Energien, die einem Ursache-Wirkungs-Prinzip unterliegen (z.B. siehe Studien von Dr. Joe Dispenza). In dem Sinne bin ich Schöpfer dessen, was ich erlebe und was ich bin. Dadurch kann ich mich immer wieder neu entscheiden, immer neu definieren. Auch den Sinn meines Lebens kann ich immer wieder neu festlegen. Es ist jedoch meine Entscheidung und mein Weg.  Niemand außer mir kann diesen Weg gehen. Es liegt ganz bei mir.

Für die Therapie finde ich diese Gedanken von fundamentaler Bedeutung. Ein Mensch, der der Ansicht ist, seinen Leidenszustand nicht selbst verändern zu können, der wird auch sehr wenig von einer Therapie profitieren. Der Existentialismus fordert uns auf, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen und im Hier und Jetzt unsere Entscheidungen zu treffen.

 

Literaturverzeichnis:

Frankl, Viktor E. (1978). …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (2. Aufl.). München: Kösel.

May, R., Angel, E., Ellenberger, H. F. (1958). Existence. A New Dimension in Psychiatry and Psychology. Seiten 3-36. Basic Books, Inc. New York 3, N.Y.

Sartre, Jean-Paul (1968). Drei Essays: Ist der Existenzialismus ein Humanismus? Materialismus und Revolution. Betrachtungen zur Judenfrage. Frankfurt am Main: Ullstein (S.145-192)

Yalom, Irvin D. (1980; übers.1989). Existentielle Psychotherapie (M. Gremmler-Fuhr &R. Fuhr, Übers.). New York: Basic Books Inc.

 

 

 

Christoph A. Kokkinos: „Ich ziehe das Leben vor, erkenne den Tod aber als unausweichlich an“

„Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ (Epikur, zitiert nach Nickel, 2005, S. 117)

Der Tod umgibt uns ständig. Täglich hört und liest man von Terrorattacken, Krieg, Mord, Unfällen, Totschlag, Selbstmord oder anderen dramatischen Ursachen für das Ableben fremder Menschen. Trotzdem reicht diese ständige, allenfalls oberflächliche Konfrontation mit dem Tod nicht dazu aus, mir die eigene unabwendbare Sterblichkeit dauerhaft in mein Bewusstsein zu rufen. Beim Vergewissern eigener biografischer Fragmente, bei Handlungsausübung in der Gegenwart und bei Planungen für die mittel- und langfristige Zukunft schwingen Gedanken an meine eigene Sterblichkeit zumeist garnicht erst mit. Wie Nietzsche (1882) schon sagte: „Es macht mich glücklich, zu sehen, dass die Menschen den Gedanken an den Tod durchaus nicht denken wollen! Ich möchte gern Etwas dazu tun, ihnen den Gedanken an das Leben noch hundertmal denkenswerter zu machen.“ Ich verdränge jene Gedanken an den Tod nicht. Sie haben bloß keinen außerordentlichen Stellenwert für mein Selbstwert- oder gar mein Persönlichkeitskonzept. Ich erachte die eigene Sterblichkeit demnach weder als fundamentale Triebkraft, noch empfinde ich ihre Unausweichlichkeit als lähmend. Darüber hinaus schreibe ich dem Tod keinerlei sinngebende Funktion zu. Sinn finde ich vielmehr im Leben selbst. Sinn finde ich in meinen Freuden, Beschäftigungen, Zerwürfnissen und Weggefährten. Sinn finde ich in der Absurdität unseres Daseins und meiner Neugierde dem Leben gegenüber.

Der Tod selbst stellt ausschließlich eine besänftigende Instanz dar, die einen eines Tages von den Sorgen des Lebens loslöst und im Zuge dessen Seelenruhe verschafft. Die Gewisstheit auf ein ungewisses Ende strahlt auf mich daher eine beruhigende Wärme aus. Ist die Möglichkeit auf die sinnerfüllende Kraft, welche ich dem Leben zuschreibe, allerdings durch den Tod eines Weggefährten oder durch geistige oder physische Einschränkungen plötzlich nicht mehr gegeben, so messe ich einem menschlichen Wesen anhand meiner Ansichten gleichwohl kein Recht auf Suizid bei. Anstatt in diesen Fällen den Tod als absoluten und letzten Sinn zu ergreifen, sollte man dazu angeraten sein, für sich neuen Sinn im Leben zu stiften. Ich finde also meinen Sinn im Leben und erkenne trotzdem den Tod an, obschon er im ewigen Zwist mit der Unterblichkeit und somit der fortlaufenden Sinngebung steht. Ich ziehe das Leben vor, erkenne den Tod aber als unausweichlich an.

Demnach schreibe ich mich, unter Berücksichtigung des Drei-Komponenten-Modells von Wong, Reker und Gesser (1994), dem Konzept der Neutralen Akzeptanz (neutral acceptance) zu. Ich fürchte den Tod nicht, akzeptiere jedoch die Endlichkeit des Lebens und versuche, die mir zur Verfügung gestellte Zeitspanne mit möglichst viel Sinn zu erfüllen. Aus meinen vorherigen Ausführungen geht allerdings auch eine leichte Tendenz zur Vermeidungsorientierten Akzeptanz (escape acceptance) hervor. Diese besagt, dass der Tod eine willkommene Alternative zum Leben darstellt, insofern Schmerz und Leid im Leben überhand nehmen. Diese Einstellung kann ich, wie bereits eläutert, unter Ausschluss des Suizides teilen.

Teilweise entgegen meiner Grundeinstellung gegenüber dem Tod würde ich trotzdem Yaloms (2010) Ansichten zum Tod in die psychologische Praxis einfließen lassen. Er erachtet ihn als existenziellen Kernkonflikt, welcher die Spannung zwischen dem Bewusstsein über die Unabwendbarkeit des Todes und dem Wunsch nach fortlaufender Existenz darstellt. Damit misst er ihm einen größeren Stellenwert bei, als ich es tun würde. Unterdessen erkennt er für sich die erdrückende Sinnlosigkeit, die unser Ableben stiftet. Wenn wir sterben, dann sind wir letztlich allein in einem gleichgültigen Universum. Gibt es keinen vorbestimmten Plan, kein Schicksal, so muss sich jeder seinen eigenen Sinn im Leben konstruieren. Das Dilemma, welches der Sinnlosigkeit zugrunde liegt, besteht also darin, dass wir sinnsuchende Menschen sind, die in ein sinnlosen Universum hineingeboren werden. Diese Darstellung Yaloms ziehe ich heran, um meine Tendenz zur Vermeidungsorientierten Akzeptanz zu erklären. Yaloms Ausführung muss berücksichtigt werden, um meinen scheinbaren Widerspruch mit Nietzsche und Epikur aufzulösen. Erzeuge ich für mich also temporären Sinn, ist er auch zugleich bloß eine von mir geschaffene Illusion und eben deshalb vom Gedanken an den Tod losgelöst, so bröckelt die Fassade dieser Illusion über die Lebensjahre hinweg – beispielsweise mit der Ansammlung von Schmerz, Leid und Verlusten. Also dient der Tod dazu, eine komplette Desillusionierung abzuwenden, welche sich im ewigen Leben zwingend finden würde. Für eine Patient-Therapeut Beziehung bedeutet dies, dass auch der Therapeut von jenem universellen Schmerz der Patienten nicht freigesprochen ist, obschon er in seiner Persönlichkeit gefestigter sein mag. Patient und Therapeut sollen demnach als Reise- und Leidensgefährten (Yalom, 2010) erachtet werden, da sich beide mit den gleichen existentiellen Ängsten konfrontiert sehen. Um sich einer Reihe interpersonaler und innerpsychischer Teilbereiche annähern zu können, bietet es sich an, die therapeutische Exploration einer existentiellen Angst heranzuziehen.

Eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod würde ich demnach also nicht grundsätzlich ausschließen. Schließlich, so fassen Martin et al. (2004) für Heidegger und Kierkegaard zusammen, ist die Anerkennung des Todes der triftigste Grund dafür, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Darüber generieren wir folglich die Einsicht und die Dringlichkeit, aktive Entscheidungen auf der Basis von leidenschaftlich gewählten, persönlichen Werten zu treffen. Darüber hinaus lehrt uns die Anerkennung des Todes zweckwidrige, internalisierte kulturelle Werte nicht unüberlegt zu übernehmen. Damit kommt sie der Funktion nach, nicht Triebkraft selbst zu sein, sondern auf die Triebkraft des Lebens aufmerksam zu machen.

 

Literaturverzeichnis

Epikur, & Nickel, R. (2005). Wege zum Glück. Düsseldorf: Artemis & Winckler.

Martin, L. L., Campbell, W. K., Henry, C. D. (2004). The Roar of Awakening: Mortality Acknowledgment as a Call to Authentic Living. In Greenberg, J. (Ed.), Koole, S. L. (Ed.), Pyszczynski, T. (Ed.), Handbook of Experimental Existential Psychology (pp. 431-448). New York, NY, US: Guilford Press.

Nietzsche, F., & Pütz, P. (1987). Die fröhliche Wissenschaft. München: Goldmann.

Wong, P. T., Reker, G. T., Gesser, G. (1994). Death Attitude Profile-Revised: A Multidimensional Measure of Attitudes Toward Death. In R. A. Neimeyer (Ed.), Death anxiety handbook: research, instrumentation, and application (S. 121-148). Washington, DC: Taylor & Francis.

Yalom, I. D. (2010). Einführung. In I. D. Yalom (Ed.), Existentielle Psychotherapie (S. 11-41). Bergisch Gladbach: EHP.

Yalom, I. D. (2010). Der Panama-Hut oder was einen guten Therapeuten ausmacht. München: Random House Verlag.

Nadja-Maria Petruschke: „Leid als Chance, tiefer in den Sinnzusammenhang hineinzuwachsen“

Es gab in meinem Leben keinen Moment, der nicht von Sinn erfüllt gewesen wäre. Sinn in einer übergeordneten, umfassenden Bedeutung gedacht: das Dasein an sich erlebte ich als Sinn. Die Suche nach dem Sinn habe ich folglich als Paradox empfunden und auf die Frage, wie man zu einem sinnerfüllten Leben finden sollte, konnte ich nicht antworten. Für mich war er das Leben selbst. Infolgedessen habe ich nicht hinterfragt, ob andere Menschen Sinn im Leben empfänden, da sich, in meinem Erleben, ein Leben ohne denselben selbst widerspräche. In Frankls Konzept der Selbsttranszendenz und C.G. Jungs Idee der Individuation konnte ich mich wiederfinden: das Dasein war für mich ein stetiges Wachsen über mich selbst hinaus bzw. ein Wachsen in mich selbst hinein, indem ich meine Potentiale bis zum Grunde ausschöpfen wollte. Diese Freiheit zur Individuation, der Freiheit, „zum Einzelwesen [zu] werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst [zu] werden“ (C.G. Jung, 1933) verstand ich als das, was mich zum Menschen machte. Auch das Ziel eines glücklichen Lebens war mir, im Sinne Frankls, stets fremd. „Glück muss er-folgen und kann nicht er-zielt werden“ (Frankl, 1997). Der Versuch der Verwirklichung schöpferischer Werte, das Sammeln von Erlebniswerten und das bewusste Erleben von Einstellungswerten im Sinne Frankls waren für mich der Inhalt meines Lebens. Krankheit, Krisen und das Leid, das mich dabei erfüllte, empfand ich durch meine erlebte Freiheit als Chance, tiefer in den Sinnzusammenhang hineinzuwachsen, den ich empfand. In Heideggers Sinne begleitete mich eine überwältigende Angst vor dem Leben und der Welt, die daraus erwuchs, dass ich mir meines Seins bewusst wurde – meiner Sterblichkeit, Einsamkeit, Freiheit und damit meiner Verantwortung für mein Handeln und Leben.

Später wurde ich im Rahmen der Begegnung mit Menschen auf allen Kontinenten der Erde damit konfrontiert, dass mein Erleben von Sinn weder universell noch besonders gängig in unserer westlichen Gesellschaft ist. Während in Schwellenländern bzw. Ländern der sogenannten 3. Welt viele Menschen die Welt in einem Sinnzusammenhang erlebten, der meiner eigenen Vorstellung nicht unähnlich war, begegneten mir in westlichen Gesellschaften zunehmend Personen, die weder Sinn empfanden, noch auf der Suche danach waren. Die meisten hätte ich wohl nicht als glücklich oder erfüllt bezeichnet, aber zufrieden schienen sie doch. Schnell (2010a) bezeichnet dieses Phänomen als existentielle Indifferenz und beschreibt es als „characterized by a state of low meaningfulness that is not associated with a crisis of meaning“ (S. 1). Das Leben dieser Personen schien mir oft erfüllt von Furcht, die besonders einen potentiellen gesellschaftlichen Abstieg und damit den Verlust von Einfluss, Prestige und Besitz betraf. Im Sinne Heideggers steht diese Furcht des Daseins im „Man“ der Eigentlichkeit der Angst im Sein gegenüber. Aus ersterem Zustand könnte sich der Mensch befreien, in dem er die Welt ent-deckte und damit sein Dasein erschlösse (Heidegger, 1963). Es hat den Anschein, dass es in Teilen der Erde, die von einem kapitalistischen Gesellschaftssystem dominiert werden, wesentlich mehr Menschen gibt, die ihr Dasein im „Man“ in Heideggers Sinn fristen, als dies in Ländern der Fall ist, die durch den Globalisierungsprozess erst später mit den Werten dieses Systems in Berührung kamen (Schnell, 2016). Mit dem Wohlstandsindex scheint die existentielle Indifferenz zuzunehmen. Frankl beschreibt dieses Phänomen als existentielles Vakuum „mitten in einer „affluent society“, die kein einziges unter den von Maslow so benannten Grundbedürfnissen unbefriedigt gelassen hätte“ (Frankl, 1985, S. 32). In Anbetracht der Tatsache, dass sich im Rahmen der Globalisierung immer mehr Völker den Wertevorstellungen einer Wachstumsgesellschaft anpassen (müssen), ist der Zusammenhang derselben mit existentieller Indifferenz in meinen Augen ein beunruhigender, den es weiter zu erforschen gilt. Zu einer Zeit, in der die Idee des degrowth an Bedeutung gewinnt und die verheerenden Folgen westlich-kapitalistischen Denkens und Handelns auf das Wirtschafts- und Ökosystem offenbar werden, könnte es ebenso entscheidend sein, die Folgen auf die menschliche Psyche und Weltanschauung zu untersuchen. Eine Weltbevölkerung, die von existentieller Indifferenz und damit von mangelnder persönlicher Verantwortungsübernahme, geringer Selbstwirksamkeitserwartung und internaler Kontrollüberzeugung (Schnell, 2016) gekennzeichnet ist, ist in meinen Augen nicht der Boden, auf dem eine neue, verantwortungsbewusste Gesellschaft wachsen kann, die ein Bewusstsein für ihre Aufgaben an Natur und Menschheit entwickelt. Da existentiell indifferente Personen nicht übermäßig unter ihrem Zustand leiden, ist es unwahrscheinlich, einen Großteil dieser Bevölkerungsgruppe auf dem Wege der psychotherapeutischen Behandlung beeinflussen zu können. Meiner Meinung nach kann und sollte diesem Wandel der Welt- und Selbstanschauung vor allem auf Systemebene begegnet werden. Solange es aber im Sinne desselben ist, die Menschen davon abzuhalten, ein Bewusstsein über ihr (Konsum-)Verhalten, ihr Verbundensein und damit ihre Verantwortung gegenüber sich selbst und dem Rest der Welt zu entwickeln, wird das Phänomen der existentiellen Indifferenz wohl weiter zunehmen.

Quellen:

Frankl. V.E. (1985). Das Leiden am sinnlosen Leben: Psychotherapie für heute (9. Auflage). Freiburg: Freiburger Graphische Betriebe.

Frankl, V. E. (1997). Der Wille zum Sinn: Ausgewählte Vorträge über Logotherapie (4. Auflage). München: Pieper.

Heidegger, M. (1963). Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer.

Jung, C.G. (1995). Gesammelte Werke (Band 10). Düsseldorf: Walter Verlag.

Schnell, T. (2010). Existential indifference: Another quality of meaning in life. Journal of Humanistic Psychology, 50(3), 351-373.

Schnell, T. (2016). Psychologie des Lebenssinns. Berlin: Springer

Anja Lacny: „Religiöse Werte und Rituale durch demokratische bzw. humanistische ersetzen“

Die Beschäftigung mit psychischen Störungen und deren Behandlung sowie ganz allgemein mit Bedingungen eines gelungenen Lebens schließt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Menschenbild ein. Dazu gehört auch die Frage, ob es etwas gibt, das über das Individuum hinausgeht, seien es Erlebnisse der Transzendenz, der feste Glaube an eine höhere Macht bis zu gelebter Religiosität im Rahmen der Kirchen. Schließlich wird man nicht nur Menschen begegnen, die aus dem Glauben Kraft ziehen, man wird in der Psychotherapie auch hin und wieder herausgefordert werden, den KlientInnen etwas anzubieten, das Halt gibt – eine Antwort zu geben auf die Frage, wofür es sich lohnt zu leben und das psychische Leid auszuhalten. Aufgrund der aktuellen politischen Lage stellt sich auch außerhalb der (klinischen) Psychologie die Frage, wie Religion und humanistische Werte sich zueinander verhalten bzw. wie man sie gelingend vereinbaren kann und muss, um eine Gesellschaft stabil zu erhalten und psychische Gesundheit und sozialen Zusammenhalt zu fördern.

In industrialisierten Gesellschaften werden beim Umgang mit psychischen Problemen Psychotherapie und die Heilung durch spirituelle Methoden oder Institutionen (z.B. Seelsorge, Beichte) weitgehend voneinander getrennt. „Spirituelle FührerInnen“; ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen sind voneinander abgegrenzte Berufsbilder. Dies ist historisch betrachtet relativ neu. Trotzdem spielen Spiritualität und Glaube auch in der modernen Psychotherapie eine Rolle und diese als Ressourcen in der modernen Psychotherapie zu nutzen ist nicht erst seit der Entdeckung der Achtsamkeit durch u. A. VerhaltenstherapeutInnen aktuell. Jung sah religiöse Erfahrungen als „Quelle von Leben, Sinn und Schönheit“ (1991, S. 110), räumte allerdings ein, dass diese „der Gefahr des grenzenlosen Irrtums ausgesetzt“ (ebenda, S. 111) seien. Jedoch bezog er sich ausdrücklich auf die individuelle Erfahrung, die als Ideal oder Wert dem Leben Richtung verleihen kann, nicht auf die starre Auslegung religiöser Institutionen (ebenda). Als Begründer der sinn- und werteorientierten Logotherapie befand Frankl (2007, S.52): „Der Mensch ist in seinem Unbewussten viel religiöser als er in seinem Bewusstsein ahnt.“ Er hielt es für wichtig, als TherapeutIn dafür offen zu sein (ebenda). Vielleicht würde es glücklicher machen, an eine höhere Macht zu glauben. Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen können unter Sinnverlust, der auch durch die Krankheit und deren Stigmatisierung bedingt sein kann, leiden (Ehrlich-Ben Or et al., 2013).

Nun könnte man daraus folgern, dass man als PsychotherapeutIn gut daran täte, Spiritualität zu fördern oder gar den KlientInnen dazu raten, wieder in die Kirche zu gehen. Jedoch angesichts der schädlichen Auswirkungen institutioneller Religion wie Diskriminierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen (Frauen, Homosexuelle, Angehörige anderer Religionen, die in der jeweiligen Gesellschaft eine Minderheit darstellen) und Verbreitung anti-wissenschaftlicher und teilweise menschenfeindlicher Tatsachen – Beispiele sind die Lehre der Schöpfungsgeschichte statt der Evolutionstheorie, Behandlung von psychischen Störungen mit Exorzismus statt Psychotherapie oder Anbieten von Therapie gegen Homosexualität, Missbilligung von Abtreibung (vgl. z.B. Dawkins, 2006) – ist aus meiner Sicht eine fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft zu begrüßen. Dies bestätigt sich auch durch die hohe Lebenszufriedenheit und geringe Kriminalität in zumindest weitgehend säkularen Gesellschaften, wie es z.B. die skandinavischen Länder sind (OECD Better Life Index, 2017). Konkrete psychologische Beispiele für diese Sichtweise sind ebenfalls in der Vergangenheit und Gegenwart zu finden. Ersteres bei Freud, der religiöse Handlungen als Zwangshandlungen sah (1907, zit. n. Schlieter, 2010, S. 124), zweiteres am Beispiel der u.a. in Polen aktuellen Praxis des Exorzismus bei Menschen mit psychischen Auffälligkeiten, denen aus Angst vor Stigmatisierung bei gleichzeitiger Kirchentreue der Bevölkerung so keine adäquate Behandlung zugänglich ist (Wojcik, 2016).

In Anbetracht der weltweiten Verbreitung von Religion ist es jedoch unrealistisch anzunehmen, dass es in nächster Zeit eine komplett säkulare Welt geben wird. Religion und Kultur sind stark ineinander verwachsen und die vorhandenen Strukturen der kirchlichen Rituale wie Feiertage, Sakramente wie Taufe und Ehe sowie caritative Einrichtungen und Hilfsorganisationen der Kirchen werden nicht von heute auf morgen verschwinden, auch wenn sie immer mehr sowohl durch staatliche Institutionen und Gesetze als auch durch kommerziell geprägte Rituale ersetzt werden.

Um ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben zu ermöglichen, sehe ich es aber als Voraussetzung, dass religiöse Werte und Rituale durch demokratische bzw. humanistische ersetzt werden. Ein Leben ohne jegliche transzendentale Vorstellungen und Handlungen scheint überdies auch nicht möglich. Auch Menschen, die mit einer atheistischen Erziehung aufwachsen, leben mit nicht beweisbaren Überzeugungen und Werten und verzichten auch nicht auf alles rational nicht Belegbare.

Karl Ove Knausgård (2015, S. 18) beschreibt in seinem autobiographischen Roman „Sterben“ den Unterschied zwischen seinem eigenen Sinnerleben als Achtjähriger und dem im Vergleich weniger greifbaren seines Vaters: „Während meine Tage bis zum Rand mit Sinn gefüllt waren […], war der Sinn seiner Tage nicht in einzelnen Begebenheiten gebündelt, sondern über so große Flächen verstreut, dass es kaum möglich ist, ihn mit etwas anderem als abstrakten Begriffen greifbar werden zu lassen.“. Was kann dem Menschen, der sich nicht als religiös oder spirituell erlebt, nun Halt geben, in einer scheinbar immer mehr sinnentleerten und konsumorientierten Welt? Dem Philosophen Botton (2012) zufolge sind bestimmte Aspekte der Religion auch für Atheisten nützlich. Botton glaubt, dass es bereits Ersatz für religiöse Erfahrungen der Transzendenz gibt, z.B. in kulturellen Erzeugnissen. Beim Anblick eines Gemäldes oder Lesen eines Romans beispielsweise könnten wir erfahren, dass unsere Emotionen universell sind und wir mit unseren Zweifeln und Ängsten nicht allein sind. An die Kunst könnten wir uns wenden um Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden. Eine ähnliche Sichtweise beschreibt Schmid-Salomon, der glaubt, dass in ästhetischen Darstellungsformen Lebenssinn erfahrbar werde, mit Utopien gespielt werden und Leidenschaften in Bahnen gelenkt werden könne (2014, S. 185-218). Die Wahrnehmung für diese Dinge würde ich auch in der Zukunft bei meinen KlientInnen fördern, so dass sie sich nicht mehr mit existentiellen Fragen allein gelassen fühlen, ohne auf übersinnliche Erklärungen zurückgreifen zu müssen.

Auch wenn sich über die genaue Form und Praxis von (humanistischen) Werten und Ritualen streiten lässt, sollte man deren Wichtigkeit für eine positive Entwicklung der Menschheitsgeschichte nicht aus den Augen verlieren. Hierzu möchte ich abschließend Cicero zitieren (zit. n. Schmid-Salomon, 2014, S. 73), der den Begriff der „humanitas“ verstand als eine Mischung aus Menschlichkeit und Gelehrsamkeit, wobei letztere das wahrhaft humane Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen erst möglich mache:

„Denn wenn wir zu allen Stunden sehen und hören, wie etwas Grässliches geschieht, so verlieren selbst wir, die wir von Natur aus ganz milde sind, durch diese ständigen Widerwärtigkeiten allen Sinn für Menschlichkeit [humanitas] aus unserem Herzen.“

Literaturverzeichnis

Dawkins, R. (2006). Der Gotteswahn. Berlin: Ullstein.

De Botton, A. (2012). TED-Talk: Atheism 2.0 [Video file]. Zugriff am 28.02.2017. Verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=2Oe6HUgrRlQ

Ehrlich-Ben Or, S., Hassan-Ohayon, I., Feingold, D., Vahab, K., Amiaz, R., Weiser, M., & Lysaker, P. H. (2013). Meaning in life, insight and self-stigma among people with severe mental illness. Comprehensive Psychiatry, 54 (2), 195–200.

Stefan Kary: „Größtmögliche Freiheit durch die Annahme des Absurden“

Das Thema Glaube und Religion hat mich persönlich in meinem Leben sehr oft beschäftigt. Dies liegt vermutlich zu großen Teilen daran, dass ich in einer relativ streng katholischen Familie aufgewachsen bin. Ich glaube, bis zu einem gewissen Punkt nimmt man den vorgelebten Glauben der direkten Bezugspersonen einfach an. Erst wenn man beginnt als Jugendlicher die Eltern und die Welt um einen herum zu hinterfragen kann man sich überhaupt erst wirklich mit einem solch abstrakten Konstrukt wie „Glaube“ auseinandersetzen.

Dawkins schlägt eine Skala vor, auf der er die Einstellungen einzelner Menschen zum Glaube an einen Gott kategorisiert. Diese Skala geht von einer starken theistischen Einstellung bis zu einer starken atheistischen Einstellung. Persönlich würde ich mich zu der Gruppe der de facto Atheisten zählen. Aus rein rationaler und wissenschaftlicher Sicht kann man diese meiner Meinung nach auch am ehesten verteidigen und begründen. Es gibt es keinen handfesten Beweis oder auch nur einen Hinweis, dass es eine höhere Macht in unserem Universum gibt. Im Grunde weist der Werdegang der Wissenschaft eher in die entgegengesetzte Richtung. Religion hatte von den Anfängen der Menschheit bis zur Renaissance für die meisten Menschen einen greifbaren und wichtigen Sinn: Das Erklären und Verstehen ansonsten unvorstellbarer Vorgänge in der Natur. Ein Bauer im Mittelalter, der sich fragt, warum die Ernte dieses Jahr so schlecht ausgefallen ist, kann den Grund nur mit Gott in Verbindung gebracht haben, da ihm keine weit verbreiteten und wissenschaftlich fundierten Theorien im Bereich der Meteorologie oder Agrarwissenschaften zur Verfügung standen. Im Gegensatz dazu gibt es heute für die meisten Naturphänomene gut fundierte physikalische Erklärungen oder zumindest wissenschaftliche Theorien. Trotzdem kann man meiner Meinung nach die Existenz irgendeiner höheren Macht nie zu 100% ausschließen, weshalb ich die de facto atheistische Sichtweise am ehesten unterstützen würde.

Im Gegensatz zu Dawkins würde ich allerdings nie auf seine Art und Weise gegen Gläubige hetzen, die ihre Religion im privaten Rahmen friedlich ausleben, ohne ihre Mitmenschen zu stören. Ich bin mir sicher, dass der Glaube an eine höhere Macht für viele Menschen ein wichtiger Anker in schweren Zeiten sein kann. Daher halte ich es für schon fast grausam mit diesem Gedanken im Hinterkopf gläubige Menschen als dumm und naiv zu verurteilen. Ich denke es gibt eine Tendenz bekannter atheistischer Persönlichkeiten den Glaube an etwas Größeres pauschal ins Lächerliche zu ziehen und systematisch auseinander zu nehmen. In diesem Bezug halte ich Viktor Frankls Sicht zum Reduktionismus für bedenkenswert. Er beschreibt, dass wir in unserer westlichen Gesellschaft zu sehr darauf fokussiert sind, alles auf seine Einzelteile zu reduzieren. Das Problematische daran ist laut Frankl, dass dieses permanente Analysieren zu einer generellen Entwertung des untersuchten Objekts führt. Frankl setzt sich in dem Textauszug dafür ein, dass es eine Grenze für das wissenschaftliche Analysieren und Entlarven gibt: das Menschliche. Genau diese Extremformen des Analysierens und Entlarven im Sinne eines eher aggressiven Atheismus, wie zB. Dawkins ihn vertritt, überschreiten meiner Meinung nach diese Grenze. Laut Frankl braucht der Mensch einen Grund um glücklich zu sein. Glück als Ziel ist nicht erreichbar, sondern nur als Nebenprodukt von Sinn. Wenn bei spirituellen Menschen der Glaube Sinn und Glück im Leben vermitteln kann, wer hat dann das Recht ihnen diesen Sinn zu nehmen? Wem würde das nützen? Daher gehen Atheisten wie Dawkins auf ihrem „Kreuzzug“ für Rationalität und Wahrheit meiner Meinung nach entschieden zu weit, wenn sie den persönlichen Glauben der Menschen angreifen.

In der psychologischen Praxis wäre es trotzdem wichtig, den Menschen, die an ihrem Glauben zu zweifeln beginnen und in diesem Zustand der Sinnkrise einen Therapeuten aufsuchen, auch Alternativen bieten zu können. Persönlich interessant finde ich den Ansatz von Camus, der an dieser Stelle relevant ist. Der Kern seiner Idee ist das Absurde. Das Absurde ist der Zustand des verzweifelten Suchens des Menschen nach Sinn und Bedeutung in der Welt, demgegenüber die absolute Indifferenz des Universums steht (Camus, 1942). Aus dieser Erkenntnis zieht Camus drei mögliche Konsequenzen: Selbstmord, philosophischer Selbstmord und die Annahme des Absurden. Philosophischer Selbstmord ist dabei für ihn der Glaube an eine höhere Macht, und die Annahme des Absurden wäre seine eigentliche „Lösung“ der Situation. Durch die Annahme des Absurden befreit sich der Mensch von religiösen und moralischen Zwängen und kann dadurch die größtmögliche Freiheit im Leben erlangen. Diese philosophische Sichtweise auf Glaube und Sinn könnte man mit der eher naturwissenschaftlichen Sichtweise Dawkins‘ verbinden, um Menschen eine Alternative zum Glaube zu bieten. Im Rahmen von einer existenziellen Psychotherapie (Yalom, 2010) sind Fragen zum Glaube am ehesten mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verknüpft. Auch Yalom betont, dass es besonders wichtig ist eine freundschaftlich-begleitende Beziehung zum Patienten aufzubauen, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich über diese sehr persönlichen existenziellen Fragen austauschen kann. Eine anklagende und verurteilende Position, wie sie nach außen hin von Dawkins vertreten wird, würde in einem psychologischen Setting ohne Frage nur Schaden anrichten.
Literaturverzeichnis
Camus, A. (1942). Der Mythos des Sisyphos. Hamburg: Rowohlt.
Dawkins, R. (2016). Der Gotteswahn. Berlin: Ullstein Taschenbuch Verlag.
Frankl, V. (1997). Der Wille zum Sinn: Ausgewählte Vorträge über Logotheraphie (4. Aufl.). München: Piper.
Yalom, I. D. (2010). Existenzielle Psychotheraphie. Bergisch Gladbach: Edition Humanistische Psychologie

Benedikt Dertinger: „Unser Leben mit kleineren Sinneinheiten versehen“

Meine These lautet dass sich unser Lebenssinn durch das Erfahren „kleinerer
Sinneinheiten“ im aktiven Schaffen und Erleben im Alltag in einem größeren Zusammenhang konstituiert und diese sich wechselseitig beeinflussen.

Beginnen möchte ich mit der Betrachtung des Alltags, da dies nach meiner These auch die
Voraussetzung für den Lebenssinn bildet. Um hier eine metaphorische Analogie zu schaffen, möchte ich mich auf den Flow-Moment von CSIKSZENTMIHALYI (1990) beziehen. Diesen Flow-Moment erlebe ich nahezu täglich in meiner Arbeit als Programmierer und Mediendesigner. Es ist dabei nicht möglich den Moment selbst zu provozieren – im Gegenteil – erst durch ein Sich-Fallen-Lassen und Fokussieren auf die Ausübung kann der Moment quasi unerwartet und selbstvergessen auftreten. Die Analogie für CSIKSZENTMIHALYIS Flow-Moment mit sehr spezifischen Anforderungen an eine Tätigkeit lässt sich für mich (ohne hier neben meinen eigenen, konkrete empirische Nachweise erbringen zu können) durchaus in anderer Intensität und/oder Form auch im
sozialen Erleben erfahren (bspw. in einem angeregten Gespräch). Nach diesem Moment erlebe ich das Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit – der Moment gibt meinem Erleben und Tun einen Sinn aus der Situation heraus, und ich gestalte ihn aktiv: „Optimal experience is thus something we make happen“ (ebd., S. 3). Die Verknüpfung sehe ich hier mit FRANKLS (1997) Position zur Jagd nach dem Glück, das eben nicht er-zielt werden kann, sondern er-folgen muss. Nach ihm sollen wir unser Leben nicht explizit auf das Erleben von Glück (und im weiteren auch Sinn) fokussieren, sondern dieses als eine Nebenwirkung erfahren. Der subjektive Grund kann hierbei vielfältiger Gestalt sein und aus ihm leite ich meine Teilschritte ab, bzw. adaptiere den subjektiven Grund anhand der Erkenntnisse und Erlebnisse aus dem Alltag. Das Schöne an dieser Analogie sehe ich in
der Brücke zu FRANKLS drei Wegen zum Sinnerleben: der Verwirklichung von  schöpferischen Werten (meine Arbeitstätigkeit), Erlebniswerten (mein soziales Erleben) und Einstellungswerten.

Auch der dritte Aspekt FRANKLS, die Einstellungswerte, lässt sich für mich auf mein Leben übertragen, indem ich subjektive Gründe für mein Handeln aus höheren, mich selbst übersteigenden weltlichen Zielen oder Werten ableite. Hierbei ist für mich nun entscheidend, dass sich der Sinn meines Erachtens nach nicht nur durch das Bestehen von Einstellungswerten allein, sondern vielmehr durch das aktive Anwenden von Einstellungswerten im Schaffen oder Erleben des Alltags ergibt. Es geht also um das Er-Leben der Werte im Alltag, um diese wiederum zu beeinflussen und hierdurch Sinn in kleinen Einheiten und im Übergreifenden zu schaffen.
Wie auch CAMUS lehne ich eine höhere Macht und seine sogenannten unzulässigen Sprüngen (saut) ins Transzendente ab (1959, S. 33). Dies ermöglicht es meiner Meinung nach für eine Kirchgängerin trotz alledem in die Kirche zu gehen, an Gott zu glauben, zu beten und dabei einen Sinn zu erleben, jedoch nicht aus Gott, sondern aus dem aktiven Erleben der Werte selbst heraus (entscheidend ist hierbei nicht, ob es Gott gibt oder nicht: Es geht darum aktiv zu glauben). Ich denke auch nicht, dass der Sinn, wie bei FRANKL, in der Welt vorhanden ist und es gilt diesen zu erkennen, sondern, dass wir den Sinn erzeugen durch unser Tun und Sein. Und so gibt es für mich bei CAMUS den Sinn, jedoch nicht durch höhere Instanzen oder Mächte vergeben oder gar in der Welt wartend, sondern viel mehr einen Sinn durch unser Dasein, unsere Tätigkeit und Auseinandersetzung mit unseren Mitmenschen (wobei CAMUS die Letzteren nicht explizit anführt).

CAMUS und FRANKL fordern auf im Hier und Jetzt zu sein, zu leben und zu schaffen. Bei CAMUS unter dem Aspekt des hoffnungslosen Sich-Abfindens, bei FRANKL mit der Hoffnung Sinn zu finden. Ich meine, dass diese Standpunkte sich verbinden lassen: In der Annahme, dass es keinen göttlichen Sinngeber gibt nach dem es lohnt zu suchen, gleichzeitig wir in dieser Hoffnungslosigkeit durch subjektive Gründe (Einstellungen, Ideale etc.) unser Leben mit kleineren Sinneinheiten versehen und im Wechselspiel wieder einen übergeordneten Lebenssinn schaffen indem wir die subjektiven Gründe aktiv ausleben. Für arbeits- und organisationspsychologische Ansätze würde ich hieraus ableiten, dass vor allem wechselnde Tätigkeiten mit der Chance auf eigenverantwortliche, vor allem kreative Prozesse und Raum für ein aktives Miteinander geschaffen werden sollten. Für therapeutische und beraterische Ansätze würde die Arbeit mit Materialien und das Wechselspiel mit anderen Menschen (bspw. in der Systemischen Therapie) in den Vordergrund rücken und der Fokus nicht dauerhaft auf die „Problemstellung“ der Klient*innen gerichtet werden, sondern viel mehr auf das Anwenden und Ausüben möglicher Handlungen und kreativer Prozesse. So könnte beispielsweise bei Klient*innen
mit depressiver Symptomatik der Fokus von Gedanken der fehlenden Sinnhaftigkeit zum Erleben kleinerer Sinneinheiten im Miteinander oder im Rahmen kreativer Schaffensprozess gelegt werden (bspw. das Malen eines Bildes). So könnte die Tätigkeit selbst gegebenenfalls sogar zu einem Art Flow-Moment führen indem die getrübte Alltagsrealität in den Hintergrund rückt und der Moment selbst im Zentrum steht. Sollte dies realisierbar sein, so könnte sich ein neuartiger Sinn durch die Tätigkeit selbst konstituieren und das Bedürfnis des Wiedererlebens begünstigen.

Literatur
Camus, A. (1959). Der Mythos des Sisyphos – Ein Versuch über das Absurde. Hamburg: Rowohlt.
Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. New York, NY: Harper and Row.
Frankl, V. (1997). Der Wille zum Sinn: Ausgewählte Vorträge über Logotherapie (4. Aufl.).
München: Piper.

 

 

Caroline Aricochi: „Aber mein Ziel sollen nicht diese Spuren sein…“

Das Ende gleicht dem Anfang. Wer einen verblühten Löwenzahn in der Hand hält, kann ihn kaum von einem unterscheiden, der seine Blüte noch vor sich hat. Auch wenn dazwischen eine beeindruckende Metamorphose liegt. Ganz ähnlich verhält es sich mit einem Menschenleben, mit jeglicher Form des Lebens. Das Leben entsteht aus dem Nichts und endet mit dem vermeintlichen Nichts. Diese beiden Stadien des Nichts sehen sich zum verwechseln ähnlich und doch steckt so vieles dazwischen. Eine Zeit voller Veränderungen, voller Mühen, Anstrengungen, Ärger, Trauer, aber auch Freude, Glück, Liebe, Gemeinschaft, eine Zeit voller Leben. Doch dieses ganze Leben wird durch einen Atemzug ausgelöscht, nichtig gemacht, durch einen einzigen, letzten Atemzug: durch den Tod. Der Tod bringt jedes Lebewesen zurück zu seinen Anfängen. Der Tod beendet das Leben und somit alle Veränderungen, Mühen, Anstrengungen, allen Ärger, Trauer, aber auch alle Freude, das Glück, die Liebe und die Gemeinschaft. Was zurück bleibt ist das Nichts, eine Lücke und somit anscheinend nicht mehr, als vor Beginn des Lebens da war.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, scheint das Leben völlig frei von jeglichem Sinn. Ein endloses Rad, das immer von vorne beginnt. Das Nichts, aus dem Leben entsteht, welches dann wieder zum Nichts wird. Ein möglicher Ausweg aus dieser vermeintlich sinnlosen Reise wäre die Religion, der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Doch gibt es nur diese beiden Möglichkeiten: die Religion oder ein Leben ohne Sinn? Meiner Meinung nach muss das nicht so sein. Denn es gibt mindestens so viele Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, wie es Menschen gibt. Nicht nur Philosophen und Psychologen haben sich im Laufe der Geschichte Gedanken darüber gemacht. Ich wage es zu behaupten, dass jeder Mensch die Frage nach dem Sinn des Lebens mindestens einmal in seinem Leben gedanklich gestreift hat. Für mich persönlich ist ein entscheidender Punkt, ja der grundlegende Unterschied zwischen Anfang und Ende, die Lücke, die nach dem Tod eines Menschen entsteht. Es mag zwar stimmen, dass vor Beginn eines Lebens das Nichts da war, welches am Ende des Lebens wieder auftaucht, jedoch mit einem alles bestimmenden Unterschied. Nach dem Tod eines Menschen entsteht eine Lücke. Der Tod entreißt der Welt ein Lebewesen, der Mensch haucht zwar das Leben aus, aber er hinterlässt mehr als ein Nichts. Der Tod hinterlässt zunächst Schmerz und Trauer, oft auch Wut und Fassungslosigkeit, vor allem wenn dieser vermeintlich zu früh eintritt. Aber er hinterlässt auch Liebe, Glück, Erinnerungen, bleibende Veränderungen in der Welt. Der Tod hat zwar die Macht das Leben auszulöschen, aber nicht die Spuren eines Lebens.
Bereits ab dem Moment, wo sich ein Individuum dieser Tatsache bewusst wird, erhält das Leben einen Sinn. Dieser anscheinend so kleine Unterschied zwischen dem Nichts und einer Lücke macht, meiner Meinung nach, den entscheidenden Unterschied bei der Betrachtung des Lebens. Mit diesem Hintergrund können viele Lebensziele und –aufgaben viel weniger sinnlos erscheinen. Egal ob es um hedonistische oder soziale Ziele geht, ob es die Lebensaufgabe eines Menschen ist, die Familie über Wasser zu halten oder Macht und Reichtum für sich selbst anzuhäufen, ob jemand Krebs heilen möchte und somit die Welt verändern oder ob er den Einfluss auf das nähere Umfeld beschränkt (um dort Liebe oder auch Hass zu verbreiten); jeder Mensch hat es, bis zu einem gewissen Punkt, selbst in der Hand, wie die Lücke, die bleibt, ausschauen wird. Diese Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Spuren wir auf der Erde hinterlassen möchten, beinhaltet eine riesige Verantwortung, vor der wir uns nicht verstecken können. Denn in all unserem Tun beeinflussen wir nicht nur unsere eigene Existenz, die (vermutlich) ohnehin wieder verschwindet, sondern vor allem die Welt, in der wir leben. Jean-Paul Sartre (1968) schrieb dem Menschen die totale Verantwortung über sein eigenes Handeln zu, er war der Überzeugung, dass der Mensch dazu verurteilt sei, frei zu sein und er allein die Macht habe, etwas aus sich zu schaffen. Diese Freiheit, so Sartre, sei aber nicht nur ein Geschenk für den Menschen, sondern diese Verantwortung löse vor allem Angst aus. Dieser existentialistische Standpunkt Sartres zum Sinn des Lebens gleicht nur zum Teil dem meinen. Zum einen glaube ich, dass diese Freiheit sehr wohl (durch äußere Lebensumstände) begrenzt ist und zum anderen, dass diese Freiheit (auch wenn ich sehr wohl verstehe, dass sie Angst machen kann), ein Geschenk ist, das es sich so gut wie möglich zu nutzen lohnt. Sartres Standpunkt und mein eigener teilen jedoch ein Problem: wir diskutieren über den Sinn und die Freiheit des Lebens aus einer privilegierten Lage, in der wir uns nie ernsthafte Sorgen über das Fortbestehen unserer Existenz machen mussten, einer Lage, in der wir uns nie Gedanken darüber machen mussten, ob wir am nächsten Tag etwas zu essen hätten. Ich finde es problematisch über den Sinn des Lebens fachzusimpeln und über eine grenzenlose Freiheit zu reden, ohne eine Vorstellung davon zu haben zu können, welch großes Leid und unüberbrückbaren Grenzen es auf der Welt gibt. Dennoch finde ich es wichtig, sich Gedanken über das Leben und seinen Sinn zu machen. Vor allem in unserer westlichen Gesellschaft, die vor Überfluss strotzt, und der Alltag nicht durch den reinen Erhalt der eigenen Existenz ausgeschöpft ist, werden viele Menschen von dem Gefühl der Sinnlosigkeit geplagt. Frankl (1985) spricht von einem existentiellen Vakuum oder der noogene Neurose. Auf dieser Grundlage hat er seine Logotherapie entwickelt, bei welcher er den Menschen zu helfen versucht, einen Sinn in ihrem Leben zu finden. Auch ich persönlich bin der Überzeugung, dass die Sinnfindung im eigenen Leben die Grundlage jeder erfolgreichen Psychotherapie ist. Denn, wie bereits Nietzsche sagte (und sich Frankl später zum Leitsatz machte), „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“ (Frankfurter Allgemeine, Feuillton). Die Sinnfrage sollte einen wichtigen Platz in vielen Bereichen der Psychologie einnehmen. Nur wer sich Gedanken über den Sinn des eigenen Lebens gemacht hat, kann eine Idee davon haben, welche Richtung dieses einnehmen sollte. Somit sollte zumindest die Frage nach dem Sinn und den Zielen im Leben des Patienten einen Platz in der Psychotherapie finden. Diese Frage muss auch nicht beantwortet werden, aber es sollte Raum dafür geschaffen werden und der Therapeut sollte den Patienten dabei unterstützen, herauszufinden, was für ihn persönlich wichtig ist. Meiner Meinung nach ist die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in der Arbeits- und Organisationspsychologie (oder der Bildungsberatung) ein wichtiger Bestandteil. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Mensch eine Arbeit nur dann mit Begeisterung ausüben kann, wenn diese Kohärent mit den eigenen Zielen und somit mit dem persönlichen Lebenssinn ist.

Dass ich selbst diese Aufgabe zur Sinnfindung meines Lebens bereits erfolgreich bewältigt habe, will ich nicht behaupten, denn diese Frage wird mich wahrscheinlich mein Leben lang begleiten. Einzig und allein weiß ich, dass ich Spuren hinterlassen möchte, aber keine Spur der Zerstörung, sondern Freude, Glück, Liebe und Freundschaft. Aber mein Ziel sollen nicht diese Spuren sein, sondern der Weg, auf dem ich eben dies erleben möchte, was ich zu hinterlassen wünsche.
Literaturverzeichnis
Frankl, V. E. (1985). …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (2. Auflage). München: Kösel.
Sartre, J.P. (1968). Drei Essays: Ist der Existentialismus ein Humanismus? Materialismus und Revolution. Betrachtungen zur Judenfrage. Frankfurt am Main: Ullstein.

Internetquellen
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-hinweis-11323629.html , zuletzt abgerufen am 27.02.2017

Sinnerfüllung in der virtuellen Welt

Schäfer, C. (2016). Sinnerfüllung in der virtuellen Welt. Private Nutzung von Smartphone, Tablet, PC und Konsole. Unveröffentlichte Masterarbeit, Universität Innsbruck.

 

Diese Studie untersucht, wie sich im privaten Bereich eine sinnerfüllende Nutzung (Sinnerfüllung virtuell) der virtuellen Medien (Smartphone, Tablet, PC und Konsole) gestalten kann. Dafür wurde mittels online Fragbögen die Sinnerfüllung im Leben und die Lebensbedeutungen (LeBe) (Schnell & Becker, 2007), das habituelle Wohlbefinden (HSWBS) (Dalbert, 1992) sowie die Sinnerfüllung virtuell und Nutzungsverhalten in der virtuellen Welt von 135 Probanden erhoben.

Die Ergebnisse zeigen, dass Personen, die verstärkt Sinnhaftigkeit im Leben verspüren, auch die Nutzung der virtuellen Medien als sinnerfüllender erleben, im Vergleich zu wenig sinnerfüllten Personen. Die Nutzung der virtuellen Medien wird als sinnerfüllend wahrgenommen, wenn virtuelle Tätigkeiten vollzogen werden, die als angenehm und wichtig empfunden und zugleich ohne Einsamkeitsgefühle erlebt werden. Dabei ist die Tätigkeit Kommunizieren von Bedeutung, sie steht in positivem Zusammenhang mit Sinnerfüllung virtuell. Entsprechend steht die Nutzung aus den Motivationen „In-Kontaktsein mit der Welt und andern“ und „soziale Kontakte pflegen und knüpfen“ in Verbindung mit Sinnerfüllung virtuell. Dies deutet daraufhin, dass angenehme Gefühle und das Erleben von Verbundenheit in der virtuellen Welt relevante Faktoren für eine sinnerfüllende Nutzung sind.

Eine aus Langeweile motivierte Nutzung steht ebenfalls in positivem Zusammenhang mit Sinnerfüllung in der virtuellen Welt, jedoch im negativen Zusammenhang mit der Sinnerfüllung im Leben. Das gleiche Muster ist auch für die Nutzungsdauer zu beobachten. Eine hohe Nutzungsdauer geht mit einer hohen Sinnerfüllung virtuell einher, aber mit einer geringen Sinnerfüllung im Leben. Somit lässt sich erkennen, dass hohe Nutzungsdauer motiviert aus Langeweile zwar mit einer sinnerfüllenden Nutzung einhergeht, diese aber keinen Mehrwert für die Sinnerfahrung im Leben bietet.

Für eine sinnerfüllende Nutzung kommt es also darauf an, wie sinnhaft eine Person ihr Leben empfindet, welchen virtuellen Tätigkeiten nachgegangen wird und aus welcher Motivation heraus die virtuellen Medien genutzt werden. Weitere Zusammenhänge mit Sinnerleben virtuell werden diskutiert und zukünftige Forschungsfragen aufgezeigt.

Hier geht’s zur vollständigen Arbeit

(bitte zitiere als: Schäfer, C. (2016). Sinnerfüllung in der virtuellen Welt. Private Nutzung von Smartphone, Tablet, PC und Konsole. Unveröffentlichte Masterarbeit, Universität Innsbruck.)

Wie möchten Sie nach Ihrem Tod erinnert werden?

Heintzelman, S. J., Trent, J., & King, L. A. (2016). How would the self be remembered? Evidence for posthumous self-verification. Journal of Research in Personality, 61, 1-10.

 

Bei der Interaktion mit anderen Menschen gibt es zwei Möglichkeiten, die gewählt werden können, um sich selbst darzustellen:

  • Selbstaufwertung: das Selbst in einem überaus positiven Licht darstellen

oder

  • Selbstverifikation: das Selbst voll und ganz zu verifizieren, d.h. sich so darstellen, wie man sich selbst wahrnimmt.

Frühere Studien konnten zeigen, dass Menschen eher dazu neigen, die Selbstverifikation zu wählen. Die Gründe werden darin gesehen, dass selbst-verifizierende Interaktionen sozial dienlicher sind und keine unrealistischen Erwartungen bei anderen schaffen. Andererseits erscheinen damit soziale Interaktionen beherrschbarer und leichter einschätzbar. Zudem dient die Selbstverifikation der Bestätigung der Selbstkenntnis. Diese Aspekte erscheinen zwar zu Lebzeiten wichtig, aber nach dem Tod stellen sie eigentlich keine Relevanz mehr dar.

Wie würden Sie nach Ihrem Tod erinnert werden wollen?

In vorliegender Untersuchung wurden vier Studien durchgeführt, die verschiedene Aspekte dieser Fragestellung untersuchten. Es konnte sich zeigen, dass die meisten der Probanden über alle Studien hinweg so erinnert werden wollten, wie sie wirklich sind. Genauso konnte festgestellt werden, dass Menschen mit einem höheren Selbstwert auch eher dazu neigen, selbst-verifizierende Darstellungen nach dem Tod zu präferieren. Und Menschen, die einen geringeren Selbstwert aufweisen, bevorzugen es, sich nach dem Tod besser darzustellen, als sie sich eigentlich selbst wahrnehmen.

Auch ergab sich Folgendes: Je authentischer jemand sich verhält, desto eher wünscht er sich eine wahrheitsgetreue Darstellung des Selbst nach dem Tod. Genauso konnte festgestellt werden, dass es für die Präferenz der postumen Selbstverifikation nicht ausschlaggebend ist, ob eine Person sich in soziale Kontexte eingebettet oder als völlig unabhängig von Anderen fühlt. Somit spielt es wohl keine Rolle, wie individualistisch oder kollektivistisch das Leben gestaltet wird.

Überraschend war, dass Frauen höhere Werte beim Wunsch eines akkuraten postumen Selbstbildes aufwiesen.  Ebenso konnten ethnische Unterschiede festgestellt werden. So hatten weiße Amerikaner weniger das Bedürfnis wahrheitsgetreu erinnert zu werden, als Afro-Amerikaner. Des weiteren konnte verzeichnet werden, dass die Sorge um die wahrheitsgetreue Darstellung des Selbst nach dem Tod eher bei Menschen mit Charaktereigenschaften wie Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit oder Offenheit gefunden werden kann, weniger jedoch bei extravertierten oder emotional stabilen Persönlichkeiten.

Auch weisen Ergebnisse daraufhin, dass Menschen,  die zu einer postumen Selbstverifikation neigen, eher Sinn im Leben empfinden oder auf der Suche nach Sinn sind.

Nicht zuletzt weisen die Autoren darauf hin, dass der sogenannte death positivity bias bei den erhobenen Einstellungen eine Rolle spielen mag: In den meisten Gesellschaften gilt die Norm, nicht schlecht über Verstorbene zu sprechen. Eine postume Selbstverifikation ist somit weniger mit dem Risiko behaftet, negativ erinnert zu werden.

Würden Sie so erinnert werden wollen, wie Sie sind, wenn das auch ein negatives Bild von Ihnen bedeuten könnte?

Die Studien wiesen darauf hin, dass – auch wenn den Probanden negative Aspekte von ihnen bewusst gemacht wurden – dies nicht den Wunsch nach Selbstverifikation nach dem Tod beeinflusste. Erstaunlich ist also, dass es den Probanden nicht darum ging, sehr positiv dargestellt und somit auch so erinnert zu werden, sondern es ihnen viel wichtiger war, genau so erinnert zu werden, wie sie wirklich sind, – auch wenn dies womöglich negative Aspekte des Selbst beinhaltete.

Fazit

Die Kontinuität des Selbst, sogar bis nach dem Tod, stellt laut dieser Ergebnisse eine wichtige existentielle Herausforderung für uns Menschen dar. Es geht bei der Tendenz zur Selbstverifikation somit nicht nur um die Erleichterung von sozialen Interaktionen, richtige Anpassung und Zukunftsstabilität. Womöglich geht es vielmehr um die Wichtigkeit der Kohärenz unseres Selbst in einer Welt, die Sinn macht, als Teil der Erfahrung von Sinn im Leben.

So ist die richtige und wahre Darstellung des Selbst eine dem Menschen innewohnende Aufgabe, nach deren Erfüllung wir offenbar streben. Die meisten von uns haben das Bedürfnis, unser wahres Ich zu verwirklichen und es so wie es ist auch der Welt zu zeigen. Ein geringer Selbstwert oder eine geringe Sinnerfüllung können womöglich den Mut für diese Aufgabe nehmen.

Zusammengefasst von Miriam Böhmer

Studie zu „konfessionsfreien Identitäten“

Gemeinsam mit der University of Humanistic Studies und der Universität Leiden in Holland sowie der Universität Kopenhagen in Dänemark führen wir eine Studie durch, die Einstellungen, Überzeugungen und Persönlicheitsmerkmale von Menschen verschiedenster konfessionsfreier Positionen untersucht.

Mehr dazu – wie auch der Link zur Studie – im Interview mit Arik Platzek von diesseits:

Wie ticken die Gottlosen?

 

Und mit Christoph Wagenseil vom Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst e. V. – REMID:

Wer glaubt, wer nicht glaubt? Vergleichende Studie untersucht konfessionsfreie Identitäten

Sinnerfüllung und Glück wappnen für den Umgang mit Stress

Miao, M., Zheng, L., & Gan, Y. (2016). Meaning in Life Promotes Proactive Coping via Positive Affect: A Daily Diary Study. Journal of Happiness Studies. doi:10.1007/s10902-016-9791-4

In dieser Studie geht es um den Zusammenhang von Lebenssinn und dem konstruktiven Umgang mit Stress. Genauer gesagt dreht sie sich darum, ob man sich durch Lebenssinn im Vorhinein für belastende Ereignisse wappnen kann. Das wird auf zwei Wegen untersucht: Erstens wird der direkte Einfluss von Lebenssinn auf den Umgang mit zukünftigen Belastungen betrachtet. Und zweitens wird ein indirekter Einfluss angenommen: Lebenssinn führt zu positiven Emotionen (wie Hoffnung und Dankbarkeit), die dann dazu führen, dass man besser mit zukünftigen Belastungen umgehen kann.
Bei beiden Wegen bestätigen die Ergebnisse, dass Lebenssinn mit einem besseren Umgang mit Belastungen in der Zukunft zusammenhängt. Allerdings sollte man folgendes im Kopf behalten: Die Methoden der Studie lassen keinen Schluss darüber zu, ob Lebenssinn hier wirklich als Ursache wirkt, weil die Daten eigentlich nur über Zusammenhänge informieren. Allerdings lassen sie diesen Schluss plausibel erscheinen. Wie könnte diese Wirkung am besten erklärt werden?

Beim indirekten Weg über positive Emotionen lässt sich folgendes festhalten: Die positiven Emotionen erzeugen eine Erweiterung der geistigen Aufmerksamkeitsspanne. Durch sie kann man besser Gelegenheiten erkennen, wie man seinem Leben eine positive Richtung geben kann. Außerdem führen positive Emotionen zu einem Aufbau einer Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten. Beide Mechanismen kann man auf diesen Zusammenhang anwenden. Zunächst können mehr Gelegenheiten erkannt werden, die Zukunft positiv zu gestalten. Anschließend handelt man entsprechend und setzt die Erkenntnisse in die Praxis um. Es entsteht also eine Art Puffer: Belastungen in der Zukunft werden weniger bedrohlich und belastend wahrgenommen, weil es verschiedene Möglichkeiten gibt, damit umzugehen.

Zum direkten Weg gibt es zwei Erklärungsansätze zur Wirkungsweise. Die erste ist folgende: Lebenssinn könnte selbst eine Art Puffer sein, der einen späteren Umgang mit Belastungen erleichtert. Indem durch Lebenssinn die Motivation entsteht, das Leben als lohnend anzusehen und Probleme als lohnende Herausforderungen anzusehen, werden diese als weniger belastend erlebt.

Der zweite Erklärungsansatz handelt von unserem Erleben der Zeit: Durch Lebenssinn ist es wohl leichter möglich sich von der Gegenwart zu lösen und von ihr nicht allzu eingenommen zu sein. Deshalb kann leichter die Zukunft beim Handeln berücksichtigt werden. Mit anderen Worten ist Planen dadurch besser möglich. Es gibt also wahrscheinlich auch diesen direkten Weg der Wirkung von Lebenssinn auf den Umgang mit zukünftigen Problemen.

Man kann die Ergebnisse folgendermaßen zusammenfassen: Lebenssinn bewirkt wahrscheinlich einen besseren Umgang mit Belastungen in der Zukunft. Das geschieht auf einem indirekten Weg über positive Emotionen und einem direkten über den Sinn selbst. Wenn man sich also mit dem Sinn im Leben beschäftigt, kann das als eine Investition in die Zukunft gesehen werden. Natürlich können Sinnkrisen auch Energie kosten und sie sind nicht gerade angenehm. Wahrscheinlich tauchen dabei aber auch befriedigendere Antworten auf, die ein Gestalten der Zukunft trotz Hindernissen erleichtern. Dabei muss man keine schweren Krisen bewältigen, um solche Vorteile zu erlangen. Wer sich bereits jetzt als zugehörig erlebt, eine Orientierung im Leben hat, das eigene Handeln als bedeutsam und stimmig ansieht, der wird wahrscheinlich auch mit Problemen in der Zukunft besser umgehen können!

Zusammengefasst von Benedikt Hoffmann

Einkommen und Sinn: Warum man zur Sinnerfüllung nicht so viel Geld braucht, wenn man glücklich ist.

Ward, S. J., & King, L. A. (2016). Poor but Happy? Income, Happiness, and Experienced and Expected Meaning in Life. Social Psychology and Personality Science, 7(5), 463-470.

 

Ausgangssituation

Obwohl man im Volksmund oft sagt: „Geld ist nicht alles im Leben“, deuten doch einige frühere Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Höhe des Einkommens in Zusammenhang mit der Sinnerfüllung im Leben steht (siehe Kasten). Ebenfalls in Zusammenhang mit Sinnerfüllung steht auch das eigene Glücksempfinden (engl. positive affect). Dieses konnte in der Vergangenheit bereits als ein Faktor ausgemacht werden, der das Empfinden von Sinnerfüllung trotz des Fehlens wichtiger Sinnquellen (z.B. soziale Eingebundenheit, religiöses Zugehörigkeitsgefühl) ermöglichen kann. In der vorliegenden Studie wurde nun untersucht, ob der Effekt, der zwischen Einkommenshöhe  und Sinnerfüllung beobachtet werden konnte, möglicherweise auch in Zusammenhang mit Glücksempfinden steht.

Je mehr, desto besser? Kobau und KollegInnen berichteten 2010, dass US-Amerikaner mit einem Jahreseinkommen ab 60.000 US$ihr Leben als sinnvoller ansahen als solche mit einem Jahreseinkommen unter 15.000 US$ . Ähnlich wie beim Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen ist jedoch anzunehmen, dass ab einer bestimmten Einkommenshöhe nicht gilt: Je höher das Einkommen, desto mehr Sinnerfüllung. Obwohl die Autoren zu dieser Frage keine Angabe machen, dürfte es wohl so sein, dass mehr Geld im Monat für ärmere Menschen mehr Einfluss auf ihre Sinnerfüllung hat als für reichere, die davon weniger spüren würden. Dazu auch interessant: Käufliches Glück?

 

Methodik

Zur Beantwortung der obigen Forschungsfrage wurden insgesamt drei Einzeluntersuchungen durchgeführt. In der ersten wurden anhand der Daten einer US-weiten, repräsentativen Umfrage mit insgesamt 1666 Befragten der statistische Zusammenhang zwischen Einkommen und Sinnerfüllung ermittelt. Auch der Einfluss, den Glücksempfinden auf diesen Zusammenhang möglicherweise ausüben kann, wurde dabei untersucht. In der zweiten Studie wurden 203 amerikanische Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt: In der einen wurden die Versuchsteilnehmer anfangs gebeten, sich zuerst ein Ereignis vorzustellen, das sie sehr glücklich machen würde und im Anschluss daran einen Text über ihre Gefühle und Gedanken bezüglich dieses Ereignisses zu schreiben. Die zweite Gruppe der Probanden erhielt eine ähnliche, aber neutrale Aufgabe währenddessen. Am Ende der Untersuchung sollten alle Teilnehmer dann noch einen Fragebogen zu ihrer momentanen Sinnerfüllung im Leben ausfüllen und angeben, wie viel ihr ungefähres Einkommen beträgt. In der dritten Teiluntersuchung schließlich sollten die Probanden sich in ähnlicher Weise wie in der zweiten Studie eine Zukunft vorstellen, in der sie entweder sehr reich oder sehr arm sein würden. Im Anschluss daran sollten sie einschätzen, wie glücklich sie sich fühlen würden, wenn sie tatsächlich das vorgestellte Leben leben würden und auch, wie sinnerfüllt sie in einer solchen Zukunft wohl wären.

 

Ergebnisse

Anhand der Ergebnisse der ersten Studie konnte bestätigt werden, dass – wie schon in früheren Forschungen gezeigt – die Höhe des Einkommens einen Zusammenhang zum Ausmaß der Sinnerfüllung einer Person aufweist. Bei näherer Betrachtung zeigte sich jedoch auch, dass dieser Zusammenhang zwischen Einkommen und Sinnerfüllung abhängig vom Ausmaß des Glücksempfindens ist: Wenn das Glücksempfinden von Personen hoch ist, ist im Durchschnitt auch der Grad an Sinnerfüllung sehr hoch – und das unabhängig vom Einkommen der jeweiligen Person. Ist das Glücksempfinden jedoch niedrig ausgeprägt, weist das Einkommen einer Person einen weit stärkeren Zusammenhang zur Sinnerfüllung dieser Person auf. In der zweiten Studie zeigte sich, dass für Probanden, die durch die Vorstellungsaufgabe in eine positive Stimmung versetzt wurden, der Zusammenhang zwischen Einkommen und Sinnerfüllung deutlich geringer ausgeprägt war (bzw. nicht vorhanden war), im Vergleich zu Versuchspersonen, die die neutrale Aufgabe bekamen. In der dritten Untersuchung schließlich konnte beobachtet werden, dass Probanden ihre Zukunft als sinnerfüllter erwarteten, wenn sie sich diese Zukunft in Reichtum im Gegensatz zu in Armut lebend vorstellten. Dieses Ergebnis traf in besonderer Weise für die Menschen zu, die ihre vorgestellte Zukunft zusätzlich als nicht sehr glücklich prognostizierten.

 

Fazit

Die vorgestellte Arbeit zeigt, dass die Höhe des Einkommens offenbar einen Zusammenhang zum Ausmaß, in dem Menschen ihr Leben als sinnerfüllt erleben, aufweist. Die Ergebnisse legen auch nahe, dass das Empfinden von Glück einen vermeintlich negativen Effekt von geringem Einkommen auf das Erleben von Sinn ausgleichen kann. In anderen Worten kann man also sagen: Wer glücklich ist, braucht nicht unbedingt viel Geld, um sinnerfüllt zu sein.

Was diese Untersuchung nicht beantworten kann, ist die Frage, in welche Richtung nun dieser beobachtete Effekt verläuft: Es wäre einerseits denkbar, dass Jobs, die relativ gut bezahlt werden, auch mehr Chancen und Möglichkeiten bieten, Sinn im Leben zu empfinden. Beispiele dafür wären eventuell mehr Freiheiten im Setzen von Zielen und im Erleben von Autonomie und Kompetenz. Andererseits wäre es auch denkbar, dass sinnerfüllte Menschen im Allgemeinen auch erfolgreicher im Beruf und in sozialen Beziehungen sind. Eventuell tragen aber auch Faktoren aus beiderlei Richtung dazu bei, dass dieser Zusammenhang zwischen Einkommen und dem Erleben von Sinn entsteht. Hierzu wird es wohl weiterer, vertiefter Forschungen bedürfen.

 

Zusammengefasst von Daniel Spitzenstätter, November 2016

Hochbegabte Erwachsene – Was die Forschung weiß

Rinn, A. N. & Bishop, J. (2015). Gifted Adults: A Systematic Review and Analysis of the Literature. Gifted Child Quarterly, 59(4), 213-235.

In der Begabungsförderung liegt der Fokus vor allem auf der Potentialentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Doch wie ergeht es diesen hochbegabten Individuen im Erwachsenenalter? Und unterscheiden sich hochbegabte Erwachsene überhaupt von der Durchschnittsbevölkerung? Jein! Neben populärwissenschaftlichen Medien gibt es nur wenig empirische Forschung zu den Eigenschaften, Bedürfnissen und dem Wohlergehen von hochbegabten Erwachsenen. Dies erscheint als sehr verwunderlich, da doch gerade das Erwachsenenalter jene Periode darstellt, in welcher offenbart wird, ob Talentförderung Früchte trägt. Deshalb ist der Artikel von den Autoren Rinn und Bishop als sehr interessant einzustufen. Mittels einer systematischen Analyse der aktuellen wissenschaftlichen Hochbegabtenliteratur haben die Autoren versucht, einen Überblick über Charakteristika, Erfahrungen und Bedürfnissen von hochbegabten Erwachsenen zu geben. Die wichtigsten Erkenntnisse werden nachfolgend erläutert:

  • Wird aus einem hochbegabten Kind automatisch ein hochbegabter Erwachsener?

IQ Werte sind relativ stabil über die Lebensspanne hinweg. Somit kann damit gerechnet werden, dass ein hochbegabtes Kind zu einem hochbegabten Erwachsenen heranwächst. Wobei eine Klassifizierung als hochbegabt kritisch hinterfragt werden sollte: Immerhin können ca. 25% der diagnostizierten Hochbegabungen im Kindesalter als Fehldiagnosen eingestuft werden. Eine weitere interessante Frage ist, ob jedes hochbegabte Kind sein Potential auch im Erwachsenenalter voll ausschöpfen und herausragende Leistung zeigen wird? Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Hochbegabung kann zwar als Prädiktor für eine überragende, kreative Leistungsbereitschaft angesehen werden, die zu Erfolg und Wohlstand führen kann, ist aber nicht zwingend ein Garant dafür. Einflussfaktoren wie das sozioökonomische Umfeld, Lebensumstände, persönliches Durchsetzungsvermögen, Zielstrebigkeit, sowie Glück und Zufall sollten bei dieser Frage miteinkalkuliert werden – egal ob es sich um ein hochbegabtes Individuum oder um einen ‚Normalo‘ handelt.

  • Charakteristika und Wohlbefinden von hochbegabten Erwachsenen

Folgende Adjektive werden häufig zur Beschreibung von Hochbegabten verwendet: analytisch, einsam, emotional, empathisch, gerechtigkeitsliebend, humorvoll, individualistisch, introvertiert, missverstanden, moralisch, perfektionistisch, scharfsinnig, sensibel, sinnorientiert, sonderbar, werteorientiert, zielstrebig, …

Doch nur wenige dieser Charakteristika konnten bis dato tatsächlich empirisch belegt werden. Beispielsweise zählt die höhere emotionale Empfindlichkeit bzw. Übererregbarkeit dazu. Eine der bekanntesten Längsschnittstudien ist Terman’s Studie über Hochbegabte (1926). Diese Studie kann deshalb als Pionierarbeit angesehen werden, da sie erstmals widerlegte, dass hochbegabte Kinder kränklicher und ‚anders‘ als die Durchschnittsbevölkerung sind. Laut weiteren Befunden verfügen Hochbegabte meist über ein gesteigertes Selbstwertgefühl, welches wiederum in genereller Lebenszufriedenheit münden kann. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich die Individuen mit ihren besonderen Fähigkeiten und Talenten bereits angefreundet und diese in ihr Identitätskonzept integriert haben. Manche Studien belegen einen positiven Zusammenhang von Intelligenz und Wohlbefinden. Andere wiederum postulieren, dass Hochbegabte weder glücklicher noch unglücklicher sind als die Durchschnittsbevölkerung.

  • Herkunftsfamilie und Partnerwahl

Hochbegabte stammen eher aus kleinen Herkunftsfamilien. Ihr Bildungsniveau und jenes der Eltern sind meist relativ hoch. Studienbefunde lassen darauf schließen, dass bei zwei Dritteln der Hochbegabten auch ein Elternteil als hochbegabt klassifiziert werden kann. Mehr als die Hälfte der hochintelligenten Individuen promoviert. In Summe weist die wissenschaftliche Literaturanalyse darauf hin, dass eine ausgewogene Balance zwischen harmonischem Elternhaus, unterstützender Umgebung in der Kindheit, aber auch Konflikte und kritische Lebensereignisse mitsamt deren Bewältigungsprozessen zur Potentialentfaltung im Erwachsenalter beitragen. Vor allem Förderung, Unterstützung, Wertschätzung und intellektuelle Stimulation durch wichtige Bezugspersonen wirken sich besonders positiv auf die weitere Entwicklung aus. Diese Ergebnisse unterstreichen die Wichtigkeit von Hochbegabungsförderung während der Kindheit und den daraus resultierenden Nutzen im Erwachsenenalter.

Zum Thema Partnerwahl kann angemerkt werden, dass sich Hochbegabte eher von Gleichgesinnten angezogen fühlen. Intelligenz korreliert bei Ehepartnern zu r = .37. Die Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Hochbegabte mit einem ebenfalls hochbegabten Ehepartner zufriedener mit Ehe und Leben sind. Dies ist aber nur bis zum 33. Lebensjahr der Fall, danach ist der Befund nicht mehr haltbar. Hochbegabte bekommen generell weniger Nachwuchs als die Durchschnittsbevölkerung.

  • Karriere

Durch die Vielfältigkeit von Interessen, Potentialen und Stärken könnten Hochbegabte in vielerlei Bereichen erfolgreich sein. Deshalb ist die Auswahl eines geeigneten Karriereweges wohl eine der größten Herausforderungen für diese Bevölkerungsgruppe. Bezogen auf den Zusammenhang von kognitiver Leistungsfähigkeit und Karriereaspekten gibt es zwiespältige Meinungen in der Forschung. Manche Autoren postulieren, Intelligenz sei ein Prädiktor für Erfolg in Ausbildung und Beruf, andere wiederlegen dies. Im Großen und Ganzen sind Hochbegabte am glücklichsten mit ihrer Karriere, wenn sie in einer Führungsposition oder aber auch selbstständig sind und über ausreichend Autonomie im Beruf verfügen. Gerade für hochintelligente Personen ist es im Beruf wichtig:

  • die eigenen Interessen ausleben zu können,
  • die eigenen Fähigkeiten und das innehabende Expertenwissen aktiv einsetzen zu können,
  • Vergnügen bei der Arbeit zu erleben
  • und eine gute Atmosphäre im Team zu verspüren.

Hinsichtlich der Arbeitspräferenzen konnten auch Geschlechterunterschiede festgestellt werden. Hochbegabte Frauen legen ab dem 35. Lebensjahr viel Wert auf eine flexible Arbeitsgestaltung, Arbeitszeitreduktion und den Wunsch nach freien Wochenenden. Bei Männern trifft meistens das Gegenteil zu.

Es scheint als hätten hochbegabte Frauen mit Kindern die höchste Lebenszufriedenheit, gefolgt von Männern mit Kindern. Frauen ohne Kinder weisen hingegen die geringste Lebenszufriedenheit auf. Zusammenfassend kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Balance von Karriere und Familie auch für Hochbegabte einen sehr wichtigen Stellenwert hat.

Fazit: Hochbegabten gegenüber gibt es viele Vorurteile – positive wie negative -, wobei nur wenige auch wissenschaftlich haltbar sind. Um die Bedürfnisse und Charakteristika dieser Bevölkerungsgruppe besser verstehen zu können, ist weitere Forschung notwendig. Deshalb beschäftigt sich unser Team momentan mit dem Projekt ‚Sinnerleben bei Hochbegabung‘ mit dem Fokus auf erwachsene Hochbegabte. Wir hoffen damit eine dieser Forschungslücken füllen zu können. Erste Studienergebnisse können Sie auf dieser Seite bereits nachlesen.

PS: Falls Sie hochbegabt sind und den Austausch mit Gleichgesinnten suchen, gibt es beispielsweise den Hochbegabtenverein Mensa (Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ist ein IQ von mindestens 130) und die Mega Foundation (bei der die Mitglieder einen IQ von mindestens 164 aufweisen).

 

Von Bernadette Voetter

Sinnquellen und Selbstbild bei sozioökonomisch benachteiligten Jugendlichen

To, S. M., Tam, H. L., Ngai, S. S. Y., & Sung, W. L. (2014). Sense of meaningfulness, sources of meaning, and self-evaluation of economically disadvantaged youth in Hong Kong: Implications for youth development programs. Children and Youth Services Review, 47, 352-361.

Wir alle waren einmal im jugendlichen Alter und wissen, dass diese Zeit im Leben eine aufregende, aber auch nicht einfache Zeit ist. Man versucht seine eigene Identität und sein eigenes Selbst zu entwickeln und stellt sich Fragen wie: wer bin ich, an was glaube ich und wie möchte ich eigentlich leben? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen bedeutet häufig auch eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn des (eigenen) Lebens – bei uns in Europa ebenso wie in China.

In Hong Kong leben 24% (circa 280.000) der sechs- bis 24-Jährigen in sozial benachteiligten Familien. Die hier dargestellte Untersuchung betrachtet, wie einerseits Sinnerleben und andererseits Sinnquellen von dieser Jugendlichen mit deren Selbsteinschätzung zusammenhängen. Letztendlich sollen die Befunde dazu dienen, effektive Präventionsprogramme und politische Maßnahmen zu initiieren, von denen sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche profitieren könnten.

Sinnquellen können verstanden werden als Wertorientierungen, deren Umsetzung mit Sinnerfüllung einhergeht. Die Autoren dieser Studie unterscheiden zwischen den folgenden Sinnquellen:

  • Selbstbezogen: Materialismus, Hedonismus
  • Individualistisch: Persönliches Wachstum und Erfolg
  • Kollektivistisch: Gesellschaftliche, politische, humanistische Anliegen
  • Selbsttranszendent: Naturverbundenheit, Religiosität

Selbstbezogene Sinnquellen werden als niedrigste Stufe der Sinnquellen angesehen. Sie beziehen sich auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse und hedonistisches Vergnügen. Individualismus ist die zweite Stufe und fokussiert auf die Realisierung und Verwirklichung der eigenen Potentiale. Die nächste Ebene ist der Kollektivismus, der eine Zuwendung zu gesellschaftlichen Problemen und die Verbesserung der Gemeinschaft meint. Die höchste und letzte Stufe ist die Selbsttranszendenz. Diese Sinnquelle bedeutet, dass man die eigenen Grenzen überschreitet hin auf ein größeres Ganzes.

Sinnerleben ist das Ausmaß, in dem Menschen ihr Leben als bedeutsam, kohärent, zugehörig und zielgerichtet empfinden. Es wird vermutet, dass sowohl das Verfolgen von Sinnquellen wie auch das Sinnerleben gewinnbringend für die Entwicklung in der Jugend sind. Zudem fokussiert diese Studie auf die Selbsteinschätzung der Jugendlichen. Damit ist gemeint, wie bewusst Menschen über sich selbst reflektieren und die eigenen Charakteristiken bewerten können. Hier wurden zwei allgemeine Dimensionen der Selbsteinschätzung, nämlich das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit betrachtet. Das Selbstwertgefühl kann verstanden werden als Einschätzung des eigenen Selbstwertes. Selbstwirksamkeit ist der Glaube eines Individuums an die eigene Fähigkeit einen beabsichtigten Effekt zu erzeugen oder etwas zu verändern.

Aus der bisherigen Forschung ist bekannt, dass eine positive Selbsteinschätzung einen tiefgreifenden Einfluss auf die Identitätsbildung und die resultierenden Gedanken, Emotionen und das Verhalten hat. Außerdem konnte gezeigt werden, dass Jugendliche, die unter schlechten sozioökonomischen Bedingungen leben, eher dazu neigen eine negative Selbsteinschätzung aufzuweisen, was beispielsweise ihre schulischen Leistungen, die Teilnahme an schulischen Aktivitäten und die mentale Gesundheit beeinträchtigen kann.

Anhand einer Stichprobe von 373 Schülern aus gering verdienenden Haushalten in Hong-Kong wurde die vorliegende Untersuchung durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass ein positiver Zusammenhang zwischen Sinnerleben und der Selbsteinschätzung, also Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit besteht. Je mehr Sinn ein Mensch in seinem Leben empfindet, desto höher sind also auch sein Selbstwertgefühl und sein Gefühl der Selbstwirksamkeit.

Außerdem konnte ein positiver Zusammenhang der individualistischen, kollektivistischen und transzendenten Sinnquellen mit dem Selbstwertgefühl, aber nicht mit der Selbstwirksamkeit festgestellt werden. Interessant ist, dass die selbstbezogenen Sinnquellen überhaupt nicht in Zusammenhang mit der Selbsteinschätzung standen. Auch bei sozial benachteiligten jungen Menschen geht ein materielles und hedonistisches Streben also nicht mit Sinnerfahrung einher, wie die Autoren betonen.

Desweiteren konnte gezeigt werden, dass Selbstwirksamkeit vor allem dann hoch ausgeprägt ist, wenn Individualismus (persönliche Entwicklung) als sinnstiftend erlebt wird. Jugendliche, die der individualistischen Sinnquelle mehr Wert zusprachen, berichteten auch eine höhere Selbstwirksamkeit als Jugendliche, die dieser Sinnquelle weniger Wert zusprachen.

Die Ergebnisse wiesen darauf hin, dass das tatsächliche Sinnerleben eines Menschen letztendlich ein stärkerer Prädiktor für ein positives Selbstbild ist, als das Vorhandensein von verschiedenen Sinnquellen. Wichtig ist auch zu betonen, dass die Art der Sinnquellen eine große Rolle spielt. So hat eine Sinnquelle, die sich auf die Realisierung und Verwirklichung der eigenen Potentiale fokussiert, im Zusammenspiel mit Sinnerleben einen positiven Einfluss auf das Gefühl der Selbstwirksamkeit der Jugendlichen. Sinnerleben und der Zugang zu einer individualistischen Sinnquelle helfen Menschen womöglich dabei, Kontrolle über ihr Leben wahrzunehmen. Diese wiederum kann dazu motivieren, Herausforderungen anzunehmen, die mit Erfahrungen der Selbstwirksamkeit einhergehen.

Genauso kann man vor allem hinsichtlich der hier untersuchten Stichprobe davon ausgehen, dass die selbsttranszendente Sinnquelle noch keine so große Rolle spielt. Denn gerade Jugendliche in diesem Alter sind stark mit sich selbst beschäftigt, und es fällt ihnen womöglich schwer ihren Fokus auf das Überschreiten der eigenen Grenzen zu richten. Außerdem sollte man beachten, dass es sich hierbei um sozioökonomisch benachteiligte junge Menschen handelt, also eine Randgruppe der Gesellschaft, die gelernt hat sich, dass sie für ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen. So ist in ihrem Leben womöglich wenig Raum für kollektivistische Sinnquellen – obwohl der Kollektivismus gerade in der Kultur Chinas eine große Bedeutung hat.

Aus den Ergebnissen dieser Untersuchung lässt sich schließen, wie wichtig es ist, in der Förderung von Jugendlichen dem existentiellen Sinn mehr Bedeutung zu geben. So können sie reichere und tiefere Erfahrungen machen hinsichtlich der persönlichen Entwicklung, der Verbesserung von Beziehungen, der Teilnahme in der Gemeinschaft und der spirituellen Perspektive. Auch der Selbstwert erfährt dadurch eine Verstärkung, und eine höhere Selbstwirksamkeit fördert einen mutigen Blick auf sich selbst und das eigene Leben.

Zusammengefasst von Miriam Böhmer

Psychologie des Lebenssinns

Schnell, T. (2016). Psychologie des Lebenssinns. Heidelberg, Berlin, New York: Springer

Cover_Psychologie_des_Lebenssinns

Endlich – eine deutschsprachige Darstellung der Erkenntnisse der empirischen Sinnforschung, allgemeinverständlich und mit praktischem Bezug!

Was ist Sinn, und wie kann man ihn wissenschaftlich erfassen? Wie entsteht Sinn? Wie stabil ist er, wann kann man von Veränderungen ausgehen? Gibt es Zusammenhänge mit der Persönlichkeit oder demographischen Daten? Welche Lebensbedeutungen finden sich, und wie sehen sie konkret aus? Wann kommt es zu Sinnkrisen? Was ist existenzielle Indifferenz? Wie unterscheiden sich Sinn und Glück? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Sinn, Gesundheit und Krankheit? Gibt es bereits validierte Verfahren zur Stützung der Sinnhaftigkeit? Wann wird Berufsarbeit als sinnvoll erlebt?

Die Themen werden wissenschaftlich fundiert behandelt und in Bezug zu gesellschaftlichen Entwicklungen gesetzt. Jedes Kapitel bietet außerdem Übungen, die eine weitergehende Verarbeitung der Themen durch Introspektion und Selbstexploration ermöglichen.

Sinnerleben versus Entfremdung am Arbeitsplatz

Shantz, A., Alfes, K., & Truss, C. (2014). Alienation from work: Marxist ideologies and twenty-first-century practice. The International Journal of Human Resource Management, 25(18), 2529-2550.

In diesem Forschungsprojekt wurden spezifische Vorbedingungen und Auswirkungen von Arbeitsentfremdung nach Marx (1844/2005) untersucht. Marx (1844/2005) definierte Arbeitsentfremdung als die Abspaltung des Arbeiters sowohl vom Produkt, von der Arbeitstätigkeit und von den anderen Mitarbeitern. Nach Marx (1844/2005) ist die ökonomische Infrastruktur der Gesellschaft verantwortlich für die Arbeitsentfremdung, welche wiederum weiterführend zur (allgemeinen) sozialen Entfremdung führt. Anhand der Theorien von Marx (1844/2005) überprüften die Forscherinnen nun an der modernen Arbeitswelt drei Faktoren: Einflussnahme auf der Arbeit, Person-Job Fit (die Passung zwischen dem Wissen, den Fertigkeiten und den Fähigkeiten einer Person mit den Anforderungen eines Jobs; Edwards, 1991) und Sinnerleben bei der Arbeit, welche alle einer Arbeitsentfremdung entgegenwirken könnten.

In Anlehnung an Karger (1981) und dessen Aufruf zum Kampf gegen Arbeitsentfremdung untersuchten die Forscherinnen noch zwei weitere Faktoren, bei denen sie von Folgewirkungen durch Arbeitsentfremdung ausgehen: während emotionale Erschöpfung mit Arbeitsentfremdung positiv zusammenhängen könnte, könnte Wohlbefinden mit Arbeitsentfremdung negativ zusammenhängen. Es wurden Fragebögen über Arbeitsentfremdung und die weiteren fünf Faktoren an Arbeiter einer Plastikmanufaktor in Großbritannien ausgeteilt. Unter den untersuchten Teilnehmern befanden sich die zwei großen Arbeitsgruppen von knapp 60% Prozess-, Anlagen- und Maschinenbedienern und knapp 20% Führungskräfte, sowie mehrere kleinere Arbeitsgruppen.

Es konnten alle Hypothesen der Forscherinnen bestätigt werden, sodass zusammengefasst davon ausgegangen werden kann, dass sowohl Einflussnahme auf der Arbeit, Person-Job Fit und Sinnerleben, als auch emotionale Erschöpfung und geringeres Wohlbefinden mit Arbeitsentfremdung zusammenhängen.

Interessant ist der Umstand, dass sich die insgesamt sechs Faktoren gegenseitig beeinflussen, aber alle hinsichtlich ihrer Eigenständigkeit voneinander unabhängige Konstrukte darstellen. Überlegungen, dass Arbeitsentfremdung möglicherweise in einem bipolaren Gegensatz zu einem anderen psychischen Phänomen, z. B. zu Engagement (Hirschfeld und Feild, 2000) oder zu Involviertsein (Kanungo, 1982), stehen könnte, stehen die Forscherinnen eher kritisch gegenüber. Da aber in der Realität komplexe Zusammenhänge mit mehreren psychischen Phänomenen bestehen, z. B. das, wie in diesem Forschungsprojekt, Sinnerleben, aber auch Einflussnahme auf der Arbeit und Person-Job Fit negativ mit Arbeitsentfremdung zusammenhängen, könnte man daraus den Schluss ziehen, dass das Verhältnis von zwei bestimmten Konstrukten, wie zwischen Sinnerleben und Entfremdung bei der Arbeit, eventuell nicht durch eine einfache Gegensätzlichkeit erklärt werden kann, sondern die zwei Konstrukte möglicherweise (kurz gesagt) in einem immer gleichzeitig interagierenden, prinzipiell nie komplett aufklärbaren Verhältnis zueinander stehen (Georgi, 2016).

Das Forschungsprojekt zeigt, durch welche dynamische Veränderungen von Seiten der Arbeitgeberschaft Arbeitsentfremdung entgegengewirkt werden kann und mit welchen Folgen zu rechnen ist. Es bleibt abzuwarten, ob die Arbeitgeberschaft der modernen Arbeitswelt das Problem auch im Rahmen der tendenziellen Entwicklung von der (allgemeinen) Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und der damit einhergehenden höheren Komplexität der Entfremdungsphänomene durch zusätzliche Verschiebung von der Arbeits- zur sozialen Entfremdung (Weber, 2006) bewältigen wird.

Quellen:

Edwards, J. R. (1991). Person-Job Fit: A conceptual integration, literature review, and methodological critique. International Review of Industrial and Organizational Psychology, 6, 283-357.

Georgi, M. (2016). Angewandter Komplementarismus zur Erklärung des Absurden: Das Ergebnis der nicht-kommutierenden Formel zur synchronistischen Entfremdung vom Lebenssinn. Unveröffentlichte Seminararbeit. Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Hirschfeld, R. R., & Feild, H. S. (2000). Work centrality and work alienation: Distinct aspects of a general commitment to work. Journal of Organizational Behavior, 21, 789-800.

Kanungo, R. N. (1982). Work Alienation. New York: Praeger.

Karger, H. J. (1981). Burnout as alienation. Social Service Review, 55, 270-283.

Marx, K. (1844/2005). Ökonomisch-philosophische Manuskripte. Hamburg: Felix Meiner Verlag.

Weber, W. G. (2006). Added Value statt menschlichen Werten? Zur Genese von sozialer Entfremdung in Arbeit und sozialer Interaktion. Journal für Psychologie, 14, 120-146.

Zusammengefasst von Markus Georgi

Die Bedeutung von Lebenssinn in der Psychotherapie: Eine Perspektive von erfahrenen Psychotherapeuten

Hill, C., Kanazawa, Y., Know, S., Schauerman, I., Loureiro, D., James, D., Carter, I., Kind, S., Razzak, S., Scarff, M. & Moore, J. (2015). Meaning in life in psychotherapy: The perspective of experienced psychotherapists. Psychotherapy Research. (E-Publication ahead of print)

Viele Menschen sind auf der Suche nach einem Lebenssinn und stellen sich Fragen wie „Wofür lebe ich eigentlich?“ oder „Wie sinnvoll ist das, was ich tue?“. Es wurde vielfach empirisch bestätigt, dass das Erleben von Sinn für ein erfülltes Dasein essenziell ist und Menschen etwas benötigen, wofür es sich zu leben lohnt. Sehr häufig ist der Mangel an Sinnerleben ein Auslöser für psychische Krankheiten und ein Grund sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen.

Existentieller Ansatz Die existentielle Psychotherapie geht davon aus, dass ein als sinnlos empfundenes Leben der wesentliche Grund dafür ist, dass der Mensch körperlich oder psychisch krank wird. TherapeutInnen unterstützen die KlientInnen auf verschiedene Arten und Weisen bei der Sinnsuche und der Beseitigung von Blockaden bzw. Hindernissen, die einem sinnerfüllten Leben entgegenwirken.

Eine Studie von Hill et.al. hat die Bedeutung von Lebenssinn in der Psychotherapie genauer untersucht. Hierbei wurden 13 erfahrene Psychotherapeuten mit eigener Praxis in den USA interviewt. Gemäß der Selbsteinschätzung der Teilnehmer orientieren sich diese bei ihrer Arbeit größtenteils am existentiellen Ansatz.

Die Probanden wurden in einem ersten Schritt über ihr persönliches Sinnerleben, welches sie aus der Arbeit als Psychotherapeut ziehen, befragt. Des Weiteren wurden sie aufgefordert über zwei Klienten, die sie in naher Vergangenheit betreut hatten oder momentan behandelten, zu berichten. Einer dieser Klienten soll sich mit einem expliziten Anliegen im Bezug auf Lebenssinn an den Psychotherapeuten gewandt haben (expliziter Klient). Der andere soll wegen eines Problems, welches nur indirekt die Sinnsuche impliziert, Hilfe gesucht haben (impliziter Klient).

Die so gewonnenen Daten wurden im Anschluss an die Erhebung ausgewertet und können folgendermaßen zusammengefasst werden. Demnach erleben Psychotherapeuten ihre Arbeit als sehr erfüllend, da sie ihnen persönliches, intellektuelles und emotionales Wachstum ermögliche. Darüber hinaus empfänden sie die Vorstellung anderen zu helfen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen als sehr bereichernd. Ein Proband äußerte sich in diesem Zusammenhang beispielsweise wie folgt: „It gives me meaning, if I can help alleviate their suffering in some way, help them see their lives differently or from a different perspective, help them have more love and compassion for themselves, and see themselves as more than their struggles“

Ein Großteil der Teilnehmer äußerte, dass Sinnerleben die Essenz der Menschlichkeit sei und mit allen Problemen ihrer Klienten in gewisser Weise zusammenhänge. Laut den Psychotherapeuten wiesen alle Klienten psychologischen Distress (negativer Stress) auf und waren auf der Suche nach Sinn. Klienten mit expliziten Gedanken über ihren Lebenssinn wiesen öfter gesundheitliche und zwischenmenschliche Probleme auf. Daher lässt sich vermuten, dass diese Herausforderungen häufig die Beschäftigung mit dem eigenen Sinn im Leben auslösen. Mit eben genannten Klienten sei es einfacher über ihr Sinnerleben zu sprechen, mögliche Sinnquellen zu explorieren und Sinnfragen zu beantworten. Bei impliziten Klienten würden oft andere Probleme im Vordergrund stehen. Nach der erfolgreichen Bewältigung dieser Herausforderungen wären jene allerdings genauso offen und motiviert über ihren Lebenssinn nachzudenken. Die Psychotherapeuten nannten hierbei verschiedene Verfahren, die sie, abgestimmt auf den Klienten, im Bezug auf das Sinnerleben erfolgreich anwandten.

Abschließend lässt sich sagen, dass das Sinnerleben sowohl für Psychotherapeuten als auch Klienten in der Psychotherapie von Bedeutung ist. In Zukunft sollten Psychotherapeuten gezielte Trainings über die Arbeit und Beschäftigung mit Sinnfragen in Therapie erhalten und die Klienten dadurch vermehrt stärken bzw. unterstützen. Denn wie oben bereits genannt, unterliegt die Suche nach Sinn sehr häufig psychischen Krankheiten und ein wiedergewonnenes Gefühl von Sinnhaftigkeit kann den Genesungsprozess sehr begünstigen.

Zusammengefasst von Lena Seitzer

Soziale Verbundenheit als Quelle und Konsequenz von Sinnerfüllung

Stavrova, O., & Luhmann, M. (in press). Social connectedness as a source and consequence of meaning in life. The Journal of Positive Psychology.

In diesem Forschungsprojekt wurden mögliche Effekte von Lebenssinn auf soziale Verbundenheiten und umgekehrt untersucht. Die sozialen Verbundenheiten werden in die drei Formen der intimen (Partner oder Ehepartner), relationalen (Familie und Freunde) und kollektiven (soziale Gruppen) Verbundenheit unterschieden (Cacioppo & Cacioppo, 2012; Hawkley, Browne, & Cacioppo, 2005). Es wurden zwei Studien durchgeführt. In der ersten Studie wurden Selbstbericht-Daten von zwei Zeitpunkten mit Abstand von zehn Jahren der längsschnittlichen Midlife in the United States Studie (MIDUS; Ryff et al., 2012) entnommen. Sinnerfüllung wurde zehn Jahre nach Berichten der Personen über ihre sozialen Verbundenheiten gemessen. Während im Abstand von zehn Jahren Sinnerfüllung alle Formen der sozialen Verbundenheit verstärkt, führt nur kollektive Verbundenheit zu einer höher berichteten Sinnerfüllung.

In der zweiten Studie der Forscherinnen wurden aktive Veränderungen im sozialen Umfeld aus Daten vom British Household Panel Survey (BHPS; Taylor, Brice, Buck, & Prentice-Lane, 2009) entnommen. Die Veränderungen im kollektiven Bereich wurden mit der Anzahl der Mitgliedschaften in Freiwilligenorganisationen zwischen zweit Zeitpunkten mit Abstand von zwei Jahren, im intimen Bereich durch Veränderungen im Ehe-Status zwischen zwei Zeitpunkten mit Abstand von sieben Jahren gemessen. Im kollektiven Bereich zeigte sich bei höherer Sinnerfüllung zwei Jahre später eine höhere Steigerung der Anzahl der Mitgliedschaften. Im intimen Bereich zeigte sich bei höherer Sinnerfüllung sieben Jahre später, dass eher geheiratet wurde. Die Scheidungsrate war bei Personen mit höherer Sinnerfüllung geringer, allerdings nur, wenn diese mit der Ehe zufrieden waren.

Zusammengefasst konnte also festgestellt werden, dass Sinnerfüllung alle Formen der sozialen Verbundenheiten verstärkt, während umgekehrt nur kollektive Verbundenheit die Sinnerfüllung erhöht und damit eine bidirektionale Beziehung zur Sinnerfüllung aufweist.

Soziale Verbundenheit ist ein Faktor, der maßgeblich zur Lebensqualität beitragen kann. Sie wird sogar von manchen Menschen als Teil des Lebenssinns selbst wahrgenommen. So könnte beispielsweise intime Verbundenheit der Sinnquelle „Liebe“ (beschrieben als Romantik und Intimität) oder relationale Verbundenheit der Sinnquelle „Gemeinschaft“ (beschrieben als menschliche Nähe und Freundschaft) zugeordnet werden (Schnell & Becker, 2007).

Wie in der oben dargestellten Studie gezeigt wurde, führt höhere Sinnerfüllung nur bei glücklicher Ehe zu einer geringeren Scheidungsrate. Wichtig ist, dass nicht an eine intime Verbundenheit zu einem (Ehe-)Partner festgehalten wird, die gar nicht mehr existiert. Ein Gespräch über eine mögliche Trennung/Scheidung kann eine Option darstellen, die, mit dem nötigen Respekt und der entsprechenden Rücksicht auf den Partner durchgeführt, zu einer gemeinsamen Erkenntnis führen kann, dass vielleicht beide Partner für die Voraussetzungen einer intimen Verbundenheit nicht mehr zueinander passen. Insbesondere dann, wenn einer der beiden Partner die Beziehung bedauerlicherweise überhaupt gar nicht mehr fortsetzen will.

Auch die kollektive Verbundenheit kann, wie man u. A. an der bidirektionalen Beziehung zur Sinnerfüllung erkennt, einen wichtigen Teil im Leben darstellen. Auch wenn manche Menschen von sich behaupten, dass ihnen andere Mitmenschen und soziale Kontakte vollkommen egal wären, ist fraglich, ob gerade dieses subjektive Gefühl nicht bloß Einbildung ist. So kann es z. B. im Bereich der Freiwilligenarbeit allemal ein Versuch wert sein, sich über die sehr breitgefächerten Möglichkeiten des Mitwirkens unverbindlich zu informieren.

Zusammengefasst von Markus Georgi

Quellen:

Cacioppo, J. T., & Cacioppo, S. (2012). The phenotype of loneliness. European Journal of Developmental Psychology, 9, 446-452. doi:10.1080/17405629.2012.690510

Hawkley, L. C., Browne, M. W., & Cacioppo, J. T. (2005). How can I connect with thee? Let me count the ways. Psychological Science, 16, 798-804. doi:10.1111/j.1467-9280.2005.01617.x

Ryff, C., Almeida, D. M., Ayanian, J. S., Carr, D. S., Cleary, P. D., Coe, C., … Williams, D. (2012). National Source of Midlife Development in the United States (MIDUS II), 2004-2006. ICPSR04652-v6. Ann Arbor, MI: Inter-university Consortium for Political and Social Research [distributor], 2012-04-18. doi:10.3886/ICPSR04652-v6

Schnell, T., & Becker, P. (2007). Der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe). Göttingen: Hogrefe.

Taylor, M. F., Brice, J., Buck, N., & Prentice-Lane, E. (2009). British Household Panel Survey User Manual Volume A: Introduction, technical report and appendices. Colchester, England: University of Essex.

Steil, aber machbar! Wie Sinn dazu beiträgt, dass Herausforderungen realistisch und bewältigbar erlebt werden

Burrow, A. L., Hill, P. L., Summer, R. (2016). Leveling mountains: Purpose attenuates links between perceptions of effort and steepness. Personality and Social Psychology Bulletin, 42, 94-103.

Unsere Wahrnehmung von Steigung ist oft ungenau, und wir schätzen diese meist steiler ein, als sie tatsächlich ist. So konnten viele Experimente zeigen, dass Menschen geometrische Steigungen überschätzen: Dabei handelte es sich sowohl um reale Berge und Treppenhäuser wie auch um virtuelle Steigungen, die lediglich auf Computerbildschirmen abgebildet wurden.

Aber was könnte es sein, das uns dazu bringt, die Steigung eines Berges so falsch einzuschätzen? Hier konnte die Forschung bereits zeigen, dass die Stärke der überschätzten Steigung mit der erwarteten benötigten Anstrengung zur Besteigung des Berges zusammenhängt. Genauso konnte festgestellt werden, dass die Einschätzung der Steilheit von Steigungen damit zusammenhängt, wie stark man sich psychisch und physisch belastet fühlt. Wenn diese Belastung hoch ist, ist auch die Überschätzung der Steigung höher.

Nun stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen ein Individuum einen Berg zwar als steil wahrnimmt, die Anstrengung aber nicht überschätzt. Welche Ressourcen können uns Motivation oder Durchhaltevermögen in harten Situationen verleihen? Durch Bezugnahme auf Forschungsergebnisse der Vergangenheit ging man in dieser Studie davon aus, dass Sinn im Leben eine solche Ressource darstellen könnte. Man vermutete, dass Menschen, die eine starke Sinnerfüllung haben und mit einer Herausforderung konfrontiert sind, die dafür benötigte Anstrengung als geringer einschätzen. Beeinflusst Sinn im Leben womöglich die Wahrnehmung von Herausforderungen?

Die hier vorgestellte Untersuchung bestand aus vier Studien, die den Zusammenhang zwischen der eingeschätzten Anstrengung, eine Steigung zu bewältigen, und der Wahrnehmung der Steilheit in Abhängigkeit vom Sinnerleben untersuchten. Man postulierte: Je präsenter der Sinn bei einem Menschen, desto schwächer die Beziehung zwischen der eingeschätzten Anstrengung und der wahrgenommenen Steigung.

Einerseits wurde den Probanden eine virtuelle Steigung präsentiert, und sie sollten die Steigung und die dafür geglaubt benötigte Anstrengung, um an den Gipfel zu gelangen, einschätzen. Desweiteren wurden diese zwei Faktoren gemessen, während die Probanden reale Berge sahen. Es zeigte sich: Je höher die Anstrengung zur Erreichung des Gipfels eingeschätzt wurde, desto mehr wurde auch die Steigung des Berges überschätzt. Andererseits konnte man aber feststellen, dass bei Menschen, die grundsätzlich mehr Sinn empfanden, der Zusammenhang zwischen der eingeschätzten Anstrengung und der Steigungsüberschätzung abnahm. Sinn führte also zu einer geringeren Überschätzung der Steigung. Sogar wenn die Anstrengung als hoch eingeschätzt wurde, wurde die Steigung weniger überschätzt. Diese Effekte konnten einerseits bei virtuellen Steigungen, andererseits bei realen Bergen gezeigt werden. Sie zeigten sich sogar bei Menschen, die sich nur kurz mit dem Thema Sinn während der Studie beschäftigten, indem sie einen Text über dieses Thema verfassten!

Hieraus lässt sich schließen, dass Sinn unsere Einschätzung von Ansteigungen beeinflusst, indem die Annahme, wie viel Anstrengung nötig ist, um diese Herausforderung zu bewältigen, von der Wahrnehmung der Steilheit der Steigung entkoppelt wird. Wir nehmen die Steigung unabhängig von der vorgestellten Anstrengung wahr.

Es ließ sich also bestätigen, was die bisherige Forschung auch schon zeigen konnte: Sinn im Leben stellt eine fundamentale Kraft und Quelle der Motivation dar, um Herausforderungen standzuhalten. Neu ist, dass diese Tatsache auch bei der visuellen Wahrnehmung und bei physischen Herausforderungen festgestellt werden konnte. Interessant ist, dass sogar schon durch das Schreiben eines Textes über Sinn die selben Zugewinne produziert werden konnten wie bei Menschen, die hohe Werte an dispositionalem Sinn, also dem überdauernd empfundenen Sinn im Leben, aufweisen.

Genauso konnte festgestellt werden, dass Sinn mehr ist als nur das „sich Ziele Setzen“ im Leben. Das Konstrukt Sinn ähnelt mehr dem Konzept des Kohärenzsinns, der Menschen dazu befähigt, ihr Leben auch bei großen Herausforderungen gut zu meistern, indem sie vorhandene Ressourcen richtig identifizieren und anwenden können. Sinn ist also eine länger andauernde Ressource, eine robustere Motivationsquelle als spezifische Ziele, die man sich im Leben setzt.

Desweiteren ist hervorzuheben, dass der empfundene Sinn nicht dazu führte, dass die Steigung zunächst als geringer wahrgenommen wurde, um dann zu bewirken, dass auch die Anstrengung als geringer eingeschätzt wurde. Das Empfinden von Sinn verändert also nicht direkt unsere visuelle Wahrnehmung. Es ist eher so, dass wir durch Sinn Herausforderungen realistischer wahrnehmen und sie dann auch als bewältigbarer empfinden. Sinn kann also unsere Einschätzungen unserer Ressourcen beeinflussen. Dies kann unter fast jeder Bedingung im Leben gewinnbringend und erleichternd wirken, wo die Einschätzung von Anstrengungen als sehr hoch empfunden wird – was uns womöglich von bereichernden Erfahrungen abhalten könnte.

Schon allein die Beschäftigung mit Sinn kann dazu führen, dass wir Zugriff auf eine Ressource bekommen, die uns dazu motiviert, uns Herausforderungen zu stellen. Dies ist eine bedeutsame Erkenntnis – und vielleicht ein Grund mehr, sich auf www.sinnforschung.org umzuschauen?!

Zusammengefasst von Miriam Böhmer

 

Welche Rolle spielt ‚meaning-making‘ für die psychosoziale Gesundheit von kriegstraumatisierten Menschen?

Badri, A., Crutzen, R., Eltayeb, S. & Van den Borne, H.W. (2013). Promoting Darfuri women`s psychosocial health: developing a war counsellor training programme tailored to the person. EPMA Journal, 4(1), 10.

Jeden Tag kommen Tausende Flüchtlinge nach Europa. Diese Menschen fliehen vor Krieg und Elend und nehmen aus Verzweiflung einen oft monatelangen Weg auf sich. Wenn sie im neuen Land ankommen, sind sie häufig schwer traumatisiert, benötigen psychosoziale Beratung und brauchen einige Zeit um im Ankunftsland Fuß zu fassen.

Im Bezug auf diese Problematik ist die folgende Studie von Badri et al. sehr interessant. Sie entwickelten Leitlinien für ein Trainingsprogramm für Traumaberater, um die vom jahrelangen Krieg traumatisierte Frauen aus Darfur, Sudan, zu behandeln.

Dabei untersuchten sie zahlreiche weibliche Studenten der Ahfad University for Women (AUW) in Omdurman City, Khartoum State. Diese privat finanzierte Universität nimmt Frauen aus dem Kriegsgebiet auf und sichert ihnen somit die Zukunft.

Untersucht wurde sowohl qualitativ (20 Probandinnen durch narrative Interviews) als auch quantitativ (116 Probandinnen durch verschiedene Fragebögen, wie die Resilienzskala, der Harvard Trauma Questionnaire (HTQ) und die Hopkins Symptom Checklist-25 (HSCL-25)).

Hierbei wurde festgestellt, dass viele Frauen Symptome für psychische Störungen aufweisen. Allerdings fanden sie heraus, dass sich ein moderater Teil der Frauen als resilient, also psychisch widerstandsfähig, zeigt und sich bestimmten Bewältigungsmechanismen bedient, um mit den extremen Belastungen umzugehen. Diese sind vor allem religiöse Erklärungen bzw. Praktiken, die Suche von sozialer Unterstützung, ein optimistischer Zukunftsblick und das Zuschreiben von Bedeutung, das sogenannte meaning-making“. Hierbei geben sie den unveränderlichen Ereignissen einen Sinn und passen ihre Gedanken, Prioritäten und Ziele im Leben an die neue Situation an. Diese neue Sinnhaftigkeit erleichtert ihnen mit der Situation umzugehen oder sogar daran zu wachsen.

Deshalb sollte in der Traumaberatung die Nutzung dieser protektiven Mechanismen ganz besonders gefördert werden. Außerdem sollten Traumaberater…

  • spezifisches Wissen über die vielschichtigen psychosozialen Bedürfnisse sudanesischer Frauen besitzen (von Normen und Rollen der Gesellschaft bis zu durch den Wohnortwechsel bedingte Herausforderungen);
  • Diagnostikinstrumente, verschiedene Techniken und Therapien kennen und anwenden können;
  • die Therapie möglichst in einem Gruppensetting ansetzen (kosteneffizient und erleichtert die Identifikation der Klienten mit Anderen), und
  • bestimmte Persönlichkeitseigenschaften wie Empathie und Respekt aufweisen.

Aus diesen Ergebnissen lässt sich folgern, dass der Prozess des „meaning-making“ einen wesentlichen Faktor bei der Behandlung bzw. für die Genesung von kriegstraumatisierten Menschen darstellt. Zusätzlich muss die Therapie auf deren speziellen Bedürfnisse abgestimmt sein.

Diese Erkenntnisse kann man gut auf die in Europa ankommenden Flüchtlinge übertragen. Einige davon, die schon länger hier sind und einen Aufenthaltsstatus besitzen, sind immer noch schwer traumatisiert und benötigen psychosoziale Hilfe. Diese sollten vor allem durch eine sinnstiftende und auf ihre Kultur im Herkunftsland abgestimmte Therapie aufgefangen und behandelt werden. Zusätzlich wird auch die Frage aufgeworfen, ob man das Risiko von Traumafolgeschäden schon minimieren könnte, indem man Flüchtlingen früher die Möglichkeit zur eigenständigen Entwicklung von Zukunftsperspektiven gewährt, damit ihnen die Zuschreibung von Sinn zum neuen Leben überhaupt gelingen kann. Dies könnte in verschiedener Weise erfolgen, zum Beispiel durch die Gelegenheit des früheren Arbeitseinstiegs.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Integration der vielen ankommenden, oft kriegstraumatisierten, Menschen eine große Herausforderung darstellt. Durch die geeigneten Maßnahmen und der Förderung des Sinnerlebens der bedürftigen Asylbewerber in der neuen Heimat können aber schon große Schritte in die richtige Richtung getan werden.

Zusammengefasst von Lena Seitzer

 

 

Sinnkrisen und Suizidalität – eine Studie in Ecuador

Gerstner, R. (2012). Risikofaktoren und protektive Faktoren für Suizidalität bei ecuadorianischen Jugendlichen in Santo Domingo de los Tsáchilas. Universität Tübingen: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

 

Zusammenfassung

Für die vorliegende Studie wurden 330 Schüler der 13. Klasse aus vier verschiedenen Schulen Santo Domingo de los Tsáchilas hinsichtlich Suizidalität und deren Prädiktoren befragt. Es sollte untersucht werden, ob und in welchem Grad Suizidalität bei dieser Stichprobe vorhanden ist und welche Faktoren diese beeinflussen. Es zeigte sich, dass passive Suizidgedanken, das heißt, der Wunsch tot zu sein, bei mehr als der Hälfte der Jugendlichen in den letzten 12 Monaten vorhanden waren. Aktive Suizidgedanken (Gedanken, sich das Leben zu nehmen) und Suizidpläne lagen bei ca. einem Viertel der Teilnehmer(innen) in dem genannten Zeitraum vor. Fast 17% der Stichprobe hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon versucht das Leben zu nehmen, wobei das Verhältnis Männer – Frauen bei 7:1 lag. Durch die Ausprägung von Depressionen, Sinnkrisen und psychosozialen Belastungen konnte sowohl bei Männern als auch bei Frauen ein Großteil der Varianz für Suizidalität vorhersagt werden. Schutzfaktoren waren dagegen nur bei Männern wirksam, Familienfunktionalität und Sinnerfüllung wirkten bei diesen als Schutz gegen Suizidgedanken, -pläne und -versuche.

Zusätzlich wurde aufgrund theoretischer Annahmen und experimenteller Untersuchungen verschiedener Forscher postuliert, dass interfamiliäre-, interpersonelle Belastungen und traumatische Erfahrungen durch vermittelnde Prozesse (Mediatoren) wie Depressionen und Sinnkrise zu Suizidalität führen könnten. Des Weiteren wurde angenommen, dass Sinnerfüllung als Schutzfaktor gegen suizidale Gedanken und Verhaltensweisen wirkt. Diese Annahmen ließen sich teilweise verifizieren. Erlebnisse wie häusliche Gewalt, die Erkrankung oder der Unfall eines Familienmitgliedes, der Tod einer Nahestehenden Person, Konflikte mit dem besten Freund und der Betrug des Partners wurden nur dann als Prädiktoren für Suizidalität bestätigt, wenn die Jugendlichen auch depressiv waren und keinen Sinn mehr in ihrem Leben sahen. Die traumatische Erfahrung des sexuellen Missbrauches wirkte, bei Berücksichtigung von Mediatoren wie Depression, Sinnkrise und Sinnerfüllung, in geringerem Grad auf Suizidalität, was für eine partielle Mediation spricht.

Dies bedeutet für die Suizidprävention bei ecuadorianischen Jugendlichen, dass der Fokus auf Strategien zur Bewältigung von Depressivität und Sinnkrise, gelegt werden sollte. Durch Verbesserung dieser beiden emotionalen und geistigen Zustände kann demnach ein wichtiger Beitrag zur Suizidprävention geleistet werden. Jugendliche, die sich in schwierigen Situationen befinden, wie z.B. dem Miterleben von Gewalt zuhause, können möglicherweise vor Suizidgedanken, -plänen und versuchen geschützt werden, indem ihnen geholfen wird, Mechanismen zur Bewältigung von Depressionen zu entwickeln und ihrem Leben einen Sinn zu geben, bzw. ihm einen Sinn zu entringen.

Die Hypothesen, welchen diese Studie zugrundeliegt, bauen auf theoretischen Annahmen auf, die teilweise mit Längsschnittstudien belegt sind. Da die vorliegende Studie jedoch an einem einzigen Erhebungsdatum durchgeführt wurde, kann nicht belegt werden, welche Variable die andere tatsächlich beeinflusst hat. Weitere empirische Untersuchungen, insbesondere Längsschnittstudien, sind notwendig um die Ergebnisse zu bestätigen und kausale Schlüsse ziehen zu können.

Hier können Sie die Arbeit als pdf herunterladen. Zitieren bitte wie oben angegeben.

„Du siehst aber sinnerfüllt aus!“ Eine Studie zur interpersonellen Sinnwahrnehmung

Thüringer, A.-L. (2014). „Du siehst aber sinnerfüllt aus!“ Eine Studie zur interpersonellen Sinnwahrnehmung. Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

Zusammenfassung

Der Fokus dieser Arbeit lag auf der Fragestellung, ob es möglich ist, die Sinnerfüllung einer anderen Person wahrzunehmen. Hierzu wurde ein Experiment durchgeführt, in welchem sich zwei fremde Personen zehn Minuten lang unterhielten und daraufhin die Sinnerfüllung ihres Gesprächspartners einschätzten. Wie sich in der Hypothesenprüfung herausstellte, ist eine adäquate Beurteilung der Sinnerfüllung einer anderen Person nicht möglich. Weiterhin wurde untersucht, ob andere Konstrukte bei der Bewertung von Sinn einen Einfluss haben. Hier zeigte sich, dass weder der Selbstwert noch die Persönlichkeit im Zusammenhang mit der Sinnerfüllungswahrnehmung stehen.
Allerdings wurden zwei Korrelationen mit der sichtbaren Sinnerfüllung bestätigt, nämlich die zur Attraktivität und die zur eigenen Sinnerfüllung. So werden attraktivere Menschen höher sinnerfüllt wahrgenommen und Menschen, welche selber sinnerfüllt sind, beurteilen ihren Gesprächspartner höher in dessen Sinnerfüllung. Die sichtbare Sinnerfüllung ist somit eine Projektion der eigenen Sinnerfüllung, und unabhängig von der tatsächlichen Sinnerfüllung, der zu bewertenden Person.
Direkt im Anschluss an das Experiment wurden zusätzlich Interviews durchgeführt, in welchen nach Gründen der Sinnerfüllungsbeurteilung gefragt wurde. Hier ergaben sich im Rahmen der Auswertung folgende Kategorien: Nonverbale Komponente, Verbale Komponente, Interpretation von Gesprächsinhalten, Intuition, Äußere Kennzeichen, Sympathie, Verweis auf Ähnlichkeit und Attraktivität. So sind es vor allem die nonverbalen und verbalen Signale des Gesprächspartners, welche zu einer Beurteilung des Sinnniveaus von diesem führen. Weiterhin kann man anhand der Interviews feststellen, dass verschiedenste Eindrücke und Gedanken eine Rolle im Bewertungsprozess spielen, was wiederum die Komplexität des Konstrukts Lebenssinn
widerspiegelt.

Hier geht’s zum PDF der Abschlussarbeit (zitieren: Thüringer, A.-L. (2014). „Du siehst aber sinnerfüllt aus!“ Eine Studie zur interpersonellen Sinnwahrnehmung. Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit. www.sinnforschung.org)

Sinnsuche im Jahr 2014: Woran glauben? Der Film, das Buch

Nach mehr als einem Jahr reger Diskussion auf der Website des Bayrischen Rundfunks (woran glauben?), nach über 10.000 mit dem Cred-O-Maten (Schnell, 2013) erhobenen Datensätzen und folgender Datenanalyse fassen Christiane Miethge und Eva Achinger zusammen: Glaube muss nichts mit Religion zu tun haben, er ist ein sinnstiftendes Vertrauen in eine Überzeugung.

In dem Doku-Film „Woran glauben“ (Eva Achinger, Christiane Miethge) werden exemplarisch vier individuelle Glaubensformen dargestellt: die Religiöse, die spirituelle Atheisten, der Wissenschaftsgläubige und die Spirituelle.

Mit ohne GottUnd in ihrem Buch „Mit ohne Gott – Sieben Einsichten, woran man alles glauben kann“ beschreibt Christiane Miethge auf persönliche und geistreiche Art, wie Menschen im 21. Jahrhundert Sinn finden – sowohl mit Gott, wie auch ohne.

 

Glaube und Psychopathologie

A: Hattest du schon einmal einen Moment in deinem Leben, als dir jemand sagte, du solltest an dich glauben, einen Moment also, in dem dir jemand durch diese Worte Hoffnung und Mut gab? Lass uns mal über die Funktion solch eines Glaubens nachdenken! Bringt also das Glauben nicht immer etwas Positives mit sich, eine Art Vertrauen und Zuversicht?

B: Du meinst, dass man in Folge seines Glaubens (an sich selbst) seine Handlungsmöglichkeiten weiter wahrnimmt und nicht verzagt? Ich weiß nicht. Kann man nicht etwas glauben, was einem emotional und motivational eher zusetzt, als dass es einem Hoffnung und Antrieb gibt? Ich denke da zum Beispiel an einen angstvollen, die Aktivität lähmenden Glauben an einen kommenden Krieg oder Ähnliches, also an jemanden, der resigniert.

 A: Wenn ich genau darüber nachdenke, muss ich mich auch selbst revidieren. Ich kann ja auch an die Hölle glauben und mich vor ihr fürchten. Aber andererseits kann man sogar diesem Glauben etwas Positives abgewinnen. Nämlich in seiner Funktion, den Handlungsraum zu strukturieren und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Menschen, die sich vor der Hölle fürchten, könnten versuchen weniger zu sündigen und mehr Gutes zu tun. Ein Glaube bringt also Orientierung, ermöglicht dem Menschen sich mit Blick auf zukünftige Handlungen sinnvoll auszurichten.

B: Ich verstehe, auf was du hinaus möchtest. Die Funktion des Glaubens einen Handlungsraum und somit potentielle Handlungsoptionen aufzuzeigen ist natürlich positiv zu sehen. Dein Beispiel geht mir aber noch nicht weit genug. Ich bezweifle nämlich, dass ein Glaube diese Funktion in jedem Fall erfüllen kann. In deiner Geschichte bleibt der Mensch Akteur, bzw. steht das Agieren nie außer Frage. Aber muss das immer so sein? Kann ein an einen drohenden Krieg Glaubender nicht aufgrund wahrgenommener Hilflosigkeit und Aussichtslosigkeit in eine Depression fallen? Bis auf das Symptom der Agitiertheit würde ich eine Depression nicht als etwas betrachten, was einem in einer Weise Antrieb verschafft. Außer vielleicht Antrieb zum Suizid, ohne zynisch klingen zu wollen. Glaube kann eben sogar zerstörerisch sein.

A: Auch da muss ich dir wiederum doch zustimmen. Das erinnert ja stark an erlernte Hilflosigkeit. Dazu fällt mir ein weiteres Beispiel ein. Man denke an einen Ausländer, der sich permanenter Stereotypisierung ausgesetzt sieht. Wenn er das Vorurteil des kriminellen Ausländers introjiziert, das heißt, als kognitives Schema in sich aufnimmt, wird sich das bestimmt negativ auf sein Selbstkonzept und seinen Selbstwert auswirken. In einer Art und Weise glaubt er dann, dass die Gruppe der Ausländer, und mit dieser er selbst, nur Ärger macht. Bei so einer Orientierung würde natürlich auch ich nicht mehr von einer positiven sprechen.

B: Was ich deiner Vorstellung von der Funktion des Glaubens abgewinnen kann ist, dass sie den Handlungsraum konkretisiert und Handlungsoptionen aufzeigt. Durch seine Fähigkeit zu glauben wo kein Wissen ist, bleibt der Mensch sehr lange ein agierendes Wesen. Vielleicht könnte man sogar sagen, er bleibt im negativsten Falle sogar so lange aktiv, bis er sich selbst zerstört hat. Positiv ist diese Funktion dann jedoch nur in dem Sinne, dass der Mensch nie nicht agiert. Menschsein heißt, sich zu positionieren.

A: Dann sind wir uns ja mal einig. Aber was ist jetzt mit deinem Beispiel von vorhin? Du hast doch schon die Resignation angesprochen. Was ist mit den Fällen totalen motivationalen Verlustes? Neben den Suizidal-Depressiven kann man ja auch von jenen anderen Depressiven ausgehen, die durch fehlende Aktivität verwahrlosen. Sind das dann Menschen, die jeglichen Glauben verloren haben? Das meinte ich mit erlernter Hilflosigkeit. Vielleicht hat Glauben doch noch mehr mit Hoffnung zu tun, als wir durch unsere Beispiele zu entkräften glaubten. Beim suizidalen Depressiven ist es die Hoffnung auf ein Ende des Leids durch Selbstzerstörung. Jener, der Hilflosigkeit „erlernt“ hat, hat einfach keinen Glauben mehr an seine Handlungen. Er ist dann ohne Glauben hoffnungslos verloren und verwahrlost infolge des Einstellens jeglicher Handlungen.

B: Darf ich resümieren? Glaube geht deiner Ansicht nach immer mit Hoffnung einher, bei einem suizidal-depressiven Menschen in der Art, dass er die Hoffnung im Tod sieht. Der Glaube und die Hoffnung beziehen sich dabei auf ein besseres Leben nach dem Tod? Oder meinst du, der Glaube bestünde darin, dass die suizidale Person auf ein „Ende von Allem“ hofft?

A: Ich denke, beides ist möglich. Es kommt mir auch gar nicht so sehr auf den Inhalt des Glaubens an. In beiden Fällen wird geglaubt. Darum geht es. Es geht um das psychische Phänomen des Glaubens an sich, also des Glaubens als mentaler Leistung. Unabhängig vom Inhalt geht doch das Gleiche in den Köpfen vor. Wer weiß, vielleicht finden Neurowissenschafter bald ein „Glaubenszentrum“ im Hirn, welches sich Juden, Moslems, Christen, aber auch zum Beispiel Akteure am Finanzmarkt teilen?

B: Da bin ich ganz bei dir! Diesen Schritt, weg von der Akzentuierung des Glaubensinhalts, hin zur Untersuchung des Glaubensprozesses an sich, halte ich für einen wissenschaftlich sehr wertvollen. Wenn ich mich recht erinnere, zog sich dieser Gedanke ohnehin durch unsere gesamte Diskussion, nicht? Zum Beispiel im Aspekt der Hoffnung, als eine Art Zweck des Glaubens für das Individuum. Lass uns das hiermit noch einmal explizit festhalten! An einem anderen Punkt möchte ich aber noch einmal einhaken. Du argumentiertest, dass Glaube immer mit Hoffnung einhergeht, und dass suizidal-depressive Menschen glauben, sie könnten sich durch Selbstmord erlösen, was sozusagen ihre Hoffnung wäre. Ich plädiere da für eine andere Sichtweise. Ich sehe das so, dass Glauben an sich nicht gleichbedeutend ist mit Hoffnung schöpfen. Dieser mögliche positive Aspekt der Creditionen ist nämlich nur eine Seite der Medaille. Der Gegenpol zur Hoffnung ist nämlich nicht die Hoffnungslosigkeit, sondern die Befürchtung. Denn genau so gut wie ich auf anhaltenden Frieden hoffen kann, kann ich einen Kriegsausbruch befürchten.

A: Stopp! Was bitte ist eine Credition?! Sag mal! Hast du dich mit diesem Thema etwa schon einmal ausgiebiger befasst?

B: Ja, irgendwie schon. Ich habe mich im Zuge meines Praktikums im Bereich der Sinnforschung einmal mit Creditionen auseinandergesetzt. Meine Aufgabe war es, zum Thema Glauben einen Dialog zwischen zwei fiktiven Personen zu entwerfen. Wie man vielleicht bereits merken konnte, hat mich damals besonders das Thema der psychischen Störungen interessiert.

A: Und was sind jetzt diese ominösen Creditionen?

B: Der Begriff wurde geprägt durch einen österreichischen Theologen. Er soll den Prozess und/oder das Produkt des Glaubens bezeichnen. Ich stelle mir das folgendermaßen vor: eine Credition ist ein Denkinhalt, der, wenn durch hohe subjektive Sicherheit und durch hohe affektive Involviertheit charakterisiert, dem Glaubenden Hoffnung oder Befürchtung beschert. Das bedeutet, dass ich Creditionen als modifizierte Kognitionen betrachte, in dem Sinne, dass sich an einen bloßen Denkinhalt Emotionen angeheftet haben. Wenn ein Mensch die Relevanz eines Denkinhalts für sein Handeln entdeckt, berührt ihn das auf der Ebene der Affekte, der Emotionen und der Stimmungen. So können am Verstand orientierte Kognitionen zu an der Intuition orientierten Creditionen werden. Es geht also um „reine“ Kognitionen in Form objektiver, wertfreier Denkinhalte auf der einen Seite und um gefühlvolle, also mit Valenz belegte Kognitionen auf der anderen Seite. Diese letzteren, mit Hoffnung oder Furcht bestückten Kognitionen, verstehe ich als „Creditionen“.

A: Ich wusste, dass du der Richtige bist, um über das Thema Glauben zu sprechen! Erzähl doch mal etwas über den Zusammenhang zu psychischen Krankheiten.

B: Gerne. Für die Psychopathologie bedeutet das in meinen Augen, dass bei einer Imbalance zugunsten von Creditionen über Kognitionen psychotische Symptome wie Wahn entstehen können. Dass Creditionen entweder mit Hoffnung oder Furcht zu tun haben, müsste konsequenterweise zu unterschiedlichen Arten des Wahns führen. Und tatsächlich gibt es sowohl den Liebeswahn, als auch den paranoiden Wahn, welche ich mit je einer Seite der „Medaille des Glaubens“ in Zusammenhang bringen würde.

A: Lass mich das einmal weiter spinnen. Vielleicht sind die Rationalisierung und das magische Denken Operatoren der beiden Systeme der Kognitionen und der Creditionen. Der Rationalisierung könnte die Funktion des affektiven Entschärfens zukommen, also emotional bedrohliche Creditionen zu versachlichen. Magisches Denken hingegen könnte im Dienste der Creditionen stehen, und zwar mit der Funktion, sachlich-unpersönliche Kognitionen in persönlich bewegende Elemente zu überführen. Beide Operatoren arbeiten dann im Sinne des Wohlbefindens an einer Homöostase von rationalen, wertfreien Urteilen und persönlichen, emotional eingefärbten Creditionen. Der ausbalancierte Mensch ist dann sozusagen der symptomfreie Mensch.

B: Ja, genau! Und vielleicht verursacht das andere Extrem homöostatischen Ungleichgewichts, also das Dominieren „reiner“ Kognitionen die Neurosen,…

A: … mit ihrem ich-dystonen Charakter! Das passt doch gut ins Bild. Der Neurotiker ist ja gequält davon, sich mit Gegenständen, Dingen, Sachen befassen zu müssen. Ich meine damit die typische Zwangshandlung. Oder anders gesagt, dieser Neurotiker lässt sich von der Welt der unbelebten Dinge dominieren. Da er nichts „glaubt“, muss er ständig Hand anlegen, braucht den sinnlichen Kontakt um etwas fühlen zu können. Ich denke da an eine Person, die zwanghaft überprüft, ob sie ihre Wohnungstür auch tatsächlich verschlossen hat. Sie kann nicht glauben und vertrauen, muss deshalb ständig kontrollieren.

B: Ironischerweise hat diese Person es mit der Furcht zu tun – und das ganz ohne Glauben.

A: Wir hatten heute schon einmal mit unterschiedlichen Interpretationen desselben Phänomens zu tun. Erinnerst du dich? Glaubt der Depressive, oder glaubt er eben nicht (mehr)? Glaubt der Neurotiker wirklich nichts? Oder glaubt er vielleicht doch, und zwar, dass etwas Schreckliches passiert, wenn er nicht kontrolliert?

B: Ja, vielleicht drehen wir uns wirklich im Kreis. Zum Glück dürfen wir Herrn Professor Angel ein paar Fragen zum Thema Creditionen stellen.

Fragen an Herrn Professor Angel:

Frage 1: Hängen inhaltliche Denkstörungen (Verfolgungswahn, Liebeswahn), wie sie z.B. bei der Schizophrenie auftreten, mit Phänomenen des Glaubens zusammen?

Antwort:

Hier müsste man vorab klären, was alles aus welchen Gründen unter dem Label „Störung“ (und auch, was alles unter „Wahn“) erfasst werden soll. Pathologische Phänomene, wie etwa Wahnvorstellungen, sind seit langem Gegenstand neurowissenschaftlich-empirischer Forschungen. Dabei wurde erkennbar, dass „Glauben“ häufig eine Rolle spielt – oft auch ein solcher Glauben, der real oder vermeintlich einen Bezug zur Welt des Religiösen hat. Eine solche Verwobenheit von Glauben mit pathologischen Erscheinungen kann leicht zur Auffassung führen, „Glaubensvorgänge“ insgesamt seien eher dem Bereich der Pathologie zuordnen. Das ist allerdings zu kurz gegriffen. Wenn man sich die Komplexität creditiver Vorgänge vor Augen führt ist nicht erstaunlich, dass Denkstörungen den Glaubensvorgang beeinflussen. Wie sollte das auch anders sein? Von Störungen ist insbesondere jener Aspekt betroffen, den wir im Rahmen des Creditionen-Modells als „modulator function“ bezeichnen. Das betrifft allerdings jede Art von „Störung“ (z.B. Entwicklungs- oder Wahrnehmungsstörungen, Störungen der Emotionsregulierung, der Gedächtnisfunktion, oder auch Traumatisierung) „normaler“ Vorgänge. Meine Hypothese ist, dass pathologische Störungen in doppelter Weise mit Creditionen zusammenhängen können – je nachdem, welcher Art die Störung ist: (a) Pathologisch bedingte Störungen beeinflussen die „normalen“ Vorgänge von Wahrnehmung, Motivation, Handlungsvorbereitung usw. und implementieren damit „gestörte (oder verzerrte)“ Momente in den creditiven „Ablauf“, die sich an unterschiedlichen „Stellen“ des Glaubensvorgangs (auch entlang der Zeitachse) bemerkbar machen. (b) Falls die Störungen hingegen die Funktion (im Sinne: believing as brain function) von Abläufen betreffen, könnte es auch zu funktionellen Verschiebungen im Glaubensvorgang selbst kommen. Es ist vielleicht noch etwas zu früh, auf die gestellte Frage schon Antworten zu geben, die auf dem Creditionen-Modell basieren. Deswegen formuliere ich vorsichtig, dass ich mir vorstellen könnte, dass etwa Schizophrenie eher dem Punkt (b) zuzuordnen wäre, während die Entstehung von Schizotype vielleicht eher zu Punkt (a) passen würde. Aber das sind nur vage und vorläufige Versuche, aus dem Modell Schlussfolgerungen zu ziehen, die zu Ihrer Frage passen. Ich tendiere allerdings insgesamt eher zur Auffassung, dass wir es mit vielfach interdependenten zirkulären Vorgängen zu haben und die genannte Trennung eine künstliche ist, die vielleicht analytisch (oder vielleicht auch klinisch) bis zu einem gewissen Grad hilfreich ist.

Frage 2: Ist erlernte Hilflosigkeit eine Sache des Glaubens?

Antwort:

Nicht nur, aber auch. Erlernte Hilflosigkeit ist „auch“ eine Sache des Glaubens. Das betrifft vor allem das, was wir als „stabilizer function“ bezeichnen. Unter diesem Aspekt versuchen wir, den Verarbeitungsvorgang zu erfassen, der aus fluiden Mustern strukturelle Stabilisierungen aufbaut.

Frage 3: Was unterscheidet eine „blutleere“ Credition von einer Kognition? Inwiefern handelt es sich also bei einer „rationalen“ Credition um etwas anderes als eine reine Proposition?

Antwort:

Wenn wir davon ausgehen, dass Creditionen als Prozesse verstanden werden, dann wird in der gestellten Frage das Wort „blutleer“ bzw. „rational“ auf einen mentalen bzw. kognitiven Vorgang angewandt. Damit ist aber die Frage in dieser Form nicht wirklich zu beantworten. Aber vielleicht haben Sie mit dieser Frage intuitiv einen ganz wichtigen Aspekt erfasst, der es wert ist, genauer beleuchtet zu werden. Deswegen hole ich ein wenig, in der Hoffnung, dass das interessant ist.

Zunächst müsste die sprachliche Formulierung genauer durchleuchtet werden.

  • Zunächst zum Wort „rational“. Das ist ein nicht unproblematischer Ausdruck, der im Gefolge der Aufklärung Karriere machte. Er ist vom lateinischen „ratio“ hergeleitet und wird im Deutschen heute meist (und gegenüber der ursprünglichen semantischen Wortbreite verengt) als „Vernunft“ übersetzt. Vernunft wurde ein führendes Konzept und der Rationalismus eine mächtige Strömung. Aus creditiver Perspektive haben wir hier ein Problem. Vernunft ist nämlich kein Prozess! Man kann nicht „vernunften“. Diese „Quasi-Stabilität“ des Vernunftbegriffs führte im Verlauf der Geistesgeschichte zu eigenartigen Vorstellungen: „vernünftig“ bekam den Beigeschmack, das Gegenteil von „emotional“ zu sein – nach dem Motto: wer vernünftig handelt, lässt sich nicht von seinen Gefühlen leiten. Diese Auffassung hat Auswirkungen bis hinein in „rationale“ Entscheidungstheorien (rational choice theories) und sie liegt dem in der Wirtschaftswissenschaft bis vor kurzem dominierenden „homo oeconomicus-Modell“ zugrunde. Das Modell ging von der Annahme aus, der Mensch als wirtschaftliches Wesen handle – unter eingrenzbaren Wettbewerbsbedingungen – immer rational zugunsten seines eigenen Vorteils. Die Wirtschaftswissenschaft ist gerade dabei, „homo oeconomicus“ zu Grabe zu tragen. So einfach ist es eben nicht, auch wenn sich manche Klassen von ökonomischen Problemen damit erfassen lassen.
    • Schon die antiken Philosophen, insbesondere auch Platon und Aristoteles, beschäftigten sich intensiv mit dem Verhältnis von „Vernunft“ und „Gefühl“. Das ist eine spannende Geschichte. Allerdings meinte in der antiken lateinischen Vorstellung „ratio“ auch das, was wir heute als „planmäßiges Handeln“ bezeichnen. Doch was steht hinter einem „Plan“? Wenn man auf das Griechische zurückgeht, wäre der Ausdruck „lógos“ noch umfassender als „ratio“. Man kann „lógos“ im Deutschen als „Wort“, als „Vernunft“, als „Geist“, ja sogar als „göttlichen Ursprung allen Seins“ übersetzen (en archè èn ho lógos).
    • In der Aufklärung wurde „ratio“ ferner auch als Gegenbegriff zu „superstitio“ (zu Deutsch: „Aberglaube“) verwendet. Pikanterweise existiert „Aberglauben“ ebenfalls nur als Substantiv. „Aberglaube“ ist nicht in prozessuale Konzepte integrierbar. Sie werden sicher niemanden fragen: „Warum aberglaubst Du immer wieder?“ Allerdings hatte diese Thematik eine problematische Nebenfolge: „ratio“/“Vernunft“ bekam teilweise auch einen anti-religiösen Affekt. Das Verhältnis von „Religion“ – „Vernunft“ – „Aberglauben“ – „Emotionen“ bzw. „Gefühle“ wäre ein weites Thema, das zutiefst mit der heute wieder aufflammenden Diskussion um die Bedeutung der Religionen zu tun hat. Allerdings lässt es sich auf statisch-substantivischer Ebene (die „Religion“, der „Glaube“, die „Vernunft“) nicht adäquat erfassen, da es immer auch darum geht, in welcher Weise im Menschen bestimmte Vorgänge ablaufen.
    • In der berühmten Formulierung von René Descartes „cogito ergo sum“ wird die Konstitutionsbedingung des Selbst aber auf „cogitare“ (was gerade nicht gleichbedeutend ist mit „ohne Emotion“!) festgelegt. In der Formulierung von Immanuel Kant heißt es gar: „Sapere aude!“ – meist übersetzt: „Wage Dich Deines Verstands zu bedienen“. Doch das Verb „sapere“ heißt nicht einfach „logisch denken“ sondern ist viel ganzheitlicher zu verstehen: als „verstehen“, „begreifen“. Das zu „sapere“ gehörige Substantiv heißt „Sapientia“ (Weisheit).
  • Dann zum Wort „blutleer“. Das Wort ist ein Bild bzw. eine Metapher. Wozu dient sie? Ich denke, sie soll darauf hinweisen, dass sich „Gefühle“ (also Emotionen, die dem bewussten Erleben zugänglich sind) in ihrer Intensität unterscheiden können. Diese Erfahrung kennen wir alle. Doch gerade deswegen kann ich die Metapher nur bedingt auf Kognition, und noch weniger auf „Credition“ beziehen, da das Modell der Creditionen davon ausgeht, dass Kognition, Emotion und Credition untrennbar interdependent verbunden sind. Wir sprechen von der Kognition-Emotion-Credition-Triade (KEC-Triade). Doch um Ihrer Intuition zu folgen möchte ich nun probeweise den Versuch machen, „blutleer“ auf Creditionen zu beziehen, allerdings nicht auf Creditionen als Ganzes, sondern auf die „Grundeinheit“ eines Glaubensprozesses, die wir als „Bab“ bezeichnen. Was ist ein Bab als creditive Grundeinheit? Das kann ich hier nur kurz skizzieren, ausführlichere Informationen finden Sie in der Literatur, die auf unserer Forschungs-Website angegeben ist (http://credition.uni-graz.at/).
    • Da kognitive und emotionale Prozesse teilweise im lateral-präfrontalen Kortex integriert sind und neuronale Aktivitäten im lateral-präfrontalen Kortex durch affektive Variable beeinflusst werden können, haben wir das Konzept „Bab“ in das Creditionen-Modell eingeführt. Der Ausdruck „Bab“ wird verwendet, um die „Gleichzeitigkeit“ eines kognitiv-propositionalen Moments mit seiner emotionalen Verankerung in Worte zu fassen. Damit wird Weg vorgeschlagen, der gerade auf die zumindest partielle „Untrennbarkeit“ von Emotion und Kognition aufbaut.
    • Würde ich also „blutleer“ auf „Bab“ als die „Grundeinheit“ eines Glaubensprozesses beziehen, dann würde ich damit vielleicht ausdrücken wollen, dass dieser „Bab“ aktuell wenig Einfluss auf den gesamten creditiven Bewertungsvorgang nimmt.

Von daher könnte ich mir vorstellen, dass Ihre Frage intuitiv gerade diese prekäre Thematik erfasst hat. Doch auf den gesamten Ablauf von Creditionen lässt sich weder „blutleer“ noch „rational“ beziehen, da creditive Prozesse immer auch von Emotionen und inneren Bewertungsprozessen beeinflusst sind.

 

Autor: Daniel Purtscheller; Kommentare: Prof. Dr. Hans-Ferdinand Angel

Selber Fisch – andere Glaubensprozesse?

F:  An was glaubst du?

A: An was ich glaube? Ich bin nicht religiös.

F:  Und ansonsten?

A: Wie ansonsten? Ich glaube nicht an Gott.

F: Das hab ich dich ja auch nicht gefragt. Ich gebe dir ein Beispiel: Vorher musste ich an meine Freundin denken. Ich glaube daran, dass sie mich liebt.

A: Ach so, du meinst dieses Glauben, das man sagt, weil man etwas nicht wirklich wissen kann, oder auch weil man sich wie die Politiker fürchtet beim Wort genommen zu werden.

F: Eigentlich meine ich alles, was mit Glauben oder Überzeugtsein zu tun hat.

A: Aber das sind doch verschiedene Paar Stiefel!

F: Wo liegt denn deiner Meinung nach der Unterschied?

A: Naja, das eine hat mit Religion, Gott, Heiligen und solch abstrakten Dingen zu tun…

F: Und das andere?

A: … Hm? Naja, mit Weltlichem. Aber ich verstehe, was du meinst. In allen Fällen ist man sich irgendwie nicht so sicher, ob das, an was man glaubt, passieren wird oder gar existiert. Was glaubst du denn, worin der Unterschied zwischen allgemeinen Überzeugungen und Glaubensvorstellungen liegt?

F: Ganz klar im Inhalt. Viel spannender ist jedoch die Frage nach deren Gemeinsamkeit.

A: Und die wäre?

F: Ich glaube, dass sich die dabei ablaufenden Glaubensprozesse in ihrer Funktion recht ähnlich sind.

A: Was meinst du denn mit Glaubensprozessen?

F: Naja, alle reden immer nur von dem, an was die Leute glauben und an was nicht. An Gott, Wunder, Gerechtigkeit, Verschwörungen usw. … . Das ist Glaubensinhalt. Aber niemand fragt, was eigentlich in einem vorgeht, während man glaubt?

A: Aber das ist doch ziemlich einfach?

F:  Wirklich?

A: Im Endeffekt fangen Menschen doch immer dann an zu glauben, wenn sie nicht mehr weiter wissen und kurz davor sind aufzugeben.

F:  Das wäre eine Funktion des Glaubens. Aber was steckt dahinter?

A: Vielleicht beginnt man bei aufkommenden Zweifeln zu glauben, weil man nichts tun kann, um sie auszuräumen. Ich verstehe ja, wenn sich Leute an Gott wenden, um daraus irgendwie Hoffnung und Mut zu schöpfen und damit versuchen ihre Angst zu kontrollieren. Aber wie soll das denn mit weltlichen Überzeugungen funktionieren?

F: Man kann doch auch an den Sieg seiner Fußballmannschaft oder an steigende Aktienkurse glauben.

A: Schon, aber die sind doch nicht zwangsläufig positiv und vertrauenserweckend. Was ist mit Menschen, die an Klimawandel, Verschwörungen, Wirtschaftskrisen oder gar Kriege glauben?

F: Jetzt bist du wieder beim Inhalt. Doch bei Glaubensprozessen, die Hans-Ferdinand Angel als Creditionen[1] bezeichnet, geht es um mehr als die Abschätzung von Eintrittswahrscheinlichkeiten. Es geht darum, sein Handeln auf eine für möglich geglaubte Zukunft vorzubereiten.

A: …Und um Zuversicht, oder etwa nicht?

F: Na ja. Zumindest kann ich mein Handeln nur nach etwas ausrichten, an das ich auch glaube.

A: Aber dann kann man doch nicht an Kriege glauben! Und überhaupt, was ist mit den Sünden, die dem christlichen Glauben gar so negativ anhaften.

F: Das ist schon wieder Inhalt. Auch der Glaube an einen Krieg kann meine Handlungen im positiven Sinne beeinflussen und vorbereiten. Vielleicht beginne ich Vorräte zu sammeln, mich mit den Nachbarn zu verbünden oder schlicht mit der Flucht. Alles Dinge, die mir helfen können zu überleben, falls sich meine negative Einschätzung bewahrheitet.

A: Du sagst also, dass man glaubt, weil man irgendwie lästige Unwägbarkeiten loswerden will. Glauben bedeutet also doch die Aufrechterhaltung und Wiederherstellung von Zuversicht. Aber wie soll das gehen?

F: Lass mich nochmal kurz festhalten, was wir bisher haben. Wir haben festgestellt, dass Creditionen mit Gefühlen – positiv wie negativ – und mit Einschätzungen oder allgemeiner mit dem Denken zusammenhängen. Glaubensinhalte haben mit Zukunftserwartungen zu tun. Es geht also darum, sich auf diese erwartete Zukunft vorzubereiten und sein Handeln danach auszurichten…

A: Willst du damit sagen, dass wir, wenn wir mit Ungewissheit konfrontiert werden, anfangen an eine bestimmte Zukunft zu glauben und so tun als würde sie real werden?

F: So wie du das sagst, hört es sich an, als wäre das falsch. Falsch wäre vom Schlimmsten auszugehen. Davon, dass man sowieso nichts mehr auszurichten imstande ist…

A: Wieso ist das das Schlimmste?

F: Wenn wir glauben, dass all unser Handeln nutzlos ist, bedeutet das meist, dass wir aufgegeben haben zu glauben. Wir resignieren und hören auf zu handeln. Nur solange ich an eine Zukunft oder mögliche Veränderung glaube, kann ich sie durch mein Handeln beeinflussen.

A: Das heißt, wer nicht glaubt, handelt nicht. Aber bedeutet das dann nicht auch, dass man eigentlich gar nicht an Sinnlosigkeit glauben kann?

F: Im ersten Punkt stimme ich dir zu. Aber auch der Glaube an die Sinnlosigkeit bereitet mein Handeln vor. In diesem Fall eben das Nicht-Handeln. Glaubensprozesse sind so etwas wie gefühlte Erkenntnisprozesse. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles, was ich tun kann, nutzlos ist, und ich glaube, dass ich durch mein Handeln sowieso nichts mehr ausrichten kann, ist die logische Konsequenz nicht (mehr) zu handeln.

A: Wie soll man denn Erkenntnis fühlen können? Du meinst man hält etwas für wahr oder gegeben, ohne irgendwelche Belege dafür zu haben. Das wäre ja gegen jedwede wissenschaftliche Erkenntnislogik.

F: Wir sind eben keine reinen Vernunftwesen, wie wir uns das seit der Aufklärung immer wieder einreden. Wir haben Gefühle und Gedanken – Emotionen und Kognitionen – und eben auch, wie ich glaube, Creditionen, die immer dann, wenn emotionaler Stress oder negative Fakten auftauchen, darauf hinwirken unser natürliches Gleichgewicht, d.h. Sicherheit, Ausgeglichenheit, Zuversicht usw. wiederherstellen. Mich interessiert, wie das vonstatten geht bzw. welche Prozesse dabei ablaufen.

A: Du meinst also, wenn es zu Widersprüchen zwischen emotionalem Erleben, Wissen und Handeln kommt, dann springen Glaubensprozesse an. Und was machen sie genau?

F: Sie stellen subjektive (Handlungs-)Sicherheit her.

A: Wäre das Rauchen eigentlich auch so ein Widerspruch? Oder an was glauben eigentlich Raucher? Im Prinzip weiß doch jedes Kind, dass Rauchen schlecht ist für die Gesundheit. Trotzdem rauchen viele Menschen. Sind da auch Glaubensprozesse am Werk?

F: Das würde ich schon fast als eine Art Sonderfall ansehen. Obwohl ich weiß, dass Rauchen zu Atemwegsbeschwerden, geringerer Lebenserwartung oder Lungenkrebs führen kann, rauche ich trotzdem.

A: Und warum?

F: Meiner Meinung nach, weil die Leute auch wissen, dass es einige Raucher gibt, die dafür nicht zwangsweise mit gesundheitlichen Konsequenzen rechnen müssen. Diese Raucher glauben offenbar fest daran, dass sie schon einer von diesen „Glücklichen“ sein werden, die es nicht erwischt. Aufgrund ihres Wissens müssten sie eigentlich aufhören zu rauchen. Da die Sucht aber stärker ist, werden Creditionen dafür benützt oder gar missbraucht, um beruhigt weiter rauchen zu können. Übrigens ein sehr schönes Beispiel für die Macht von Creditionen! Man nennt dieses Phänomen übrigens die Auflösung kognitiver Dissonanz.

A: Was ist denn kognitive Dissonanz?

F: In der Psychologie beschreibt man damit Phänomene wie dein Beispiel mit dem Rauchen. Aufgrund unvereinbarer Kognitionen – das können Gedanken, Meinungen, Wünsche, Absichten, Einstellungen, Wahrnehmungen und wie ich glaube eben auch CREDITIONEN sein – kommt es zu negativen Gefühlen. Meiner Meinung nach ist eine Funktion von Glaubensprozessen zu verhindern, dass es überhaupt bis zur kognitiven Dissonanz kommt.

A: Du meinst also, wenn ich in einem Restaurant, in dem ich zum ersten Mal esse, einen stark riechenden Fisch bekomme und der Laden auch sonst irgendwie suspekt wirkt, werde ich – entgegen aller Versicherungen des Kellners – den Fisch zurückgehen lassen. Bekomme ich allerdings den gleichen Fisch von meiner lieben Tante Inge serviert, die erzählt, dass sie den Fisch heute frisch vom Fischhändler ihres Vertrauens gekauft hat, würde ich ihn aller Wahrscheinlichkeit ohne weitere Anstalten verputzen und dabei auch noch versuchen so auszusehen, als hätte ich noch nie solch einen guten Fisch gegessen. Quasi: Selber Fisch – andere Glaubensprozesse?

F: Genau!

 

Autor: Christoph Hörmann

[1] credere (lat.) = glauben

 

Credere heißt glauben – von Glaubensprozessen

Glauben Sie an Gott? Ich glaube, es könnte morgen regnen. Sie glaubt, dass sie es schaffen wird!

Was geschieht eigentlich, wenn wir etwas glauben? Ist das Glauben einfach ein Denken? Oder ein Fühlen? Beides gemischt – oder etwa ganz anderes? Hans-Ferdinand Angel ist der Meinung: Wir wissen noch viel zu wenig darüber, was passiert, wenn wir glauben. Auf seiner Seite creditions.at stellt er vor, was er unter Glaubensprozessen – Creditionen – versteht.

Daniel Purtscheller und Christoph Hörmann haben sich – gemeinsam mit dem Team von www.sinnforschung.org – intensiv mit dem Konzept der Creditionen auseinandergesetzt. Wir haben lange diskutiert und gemerkt, dass sich ‚das Glauben‘ nicht leicht fassen lässt.

Zwei Dialoge bilden die Denkprozesse ab, die vom Konzept der Glaubensprozesse angestoßen wurden:

Christoph Hörmann: Selber Fisch – andere Glaubensprozesse

Daniel Purtscheller: Glaube und Psychopathologie

Sinnerleben stärkt proaktive Gesundheitsorientierung

Steger, M. F., Fitch-Martin, A. R., Donnelly, J. & Rickard, K. M. (2014). Meaning in Life and Health: Proactive Health Orientation Links Meaning in Life to Health Variables Among American Undergraduates. Journal of Happiness Studies, 15(2), doi:10.1007/s10902-014-9523-6

Lebenssinn und Gesundheit

Ein Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Sinnerfüllung und positiven Auswirkungen auf die Gesundheit wurde bereits häufig nachgewiesen.

Die Sinnerfüllung geht einher mit:

  • Weniger Krankheitssymptomen
  • Mehr gesundheitsförderndem Verhalten
  • Weniger gesundheitsgefährdendem Verhalten
  • Späterem altersbedingten Gedächtnisabbau
  • Längerer Lebensdauer

Es gibt allerdings wenige Untersuchungen, die der Frage nachgehen, weshalb Sinnerfüllung und Gesundheit miteinander verknüpft sind. Die übliche Erklärung ist, dass durch die Sinnerfüllung eine „Pufferung“ entsteht. Diese Pufferung federt den nachteiligen Effekt von Stress und Belastungen ab und verhindert ein langfristig erhöhtes Stresslevel.

Neue Erklärung

Die Erklärung von Steger und Kollegen ist, dass die Sinnerfüllung sich direkt und indirekt durch Umwege auf das gesundheitsgefährdende Verhalten sowie auf die allgemeine Gesundheit auswirkt. Der Lebenssinn beeinflusst zuerst die proaktive Gesundheitsorientierung und die Beachtung von Gesundheitshinweisen. Diese wirken sich dann auf die Gesundheit aus.

Die Studie wurde in einer amerikanischen Universität durchgeführt. Mit einem Fragebogen wurde überprüft, wie hoch die Sinnerfüllung und die proaktive Gesundheitsorientierung waren und wie häufig StudentInnen Gesundheitshinweise ignorierten. Als Indikatoren für schädliche Einflussquellen auf die Gesundheit wurde erfasst, wie häufig die StudentInnen Drogen nahmen; außerdem wurde ihre Haltung gegenüber Kondomen erhoben, und ob merkbare Auswirkungen auf ihre Gesundheit auftraten. Wenn StudentInnen Kondome ablehnen, haben sie öfters ungeschützten Sex und ein erhöhtes Risiko sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie AIDS, Syphilis oder Hepatitis B anzustecken.

StudentInnen sind meist nicht akut in Gefahr und auch nicht direkt von Krankheiten betroffen. Sie gelten jedoch als Risikogruppe für Verhalten, welches die Gesundheit gefährdet. Sie betrinken sich, probieren Drogen aus und haben Sex mit wechselnden PartnerInnen. Vorangegangene Forschungen konzentrierten sich bisher hauptsächlich auf Zusammenhänge der Sinnerfüllung bei stationären PatientInnen in Krankenhäusern oder Personen, die Schicksalsschläge erlitten.

Ergebnisse

Sinnerfüllung trat gemeinsam mit einer besseren Gesundheit auf. Es wird angenommen, dass Sinnerfüllung beeinflusst, dass sich Menschen aktiv um ihre Gesundheit kümmern und Gesundheitsinformationen nicht einfach abtun. Diese zwei Einstellungen erklärten, ob die StudentInnen eher Drogen ablehnten und zu „safer sex“ tendierten. Allerdings zeigte sich kein starker Zusammenhang mit Krankheitssymptomen. Bei den StudentInnen hatte sich das Verhalten der Ablehnung von Gesundheitshinweisen vermutlich noch nicht als bemerkbare Krankheiten oder Schäden manifestiert. Die Ergebnisse zeigen auch, dass die proaktive Gesundheitsorientierung nicht mit dem Drogenmissbrauch zusammen hängt. Steht für StudentInnen der Konsum von Drogen nicht im Konflikt mit einem gesunden Lebensstil?

Fazit

Menschen, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen, gehen häufiger fahrlässig mit ihrer Gesundheit um. Wenn man sein Leben als sinnerfüllt wahrnimmt, kann es einem den Anspruch geben, mehr darauf zu achten, was der eigenen Gesundheit förderlich ist. Das risikoreiche Verhalten von StudentInnen ist auf lange Sicht extrem schädlich. Bei StudentInnen, die selbständig und freier werden, ist es sehr schwer sich einzumischen und ihr Verhalten zu ändern. Es ist wohl wichtiger, StudentInnen darin zu unterstützen, ihr Leben als sinnvoll wahrzunehmen. Ein gesünderes Verhalten wird dann von alleine kommen. Durch die Studie erfährt man, welche Haltungen mit dem Lebenssinn einhergehen und wie sich diese Haltungen auswirken. Sie weist nicht nur auf den potentiellen Einfluss der Sinnerfüllung auf die Gesundheit hin, sondern auch auf die Wirkmechanismen, die dahinter stehen. Sinnerfüllung scheint nicht nur bei bereits kranken Menschen eine Rolle zu spielen, sie hilft auch gesunden Menschen ihre Gesundheit zu fördern und zu erhalten.

Zusammengefasst von Bernhard Schmitt

Sinn im Beruf

Wann wird ein Beruf als sinnvoll erlebt? WissenschaftlerInnen an der Universität Innsbruck setzen sich mit dieser Frage auseinander.

Was meint „Sinnerfüllung“? Kurz gesagt heißt es, dass man das eigene Leben als zusammenhängend und bedeutsam wahrnimmt, dass man sich als Teil eines größeren Ganzen versteht und grob die Richtung kennt, die man einschlagen möchte (Schnell, 2016).

Was hat Sinnerfüllung nun mit dem Beruf zu tun? Arbeit wird in der bisherigen Forschung als fundamentales Element gesehen, das Lebenssinn stiften kann. Und wer seine Arbeit als sinnvoll erlebt, arbeitet engagiert und qualitätsorientiert.

In einer Studie zum Thema fragten sich Tatjana Schnell, Thomas Höge und Edith Pollet (2013), was Arbeit generell sinnvoll macht. Ihre Ergebnissen weisen in die Richtung, dass weniger die Eigenschaften der arbeitenden Personen, sondern die gelebten Werte des Unternehmens entscheidend dafür sind, dass Sinnerleben am Arbeitsplatz stattfinden kann. Zusätzlich tragen Merkmale der Arbeitsaufgabe und die Passung von Person und Arbeitstätigkeit zum Sinnerleben bei. In einer anderen Studie (Höge & Schnell, 2012) gingen die PsychologInnen der Frage auf den Grund, wie Arbeitsengagement mit Sinnerfüllung in Zusammenhang steht.

Die Innsbrucker WissenschaftlerInnen arbeiteten vier Kernaspekte heraus, aus denen Sinnerfüllung entstehen kann: Kohärenz, Zielorientierung, Bedeutsamkeit und Zugehörigkeit. Diese vier Prinzipien tragen dazu bei, dass sowohl das eigene Leben als auch der eigene Job als sinnvoll wahrgenommen werden:

1)      Durch die Übereinstimmung der eigenen Person mit der Rolle, die einem durch die Arbeitstätigkeit zugeschrieben wird, kommt Kohärenz zustande. Eine Tätigkeit im Unternehmen sollte im Idealfall zu der eigenen Persönlichkeit, Zielen und Lebensaufgaben passen.

2)      Für die Zielorientierung sind Werte und Normen des Unternehmens ausschlaggebend. Jedes Unternehmen handelt nach bestimmten Werten, die durch die Unternehmensführung vermittelt werden. Wenn die Unternehmensführung nicht vertrauenswürdig und integer handelt, kann das zu einem Mangel an Sinnerleben in der Arbeit führen.

3)      Bedeutsamkeit bezieht sich auf die Konsequenzen, die eigene Arbeitshandlungen haben. Hat meine Tätigkeit einen Einfluss auf andere Menschen? Kann ich etwas zur Organisation, für die Gesellschaft oder zum Weltgeschehen beitragen? Erlebte Bedeutsamkeit geht einher mit Gefühlen von Autonomie und Kompetenz und schlägt sich positiv auf das Sinnerleben im Beruf nieder.

4)      Wenn ein Unternehmen dazu beiträgt, dass sich MitarbeiterInnen als Teil einer kollegialen Gemeinschaft fühlen, erwächst daraus ein Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit. Dieses trägt dazu bei, dass die Bindung an die Organisation wächst und die Arbeit als sinnvoll wahrgenommen wird.

Die Ergebnisse:

Soziomoralische Atmosphäre Dieses von Prof. Dr. Wolfgang Weber entwickelte Konzept beschreibt eine Kommunikationskultur, bei der man Probleme offen anspricht. Emotionale Unterstützung und Toleranz gegenüber Fehlern sind vorhanden, sodass ein Gefühl der Wertschätzung entsteht. Kommuniziert wird zwanglos, das heißt, dass über Regeln auch diskutiert und gestritten werden darf und diese nicht widerstandslos hingenommen werden. Zwischen einer soziomoralischen Atmosphäre und Sinnerfüllung besteht ein Zusammenhang. Nach den aktuellen Ergebnissen zeigt sich, dass Unternehmen, die eine derartige Unternehmenskultur pflegen, dafür mit sinnerfüllten MitarbeiterInnen und steigendem Arbeitsengagement belohnt werden.
In diesem Video erklärt Herr Prof. Dr. Wolfgang Weber persönlich was er unter einer sinnvollen Unternehmenskultur versteht.

Insbesondere die Bedeutsamkeit der Arbeitsaufgabe und das organisationale Klima (im Sinne einer soziomoralischen Atmosphäre, siehe Kasten) tragen dazu bei, dass die eigene Arbeit als sinnvoll empfunden wird. Darüber hinaus sorgt die Passung von Person und Arbeitstätigkeit (=Kohärenz) für Sinnerleben im Beruf. Eine selbsttranszendente Orientierung des Unternehmens (die Absicht, etwas zu schaffen, das über einen selbst hinausgeht) ist, wenn auch in geringerem Ausmaß, dem Erleben von Sinnhaftigkeit förderlich: Wenn das Unternehmen Verantwortung für das Wohlergehen anderer übernimmt, kann es das Sinnerleben der MitarbeiterInnen zusätzlich steigern.

 

In einer anderen Studie (Höge & Schnell, 2012) zeigte sich, dass Sinnerleben eng an Arbeitsengagement gebunden ist: Nur, wenn eine Tätigkeit als sinnerfüllend bewertet wird, kann die Motivation aufkommen, sich für die Tätigkeit voller Vitalität und Hingabe einzusetzen. Auch das Gefühl des Aufgehens in der Arbeit kann nur bei erlebter Sinnhaftigkeit aufkommen. Die erlebte Bedeutsamkeit ist auch in diesem Fall besonders wichtig – sowohl für die erlebte Sinnhaftigkeit als auch für das Arbeitsengagement.

Fazit:
Sinnerfüllung im Beruf ist unerlässlich für Engagement am Arbeitsplatz. Als wichtigste Sinnquelle hat sich die Bedeutsamkeit der Arbeitsaufgabe herausgestellt: Eine Tätigkeit ist dann sinnvoll, wenn sie positive Auswirkungen hat. Etwas zu schaffen, das für die Gesellschaft, die Umwelt oder andere Personen von Wert ist, wird als sinnstiftend erlebt. Dieses Sinnerleben ist dabei nicht nur Selbstzweck: Arbeit wird positiver erlebt und produktiver ausgeführt.

 Was bedeutet das nun für ArbeitgeberInnen und –nehmerInnen?

Sinn im Beruf kann nicht einfach von der Seite der Unternehmensführung her implementiert werden, allerdings kann Sinnerleben von der Seite der Organisation her erleichtert werden:

  • Arbeitende Personen sollten eine Tätigkeit ausführen, die zu ihnen passt, da Sinnerleben immer auch von dieser Passung abhängt. Diese kann durch eine sorgfältige Personalauswahl und –platzierung hergestellt werden. Um eine möglichst große Übereinstimmung zwischen persönlichen Anliegen und Arbeitsaufgaben herstellen zu können, sollten Arbeitende die Möglichkeit haben, zwischen verschiedenen Aufgaben im Unternehmen wählen zu können.
  • Zudem sollten ArbeitgeberInnen sich darum bemühen, ihren Beschäftigten eine Position zu bieten, in der diese relativ selbstbestimmt arbeiten und kreativ mitgestalten können; damit steigt das Sinnerleben im Beruf und das Arbeitsengagement.
  • Im Kreis der KollegInnen ist es wünschenswert, füreinander einzustehen: eine Abkehr vom Konkurrenzdenken hin zu Kollegialität steigert das Sinngefühl der/des Einzelnen. Das Zugehörigkeitsgefühl der MitarbeiterInnen wird so verstärkt. Für die Arbeitgeberseite hat dies zur Folge, dass sich Arbeits- und Unternehmensstrukturen, die auf innerbetriebliche Solidarität abzielen, positiv auswirken.
  • Eine Unternehmenskultur, in der auf Mitbestimmung bzw. Mitsprache der ArbeitnehmerInnen Wert gelegt wird, bringt ein subjektives Sinngefühl mit sich und drückt sich auch in stärkerem Engagement der MitarbeiterInnen aus. Transparenz, Kommunikation und Einblicke machen wirken sich positiv auf die erlebte Bedeutsamkeit der Arbeitsaufgabe aus.
  • Im Unternehmen sollte eine offene Diskussion über Fragen bezüglich Verantwortlichkeit und Nachhaltigkeit geführt werden. Eine Orientierung hin zu größeren Zielen, die über Einzelne und das Unternehmen hinausgehen, ist förderlich. Einzelne MitarbeiterInnen sollten in Verantwortlichkeiten einbezogen werden. Aus dieser Verantwortung heraus sollten den MitarbeiterInnen nicht nur Pflichten entstehen, sie sollten  ihnen auch Nutzen bringen, z.B. über Gewinnbeteiligungen. So kann das Engagement der MitarbeiterInnen langfristig gesteigert werden.

Von Sebastian Roth

Quellen:

Höge, T. & Schnell, T. (2012). Kein Arbeitsengagement ohne Sinnerfüllung. Eine Studie zum Zusammenhang von Work Engagement, Sinnerfüllung und Tätigkeitsmerkmalen. Wirtschaftspsychologie, 1, 91-99.

Schnell, T. (2016). Psychologie des Lebenssinns. Springer: Heidelberg, Berlin, New York.

Schnell, T., Hoege, Th., & Pollet, E. (2013). Predicting Meaning in Work: Theory, Data, Implications. The Journal of Positive Psychology. DOI: 10.1080/17439760.2013.830763.

Weber, W. G., Unterrainer, C. & Höge, T. (2008). Socio-moral Atmosphere and Prosocial and Democratic Value Orientations in Enterprises with Different Levels of Anchored Participation. Zeitschrift für Personalforschung, 22 (2), 171-194.

 

Weiterführende Quellen:

Interview mit Prof. Wolfgang Weber über Sinn im Beruf.

Interview mit Prof. Dr. Theo Wehner über sinnvolles Arbeiten.

Borck, G. (2012). Affenmärchen – Arbeit frei von Lack und Leder. Gratis download von Webpage Gebhard Borck.

Klein, S. (2010). Der Sinn des Gebens: Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiter kommen. Frankfurt: Fischer Verlag.

Interview mit Prof. Dr. Theo Wehner zum Thema ‚Sinn in der Arbeit‘

Christoph Hörmann sprach mit Prof. Dr. Theo Wehner, ETH Zürich, Schweiz

(Zur Person)

 

Frage 1:

Herr Prof. Wehner, in Ihrer Forschung haben Sie u.a. verschiedene Formen von Arbeit miteinander verglichen und konnten dabei feststellen, dass freiwillig Tätige mehr Einsatzbereitschaft und Arbeitsengagement zeigen als Erwerbstätige. Kann man dass dadurch erklären, dass man sich vor allem dann für eine Sache persönlich engagiert, wenn man sie persönlich als sinnvoll erachtet?

Ja. Also ich bin deshalb zögerlich, weil ich sage die Freiwilligkeit muss man sich leisten können. Das heißt, man muss eine Existenzsicherung haben und auch so wenig ausgepowert sein, dass man zusätzlich das Interesse hat in dieser Gesellschaft tätig zu werden. Und dort wo man dann zusätzlich, also neben der Existenzsicherung tätig wird, dort hat man sicher andere Ansprüche, als man die heute in der Erwerbsarbeitsgesellschaft durchsetzten kann.

Das heißt, es kommt vor allem darauf an, dass man noch Kraft und Ressourcen hat, um sich freiwillig zu engagieren?

Genau. Kraft und Ressourcen ist die eine Seite. Aber eben auch den Blick dafür, dass in unserer Gesellschaft Dinge getan werden sollten, vielleicht sogar müssen, die nicht unbedingt durch den Markt geregelt werden, die nicht bezahlbar sind und die ich selbst für mich auch nicht bezahlt haben möchte. Denn das hat mich in einem der ganz frühen Interviews, das ich geführt habe, sehr fasziniert, wie eine Ältere Dame gesagt hat: „Das was ich hier freiwillig tue, das würde ich nicht tun, wenn es bezahlt würde.“ Und das zeigt eben, dass dann ein Vergleichsmoment hinzukommt bei der bezahlten Arbeit, welches wir in der Freiwilligenarbeit so nicht haben.

Frage 2:

Gibt es bestimmte Bedingungen oder gar Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen oder können, damit eine Tätigkeit als bedeutsam erlebt wird?

Die Arbeitspsychologie, so würde ich sagen, hat sich zufrieden gegeben mit der Zufriedenheit. Es gibt kein arbeitspsychologisches Buch, wo das nicht auf vielen Seiten abgehandelt wird, es gibt viele Messinstrumente, die sich damit beschäftigt haben. Aber das ist nur die eine Seite. Arbeitszufriedenheit ist bescheidener sag ich mal – und auch die Bedingungen für hohe Arbeitszufriedenheit fallen bescheidener aus, als die in der Sinnerlebensforschung definiert werden. Und es ist auffällig, dass wir in der Arbeits- und Organisationspsychologischen Lehrbüchern unter dem Stichwort Sinn maximal zwei Einträge oder drei haben, die dann eben lauten Sinnhaftigkeit der Aufgabe. Dort wird noch gesehen, also in der Aufgabe muss sozusagen Möglichkeit Sinn zu generieren liegen. Und da bin ich irgendwie schon zu sensibel was das Wort anbelangt… Der Sinn haftet den Dingen nicht an! Das ist nicht etwas was angeheftet oder beigeheftet ist, sondern Sinn ist etwas, was persönlich generiert wird. Und jetzt zurück zu Ihrer Frage: Können wir denn Arbeitsplätze machen, die das Sinnerleben erhöhen? Wir können Bedingungen schaffen, die es zumindest nicht als nutzlos erscheinen lassen, diese Aufgaben zu erfüllen. Aber, Sinn ist etwas höchstpersönliches, und alleine die Ganzheitlichkeit, alleine die Stressfreiheit oder alleine die Anforderungsvielfalt sind es nicht, die dann das Sinnerleben garantieren. Ich selbst bin sehr angetan von den frühen Äußerungen Viktor Frankls. Er ist für mich einer der ersten und einer der kontinuierlichsten, die darauf hingewiesen haben: Sinn ist verarbeitete Erfahrung. Das heißt die Arbeitsplätze bieten mir Erfahrung an und ich muss das verarbeiten, um daraus tatsächlich auch persönlichen Sinn zu generieren. Und es könnte durchaus sein, dass eine Arbeitsaufgabe nicht ganzheitlich ist oder ich auch nur einen kleinen Teil davon mache, aber sehe, dass der innerhalb der Arbeitsteilung vernünftig ist, nützlich ist, brauchbar ist und dass ich in der Verarbeitung dieser persönlichen Erfahrung dann auch Sinn generieren kann.

Frage 3:

Inwiefern unterscheiden sich verschiedene Berufsstände? Zum Beispiel Menschen, die sich beruflich für andere engagieren, wie Krankenpfleger, Ärzte oder Sozialarbeiter. Erleben sie ihre Arbeit prinzipiell sinnvoller als Personen, die in der Produktion tätig sind? Oder kann man das so nicht behaupten?

Ich glaube nicht. Sie können bei Ihrer Hausarbeit Sinn erleben, sie können als Chirurg Sinn erleben und Sie können als Pflegekraft Sinn erleben und Sinn generieren. Die Zufriedenheit mag höher sein bei diesen verschiedenen Tätigkeiten, aber das Sinnerleben ist nicht so hierarchisiert, wie wir sonst Sinn in der Berufswelt hierarchisiert haben. Weil es eben eine zutiefst persönliche Konstruktion ist. Aus dem was objektiv gegeben ist, muss nicht für jeden der gleiche subjektive Sinn generiert werden.

Frage 4:

Vielleicht eine etwas banale Frage, aber was haben Arbeitgeber davon, dass ihre Mitarbeiter ihre Arbeit als sinnvoll erleben?

Also der Arbeitgeber müsste ja selbst sehen, denn in dem was er tut, generiert er ja auch Sinn. Es gibt zur Zeit eine Reihe von Umfragen, die deutlich zeigen: Mitarbeiter würden unter Umständen auf Status oder auch ein Stück weit auf Geld verzichten, wenn sie dafür anspruchsvollere und das heißt dann meistens Sinn-generierendere Tätigkeiten erhielten. Der Arbeitgeber kann sich also nicht darauf ausruhen, dass er unter Umständen zufriedene Mitarbeiter hat. Ein besonderes Phänomen von Arbeitszufriedenheit ist auch, dass sie in Krisen steigt. Denn es ist dann immer noch besser einen Arbeitsplatz zu haben als keinen. Für die Arbeitgeber und in nächster Linie für die Arbeitsforscher ist die Erschließung der Sinnkategorie innerhalb der Arbeit eine besondere Herausforderung, der wir uns in Zukunft stellen müssen.

Frage 5:

Sie sprachen an, dass Menschen bereit wären für einen Teil ihres Lohns für mehr Sinn bei der Arbeit zu verzichten. Was aber ist mit Menschen, die sagen für mich muss Arbeit keinen Sinn haben. Der Sinn meiner Arbeit liegt allein im Broterwerb. Muss Arbeit immer sinnvoll sein? Wieso gibt es Menschen, die offensichtlich keinen Sinn bei der Arbeit brauchen und offensichtlich nur den Sinn des Brot- oder Gelderwerbs darin sehen?

Gut, das ist ja die Abhängigkeit in der Erwerbsarbeit: Die ist ja dadurch gegeben, dass sie sonst keine Existenz hätten. Wer kein Einkommen hat, hat kein Auskommen. Und es könnte ja sein, dass jemand sagt für mich ist diese Aufgabe, die ich hierzu erfüllen habe, ist für mich dafür da die Existenz zu sichern. Und deshalb habe ich keine höheren Ansprüche daran. Und was da sonst noch gegeben ist nutze ich nicht zur Sinngenerierung. Wobei ich vermuten würde, dass diese Person, die nur im Gelderwerb Sinn generiert sicher keine wirklich sehr gute Arbeit hinterlässt. Keine Arbeit auf die diese Person eventuell selbst stolz ist. Vielleicht ist die Dienstleistung dann trotzdem noch erfüllt. Vielleicht meckert der Kunde auch nicht, aber ich glaube Arbeit wird dadurch reicher, indem ich Stolz darauf sein kann.

Frage 6:

Das bedeutet, ohne die wirtschaftliche Abhängigkeit – Sie haben sich ja auch intensiv mit Fragen zum bedingungslosen Grundeinkommen auseinandergesetzt – was denken Sie, Ihre persönliche Einschätzung: Inwiefern könnte man durch ein bedingungsloses Grundeinkommen dem einzelnen Arbeitnehmer zu mehr Sinnerleben im Beruf verhelfen?

Also diese Trennung von Arbeit und Einkommen ist sicher schon gedankliche eine der größten Herausforderungen für die Arbeitsgesellschaft. Und ich wundere mich sehr darüber, wie viele Bürgerinnen und Bürger rundheraus sagen: „Dann würde die Hälfte nicht mehr arbeiten – zumindest mein Nachbar nicht mehr. Ich vielleicht schon noch, aber mein Nachbar nicht mehr.“ Das ist schon ein Menschenbild, was wir gehörig hinterfragen müssen. Ich glaube wir sind tätige Wesen und es kommt genauer auf das Tun-Können an, damit sich Geist und soziales Zusammenleben überhaupt ausbilden. Aber ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre für uns eine wirklich große Herausforderung. Und ich vermute auch, dass wir ihr nicht von Anfang an gewachsen sind. Und ich würde sagen man kann sich eben nicht mehr so gut darauf rausreden zu sagen, „ich mache den Job weil ich das Geld brauche“. Dieses Argument gilt dann nicht mehr, denn man muss andere Gründe haben eine Tätigkeit auszuführen. Und das wirft uns auf uns zurück. Das Unternehmen selbst wird es dann auch nach wie vor noch geben. Auch wenn ich nicht dabei bin. Ich muss eine viel stärkere Übereinstimmung erzielen zwischen dem was für mich sinngenerierend ist, und dem was dort angeboten wird.

Ich selber finde die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen auch sehr spannend: Dann wäre der Mensch vielleicht wirklich frei, das zu tun was er tun will.

Genau. Dann gibt’s aber auch, wie Erich Fromm sagen würde, eine gewisse „Furcht vor der Freiheit“ …

 

Zur Person

Theo Wehner war seit 1997 ordentlicher Professor an der ETH für das Fach Arbeits- und Organisationspsychologie und Leiter des ETH-Zentrums für Organisations- und Arbeitswissenschaften. Er wurde zum Aug 2014 emeritiert und ist derzeit Gastprofessor an der Universität Bremen, im Institut „Technik & Bildung“.

Geboren am 27. März 1949, in Fulda (D), studierte er – nach abgeschlossener Berufsausbildung und mehrjähriger Angestelltentätigkeit – an der Universität Münster Psychologie und Soziologie. Anschließend arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Münster und Bremen, promovierte an der Universität Bremen und habilitierte sich 1986 ebenfalls dort. Von 1989 bis 1997 war er Professor für Arbeitspsychologie an der TU Hamburg-Harburg.

Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind die psychologische Fehlerforschung, das Verhältnis von Erfahrung und Wissen, kooperatives Handeln und psychologische Sicherheitsforschung. Unter dem Begriff “wissensorientierte Kooperation” führt er seit Jahren Projekte in verschiedenen Unternehmen durch. Dabei werden selbstverständlich auch psychologische “Werkzeuge” entwickelt. In seiner Forschung ist ein sowohl quantitatives als auch qualitatives empirisches Vorgehen zentral, jedoch immer eingebettet in die betriebliche Lebenswelt und in enger Kooperation mit den Vertretern der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite.

In der universitären Lehre vertritt er den Standpunkt der Vermittlung arbeitspsychologischer Inhalte durch “Selbstanwendung” (Wissenschaft wird dadurch Praxis, indem wir sie auf uns selbst anwenden).

Ein neuer Schwerpunkt (mit mehreren, vom Schweizer Nationalfonds geförderten Projekten) bilden Forschungsprojekte zur frei-gemeinnützigen Tätigkeit[1] (Volunteering) und zum frei-gemeinnützigen Engagement von Unternehmen[2] (Corporate Volunteering).

[1] Wehner, T. & Güntert, S. (2015): Psychologie der Freiwilligenarbeit. Motivation, Gestaltung und Organisation. Berlin: Springer.

[2] Wehner, T. & Gentile, G.-C. (2012). (Hrsg.): Corporate Volunteering – Unternehmen im Spannungsfeld von Effizienz und Ethik. Berlin: Springer, Gabler.

 

Spirituell und/oder religiös? Moderne Glaubensüberzeugungen, Persönlichkeit und Sinnerleben.

Schnell, T. (2012) Spirituality with and without Religion—Differential Relationships with Personality. Archive for the Psychology of Religion 34 (2012) 33-61 –> free pdf

Glauben Sie an Gott? Oder lieber an eine unbestimmte übernatürliche Macht? Würden Sie sich also eher als religiös oder als spirituell bezeichnen? Welche Aussagen lassen sich aufgrund dessen über Ihre Persönlichkeit treffen? Sind religiösen Menschen andere Dinge wichtig als Spirituellen? Der hier vorgestellte Artikel versucht Erleuchtung ins Dunkel dieser Fragen zu bringen.

Sie haben sich für spirituell entschieden, weil Ihnen das vertrauter scheint, um Ihre Einstellung zu… tja, zu WAS eigentlich… zu beschreiben? Oder gefällt Ihnen der Begriff einfach besser, weil man bei religiös immer gleich an Kirche denken muss? Von der scheinen sich derzeit immer mehr Menschen abgrenzen zu wollen – nicht nur begrifflich. Vielleicht gehören sie ja auch zu der sich ausbreitenden Spezies, die den Glaubensinstitutionen den Rücken zukehrt und versucht sich im Dickicht des spirituellen Marktes allein bis zur Erleuchtung durchzuschlagen? „Erfahren können statt glauben müssen“, scheint nicht nur Motto sondern auch der Grund zu sein, weshalb sich diese Menschen von der Kirche und ihren Ritualen wie Gottesdiensten und Gebeten abwenden – hin zu Meditation, Yoga oder fernöstlicher Mystik.

Spirituell oder religiös? Möglicherweise fragen Sie sich: Wo ist denn da der Unterschied? Mehrere Studien konnten belegen, dass sich die Mehrheit der Befragten sowieso als beides sieht – spirituell und religiös. Obwohl fast alle religiösen Menschen Spiritualität als festen Bestandteil ihres Glaubens ansehen, bezeichnen die Vertreter der oben genannten Spezies ihren Glauben ja gerade deshalb als Spiritualität, weil für sie Religion eben nicht dazugehört. Interessant ist auch, dass beide Begriffe sich in ihrer Bedeutung überschneiden. Die Zuwendung hin zu einer Wirklichkeit jenseits der materiellen Welt. Hier soll es aber nicht nur um Begriffe gehen, sondern um Menschen – um religiöse und um spirituelle. Aber wodurch unterscheiden sich die beiden Gruppen? Um das herauszufinden, wurden in der vorliegenden Untersuchung die 135 teilnehmenden Studenten gebeten, einzuschätzen wie religiös bzw. spirituell sie sind, wobei Spiritualität hier als der Glaube an Übernatürliches definiert war. Zusätzlich wurden mittels Fragebogen verschiedene Arten von Persönlichkeitsmerkmalen erhoben.

Ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung von Persönlichkeitsmerkmalen ist deren Stabilität. Man unterscheidet deshalb dispositionelle Eigenschaften und charakteristische Adaptionen:

Dispositionelle Persönlichkeitsmerkmale beziehen sich auf grundlegende individuelle Unterschiede im Denken, Erleben und Verhalten (siehe Box: BIG 5).

BIG 5 Der Begriff steht für ein Persönlichkeitsmodell, dass fünf grundlegende Dimensionen relativ stabiler Persönlichkeitsmerkmale unterscheidet:

  • Neurotizismus (Häufigkeit negativer Emotione­n, emotionale Stabilität)
  • Extraversion (Geselligkeit, Aktivität, Sensations­lust, Begeisterungsfähigkeit, Selbstbe­hauptung)
  • Offenheit (für Erfahrungen, Neigung zu unab­hängigem, unkonventionellem phantasievolles Erleben und Verhalten)
  • Verträglichkeit (Altruismus, Vertrauen, Kooperation)
  • Gewissenhaftigkeit (Selbstkontrolle und Organisation, Planungsfähigkeit, Zuverlässigkeit)

Sie treten unabhängig von der jeweiligen Situation auf und bleiben meist über lange Zeit stabil. Persönlichkeitsdispositionen beeinflussen unser Verhalten grundlegend und unbewusst – mitunter auch gegen unseren Willen: Jeder, der sich schon einmal fest vorgenommen hat weniger nervös zu sein, z.B. bei einer Verabredung oder einem Vorstellungsgespräch, kann dies bestätigen.

Im Unterschied dazu sind charakteristische Adaptionen typische Verhaltenstendenzen, die abhänig von der Situation und der sozialen Rolle einer Person auftreten. Sie sind weniger stabil als Verhaltensdispositionen und werden von unseren Werten, Zielen und Absichten beeinflusst. Charakteristische Adaptionen sind gewissermaßen die Übersetzung von Zielen und Idealen in konkretes Verhalten. Die hier erhobe­nen Lebensbe­deu­tun­gen sind solche „in Aktion getretene Werte“ und potenzielle Quellen um Sinn im Leben zu erfahren.

Im ersten Schritt der Untersuchung wurde überprüft welche Persönlichkeitsmerkmale tendenziell eher mit Spiritualität bzw. eher mit Religiosität einhergehen. Dabei fällt auf, dass sich sowohl spirituelle wie auch religiöse Personen selbst als überdurchschnittlich umgänglich, verträglich, vertrauenswürdig und emotional einschätzen. Religiöse Menschen erscheinen jedoch nachgiebiger, also eher bereit sich Anderen unterzuordnen, und gewissenhafter. Große Unterschiede zeigen sich auch in puncto Offenheit. Spirituelle haben tendenziell nicht nur eine lebhaftere Phantasie als Religiöse, sie zeigen sich auch aufgeschlossener gegenüber neuen, ungewöhnlichen Erfahrungen und Ideen.

Sowohl spirituelle als auch religiöse Menschen zeigen ein hohes Maß an Selbsttranszendenz, sowohl vertikal (Verbundenheit mit einer höheren Macht) als auch horizontal (Bereitschaft zu Verantwortung und Engagement für Gesellschaft, Natur und persönliches Wachstum). Noch mehr als den Religiösen scheint spirituellen Personen Selbsterkenntnis – also die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen – ganz besonders wichtig zu sein. Sie zeichnen sich zudem durch eine hohe Kreativität aus. Harmonie und Achtsamkeit – mit sich selbst und im Sinne eines bewussten Umgangs miteinander – scheint beiden Orientierungen überdurchschnittlich wichtig, ist aber bei Spirituellen stärker ausgeprägt.

Im nächsten Schritt wurde untersucht, welche der beiden Arten an Persönlichkeitsmerkma­len sich stärker auf den Glauben einer Person auswirkt. Dabei konnte festgestellt werden, dass persönliche Überzeugungen und Werte (= charakteristische Anpassungen) mehr Einfluss auf die Spiritualität bzw. Religiosität einer Person haben, als typische Verhaltensdispositionen. Das bedeutet, dass der Glaube eines Menschen stärker von seinen individuellen Erfahrungen und den daraus entstandenen Zielen und Werten geprägt ist, als von seinen unbewussten und vererbten Verhaltensanteilen.

Mit dem Ziel zwei verschiedene Arten der Spiritualität miteinander zu vergleichen, wurden die Untersuchungsteilnehmer im letzten Schritt in zwei Gruppen eingeteilt:

a) Personen, die angaben sowohl religiös als auch spirituell zu sein

b) Personen, die angaben spirituell aber nicht religiös zu sein

Entgegen der Erwartungen haben „nur“ spirituelle Personen keine offenere Einstellung als religiös-spirituelle Menschen. Verglichen mit dem Durchschnitt ist Offenheit in beiden Gruppen überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Das bedeutet, dass Spiritualität – egal ob mit oder ohne religiöse Orientierung – verbunden zu sein scheint mit dem Bedürfnis Neues zu Erleben und seinen Gedanken und seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Die Daten weisen darauf hin, dass Personen, die spirituell aber nicht religiös sind eher zu neurotischem Verhalten neigen. Das bedeutet, dass sie häufiger unter Ängsten und Depressionen leiden und Anderen mitunter zurückhaltend oder gar feindselig begegnen. Spirituell-nicht-religiöse Personen zeigten sich im Vergleich zu spirituell-religiösen und dem Durchschnitt auch als weniger umgänglich.

Bisher nahm man an, dass „nur“ spirituelle Menschen im Gegensatz zu spirituell-religiösen keinen Sinn und Halt in der Religion finden konnten und deshalb noch auf der Suche nach Orientierung sind. Diese Vermutung wurde zwar bisher durch die ausgeprägte Offenheit spiritueller Personen unterstützt, jedoch zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass auch religiös-spirituelle Menschen offen sind – ohne neurotische Tendenzen zu zeigen. Damit ist also nicht erklärt, weshalb sich derart aufgeschlossene und erlebnisorientierte Personen häufig unsicher fühlen, vor Zurückweisung fürchten oder gar  unter Ängsten und Depressionen leiden.

Möglicherweise besteht hier eine Verbindung zu dem eingangs beschriebenen Chaos auf dem spirituellen Markt. Vielleicht sind besonders reizoffene Menschen von diesem Überangebot überfordert. Viele dort angepriesene Lebensphilosophien stammen aus anderen Religionen und Kulturen. Aus ihrem eigentlichen Kontext gerissen und nicht richtig oder nur oberflächlich angewandt, verfehlen sie möglicherweise ihre Wirkung. Deshalb gilt es auch auf dem spirituellen Markt am Bedarf orientiert und bewusst zu „shoppen“ und die Qualität von Angebot und Anbieter zu überprüfen. Schnäppchen werden sich hier keine machen lassen, denn Spiritualität ist ebenso wie Religiosität geistige Orientierung und Lebenspraxis, die individuell ausgelebt – also ohne feste Glaubensinstitution und -gemeinschaft,  ein besonderes Maß an Geduld, Übung und Regelmäßigkeit erfordert.

Zusammengefasst von Christoph Hörmann

Sinn am Arbeitsplatz durch existentielle Fragen

Lips-Wiersma, M. & Mills, A. J. (2013). Understanding the Basic Assumptions About Human Nature in Workplace Spirituality: Beyond the Critical Versus Positive Divide. Journal of Management Inquiry, 23 (2), 148–161.

Können existentielle Fragen dabei helfen, wieder mehr Sinn bei der Arbeit zu erleben? Wie kann das Gefühl der Verbundenheit mit den Arbeitskollegen verbessert werden? Können Organisation und Mitarbeiter davon profitieren, wenn sich Arbeitnehmer mit existentiellen Fragen beschäftigen?

Lips-Wiersma und Mills (2013) untersuchen in einer fünfmonatigen Studie 30 Mitarbeiter eines niederländischen universitären Instituts, die zwei Tage an einem spirituellen Rückzugsort verbringen. Dieser ‚Retreat‘ stellt eine praktische Umsetzung der organisationalen Werte des Instituts dar, die das Wohlbefinden der Arbeitnehmer beinhalten. Im Retreat werden sie dazu angeleitet, weit weg von ihrem Arbeitsalltag, in einer strukturierten Art und Weise über den tieferen Sinn ihrer Existenz nachzudenken. Dazu steht ihnen eine Mischung aus Übungen zu Körper, Geist, Seele und Sinn zur Verfügung. Im Mittelpunkt jeder Übung steht die Frage „Wer bin ich?“. Die Teilnehmer können sich aussuchen, auf welche Rolle in ihrem Leben sie diese Frage richten, wie z.B. Arbeit oder Familie. Daneben ist in den Tagen Platz für andere Formen der Reflexion wie Gebete und Meditationen.

Die Studie findet vor dem Hintergrund statt, dass für Unternehmen immer mehr die Leistung des Arbeitnehmers im Mittelpunkt steht und nicht der Mensch selbst. Laut den Autoren ist es vor allem in Zeiten von raschen Veränderungen in der Arbeitswelt für Arbeitnehmer wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, wer man ist. Die Frage „Wer bin ich?“ in den Tagen am Rückzugsort zielt darauf ab, dass sich die Teilnehmer ihrer Identität bewusst werden. Das generelle Ziel dieser Tage ist die Reflexion über den Sinn von Arbeit im Hinblick auf das eigene Leben.

Was zeigen die Ergebnisse dieser Studie?

  • Über die Frage „Ist meine Arbeit noch sinnvoll?“ wird in den Tagen häufig reflektiert. Um die erhaltenen Erkenntnisse in Veränderungen umzusetzen nutzen die Teilnehmer ihre Entscheidungsmöglichkeiten anschließend am Arbeitsplatz. Im Rahmen dieser widmen sie sich dem Teil ihrer Arbeit mehr, der für sie momentan wichtig ist. Neben der Arbeit gibt es aber auch andere Lebensbereiche, über deren Bedeutung reflektiert wird. Das erfordert anschließend ein Umgestalten der Zeitaufteilung, um auch diesen genügend Raum zu geben.
    Den meisten Teilnehmern gelingt es jedoch nicht, ihren Arbeitsalltag nach diesen Tagen langfristig sinnstiftend umzugestalten. Sinngebende Arbeit verlangt vielmehr dauerhafte Reflexion und die anschließende Bereitschaft zur Veränderung.
  • Der Rückzugsort hilft den Teilnehmern vor allem durch den Abstand zur Alltagshektik, mehr zu sich selbst zu finden und sich ihrer Identität klarer zu werden.
  • Im Hinblick auf eine sinnvolle Arbeit ist das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen wichtig. Dies tritt vor allem dann ein, wenn man sich mit ihnen über den persönlichen Lebenssinn austauscht. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Menschen aus der Arbeit durch regelmäßige Gespräche schon recht gut kennen. Sie unterhalten sich jedoch selten darüber, was für sie die wesentlichen Dinge im Leben sind. Wenn dies gewünscht ist, bieten die Tage am Rückzugsort hierfür die geeigneten Bedingungen.
  • Die Reflexion hilft den Teilnehmern zu verstehen, über welchen Teil sie Kontrolle bei der Arbeit haben, und welchen Anteil sie als Einzelperson nicht beeinflussen können. So gibt es Dinge, die die Organisation dazu beträgt, dass Arbeitnehmer sich selbst verlieren. Ein Beispiel hierfür ist der Druck zu funktionieren. Andererseits existiert auch ein beeinflussbarer Bereich für jeden Einzelnen. Dies sind persönliche Merkmale wie ein zu hohes Verantwortungsbewusstsein.

Was bedeuten diese Ergebnisse für die Praxis vor dem Hintergrund der existentiellen Psychologie?

–          Eine Kombination aus Entscheidungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz und Reflexion hilft Menschen dabei, ihre Jobs und Privatleben so umzugestalten, dass diese in Einklang mit dem stehen, was ihnen letztendlich wichtig ist. Derartige existentielle Reflexion unterscheidet sich jedoch von reinen Problemlösungen. Sie versucht nicht ein Ziel oder eine Lösung für ein Problem zu erarbeiten, sondern sich vom alltäglichen Denken und von selbstverständlichen Grundannahmen zu lösen.

–          Dem Einsatz solcher selbstreflexiver Methoden sind hinsichtlich der Reichweite in einer Organisation jedoch Grenzen gesetzt. Selbstreflexion kann beim Individuum sehr wohl zu wesentlichen Erkenntnissen und Veränderungsmöglichkeiten bezüglich persönlicher Rollen und Aufgaben führen. Jedoch reicht dies nicht aus, um langfristig auch Veränderungen auf verschiedenen Organisationsebenen zu bewirken. Hierfür muss zusätzlich kritische Reflexion durch den Arbeitgeber gemeinsam mit den Arbeitnehmern stattfinden. Dies kann in Form von Fragen wie „Warum sind wir als Organisation da?“ oder „Was steht einer sinnvollen Arbeit und existentiellen Reflexion seitens der Organisation im Wege?“ geschehen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass diese organisationalen Umstände bestehen bleiben und immer wieder dazu beitragen, dass Individuen sich ihrer Identität unklar werden.

–          Innerhalb einer Organisation arbeiten zum einen Menschen, die sich vielleicht gerade fragen, wer sie eigentlich sind. Zur gleichen Zeit gibt es aber auch Arbeitnehmer, die sich klar darüber sind, was für sie bedeutend ist. Durch mehr Klarheit über den eigenen Lebenssinn können Veränderungswünsche seitens der Arbeitnehmer in Bezug auf ihre momentane Tätigkeit aufkommen. Arbeitgeber sollten durch die Struktur einer Organisation versuchen, diesen Bedürfnissen so weit wie möglich gerecht zu werden, um wieder mehr Sinn bei der Arbeit zu ermöglichen.

Was bedeutet das für mich?

Unter den momentanen Bedingungen ist es für Arbeitnehmer und Arbeitgeber schwer möglich, existentielle Fragen zu stellen. Arbeitgeber sollten bei der Struktur einer Organisation darauf achten, dass diese Sinnerleben für Arbeitnehmer erleichtert. Eine Möglichkeit ist Raum für existentielle Reflexion zu geben, sowie den Austausch darüber unter den Mitarbeitern.

Idiosyncratic Deals beziehen sich auf freiwillige, individualisierte Vereinbarungen, die zwischen einzelnen Arbeitnehmern und ihrem Arbeitgeber verhandelt werden. Sie betreffen nichtstandardisierte Bedingungen, von denen beide Seiten profitieren. Die Organisation kann hierbei wertvolle Mitarbeiter an sich binden und der Arbeitnehmer kann individuelle Bedürfnisse einbringen (Rousseau, Ho & Greenberg, 2006).

Im Anschluss daran sollte es den Arbeitnehmern möglich sein, sich innerhalb des Unternehmens umzuorientieren oder im Rahmen von „Idiosyncratic Deals“ über individuelle Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Auch, wenn diese vom Standard im Unternehmen abweichen, können sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer davon profitieren.

Zusammengefasst von Jessica Färber

 

Quellen:

Lips-Wiersma, M. & Mills, A. J. (2013). Understanding the Basic Assumptions About Human Nature in Workplace Spirituality: Beyond the Critical Versus Positive Divide. Journal of Management Inquiry, 23 (2), 148–161.

Rousseau, D. M., Ho, V. T. & Greenberg, J. (2006). I-deals: Idiosyncratic terms in employment relationships. The Academy Of Management Review31(4), 977-994.

 

 

Lebenssinn und Lebensziele in Bulgarien – ein Land am Rande Europas

Kostadinova, N. (2013). Lebenssinn und Lebensziele in Bulgarien – ein Land am Rande Europas. Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

Die vorliegende Diplomarbeit befasst sich mit dem Thema Lebenssinn und Lebensziele in Bulgarien. Ausgangspunkt des Forschungsinteresses waren Ergebnisse europäischer Statistiken (EQLS, 2007), wonach die Bulgaren hinsichtlich Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden an unterster Stelle selbst unter den neuen EU-Mitgliedstaaten stehen. Im Fokus stand die Frage, wie die Menschen in einem ehemaligen Ostblockland mit niedrigem Lebensstandard und hoher Armutsgefährdung Zugang zum Sinnerleben finden. Der Vergleich mit einem wohlhabenden Land wie Deutschland war von besonderem Interesse. Eine weitere zentrale Fragestellung beschäftigte sich damit, wie sich die  Verfolgung von extrinsischen vs. intrinsischen Lebenszielen auf das Sinnerleben auswirkt.

Die Erhebung wurde mit Hilfe von zwei quantitativen Verfahren durchgeführt. Dafür wurde der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe, Schnell & Becker, 2007) ins Bulgarische übersetzt. Zur Erfassung von Lebenszielen wurde der Aspiration Index aus dem Jahre 2005 von Grouzet und Kasser verwendet.

Zusammenfassend zeigten die Ergebnisse, dass in Bulgarien eine hohe Sinnerfüllung und weniger existentielle Indifferenz zu finden waren als in Deutschland, wo die existentiell Indifferenten fast um das Dreifache mehr der Bevölkerung ausmachen. Das weist darauf hin, dass diese Lebenshaltung durchaus ein Produkt der Konsum- und Wohlstandsgesellschaft sein könnte, die alle grundlegenden Bedürfnisse befriedigt und eine Übersättigung an Gütern und Informationen erzeugt. Die Befunde zeigen, dass ausreichende materielle Bedingungen nicht zwingend notwendig für ein sinnerfülltes Leben sind. Sie erschließen zwar mehr Sinnmöglichkeiten, gehen aber nicht automatisch mit Sinnerfüllung einher, die sich vor allem aus Einsatz und persönlichem Engagement für subjektiv bedeutsame Sinnquellen ergibt.

Auch die Auswirkung der Lebensziele auf das Sinnerleben wurde bestätigt. Die Verfolgung von intrinsischen Zielen als Ausdruck der innewohnenden Bedürfnisse im Menschen steigert nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch das Ausmaß der Sinnerfüllung. Menschen hingegen, die extrinsische Ziele und äußere Belohnungen anstreben, zeigten bereits höhere Ausprägungen der Skala Sinnkrise.

Mit 83% der Stichprobe  erlebte der Großteil der Bulgaren ihr Leben als sinnerfüllt. Daraus wird deutlich, dass Sinnerfüllung eine andere Erlebnisqualität darstellt als Wohlbefinden. Es geht nicht darum, frei von negativen Emotionen und Depressionen zu sein, sondern das Leben nach dem subjektiv Richtigen und Wertvollen zu gestalten. Insgesamt lässt sich sagen, dass Sinnerleben in jeder Kultur und unter allen Lebensumständen unablässig stattfindet, unabhängig vom Lebensstandard und von dem erlebten Wohlbefinden als ein zur Natur des Menschen gehörendes Bedürfnis.

Hier können Sie die Arbeit als pdf herunterladen. (Zitieren: Kostadinova, N. (2013). Lebenssinn und Lebensziele in Bulgarien – ein Land am Rande Europas. Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit. www.sinnforschung.org)

Die gefährliche Frage nach dem Sinn

Weshalb empfinden manche ihr Leben als glücklich und wertvoll, während andere schier daran verzweifeln? Und wie leben jene Gleichmütigen, die einen Sinn nicht einmal vermissen? Oder der Frage ausweichen, weil sie Angst vor der Antwort haben? In der GEO WISSEN vom Mai 2014 nähert Ute Eberle sich der Antwort auf diese Fragen anhand zweier sehr persönlicher Schicksale…

Zum Beitrag in GEO WISSEN: Was gibt dem Leben Sinn?

 

 

Die Sinn-als-Information-Theorie

Heintzelman, S. J. & King, L. A. (2014). (The Feeling of) Meaning-as-Information. Personality and Social Psychology Review, 18(2), 153-167.

Das Faktum, dass Menschen Sinn erleben können, sagt uns nicht, wozu ein solches Erleben dient. Geht es um mehr, als dass sich Sinn gut anfühlt? Die Autoren vermuten, das Empfinden von Sinn habe einen informativen Wert für den Erlebenden. Die Fähigkeit ermögliche einen Vorteil bei der Anpassung an die Umwelt. Das Gefühl, dass die Dinge, die von statten gehen für uns Sinn, unter Umständen auch keinen Sinn ergeben, sagt uns, in welchem Verhältnis wir zur Umwelt stehen. Befinden wir uns in einem Status des Verstehens und der erfolgreichen Orientierung, oder im Status des Ungewissen, des nicht Vorhersehbaren? Das Streben nach Sinn brächte den Vorteil, dass der Mensch versucht, die Welt besser zu strukturieren und zu durchschauen. Denn es ist für unser Leben von Vorteil, Regelmäßigkeiten und Muster zu kennen und Vorgänge in der Welt zu antizipieren. Sinnerleben sei deshalb nicht bloß um seiner selbst willen wichtig, sondern weil es unsere geistigen Prozesse in Richtung Abstimmung auf die Umwelt beeinflusst.

Die Autoren nennen ihre Idee den Sinn-als-Information-Ansatz. Dieser Ansatz ist eng verwandt mit der Gefühl-als-Information-Theorie. Denn die Vorstellung, dass Erleben von Sinn, oder das Fehlen von Sinn informativ für uns ist, beruht auf dem älteren Ansatz, der schon Emotionen als Informationsquellen beschreibt.

Gefühle-als-Information-Theorie Die Theorie besagt, dass für Menschen Gefühle eine Art von Information darstellen. Sie geben uns Auskunft über unsere Situation und unsere Beziehung zur Umwelt. Gefühle leiten uns sogar an, in dem Sinne, dass sie unwillkürlich unsere Denkprozesse steuern. Dabei bewirken sie, dass wir uns orientieren und uns in der Umwelt zurechtzufinden (Schwarz, 2012). Gefühle in ihrer Rolle als Informanten ermöglichen uns somit eine gute Anpassung.

Gefühle und ihr Anpassungswert

Selbstverständlich möchten wir uns gut fühlen, weil es für uns in erster Linie einfach angenehm ist. Andererseits sind wir bestrebt negative Gefühle abzuwenden, weil wir sie schlicht nicht mögen. Positive Emotionen wären demnach um ihrer selbst willen erstrebenswert, negative Emotionen um ihrer selbst willen vermeidenswert. Doch diese Rolle von Emotionen und Stimmungen ist manchen Wissenschaftlern zu eng gefasst. Deshalb blickt die erwähnte Gefühl-als-Information-Theorie aus einer anderen Perspektive auf unsere Gefühlswelt. Sie möchte eine Antwort auf die Frage sein, wozu Gefühle schlussendlich dienen, welchen Zweck sie erfüllen. So argumentiert die Theorie, dass angenehme Gefühle nicht nur unserem Amüsement dienen. Gefühle im Allgemeinen werden als Informanten betrachtet, die unsere Ausrichtung in der Umwelt maßgeblich steuern. Dies geschieht automatisch, indem positive Emotionen Sicherheit signalisieren, während negative Emotionen auf Probleme in der Passung auf die Umwelt aufmerksam machen. Die Gefühle leiten dann die passenden Denkprozesse ein. So kann sich der Erlebende besser auf seine Umgebung einstellen. Gefühle-als-Informationen steuern also die Beziehung zwischen der Person und der Umwelt, leiten den Menschen in seinem Wahrnehmen und Denken geradezu an.

Sinnempfinden und sein Anpassungswert

Für unser Denken sind unsere Stimmungen und Emotionen also wie Informationen. Die Autoren argumentieren, dass das Selbe auch für das Empfinden von Sinn gelte. Sinn wurde von verschiedenen Gelehrten schon auf unterschiedlichste Weisen definiert. Ein Merkmal, das dabei oft geteilt wird, ist jenes der Kohärenz. Das eigene Leben als kohärent zu empfinden bedeutet, dass aufgrund verlässlicher Muster und Regelmäßigkeiten ein Charakter des Verstehens besteht. Dieser Kohärenzsinn ist es, auf den sich die Autoren in ihren theoretischen Erläuterungen beziehen.

Ähnlich der Funktion von Gefühlen würde auch das Sinnempfinden dem Menschen Informationen liefern, die ihm behilflich sind. Dies, indem ebenfalls die für die Situation passenden Denkprozesse eingeleitet werden. Es ist das Empfinden von Sinn, das uns signalisiert, dass die Welt einer Ordnung entspricht, die wir kennen und erwarten (Kohärenz). Ergänzend dazu würde uns ein fehlendes Sinnerleben anleiten, verstärkt nach vertrauenswürdigen Abläufen und Mustern zu suchen. Es wäre eine Phase, in der wir so zu sagen die Augen besonders offen halten, um Regelmäßigkeiten und Muster auszumachen. Mangelndes Sinnerleben möchte uns also zu Verständnis und Orientierung führen.

Ein praktisches Beispiel

Neulich in der Küche. Etwas Unerwartetes hatte meine Aufmerksamkeit in den Bann gezogen. Wie aus dem Nichts spritzte mir siedendes Wasser aus einem Kochtopf entgegen, als ich den Deckel des Topfes anhob. Dabei hatte ich durch den durchsichtigen Deckel aus Glas eindeutig nicht-wallendes, bloß leicht dampfendes Wasser gesehen. „Das macht doch keinen Sinn“, ging mir durch den Kopf, während ich mich mit forschendem, aber auch erschrockenem Blick des Mysteriums annahm. „Aaaahh! Ergibt doch Sinn“, meinte ich nach einer Minute des Experimentierens erleichtert zu mir selbst, um mir mein nun verbessertes Verständnis der Physik zu bestätigen. Das Phänomen des Siedeverzugs war es, das in meinen Erfahrungsschatz eingeordnet werden wollte. Sollte mich dieses Erlebnis zukünftig vor dem Verbrühen meiner Haut schützen, habe ich dies wohl dem im Artikel beschriebenen Mechanismus zu verdanken. Als kurzfristig Unkenntnis bezüglich der Vorgänge gegeben war, erlebte ich eine automatische Fokussierung meiner Wahrnehmung und meines Denkens, gespeist von einem Drang, verstehen zu wollen.

Referenzen

Schwarz, N. (2012). Feelings-as-Information Theory. In P. A. M. Van Lange, A. W. Kruglanski & E. T. Higgins (Hrsg.) The Handbook of Theories of Social Psychology (S. 289-308). Thousand Oaks: SAGE Publications.

 

Zusammengefasst von Daniel Purtscheller

Atheismus und religiöse Indifferenz

Bullivant, S. (2012). Not so indifferent after all? Approaching Religion 2(1), 100-106.

„Das selbstbewusste Bekenntnis zu positivem Atheismus kommt eher in religiösen Kulturen und nicht etwa säkularen vor“ – so lautet die These des britischen Soziologen Steve Bruce. Dies klingt zunächst ein wenig unglaubwürdig. So würde man doch meinen, in religiösen Kulturen kämen solche Bekenntnisse zum Atheismus seltener vor. Doch wie Bruce argumentiert, würden gerade Gesellschaften, die ihre Religiosität explizit ausdrücken, eine aktive Gegenbewegung verstärken. Warum sollte eine Gesellschaft den Nichtglauben besonders ernst nehmen, wenn der Glaube selbst keine Rolle spiele? So geht Bruce davon aus, dass in religiös indifferenteren Gesellschaften (wie es viele Westeuropäische sein sollen) auch eine atheistische Indifferenz vorhanden wäre.

Positiver Atheismus: Im Gegensatz zu negativem Atheismus (die bloße Abwesenheit des Glaubens an einen Gott) der feste Glaube daran, dass es keinen Gott gibt.

Religiös indifferent: Die Gleichgültigkeit gegenüber institutionellen Religionen und ihren Lehren. Das muss nicht zwingend zur Ablehnung oder Kritik dieser führen.

Etwas anders sieht es der Theologe Stephen Bullivant. Seiner Meinung nach würden sich viele westeuropäische Gesellschaften doch auf bestimmte Weise für Religiosität interessieren. Er bezweifelt also die von Bruce beschriebene Indifferenz. So weist er auf die steigenden Zahlen an Studenten hin, die sich für religiöse Fächer einschreiben würden. Für ein steigendes Interesse würden auch die von den Medien in großem Umfang dokumentierten Anschläge des vorherigen Jahrzehntes sorgen.

Die letzten Jahre waren voll mit negativen, weltbewegenden Ereignissen, die mit Religiosität in Verbindung standen – so etwa die Terroranschläge vom 11. September und die Bombenattentate in London und Madrid. Religion war dabei stets ein Motiv der Täter und provozierte dementsprechend religionskritische Bewegungen.

Nach Bullivant würde die religiöse Indifferenz allgemein überschätzt werden. Dabei nimmt er sich der Ergebnisse einer Kollegin an, die in ihrer Dissertationsarbeit Interviews mit Menschen durchführte, die in London leben. Die Interviews drehten sich um die Selbstbeschreibungen der Menschen, die sie im Bezug auf ihre eigene Religiosität machten. Ein auffälliges Muster war jenes, dass sich viele Personen als religiös indifferent bezeichneten. Fragte man sie jedoch nach dem Grund dafür, so offenbarten die meisten, dass ihre Entscheidung auf einer längeren Beschäftigung mit dem Thema Religion gründete. Auch Bullivant ist der Ansicht, eine ernsthafte Selbstbezeichnung als religiös indifferent setze eine gründliche Beschäftigung mit Religion voraus.

Zusammenfassend sieht Bullivant die Tatsache, dass Menschen wenig Interesse daran haben, Religion auszuleben nicht als Grund, religiös indifferent zu sein. Entscheidend dabei ist, zwischen Religion als Lebenseinstellung und Religion als Subjekt des eigenen Interesses zu unterscheiden.

Die Argumente des Autors basieren auf Untersuchungen, die mit britischen Bürgern durchgeführt wurden, können generell aber wohl auch auf andere westeuropäische Gesellschaften übertragen werden.

Zusammengefasst von Thomas Egger

Ich sehe deine Tränen: Lebendigkeit in der Trauer

Canacakis, J. (2006). Ich sehe deine Tränen. Lebendigkeit in der Trauer. Stuttgart: Kreuz Verlag.

Was ist Trauer? Wie trauern wir in der modernen Gesellschaft? Wie können wir sinnvoll trauern?

Diesen und vielen anderen Fragen rund um das Thema Trauer widmet sich das Buch von Jorgos Canacakis, der sich als Diplompsychologe und Psychotherapeut vor allem mit Trauerforschung beschäftigt.

Trauer ist eine Verlustreaktion, die kompliziert und schwer zu verstehen ist. Sie hat unendlich viele Ausdrucksmöglichkeiten. Trauer ist nichts Statisches, sondern ein Prozess. Sie ist eine Verwandlungskünstlerin“

Für Jorgos Canacakis ist Trauer ein Geschenk, eine angeborene Ausstattung, die durch die Vorbildwirkung anderer entwickelt werden muss. Sie ist individuell und vielfältig, denn sie tritt selten allein, sondern fast immer vermischt mit anderen Gefühlen auf. Trauer ist keine Krankheit, sie kann jedoch die Gesundheit stark beeinträchtigen, wenn sie unausgedrückt bleibt. Sie ist einerseits ein höchst individuelles Ereignis, aber auch gleichzeitig ein höchst soziales – Trauer will gesehen, gehört, ernst genommen, verstanden, akzeptiert, aber auch mitfühlend bestätigt werden.

Es fehlt die Großfamilie, die Dorfgemeinschaft, die verständnisvolle Nachbarschaft als „Auffangbecken für berechtigte Tränen“ – wir haben das Trauern verlernt.

Der Tod als Lebenstatsache ist ein Tabu. Wir bekämpfen ihn mit aller Macht. Die Zusammengehörigkeit von Leben und Sterben, von Geburt und Tod als natürliche Einheit wird dadurch missachtet und in der Folge werden die natürlichen Trauerreaktionen verhindert. Rationalität und Leistungsstreben in der modernen Gesellschaft fordern die Zurückhaltung von Gefühlsäußerungen und ein Verbergen von „Schwäche“. Desweiteren fehlen geeignete Rituale, die den Trauerverlauf auffangen, sichern und im Ausdruck unterstützen.

Die Rituale, die unsere Gesellschaft kennt, sind sinnentleert, manipulierend, verpflichtend und starr und deshalb allesamt völlig ungeeignet.

Rituale sind durch Tradition und Brauchtum festgelegte Formen, die das Handeln für Einzelne und Gruppen strukturieren. Sie regeln und ordnen die Begegnung mit sich selbst, mit anderen und mit dem Numinosen, also Sterben, Tod, Trauer. Sinnvolle Trauerrituale führen zu einer Entlastung der Hinterbliebenen, da sie darin die Unterstützung, Anteilnahme und das Verständnis ihrer Mitmenschen erfahren. Sie sind sozusagen ein Wegweiser durch die Trauer und vermitteln ein Gefühl der Sicherheit.

Wie können uns geeignete Trauerrituale helfen?

  • Wir können unserem Trauerschmerz Ausdruck verleihen.
  • Desweiteren schützen sie uns:
    • vor dem Sich-Verlieren in der Trauer
    • vor Aggression (Auto- oder Fremdaggression)
    • Anwesende helfen uns, im Hier und Jetzt zu verbleiben
  • Es herrscht eine klare Rollenverteilung – das reduziert Unsicherheit.
  • Der Trauerablauf wird durch das Ritual gegliedert.
  • Dadurch werden auch einzelne Phasen zeitlich begrenzt.
  • Im Ritual setzen wir uns mit der Beziehung zum Toten auseinander und es entstehen neue oder stärkere Bindungen zu anderen Menschen.
  • Der Zusammenhalt in der Gemeinschaft wird zudem gestärkt.

 

FAZIT

Schöpferische Möglichkeiten, die eigene Trauer auszudrücken, gibt es überall, in uns selbst und um uns herum. Wir brauchen nur einen geeigneten Raum und die „Erlaubnis“ der Gesellschaft, unseren Gefühlen freien Lauf lassen zu können, um so sinnvoll und heilsam zu trauern.

 

Von Melanie Oberleitner

 

Menschen aus ärmeren Nationen erleben mehr Lebenssinn!

Diener, E. & Oishi, S. (2013). Residents of Poor Nations Have a Greater Sense of Meaning in Life Than Residents of Wealthy Nations [Electronic Version]. Psychological Science, 9, 1-10.

So lautet das Resümee der Psychologen Shigehiro Oishi und Ed Diener, nachdem sie die Qualität des Lebenssinns bei Menschen aus 132 verschiedenen Nationen untersucht haben. Genauer gesagt haben Personen aus ärmeren Ländern einen höheren Lebenssinn als jene aus wohlhabenderen Ländern.

Was war der Ausgangspunkt der Untersuchung?

Menschen aus reicheren Nationen berichten über mehr Lebenszufriedenheit, eine Tatsache, die bereits bekannt ist. In den USA haben mehrere Untersuchungen ergeben, dass die Lebenszufriedenheit gleichzeitig stark mit einem hohen Lebenssinn zusammenhängt. Ob das in anderen Nationen genauso ist, wurde bisher nicht untersucht. Nun könnte man die Tatsache, dass die USA verhältnismäßig wohlhabend sind, als Ursache für einen stärker ausgeprägten Lebenssinn annehmen. Doch ist Wohlstand wirklich ein wichtiger Faktor für den Sinn im Leben und wie sieht es in anderen Kulturen/Nationen aus?

Diese Frage stellten sich Oishi und Diener. Sie vertraten dabei die Annahme, dass Religiosität ein wichtiger Faktor ist. Diese wiederum habe in ärmeren Ländern eine größere Bedeutung und würde den Menschen dort als konstante Sinnquelle dienen. Währenddessen nutzen Bewohner reicherer Gesellschaften andere Quellen, wie Identität und Selbsterfahrung. Diese seien aber viel instabiler als die Religion, was möglicherweise zu einem geringeren Lebenssinn führen kann.

Das Hauptaugenmerk der Studie lag somit auf der Frage, welche Rollen Wohlstand und Religion bei armen und reichen Nationen spielen, wenn es um den Lebenssinn geht.

Ergebnisse

Die Untersuchung umfasste über 140.000 Menschen aus über 130 Nationen. Es wurden sowohl die Lebenszufriedenheit als auch der Lebenssinn erhoben. Zusätzlich wurde die Suizidrate eines jeden Landes in die Berechnungen miteinbezogen. Einer der häufigsten Gründe für Selbsttötung weltweit ist die wahrgenommene Sinnlosigkeit des eigenen Daseins. Somit ist die Suizidrate ein wichtiger Indikator, wenn man wissen möchte, wie hoch die Sinnerfüllung der Bewohner einer Nation ist (Eine niedrige Suizidrate geht dabei mit einem höheren Lebenssinn einher).

Ein Hauptergebnis war, dass der Lebenssinn umso höher ausfiel, je ärmer die Nation war. So liegen wohlhabende Industrienationen wie etwa Finnland, Dänemark und auch Österreich deutlich unter Dritte-Welt Ländern wie etwa Äthiopien oder Sierra Leone. Dieses Ergebnis ist sehr überraschend, wo man doch herausgefunden hat, dass reichere Nationen mehr Lebensqualität erleben und eine hohe Lebensqualität doch auch stark zu einem hohen Lebenssinn beiträgt.

Außerdem überraschte das Ergebnis, dass die Suizidrate mit dem Wohlstand einer Nation ansteigt. Weitere Untersuchungen bestätigten, dass die Religiosität in ärmeren Nationen der Hauptgrund für den höheren Lebenssinn ist. Umgekehrt sehen die Forscher die höhere Schulbildung bei reicheren Ländern als Grund für weniger Lebenssinn. Dabei zeigten die Ergebnisse, dass eine höhere Bildung zu kritischerem Denken und dadurch zu weniger Sinnerleben führe.

Zusammenfassend sagt uns die Studie, dass Wohlstand uns zwar zufriedener macht, uns aber nicht als Sinnquelle zur Verfügung steht. Jedoch muss ergänzend erwähnt werden, dass die Religion dabei einen vermittelnden Faktor einnimmt. So wissen wir, dass mit sinkendem Wohlstand die Religion einen höheren Stellenwert erreicht und so zu einer starken Sinnquelle wird. Dementsprechend erleben innerhalb der reicheren Nationen religiöse Menschen auch mehr Lebenssinn als nicht-religiöse.

Wen diese Studie zum Nachdenken angeregt hat, dem wäre Erich Fromms Werk „Haben und Sein“ zu empfehlen, in dem der Autor sich mit der Diskrepanz zischen dem Streben nach Besitz und der Selbstverwirklichung auseinandersetzt.

Von Thomas Egger

Passend zum Thema: Käufliches Glück?

Sinnerleben bei schweren psychischen Erkrankungen

Ehrlich-Ben Or, S., Hassan-Ohayon, I., Feingold, D., Vahab, K., Amiaz, R., Weiser, M., & Lysaker, P. H. (2013). Meaning in life, insight and self-stigma among people with severe mental illness. Comprehensive Psychiatry,  54 (2), 195–200.

Für Menschen, die an Schizophrenie, Depressionen oder anderen schweren psychischen Krankheiten  erkrankt sind, ist es vor allem eine große Herausforderung, ihren Lebenssinn wieder zu finden. Auch die Betroffenen selbst sehen in der Wiederfindung ihres Lebenssinnes einen Kernaspekt ihrer Genesung.

Israelische und amerikanische Wissenschaftler haben in verschiedenen Untersuchungen mit Betroffenen zwei Eigenschaften gefunden, die einen Einfluss auf den Lebenssinn bei psychisch schwer kranken Menschen haben sollen:

  • Einsicht, Verständnis über ihre psychische Erkrankung
  • Das Vorhandensein internalisierter Stigmata

Einsicht

Sie beschreibt die Fähigkeit, sich seiner eigenen Krankheit bewusst zu sein, zu erkennen, dass man Symptome hat und zu verstehen, was das für das eigene Leben bedeutet. Bisher war sich die Forschung noch uneinig ob ein hoher Grad an Einsicht positiv oder negativ auf die Lebensqualität wirkt.

Internalisierte Stigmata

Stigmata sind negative Stereotype, die mit einer psychischen Erkrankung assoziiert werden. Sie sind meist in der Gesellschaft verankert und tragen dazu bei, dass betroffene Personen sich ihrer Krankheit schämen und sie verheimlichen. Bei internalisierten Stigmata glauben die Erkrankten selbst an diese Stereotype. Dadurch leiden natürlich der Selbstwert sowie das Vertrauen in eine Heilung und im Weitern auch die Lebensqualität.

In der Untersuchung wurden die folgenden internalisierten Stigmata erhoben:

  • Wegen der psychischen Krankheit gehöre ich nicht mehr ‚dazu‘.
  • Die Erkrankung hat mir mein Leben verdorben.
  • Andere, die nicht unter einer psychischen Erkrankung leiden, können mich sowieso nicht verstehen.
  • Ich schäme mich wegen meiner Erkrankung.
  • Ich bin enttäuscht über mich selbst, dass ich erkrankt bin.
  • Ich fühle mich anderen unterlegen, die nicht unter einer psychischen Erkrankung leiden.

Nun haben sich die Forscher dafür interessiert, welchen Einfluss diese beiden Eigenschaften auf den Lebenssinn von Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen haben.

Ergebnisse

Wie erwartet erleben Menschen mit starken internalisierten Stigmata, also Menschen die sich selbst entsprechend negativer Stereotype wahrnehmen, weniger Lebenssinn. Dementsprechend sehen jene Patienten mehr Sinn in ihrem Leben, die keine Stereotype über sich und ihre Krankheit akzeptieren oder glauben.

Gleichzeitig scheint eine stärkere Einsicht in die eigene Krankheit mit einem geringeren Lebenssinn einherzugehen. Das bedeutet also, dass Menschen, die ihre Krankheit bewusster und klarer erleben, weniger Lebenssinn verspüren. Viel mehr scheint eine erhöhte Einsicht mit verstärkten internalisierten Stigmata einherzugehen. In diesem Sinn glauben Menschen mit einer klaren Einsicht auch verstärkt an die Stereotype, die mit ihrer Krankheit verbunden sind.

Somit zeigt sich, dass es vor allem darauf ankommt, sich von schlechten Vorurteilen, also Stigmata zu lösen, da sie sich negativ auf den Lebenssinn auswirken – auch bei einsichtigen PatientInnen.

Internalisierte Stigmata können unser Leben stark beeinflussen und die Genesung nach schweren psychischen Erkrankungen erschweren. Umso wichtiger ist es, diese Stigmata – ob internalisiert oder nicht – bewusst zu machen. Nur so ist es möglich, dass sie nicht Besitz von uns ergreifen!

Von Thomas Egger

FOCUS: Mut zum Ich

Der Focus 07/14 fragt, was im Leben wirklich zählt. Familie, Gesundheit und Arbeit? Ein radikaler Lebensumbruch? Das kleine Stammtisch-Glück? Wege zum Sinn gibt es viele. Manchmal ist eine Auszeit nötig, um sich über den eigenen Weg klar zu werden – z.B. auf dem Jakobsweg.

Auszug

 

Sinnvolle Unternehmenskultur: ein Interview mit Herrn Prof. Dr. Wolfgang Weber

Christoph Hörmann fragte Herrn Prof. Dr. Wolfgang Weber von der Universität Innsbruck in einem kurzen Interview: „Was verstehen Sie unter einer sinnvollen Unternehmenskultur?

Sehen Sie im nachfolgenden Video, was er dazu gesagt hat:

Zur Person:

Prof. Dr. Wolfgang Weber ist Professor für angewandte Psychologie in Innsbruck. Zu seinen Schwerpunkten zählen u.a. organisationale Demokratie, Maßnahmen zur Arbeitsgestaltung und insbesondere die Erforschung von Arbeitsmotivation, Wertorientierungen und sozialen Handlungsorientierungen. Er ist Mitherausgeber mehrerer Zeitschriften im Bereich der Arbeits-und Organisationspsychologie und hat zahlreiche Beiträge in einschlägigen Fachbüchern und Zeitschriften veröffentlicht.

Psychologie Heute – Beim Sinn geht es nicht um Glück, sondern um das Richtige und Wertvolle

Andreas Huber hat sich intensiv in die Ergebnisse der empirischen Sinnforschung eingearbeitet. Er fasst sie kompetent und ausführlich zusammen.

Die Persönlichkeitspsychologin Tatjana Schnell hat mit ihren Studien zur „Psychologie des Lebenssinns“ Pionierarbeit geleistet: Was trägt uns heute? Aus welchen Quellen speist sich der Lebenssinn der Deutschen? Und welche Rolle spielen dabei Religion und Religiosität? zum Beitrag

Der Credomat

Der Bayrische Rundfunk hat sich auf die Suche nach Glaubensformen der Gegenwart gemacht – und wir haben gemeinsam den „Credomaten“ entwickelt. Die Projektleiterin, Christiane Miethge, fasst es folgendermaßen zusammen:

Die wissenschaftliche Entwicklung des CRED-O-MAT

Die Entdeckung: Geglaubt wird nicht nur an Gott – Glaube findet man in allen Lebensbereichen

13-12-07_Cred-O-Mat_türkis_3-300x225Durch die Diskussionen auf diesem Blog haben wir viel gelernt. Und sind zu dem Schluss gekommen: Ein persönlicher Gott mit weißem Rauschebart mag nicht mehr für alle Menschen up-to-date sein. Aber geglaubt wird bei uns an allen Straßenecken. Nur eben nicht überall im Sinn einer der großen Weltreligionen. Ein paar Beispiele: Apple Fans kampieren tagelang vor den Stores, Nachhaltigkeitsfreaks verehren die Natur und Luxus-Gläubige katapultieren sich mit Diamanten, teuren Autos und Champagner in den Himmel.

Und all das ist im Kern sehr ähnlich wie das, was Gläubige in Kirchen, Moscheen oder Synagogen denken, fühlen und erleben – das sagen nicht nur wir, sondern auch zahlreiche Wissenschaftler. Religiosität ist nicht verschwunden, sie ist nur für viele Menschen aus den expliziten Gotteshäusern geflohen und auf die Straße, in den Alltag gewandert. Bereits in den 1920ern entdeckte Carl Christian Bry diese „verkappte Religiosität“ – im Vegetarismus, im Okkultismus, im Technikglaube, sogar in der Psychoanalyse. Auch bekannte Soziologen  wie Berger und Luckmann stellten die These der Diesseitigkeit der Religion auf – und konnten sie seitdem immer wieder bestätigt.

Eine der führenden Wissenschaftler in diesem Gebiet ist Dr. Tatjana Schnell. Religions- und Sinnforschung ist ihr Spezialgebiet. Nach Tatjana Schnell machen eine Religion vor allem drei Dinge aus: Mythen, Rituale und Transzendierungserfahrungen. Zu Deutsch: identitätsstiftende Erzählungen, heilige Handlungen (der Kaffee am Morgen J), und das Gefühl in etwas aufzugehen, das größer ist, als man selbst. Und alle drei Elemente findet man bei den Applejüngern, Nachhaltigkeitsfreaks, Luxusanbetern genau so wie bei betenden Moslems in Mekka oder knienden Nonnen im Kloster. Und tatsächlich sieht man auf den Gesichtern von Applefans eine religiöse Verklärtheit, wenn sie nach zwei durchwachten Nächten von Jubeln und Klatschen begleitet, die heiligen Hallen eines neuen Apple-Tempels betreten. Tatsächlich kann das Betreten eines Clubs oder Modegeschäfts ein Schwellenerlebnis sein, ein magisches Eintreten in eine andere, feierliche Welt. Und Naturanbeter empfinden ein himmlisches Gefühl, wenn sie Bäume umarmen oder Entenfamilien über die Straße helfen. Wissenschaftlich formuliert, klingt das dann so. Tatjana Schnell: „Religiosität findet man in Lebensbereichen, die als sinnstiftend erlebt werden, die wichtiger und größer sind als das einfache, kleine Ich“.

Hier geht es zum BR und zum Credomaten

 

 

Stress, Widerstandsfähigkeit und Sinnerleben

Maddi, S. R., Khoshaba, D.M., Harvey, R.H., Fazel, M., Resurreccion, N. (2011) The personality construct of hardiness, V: Relationships with the construction of existential meaning in life. Journal of Humanistic Psychology 51 (3), 369-388

Während einige Menschen durch belastende Lebensumständen überfordert sind – und unter erheblichen psychischen und gesundheitlichen Folgen leiden – gibt es auch Personen, die solche Situationen nicht nur unbeschadet überstehen, sondern längerfristig sogar daran wachsen und profitieren können.

Warum können manche Personen mehr Stress und Belastungen aushalten als andere?

Um dieser Frage nachzugehen, untersuchte das Forscherteam um die Psychologen Salvatore Maddi und Deborah Khoshaba von der University of California12 Jahre lang die Manager einer Tochterfirma der US-Telefongesellschaft AT&T. Als das Unternehmen seine Monopolstellung in Telefonsektor aufgeben musste, kam es zu Massenentlassungen und den massivsten Umbrüchen der Firmengeschichte.

In der Folge wurden bei zwei Drittel der Manager signifikante Verschlechterungen ihres Gesundheitszustandes und drastische Anzeichen von Stress beobachtet (Gewaltausbrüche, Suizide, Scheidungen, Depressionen, Herzattacken, Schlaganfälle, Angststörungen, Krebserkrankungen).

Beim verbleibenden Drittel war jedoch das Gegenteil der Fall. Diese überstanden den Stress nicht nur unbeschadet, sondern beeindruckten die Wissenschaftler durch gesteigerte Leistungsfähigkeit und verbesserte Gesundheitswerte.

Was zeichnet Personen aus, die gewissermaßen „immun“ zu sein scheinen gegenüber Belastungen?

Die Autoren konnten hierzu drei wesentliche Grundhaltungen ermitteln, die sie unter dem Begriff Widerstandsfähigkeit zusammenfassen. Diese sind: (I) Engagement, (II) Kontrolle und (III) Herausforderung.

(I)                Engagierte Menschen beteiligen sich aktiv am Geschehen anstatt sich zurückzuziehen – egal wie anstrengend das auch sein mag.

(II)             Eine hohe Kontrollüberzeugung bedeutet, nicht sofort aufzugeben, sobald man mit Stress konfrontiert wird. Man vertraut auf seine Fähigkeit Entscheidungen zu treffen, und damit den Ausgang einer Situation positiv zu beeinflussen.

(III)           Herausforderungen anzunehmen und meistern zu wollen ist die dritte Grundhaltung. Hierzu gehört auch die Einstellung, dass Stress im Leben dazugehört und man auch mal schlechte Erfahrungen machen muss, um Wachstum, Weisheit und Erfüllung zu erreichen.

Um ihre Erkenntnisse zu vertiefen, untersuchten die Wissenschaftler zudem 1.141 kalifornische Studenten anhand mehrer Fragebögen. Dabei konnten sie feststellen, dass widerstandsfähige Studenten zwar gestresster sind, dies aber weniger als Belastung empfinden. Sie sind sich ihres Stresses bewusster und beschäftigen sich intensiver damit, die zugrundeliegenden Probleme zu lösen. Des Weiteren suchen sie dabei eher die Unterstützung von ihren Mitmenschen als weniger widerstandsfähige Studenten.

Empfinden widerstandsfähige Menschen mehr Sinn im Leben?

Die Autoren konnten in ihrer Untersuchung den vermuteten Zusammenhang zwischen Widerstandsfähigkeit und Sinnerfüllung bestätigen. Demnach nehmen widerstandsfähige Menschen ihre Umwelt nicht nur realistischer und vorurteilsfreier wahr, sondern haben auch eine konkretere Vorstellung über die Rangordnung ihrer persönlichen Ziele. Sie sind dadurch imstande, tendenziell bewusstere Entscheidungen zu treffen und diese auch konsequenter umzusetzen als weniger widerstandsfähige Individuen.

Was können wir also tun um gesünder, bewusster und sinnerfüllter zu leben?

Vielleicht erst einmal Bequemlichkeiten, falsche Hemmungen und Vorurteile ablegen. Wir könnten auch versuchen öfter abseits ausgetretener Pfade zu gehen und uns neue Herausforderungen suchen.

Das vermehrt wahrscheinlich zwar unseren Stress, aber auch die Chance auf persönliches Wachstum und Entwicklung.

 

Von Christoph Hörmann

Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn

LeBe

Schnell & Becker, 2007

© Hogrefe Verlag, Göttingen

1 Kurzdarstellung

Der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe) ist ein objektiv auswertbares Verfahren zur umfassenden und differenzierten Erfassung von Lebensbedeutungen, Sinnerfüllung und Sinnkrise. Er ist für den Einsatz in Forschung und Praxis konzipiert, wobei es Ansatzpunkte für unterschiedlichste Disziplinen und Anwendungsfelder gibt.

Den theoretischen Hintergrund des Verfahrens bildet ein hierarchisches Sinn-Konstrukt.  Es wird davon ausgegangen, dass Sinnstiftung in menschlichem Leben und Erleben unablässig stattfindet: im Kontext von Wahrnehmungen und Handlungen, auf der komplexeren Ebene der Ziele, Absichten und Pläne sowie letztendlich in der Konstruktion von Lebensbedeutungen und Lebenssinn. Diese letzten beiden Ebenen weisen einen hohen Grad an Abstraktheit und Komplexität auf. Im Gegensatz zu den elementareren Ebenen sind sie durch höhere Stabilität und Generalisierbarkeit im Leben einer Person gekennzeichnet.

Der LeBe besteht aus 151 Items, deren Beantwortung ca. 20 bis 25 Minuten dauert. Anhand dieser Items werden 26 Lebensbedeutungen sowie die – davon unabhängig erfassten – Ausprägungen von Sinnerfüllung und Sinnkrise gemessen. Die 26 Lebensbedeutungen lassen sich vier übergeordneten Dimensionen zuordnen: Selbsttranszendenz, Selbstverwirklichung, Ordnung und Wir- und Wohlgefühl. Die Dimension Selbsttranszendenz kann weiterhin in zwei Subdimensionen differenziert werden, die als vertikale und horizontale Selbsttranszendenz bezeichnet werden. Das Verfahren liegt in einer Computer- und einer Papier-Bleistift-Version vor.

Die folgenden Sprachversionen sind verfügbar: deutsch, englisch, französisch, spanisch, portugiesich, russisch, slowakisch, bulgarisch, dänisch, norwegisch. In Bearbeitung: hebräisch, chinesisch, italienisch, farsi, polnisch

Ziel des Fragebogens ist die dimensionale Beschreibung einzelner Personen oder Personengruppen bezüglich der Ausprägung verschiedener Lebensbedeutungen, Sinnerfüllung und Sinnkrise. Auf jeder Skala kann ein – in Bezug auf die Referenzgruppe – durchschnittlicher, unter- oder überdurchschnittlicher Wert erreicht werden; das jeweilige Profil erlaubt Schlüsse darauf, ob eine Sinnkrise besteht, ob eine Person ihr Leben als sinnerfüllt wahrnimmt, und welche Lebensbedeutungen in welchem Ausmaß dazu beitragen.

Der LeBe ermöglicht eine ökonomische, reliable und valide Erfassung dieser ansonsten schwer zugänglichen Konstrukte. Zu diesem Zweck wird die Frage, welche Lebensbedeutungen relevant für eine Person sind, nicht explizit, also durch die Bitte um Angabe oder Bewertung verschiedener Lebensbedeutungen erfasst. Stattdessen wird der Grad der Zustimmung zu solchen Aussagen erfragt, die zu denjeweiligen Lebensbedeutungen gehörende Aktivitäten und Überzeugungen formulieren. Eine bewusste Repräsentation der subjektiv bedeutsamen Sinninhalte ist somit keine Voraussetzung für ein aussagekräftiges Resultat des LeBe.

In den Jahren 2004 bis 2005 wurde das Verfahren an einer repräsentativen Zufallsstichprobe von 603 Personen ab 16 Jahren aus allen Bundesländern normiert. Nach der Entscheidung für die Gesamtstichprobe oder eine der verschiedenen Teilstichproben als Referenzgruppe stehen die individuellen Testergebnisse als T-Werte in Profilform zur Verfügung. Zur Auswertung dienen Schablonen, ein computergestütztes Auswertungsprogramm oder die Computerversion des LeBe.

1.1 Die Skalen und Dimensionen des LeBe im Überblick

Der LeBe umfasst 26 Primärskalen, die differenziert und ausführlich die Ausprägungen der verschiedenen Lebensbedeutungen darstellen. Die Primärskalen lassen sich vier globalen Dimensionen zuordnen – Selbsttranszendenz, Selbstverwirklichung, Ordnung und Wir- und Wohlgefühl – wobei sich die Dimension Selbsttranszendenz in die beiden Subdimensionen vertikale und horizontale Selbsttranszendenz unterteilen lässt. Diese vier bzw. fünf Dimensionen ermöglichen einen komprimierten und globalen Überblick über die Schwerpunkte der persönlichen Lebensbedeutungen. Zusätzlich geben die beiden Skalen Sinnerfüllung und Sinnkrise – die unabhängig von den Lebensbedeutungen erfasst werden – Einblick in das Ausmaß der subjektiv empfundenen Sinnerfüllung bzw. des Leidens an einem Mangel an Sinn. Abbildung 1 stellt die Skalen und Dimensionen des LeBe im graphischen Überblick dar.

1.2 Entwicklung des LeBe im Überblick

Das Fundament des LeBe stellt eine breit angelegte Phase qualitativer Erforschung von Lebensbedeutungen und Lebenssinn dar, die dem Paradigma der Grounded Theory folgte. Anhand einer ausführlichen Interviewstudie (N = 74) wurden die Bedeutungen, die dem existentiell bedeutsamen Denken, Erleben und Handeln von Personen unterschiedlichster sozialer, kultureller und religiöser Herkunft zugrunde lagen, erfasst. Mit Hilfe computergestützter Inhaltsanalyse und in Teamarbeit wurden diese ‚Lebensbedeutungen‘ zusammengefasst und kategorisiert. Im Sinne der methodischen Triangulation wurden die so erlangten Ergebnisse abgesichert durch den Vergleich mit Resultaten, die sich bei Verwendung alternativer Methoden ergaben.

Der Schritt von den qualitativ erhobenen Lebensbedeutungen zu deren Operationalisierung in Form von Fragebogenitems geschah gemeinsam mit fortgeschrittenen Studierenden in einer Testwerkstatt. Auf Basis der qualitativen Ergebnisse und entlang vorgegebener Richtlinien formulierten die Teilnehmer Items, die sodann aufgrund ihrer Relevanz, Verständlichkeit und Prototypikalität beurteilt und ausgewählt wurden.

Diese erste sowie eine zweite Version des LeBe erfuhren zwecks Optimierung der Testgütekriterien weitere Veränderungen, bis letztendlich die jetzige aktuelle Version vorlag, die über befriedigende bis sehr gute interne Konsistenzen bei adäquater Skaleninterkorrelation verfügt. (Eine ausführlichere Darstellung des Konstruktionsprozesses findet sich in Kap. 3 sowie in Schnell, 2004b.)

1.3 Zielgruppen des LeBe

Zielgruppen des Lebe sind primär Psychologen, die in verschiedensten Bereichen der Wissenschaft oder Praxis arbeiten. Da der LeBe auf einer interdisziplinär entwickelten Theorie gründet und seine Anwendung keine Zugehörigkeit zu einem bestimmten psychologischen Ansatz voraussetzt, kann er von praktisch arbeitenden Psychotherapeuten unterschiedlichster Schulen eingesetzt werden: in kognitiver Verhaltenstherapie ebenso wie in Gesprächspsychotherapie und tiefenpsychologisch fundierten Schulen. In der psychologischen Beratungstätigkeit bietet sich der LeBe Ausbildungs- und Berufsberatern wie auch Lebens- und Partnerschaftsberatern  verschiedenster Provenienz an.

In der psychologischen Forschung liegt der Einsatz des LeBe durch Persönlichkeits-, Sozial-, Entwicklungs-, ABO-, Klinische und Religionspsychologen nahe. Auch empirisch arbeitende Kollegen aus der Soziologie, Theologie und Religionswissenschaften, die die notwendige diagnostische Kompetenz aufweisen oder auf solche Ressourcen zurückgreifen
können, werden an das gesellschaftsweit interessierende Thema des LeBe anknüpfen und das Verfahren gewinnbringend einsetzen können.

Skalen und Dimensionen des LeBe im Überblick
Abbildung 1: Skalen und Dimensionen des LeBe im Überblick

1.4 Anwendungsbereiche

Prinzipiell ist der Fragebogen in all jenen Bereichen einzusetzen, in denen ein umfassendes Bild über Lebensbedeutungen, Sinnerfüllung und Sinnkrise einer Person erwünscht ist.

Das Alter der Personen, die mit dem Verfahren untersucht werden, sollte dabei nicht unter 16 Jahren liegen. Obwohl Sinn bereits in der Kindheit und frühen Jugend erfahren werden kann (vgl. Fry, 1998), setzt die Beantwortung der Items des LeBe eine Unabhängigkeit in der Gestaltung des eigenen Lebens voraus, die frühestens ab der Adoleszenz zu erwarten ist.

Mögliche Anwendungsmöglichkeiten liegen…

… in therapeutischer Arbeit:
Das Verfahren gibt Aufschluss über das Ausmaß an Sinnerfüllung und Sinnkrise sowie darüber, welche Lebensbedeutungen momentan verwirklicht werden. Es kann dazu genutzt werden, Sinnressourcen aufzuspüren und weiter auszubauen. Ähnlich ist es im Rahmen von Beratungen bei Lebenskrisen einzusetzen.

… in der Partnerschaftsberatung:
Hier kann das Verfahren dazu dienen, anhand der Lebensbedeutungen existentielle Grundhaltungen der beiden Partner aufzuzeigen. Da sich Lebensbedeutungen praktisch in der Verfolgung von Lebenszielen niederschlagen, ist eine teilweise Überschneidung derselben im Rahmen einer Partnerschaft als positiv, wenn nicht gar notwendig anzusehen. Auch konfligierende Lebensbedeutungen können anhand der Ergebnisse dargestellt werden.

… in der Ausbildungs- und Berufsberatung:
Der LeBe gibt Auskunft darüber, welche Arten von Tätigkeiten Bewerber als sinnvoll – und daher engagierenswert – ansehen. Diese Information geht über die Ergebnisse der üblicherweise genutzten Kompetenz- und Interessensprofile hinaus, da solche Bereiche aufgedeckt werden, die mit bestehenden Kompetenzen übereinstimmen und gleichzeitig eine zentrale, da sinnstiftende, Stellung im Leben der Klienten einnehmen. In diesem Sinne können die Ergebnisse des LeBe zusätzlich zu den bewährten Methoden für eine fundierte Beratung genutzt werden und die Entscheidungsfindung unterstützen.

… im Forschungskontext:
Hier ist der LeBe vielfältig einsetzbar. In der Persönlichkeits- und Differentiellen Psychologie stellen Sinnerfüllung, Sinnkrise und Lebensbedeutungen aufschlussreiche Persönlichkeitsmerkmale dar, die die notwendige inkrementelle Validität gegenüber bewährten Verfahren aufweisen und neuartige Erkenntnisse bezüglich der Zusammenhänge mit anderen Persönlichkeitskonstrukten ermöglichen. Eine relevante Forschungsfrage, die noch wenig Beachtung gefunden hat, ist auch die Entwicklung und Veränderbarkeit von Lebensbedeutungen und Lebenssinn. Hier besteht eine Anschlussmöglichkeit für die Entwicklungspsychologie, wobei die Perspektive die gesamte Lebensspanne umfassen sollte. Möglich wäre z.B. die Untersuchung der Veränderung von Lebensbedeutungen und Lebenssinn imhöheren Lebensalter, auch im Zusammenhang mit Lebensqualität, seelischer Gesundheit und Einstellungen zum Tod. In der Sozialpsychologie kann der LeBe zur Erfassung der geteilten Lebensbedeutungen von Gruppen dienen. Zentrale Anwendungsmöglichkeiten liegen z.B. im multikulturellen Kontext, in der Suche nach Gemeinsamkeiten oder Grundlagen für den Dialog zwischen Personen unterschiedlicher kultureller Hintergründe.

In der Breite der Klinischen Psychologie bestehen vielfache Ansätze für den Einsatz des LeBe. Der Zusammenhang von Lebensbedeutungen, Sinnerfüllung und Sinnkrise mit unterschiedlichen psychischen Störungen ist ebenso von Interesse wie die Frage nach der Veränderbarkeit der Konstrukte im Rahmen verschiedener psychotherapeutischer Methoden. Dementsprechend ist die Verwendung des LeBe zur therapeutischen Diagnostik und Veränderungsmessung vorstellbar.

Konzeptuell steht die Theorie des LeBe dem Ansatz der Positiven Psychologie und der Salutogenese besonders nah. In diesem Kontext bietet es sich an, die Einflüsse von Lebensbedeutungen, Sinnerfüllung und Sinnkrise auf das Gesundheitsverhalten und Wohlbefinden zu untersuchen (direkt oder in Form von Moderator- oder  Mediatoreffekten). Zusammenhänge mit der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen und Traumata stellen interessante Forschungsfragen dar, ebenso wie Untersuchungen im posttraumatic growth-Ansatz (Calhoun & Tedeschi, 2001; Neimeyer, 2001).

Von zunehmendem Interesse erweist sich das Sinn-Thema für die Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie. Berufsarbeit wird bezüglich ihres sinnstiftenden Potentials hinterfragt; Engagement und Zugehörigkeitsgefühl von Mitarbeitern wird mit sinnvollen Tätigkeiten und die Sinnstiftung unterstützenden Arbeitsbedingungen in Beziehung gebracht. Bereits in der Phase der Ausbildungs- und Berufswahl können Lebensbedeutungen als Entscheidungsgrundlage genutzt werden. Wissen über die Konsequenzen der Passung (oder Nicht-Passung) von individuellen und beruflichen (Lebens-)Bedeutungen stellt diesbezüglich ein wichtiges Forschungsdesiderat dar. Für all diese Fragen bietet sich der LeBe als Erhebungsinstrument an.

In einer Religionspsychologie, die der Vielfalt der Religiosität in der Gegenwart Rechnung trägt, kann das Verfahren als Alternative zu herkömmlichen Religiositätsfragebögen verwendet werden. Der LeBe erfasst Sinnquellen in ihrer ganzen Breite, ohne dass eine Beschränkung auf Inhalte der christlichen oder anderer institutionalisierter Religionen stattfindet.

Aufgrund des interdisziplinären Interesses, das das Thema Lebenssinn erfährt, bietet sich der LeBe ebenfalls für empirische Forschung in der Soziologie, Theologie und Religionswissenschaft an. In der Soziologie kann er dazu genutzt werden, gesellschaftliche Entwicklungen nachzuzeichnen und z.B. Zusammenhänge mit demographischen Variablen oder politischen Orientierungen aufzudecken. In der Theologie ist es denkbar, das Verfahren im Rahmen der Erkundung der (differentiellen) Interessen und Bedürfnisse von Gemeinden einzusetzen. In den Religionswissenschaften liegt es nahe, unterschiedliche Religionsgemeinschaften auf Unterschiede in Lebensbedeutungen hin zu untersuchen.

 

Inhaltsverzeichnis

1Kurzdarstellung

1.1Die Skalen und Dimensionen des LeBe im Überblick

1.2Entwicklung des LeBe im Überblick

1.3Zielgruppen des LeBe

1.4Anwendungsbereiche

 

2Theoretisches Fundament

2.1Ein hierarchisches Sinn-Konstrukt

2.2Lebensbedeutungen

2.3Lebenssinn: Sinnerfüllung und Sinnkrise

2.4Lebensbedeutungen und Lebenssinn als Persönlichkeitsmerkmale

2.5Abgrenzung von inhaltlich verwandten Konstrukten

2.5.1Sinnerfüllung und benachbarte Konstrukte

2.5.2Sinnkrise und benachbarte Konstrukte

2.5.3Lebensbedeutungen und benachbarte Konstrukte

 

3Entwicklung des Verfahrens

3.1Qualitative Grundlegung: Die Vielfalt der Lebensbedeutungen

3.2Testwerkstatt

3.3Vorhergehende Versionen

3.3.1LeBe, Version I

3.3.2LeBe, Version II

 

4Testaufbau

4.1Überblick über Skalen und Dimensionen

4.2Faktorenstruktur

4.3Erläuterung der Dimensionen und der zugehörigen Lebensbedeutungen

4.3.1Selbsttranszendenz

4.3.1.1Selbsttranszendenz vertikal

4.3.1.2Selbsttranszendenz horizontal

4.3.2Selbstverwirklichung

4.3.3Ordnung

4.3.4Wir- und Wohlgefühl

4.4Sinnerfüllung und Sinnkrise

 

5Statistische Kennwerte und Gütekriterien des Verfahrens

5.1Deskriptive Statistik: Mittelwerte, Standardabweichungen, Verteilungen

5.2Reliabilität

5.3Stabilität

5.4Interkorrelationen und Profilreliabilität

5.5Ein Generalfaktor „Sinn“?

 

6Validitätsstudien

6.1Inhaltsvalidität

6.2Konstruktvalidität

6.2.1Beziehungen des LeBe zum Kohärenzgefühl (SOC-Skala)

6.2.2Beziehungen des LeBe zu religiösen Orientierungen

6.2.3Beziehungen des LeBe zu Religionszugehörigkeit, institutioneller und persönlicher Religiosität

6.2.4Beziehungen des LeBe zur Existenzskala (ESK)

6.2.5Beziehungen des LeBe zu Werten (SVS)

6.2.6Beziehungen des LeBe zu Persönlichkeit

6.2.6.1Der LeBe und das Trierer Integrierte Persönlichkeitsinventar (TIPI)

6.2.6.2Der LeBe und das NEO-Persönlichkeits-Inventar (NEO-PI-R)

6.2.7Beziehungen des LeBe zu subjektivem Wohlbefinden (HSWBS)

6.3Kriteriumsvalidität

6.3.1Explizite Selbstauskunft

6.3.2Unterschiede in Lebensbedeutungen und Sinnerfüllung bei spezifischen Stichproben

6.3.3Berufswahl und Lebensbedeutungen

6.4Inkrementelle Validität

6.5Replizierbarkeit der Faktorenstruktur über Teilstichproben

6.6Kommunikative Validität

6.7Beziehungen zu demographischen Variablen

6.8Verfälschbarkeit

 

7Testdurchführung

7.1Testmaterial und Bearbeitungszeit

7.2Testanweisung und Testdurchführung

7.2.1Fragebogenversion

7.2.2Computerversion

 

8Testauswertung

8.1Fragebogenversion

8.2Computerversion

8.3Auswertung anhand von Schablonen

 

9Testinterpretation

9.1Wahl einer Vergleichsstichprobe

9.2Die Bedeutung erhöhter und verringerter Werte

9.3Interpretationshinweise

9.3.1Zur ‚Breite‘ von Lebensbedeutungen

9.3.2Zur ‚Balanciertheit‘ von Lebensbedeutungen

9.3.3Prädiktoren von Sinnerfüllung

9.4Vertrauensgrenzen und kritische Differenzen

9.5Interpretationsbeispiele

9.5.1In einer Sinnkrise

9.5.2Sinn- und bedeutungsvoll

 

10Normierung

10.1Rekrutierung und Darstellung der Normierungsstichprobe

10.2Normtabelle

 

11Anhang

 

12Literatur

Das sinnstiftende Potential des Pilgerns

Schnell, T., & Pali, S. (2013). Pilgrimage Today: The Meaning-Making Potential of Ritual. Mental Health, Religion & Culture, 16(9), 887-902. Full text available

Das Pilgern auf dem Jakobsweg erfreut sich großer Beliebtheit. Man kann sich die Frage stellen, was Menschen auch heute noch dazu bewegt, sich freiwillig auf eine solche anstrengende Reise zu begeben. Die Pilgerreise auf dem Jakobsweg ist ein altes christliches Ritual – und doch tritt offenbar nur eine Minderheit die Reise aus religiösen Gründen an:

In einer aktuellen Studie untersuchten Sarah Pali und Tatjana Schnell, welche Effekte eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg auf die Pilger hat, vor allem in Hinblick auf Sinnquellen und wahrgenommenen Lebenssinn.

Wie die Studie zeigt, verstehen Pilger den Jakobsweg weniger als ein christliches denn als ein persönliches Ritual. Die Motive, den Weg zu gehen, sind vielfältig und reichen von der Suche nach Klärung über religiöse Gründe bis hin zu rein weltlichen Belangen (z.B. athletische Herausforderung).

Wenn das Pilgern ein sinnstiftendes Ritual ist, so argumentieren Schnell und Pali, dann sollten Sinnkrisen nach der Reise verringert sein, das Erleben von Sinnerfüllung aber stärker.

Um zu überprüfen, ob ihre Überlegungen zutrafen, erhoben  Schnell und Pali bei Pilgern vor der Reise, direkt nach der Reise und nochmals vier Monate nach der Reise das Ausmaß von Sinnerfüllung und Sinnkrise.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Sinnerfüllung bei den Pilgern nach ihrer Reise nennenswert gestiegen ist. Bei den sieben Personen, die vor ihrer Reise eine Sinnkrise hatten, war diese danach nicht mehr vorhanden. Bei allen Pilgern konnte man nach der Reise höhere Werte von Selbsttranszendenz erkennen. Außerdem wurde ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl und eine tiefere Verbundenheit zur Natur berichtet.

Aus welchen Gründen auch immer – Menschen scheinen auch heute die Anstrengungen einer Pilgerreise als eine wertvolle Erfahrung zu betrachten. Und das Potential einer Pilgerreise ist nach wie vor groß.

Thomas Egger

 

Auf den Weg machen…

Schnell, T., & Pali, S. (2013). Pilgrimage Today: The Meaning-Making Potential of Ritual. Mental Health, Religion & Culture, 16(9), 887-902. Full text available

Auf dem Pilgerweg zum Sinn

Manchmal geschehen Dinge, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Plötzlich fragen wir uns: Worauf hat eigentlich bisher mein Leben gegründet? Und was davon hat Bestand? Warum tue ich, was ich tue? Es gibt Ereignisse, die machen Lebenssinn frag-würdig. In unserer beschleunigten Gesellschaft sind Zeit und Raum zum Reflektieren und Hinterfragen äußerst rar. Es bedarf einer ritualisierten Auszeit, um sich neu zu besinnen.

Wie hilfreich dies sein kann, zeigt unsere Studie über Pilger auf dem Jakobsweg. Pilger machen sich auf den Weg, der sie meist wochenlang dem Alltag entreißt. Obwohl es sich um ein Jahrhunderte altes christliches Ritual handelt, ist die Motivation meist nicht explizit religiös. Die meisten Wanderer erhoffen sich Klärung. Der Weg bietet Zeit für Fragen, Begegnungen und tiefe Erfahrungen. Die Studie belegt einen beträchtlichen Anstieg der Sinnerfüllung und die Lösung von Sinnkrisen – direkt nach der Reise, wie auch noch vier Monate später!

Themenheft Ganzheitliche Gesundheit

Ein Ratgeberheft für die Erhaltung der Gesundheit und den Umgang mit chronischen Problemen von Mediaplanet: Lebenssinn, Körperbewusstsein, Bewegung und ganzheitliche Therapieformen…

Zum Heft

 

 

FOCUS: Sinn suchen, Glück finden.

Beate Strobel reflektiert die starke Diesseitigkeit heutiger Sinnbezüge und die Vermarktung von Sinnangeboten. Sie verweist auf die empirisch belegte, prinzipielle Zugänglichkeit von Lebenssinn für alle – und fragt, ob man Sinnsuche nicht als Unterrichtsfach lehren sollte.

Focus, 51/12, 17. Dezember 2012.

 

Salienz der Rollen-Identität, Lebenssinn und Wohlbefinden unter Ehrenamtlichen

Thoits, P. A. (2012). Role-Identity Salience, Purpose and Meaning in Life, and Well-Being among Volunteers. Social Psychology Quarterly, 75 (4), 360-384.

Besteht ein Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Wihtigkeit (in der Psychologie auch als Salienz bezeichnet) der Rolle als Ehrenamtlicher und der geistigen und körperlichen Gesundheit? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Wichtigkeit und dem Lebenssinn? Hängen Lebenssinn und geistige und körperliche Gesundheit zusammen?

Salienz: ist die wahrgenommene Wichtigkeit oder der Wert, den eine Person verschiedenen Rollen beimisst

Kann der Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und wahrgenommener Wichtigkeit der Rolle durch den Lebenssinn erklärt werden?

Diesen Fragen widmete sich die Soziologin Peggy A. Thoits in ihrem Artikel: Role-Identity Salience, Purpose and Meaning in Life, and Well-Being among Volunteers. Social Psychology Quarterly, 75 (4), 360-384.

Was weiß man bereits?

  • Soziale Rollen können sich positiv auf das Wohlbefinden auswirken, weil sie die Person mit Sinn erfüllen.
  • Je mehr vor allem freiwillige Rollen ein Individuum einnimmt, desto besser ist sein geistiges und körperliches Wohlbefinden.
  • Rollen wirken ähnlich wie Verhaltensrichtlinien: Sie sind mit gewissen Erwartungen verbunden und schützen so vor Unsicherheit.
  • Diese Verhaltensnormen beinhalten oft auch gewisse Erwartungen hinsichtlich eines verantwortungsvollen Gesundheitsverhaltens.
  • Kompetentes Handeln im Rahmen der Rollen führt zu positiver Selbstbewertung und einem hohen Selbstwertgefühl.
  • Personen mit hohem Selbstwertgefühl erleben mehr Glück und Zufriedenheit mit ihrem Leben, welche die Schlüsselaspekte von subjektivem Wohlbefinden darstellen.
  • Es besteht ein wechselseitiger Zusammenhang: Mehrfache Rollen begünstigen das geistige und körperliche Wohlbefinden und Personen mit hohem Wohlbefinden nehmen im Laufe ihres Lebens mehr Rollen ein.

Grundsätzlich ist also anzunehmen, dass je wichtiger eine Rolle einer Person ist, desto mehr sollte diese auch ein Gefühl von Sinn im Leben vermitteln. Dies führt in der Folge zu besserem geistigen und körperlichen Wohlbefinden.

Getestet wurden die eingangs erwähnten Fragen an „Mended Hearts visitors“. Dabei handelt es sich um ehemalige Herzpatienten, die ehrenamtlich derzeitige Patienten und ihre Familien im Krankenhaus besuchen, um sie zu informieren und unterstützen.

Die Durchführung der Studie erfolgte in zwei Stufen:

  1. Zuerst wurden der Grad der Einbindung in die freiwillige Tätigkeit, die Lebensqualität und das körperliche und emotionale Wohlbefinden der „Mended Hearts visitors“ mittels Fragebögen erhoben.
  2. Anschließend fanden Telefoninterviews statt, in denen nach dem Grund für die Besuche, nach der Bedeutung, die sie aus der Arbeit ziehen und den Typen von Unterstützung, die sie anbieten, gefragt wurde.

Ergebnis:

  • Es zeigte sich ein Zusammenhang zwischen der Bedeutsamkeit der Rolle als „Mended Hearts visitor“ und der geistigen und körperlichen Gesundheit der Person. D.h. je mehr Bedeutsamkeit der Rolle beigemessen wurde, desto besser erwies sich die geistige und körperliche Gesundheit bzw. je besser die geistige und körperliche Gesundheit ausgeprägt war, desto bedeutsamer wurde die Rolle wahrgenommen.
  • Ebenso ließ sich ein Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Wichtigkeit der Rolle als Ehrenamtlicher und dem Lebenssinn feststellen. D.h. je mehr Bedeutsamkeit der Rolle beigemessen wurde, desto mehr Lebenssinn erfuhr die Person und umgekehrt.
  • Auch hingen Lebenssinn und körperliche und geistige Gesundheit zusammen: Je mehr Sinn die Person erfuhr, desto besser war ihre geistige und körperliche Gesundheit bzw. je besser die geistige und körperliche Gesundheit der Person war, desto mehr Sinn erfuhr sie.
  • Der Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Bedeutsamkeit der Rolle und dem Wohlbefinden könnte durch die aufgrund der Rolle verstärkte Wahrnehmung von Lebenssinn erklärt werden.
  • Die Autorin nimmt folgenden Entfaltungsprozess an:volunteer_role
  • Ebenso wird aber wohl der Fall sein: Je besser das eigene Wohlbefinden und je sinnvoller das Leben wahrgenommen wird, desto eher investiert man in ehrenamtliches Engagement.

Fazit:

Freiwilliges Engagement geht mit Sinnerleben und Wohlbefinden einher. Für alle Sinnsuchenden unter uns bedeutet das, dass eine Möglichkeit das eigene Sinnerleben und Wohlbefinden zu verbessern darin besteht, sich freiwillig in einem oder mehreren „sinnvollen“ Bereichen zu engagieren. Man entwickelt eigene Stärken und übernimmt Verantwortung –  und, wie der Artikel zeigt, es lohnt sich nicht nur für die Hilfeempfänger!

Zusammengefasst von Melanie Oberleitner

Sinnerfüllung im Beruf – am Beispiel eines 6-monatigen Praktikums

Welche Merkmale einer Tätigkeit haben Einfluss auf das Sinnerleben im Beruf? Wie müssen die Organisation und das Klima in einem Unternehmen erlebt werden, um Sinnerfüllung bei den Mitarbeitern zu ermöglichen?

Nach Schnell, Höge & Pollet (im Druck) gibt es einige Merkmale der Tätigkeit, der Organisation und des Individuums, durch die man einen großen Teil des Sinnerlebens bei der Arbeit erklären kann.

Sinnerleben im BerufBild: Faktoren zur Vorhersage des Sinnerlebens im Beruf auf Persönlichkeits-, Tätigkeits- und Organisations-Ebene

Im Folgenden wollen wir einige davon anhand eines konkreten Beispiels, der Erfahrung eines sechsmonatigen Praktikums bei einem deutschen Automobilhersteller, betrachten.

Bedeutsamkeit der Aufgabe

Die Bedeutsamkeit einer Tätigkeit gibt an, wieviel Auswirkung unsere Arbeit auf andere Personen, die Organisation oder die Gesellschaft hat.

Die Arbeit in meinem Praktikum war von strategischer und planender Art. Ihr Einfluss auf die Arbeit anderer Personen im Unternehmen war zwar vorhanden, daneben gab es jedoch keine Auswirkungen auf das Privatleben anderer Menschen oder die Gesellschaft.

Gefühl der Zugehörigkeit am Arbeitsplatz

Des Weiteren ist unser Sinnerleben davon abhängig, wie wir die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz erleben.

In meinem Praktikum war es üblich, die Mittagspause mit Arbeitskollegen und anderen Praktikanten zu verbringen. Dies ermöglichte, über das Berufliche hinaus Beziehungen aufzubauen. Zusätzlich gab es gelegentlich Ausflüge in Biergärten oder Restaurants, was zu einer guten Gemeinschaft im Team verhalf.

Werte und Führung im Unternehmen

Die meisten Unternehmen haben bestimmte Werte in ihrer Unternehmenskultur verankert. Um den Mitarbeitern Sinnerleben zu ermöglichen, müssen diese Werte jedoch von Führungskräften und Mitarbeitern gelebt werden. Werte, die uns Autonomie und selbstständiges Arbeiten ermöglichen, sind eine gute Voraussetzung für Sinnerfüllung am Arbeitsplatz.

Im Praktikum wurden diese Werte jedoch nur kommuniziert und  nicht in die Tat umgesetzt. Die erlebte Entscheidungsfreiheit war beispielsweise nicht gegeben, da meine Vorschläge nicht ernst genommen und stattdessen prinzipiell die der Führungskraft umgesetzt wurden.

Übereinstimmung des Selbstkonzeptes mit der Aufgabe bzw. Organisation

Die Sinnerfüllung in der Arbeitswelt hängt zudem davon ab, wie stark unser Selbstkonzept mit der Rolle übereinstimmt, die unser Arbeitsplatz vorsieht.

Diesbezüglich habe ich im Praktikum unweigerlich Diskrepanzen wahrgenommen. Das vorherrschende Selbstmarketing durch ständige Betonung der eigenen Stärken und das wissenschaftliche Arbeiten im Unternehmen stimmten nicht mit meinen Vorstellungen überein.

Soziomoralische Atmosphäre

Die soziomoralische Atmosphäre ist eine Kommunikationskultur, die förderlich für unser Sinnerleben im Beruf ist.

Das Unternehmen in meinem Praktikum hat in einigen Punkten geschafft, eine positive soziomoralische Atmosphäre herzustellen. Es gab die Möglichkeit Probleme mit seinem Vorgesetzten offen anzusprechen, und eine gewisse Toleranz gegenüber Fehlern bei der Arbeit war vorhanden. Zudem war die Unterstützung durch die Arbeitskollegen meist sehr gut.

Das sechsmonatige Praktikum wurde bei einem großen deutschen Automobilhersteller in der Abteilung Marketingplanung absolviert. Die Aufgaben bestanden darin, aus den Ergebnissen von Marktforschungsstudien die Richtung und Ziele für die Marketing- und Markenkommunikation vorzugeben und vorhandene Defizite aufzuzeigen. Die Studien lieferten Ergebnisse zur Markenwahrnehmung, Werbewirkung und den soziodemographischen Daten von Automobilkäufern.

Im Gegensatz dazu gab es keine Möglichkeit, sich zwanglos über geltende Normen des Unternehmens zu äußern. Die kulturellen Werte sollten vom Arbeitnehmer möglichst angenommen und nicht offen hinterfragt werden.

Was bedeutet das für mich?

Mein Sinnerleben während des Praktikums war tendenziell gering, ebenso die Arbeitsmotivation. Sowohl die Gestaltung der Arbeit als auch die soziomoralische Atmosphäre und die Organisation spiegelten sich in meiner persönlichen Sinnerfüllung wider. Für mich waren vor allem die gelebten Werte, die Führung und die fehlende Übereinstimmung zwischen meinem Selbstkonzept und der Rolle im Praktikum ausschlaggebend dafür. Zusätzlich wurde mir im Praktikum von Unternehmensseite her keine Zukunftsperspektive vermittelt.

Meiner Ansicht nach haben die meisten Unternehmen Werte in ihrer Unternehmenskultur, die den Mitarbeitern sinnerfülltes Arbeit ermöglichen können. Sie sollten jedoch verstärkt darauf achten, dass diese Werte nicht nur kommuniziert sondern auch tatsächlich gelebt werden.

Jessica Färber

Quelle: Schnell, T., Höge, T., & Pollet, E. (in press). Predicting Meaning in Work: Theory, Data, Implications. Journal of Positive Psychology.

Der Sinn und die Bedeutung von Arbeit

Cartwright, S. & Holmes, N. (2006).  The meaning of work: The challenge of regaining employee engagement and reducing cynicism. Human Resource Management Review (16), 199-208.

Was sind für Sie die wichtigsten Aspekte einer guten Arbeit? Gute Bezahlung und Sicherheit des Arbeitsplatzes? Interessante Tätigkeiten, freundliche und hilfsbereite Kollegen oder etwas für die Gesellschaft zu tun? Untersuchungen zeigen, dass die drei letzteren Merkmale meist als wichtiger erachtet werden als Geld. Von mehreren ForscherInnen wurde argumentiert, dass die stärkere Betonung von Autonomie, Erfüllung und sozialen Beziehungen eine Wende von materialistischen zu postmaterialistischen Werten markiere. Ebenso steht das Argument zur Diskussion, dass der wachsende Zynismus im Kontext des Arbeitsalltags auf eine Nichterfüllung dieser Werte zurückzuführen ist. Die folgenden Absätze stellen Susan Cartwrights und Nicola Holmes Analysen zu Sinn und Bedeutung der Arbeit für unser Leben dar.

Der soziale Aspekt der Arbeit

In einer Studie, die bei den beliebtesten Arbeitgebern des Vereinigten Königreichs durchgeführt wurde, beschrieben 91% der  Angestellten ihre Firma als einen freundlichen Arbeitsplatz mit guten Möglichkeiten zur sozialen Interaktion. Schon vor vielen Jahren war die Bedeutung sozialer Beziehungen und Freundschaften für das Wohlbefinden von ArbeitnehmerInnen bekannt. Trotzdem nahmen im Laufe der Zeit die Möglichkeiten zur sozialen Vernetzung am Arbeitsplatz ab. Zunehmender Zeitdruck und eine gestiegene Beanspruchung der Arbeitnehmer hatten neben einem geringeren Ausmaß an Kontakten auch eine Verminderung der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen im Arbeitsalltag zur Folge. Die Etablierung  elektronischer Medien zur Kommunikation, auch über nur geringe Entfernungen, und die zunehmende räumliche Distanz zwischen den Menschen, die sich durch ein dezentralisiertes Arbeitsumfeld ergibt, festigten diesen Trend.

Balance zwischen dem Arbeitsleben und dem Privatleben

Ein intaktes Arbeitsleben ist das Eine, ein intaktes Privatleben das Andere. Die meisten Menschen sind um ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen ihrem Arbeits- und Privatleben bemüht. So wird für viele eine befriedigende »Work-life balance« zum Kriterium für die passende Arbeitsstelle. Die Technologie, die den ArbeitnehmerInnen die zu erledigenden Aufgaben auch mit nach Hause gibt, hat die Grenzen zwischen Arbeitsplatz und Zuhause verwischt. Arbeitsaufgaben, die von Zuhause aus erledigt werden können, lassen aber auch die strikte Trennung von Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen. Unter dieser Entgrenzung kann das Privat- bzw. Familienleben sehr leiden. Um dem vorzubeugen, könnten Organisationen ihren Angestellten ein individuell flexibles Zusammenspiel zwischen Arbeit und Privatleben ermöglichen und damit deren Privatleben schützen.

Die Rolle der persönlichen Werte und der Werte des Unternehmens

Als einer der Hauptgründe, den Beruf zu wechseln, wurde das Bedürfnis nach sinnvoller Arbeit identifiziert.  Es ist die Nichtübereinstimmung zwischen den persönlichen Werten und den Werten bzw. dem tatsächlichen Verhalten, das ein Unternehmen repräsentiert, die viele Menschen zum Karrierewechsel veranlasst. Anders gesagt ist es die Suche nach sinnvoller Arbeit, die die Angestellten drängt. Vergangene Skandale haben gut gezeigt, dass unethisches Verhalten von Unternehmen die Sinnhaftigkeit der Arbeit in Frage stellen kann. Fällt der Abgleich zwischen dem Verhalten des Unternehmens und den eigenen Werten negativ aus, kann sogar das Selbstwertgefühl darunter leiden. Dabei kann für die Angestellten das Image des Unternehmens oder eines Produkts von großer Bedeutung sein, da seine Mitmenschen dazu neigen, ihm bzw. ihr persönlich diese Eigenschaften anzuheften. Neben der finanziellen Lage eines Betriebes zählt für die Bewertung vor allem sein Umgang mit Mensch und Umwelt.

Betriebsrhetorik kontra Realität

Die ethischen und moralischen Statements eines Unternehmens und das tatsächliche Verhalten können erheblich voneinander abweichen. Herriot (2001) weist auf drei besonders offensichtliche Brüche hin:

–         Die Betonung von individueller Autonomie, wenn in Realität von den Angestellten erwartet wird, dass sie sich exakt den Vorschriften gemäß verhalten.
–         Die Betonung von Gleichheit, Gerechtigkeit und fairer Behandlung, während Angestellte mit verschiedenen Arbeitsverhältnissen unterschiedlich gut behandelt werden.
–         Jene Rhetorik, die ständigen Wandel als nötig und rational präsentiert, während dieser Wandel tatsächlich aber lediglich eines bedeutet: mehr Arbeit für dieselbe Belohnung.

Die beiden Autorinnen des hier zusammengefassten Artikels, Susan Cartwright und Nicola Holmes, rufen Arbeitgeber dazu auf, Sinn, Bedeutung und emotionale Aspekte der Arbeit ernst zu nehmen. Sie unterstreichen ihr Plädoyer mit folgendem Zitat:

»Work is about a search for daily meaning as well as daily bread, for recognition as well as cash, for astonishment rather than torpor, in short for a sort of life rather than a Monday to Friday sort of dying« (Terkel, 1972).

Deutsch: »Arbeit steht für ein Bedürfnis nach täglichem Sinn ebenso wie nach täglichem Brot, für die Suche nach Anerkennung ebenso wie nach Entlohnung; sie steht für Staunen, nicht für Erstarrung. Kurz gesagt: es geht um die Art zu leben, nicht um die Art, von Montag bis Freitag zu sterben.«

Literatur:
Herriot, P. (2001). Future work and its emotional implications. In R. L. Payne & C.L. Cooper (Eds.), Emotions at work: Theory, research and applications for management. Chichester: John Wiley.
Terkel, S. (1972). Working. New York: Avon Books.

Zusammengefasst von Daniel Purtscheller

Wenn ArbeitnehmerInnen wagen, nach dem Warum zu fragen

Je sinnvoller die berufliche Tätigkeit, desto höher das berufliche Engagement

Unternehmen wünschen sich engagierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Zu diesem Zweck werden monetäre Anreize geschaffen, das Design der Arbeitsumgebung optimiert, Feedbackschleifen organisiert, etc. Doch all diese Strategien laufen ins Leere, wenn die Arbeit an sich als sinnlos erlebt wird. Mit der Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit steht und sinkt das Engagement.

Eine berufliche Tätigkeit wird dann als sinnvoll erfahren, wenn sie im Hinblick auf einen übergeordneten Kontext relevant, zielführend und wertvoll ist – und mit unseren persönlichen Werten übereinstimmt. Für eine solche Gewissheit, das subjektiv Richtige zu tun, würde ein Großteil der Berufstätigen gar einen niedrigeren Status oder weniger Gehalt in Kauf nehmen (Kelly Global Work Force Index, 2009). In unserer Studie konnten wir zeigen, dass die Bedeutsamkeit der Arbeitsaufgabe für andere einen großen Beitrag zum Sinnerleben wie auch zum Arbeitsengagement leistet, und dass Arbeitsengagement ohne Sinnerleben quasi nicht vorzufinden ist.

Höge, T. & Schnell, T. (2012). Kein Arbeitsengagement ohne Sinnerfüllung. Eine Studie zum Zusammenhang von Work Engagement, Sinnerfüllung und Tätigkeitsmerkmalen. Wirtschaftspsychologie, 1, 91-99.

Auf der Suche nach Sinn: Freiwillige vor

Nicole Ginzinger fasst zusammen, welche Dynamik Freiwilligenarbeit in unserem Leben entwickeln kann: Den größten Gefallen, den wir uns beizeiten tun können, ist, nicht die Erfüllung unserer eigenen Bedürfnisse im Blick zu haben!

Zum Beitrag

Posttraumatisches Wachstum und Sinnerleben – Sinnressourcen für die Traumatherapie

Paterno, D. (2012). Posttraumatisches Wachstum und Sinnerleben – Sinnressourcen für die Traumatherapie. Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

Das Ziel der vorliegenden Diplomarbeit belief sich auf eine Zusammenführung der klinischen Forschung und der Sinnforschung. Im Fokus stand folgende Fragestellung: „Unterscheiden sich traumatisierte Menschen mit posttraumatischem Wachstum in ihrem Sinnerleben und ihren Persönlichkeitseigenschaften von jenen ohne posttraumatisches Wachstum?“.

Um diese Fragestellung zu überprüfen, wurden einer klinischen Stichprobe von rund 70 TraumapatientInnen der ‚Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn’ (LeBe, Schnell & Becker, 2007), das ‚Posttraumatic Growth Inventory’ (PTGI, deutsche Version von Maercker & Langner, 2001) und das ‚Big Five Inventory’ (BFI-10, deutsche Version von Rammstedt & John, 2007) zur Beantwortung ausgehändigt.

Die Ergebnisse zeigen zusammenfassend, dass vor allem die Lebensbedeutungen ‚Gemeinschaft’, ‚Bewusstes Erleben’, ‚Soziales Engagement’, und ‚Gesundheit’ eine zentrale Rolle für Menschen mit posttraumatischem Wachstum spielen, da sie ihnen einen höheren Stellenwert beimessen. Die Verwirklichung dieser Sinnquellen trägt am besten zur Vorhersage von posttraumatischem Wachstum bei. Das Sinnerleben von Menschen mit posttraumatischem Wachstum lässt sich durch ein erfülltes Leben, bedeutungsvolles Handeln, eine Lebensaufgabe, ein Selbstverständnis als Teil eines größeren Ganzen und den Glauben an einen tieferen Lebenssinn beschreiben. Im Vergleich dazu zeigen Menschen ohne posttraumatisches Wachstum vermehrt Merkmale wie Sinnlosigkeit, Empfindung von Leere oder erfolglose Suche nach Sinn.

Bezug nehmend auf die Persönlichkeitseigenschaften wird ersichtlich, dass Menschen, die posttraumatisches Wachstum erleben, auch als extravertierter beschrieben werden können als jene Traumatisierten ohne posttraumatisches Wachstum. Die Persönlichkeitseigenschaft Offenheit ist lediglich bei Frauen mit posttraumatischem Wachstum höher ausgeprägt.

Um die praktische Relevanz der Sinnressourcen für die Traumatherapie zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle auf die möglichen psychotherapeutischen Interventionstechniken hingewiesen, die sich aus den gewonnen Erkenntnisse ableiten lassen. Beispielsweise würden sich das ‚Soziale Kompetenztraining’ sowie die Technik der ‚Achtsamkeit’ für die Phase der Integration und Neuorientierung innerhalb der Traumatherapie eignen. Jene Behandlungsphase ist durch die Ressourcen(re-)aktivierung gekennzeichnet und ermöglicht Traumatisierten einen geschützten Rahmen für ihren persönlichen Wiederaufbau von erschütterten Annahmen über sich selbst und die Welt.

Hier können Sie die gesamte Arbeit als pdf herunterladen. Zitieren Sie bitte nach obenstehender Angabe.

Unterschiede in der Sinnstiftung

Schnell, T. (2011). Individual differences in meaning-making: Considering the variety of sources of meaning, their density and diversity. Personality and Individual Differences, 51(5), 667-673.

Erhöht sich das Sinnerleben einer Person mit der Anzahl an Sinnquellen, auf die sie zurückgreift? Geht es hierbei nur um die Menge der Sinnquellen, oder hängt es auch davon ab, um welche Sinnquellen es sich handelt? Sind manche Sinnquellen besser als andere, einen Beitrag zum allgemeinen Sinnerleben zu leisten?

Um sich Klarheit über diese Fragen zu verschaffen, wurde in einer Studie von Tatjana Schnell (2011) der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe) (Schnell & Becker, 2007) eingesetzt. Er misst 26 Lebensbedeutungen, Sinnerfüllung und Sinnkrise.

Die 26 Lebensbedeutungen lassen sich in fünf Dimensionen unterteilen:

In der Studie wurden 603 Deutsche befragt und deren Sinnerfüllung und Lebensbedeutungen an Hand des LeBe erhoben. Mit diesen Daten konnten folgende Ergebnisse gewonnen werden:

Sind manche Sinnquellen bedeutender für das Sinnerleben als andere?

Die Ergebnisse der Studie zeigen zum einen, dass alle 26 Sinnquellen einen positiven Zusammenhang mit Sinnerleben aufweisen. Generativität, gefolgt von Bewusstem Erleben und Harmonie belegen dabei die Plätze eins bis drei. Das heißt, je höher eine der drei Lebensbedeutungen ist, desto höher das Sinnerleben. Beispielsweise steigt das Sinnerleben stark an, wenn die Generativität zunimmt. Somit hat nicht jede Sinnquelle das gleiche Potential hinsichtlich ihres Beitrages zur Sinnstiftung.

Generativität: Menschen erleben es als sehr bedeutsam, Dinge zu tun oder schaffen, die Auswirkungen über ihr eigenes Leben hinaus haben. Dies sind Dinge mit bleibendem Wert, auch für nachfolgende Generationen.

Gibt es nun Sinnquellen, mit denen man Sinnerleben vorhersagen kann? In der Studie ergaben sich acht Sinnquellen, die am wahrscheinlichsten zu Sinnerleben führen:

  • Generativität (Dimension: horizontale Selbsttranszendenz)
  • Harmonie (Dimension: Wir- und Wohlgefühl)
  • Explizite Religiosität (Dimension: vertikale Selbsttranszendenz)
  • Macht (Dimension: Selbstverwirklichung)
  • Bodenständigkeit (Dimension: Ordnung)
  • Spiritualität (Dimension: vertikale Selbsttranszendenz)
  • Entwicklung (Dimension: Selbstverwirklichung)
  • Kreativität (Dimension: Selbstverwirklichung)

Man kann erkennen, dass in den acht genannten Lebensbedeutungen alle fünf Dimensionen vertreten sind. Demzufolge sind alle Dimensionen relevant für das Sinnerleben.

Führt eine höhere Anzahl an Sinnquellen zu höherem Sinnerleben?

In der Studie ergab sich, dass 17% der Personen keine Sinnquelle nennen, die für sie persönlich relevant ist. 14% dagegen greifen auf eine Sinnquelle zurück, 53% auf zwei bis acht und die restlichen 14% auf neun oder mehr.

Entscheidend ist jedoch, dass mehr Sinnquellen zu einem höheren Sinnerleben führen. Bei weniger als 5 Sinnquellen steigt das Sinnerleben mit jeder zusätzlichen Sinnquelle stark an. Mit zusätzlichen Sinnquellen erhöht sich das Sinnerleben dagegen nur noch leicht.

Was für eine Rolle spielen die Dimensionen beim Sinnerleben?

Neben der Anzahl der Sinnquellen ist es von Bedeutung, auf wie viele Dimensionen die Sinnquellen verteilt sind. Je mehr Dimensionen durch Lebensbedeutungen vertreten sind, desto höher ist das Sinnerleben. Speziell zwischen zwei und drei Dimensionen steigt das Sinnerleben stark an. Es ist also wichtig, Lebensbedeutungen in verschiedenen Bereichen zu haben. Und mehrere Dimensionen schaffen eine breite Basis an Sinnquellen.

Letztendlich haben sowohl Lebensbedeutungen, als auch Dimensionen, einen Einfluss auf das Sinnerleben. Die alleinige Anzahl der Sinnquellen reicht nicht aus, da auch deren Vielfalt miteinbezogen werden muss. Die Lebensbedeutungen sollten möglichst alle fünf Dimensionen umfassen, um das Sinnerleben zu steigern.

Fazit:

Um seinen persönlichen Lebenssinn zu steigern, kann zum einen die Anzahl der Lebensbedeutungen, als auch die Qualität als zu ändernde Möglichkeit in Betracht gezogen werden. Mit Qualität sind die Vielfältigkeit der Sinnquellen und die Höhe ihres Beitrags zum persönlichen Lebenssinn gemeint. Für mich bedeutet das, dass eine gewisse Anzahl an Sinnquellen eine Voraussetzung ist, um Sinn zu erleben. Viel wichtiger ist jedoch, dass diese Sinnquellen letztendlich vielfältig sind. Versuchen Sie bei der Suche nach Ihren persönlichen Sinnquellen, diese in möglichst unterschiedlichen Bereichen zu finden.

Jessica Färber

Neugier und Lebenssinn

Kashdan, T. B., & Steger, M. F. (2007). Curiosity and pathways to well-being and meaning in life: Traits, states, and everyday behaviors. Motivation And Emotion, 31(3), 159-173.

Neugier ist – wie die Wissenschaftler Todd B. Kashdan und Michael F. Steger mittels einer Studie zeigen konnten – ein wichtiges Element für das Empfinden von Lebenssinn und Wohlbefinden. Zu dieser Erkenntnis gelangten die beiden amerikanischen Forscher, indem sie 97 College-Studierende befragten.

Den Forschern zufolge bedeutet Neugier, „nach neuen, komplexen und herausfordernden Interaktionen mit der Welt Ausschau zu halten und Gewinn daraus zu ziehen“. Neugier unterscheidet sich von anderen positiven Emotionen (z.B. Freude) durch den Fokus auf Wachstum und Erweiterung.

Genuss-orientierte Aktivitäten sind hingegen durch die Betonung von Vertrautheit, Einfachheit und Stabilität gekennzeichnet. Ein Beispiel: Es ist die Neugier, die uns in einem Restaurant dazu bringt, neuartige Speisen auszuprobieren; hingegen führt uns der Genuss dazu, das zu essen, von dem wir bereits wissen, dass es uns gut schmeckt.

Bisherigen Studien zufolge erleichtert der Hang zur Neugier unter anderem Aktivitäten des Lernens und der Selbstbestimmung, was dauerhaftes Wohlbefinden und Sinnerfüllung zur Folge haben kann.

Im Sinne einer permanent vorhandenen Charaktereigenschaft hat Neugier viele Vorteile, die dadurch zustande kommen, dass neugierige Menschen

  • eher nach Aktivitäten suchen, durch die sie ihre Fähigkeiten und Potenziale weiterentwickeln können und
  • neuartige, komplexe Aktivitäten mit ungewissem Ausgang eher suchen, als sie zu vermeiden.[1]

Neugier kann dazu führen, dass das Gefühl von Lebenssinn stärker präsent wird; außerdem zeichnen sich neugierige Menschen dadurch aus, dass stärker aktiv nach Lebenssinn gesucht wird. Dieses Gefühl von Lebenssinn hält nicht nur eine kurze Zeit an, im Gegensatz zu dem bloßen Gefühl von Freude, das nur für einen Moment belohnend wirkt. Vielmehr konnten die Autoren zeigen, dass ein Gefühl von Lebenssinn, wenn es aus Neugier heraus entsteht, mindestens bis zum nächsten Tag andauert.

Methode

Um herauszufinden, ob sich neugierige Menschen tatsächlich besser oder gar sinnerfüllter fühlen, untersuchten die beiden Forscher 97 College-Studierende.  Von diesen Personen erhoben sie, wie neugierig sie denn sind – Neugier ist hier im Sinne einer Charaktereigenschaft, als überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal, gemeint. Zusätzlich zu dieser Messung von Neugier als Persönlichkeitsmerkmal (erfragt durch einen Fragebogen zu Beginn der Studie) erfassten Kashdan und Steger von jeder einzelnen Person Neugier als aktuellen Zustand, der sich – je nach Situation – von Tag zu Tag verändern kann. Hierbei sollten die Studierenden für die Dauer von drei Wochen jeden Abend beschreiben, wie neugierig sie sich den vergangenen Tag über fühlten.

Zusätzlich wurde jeden Abend erfasst, mit welcher Art von Beschäftigungen sich die Studierenden den Tag über befassten: Es wurde unterschieden zwischen

  1. wachstumsorientiertem Verhalten [2] (z.B. „jemandem Dankbarkeit ausdrücken“, „jemandem etwas anvertrauen“, „Ziele verfolgen“, „über Ziele klarwerden“) und
  2. hedonistischem Verhalten (z.B. „sich betrinken“, „Essen nur des Geschmacks wegen“).

Weiterhin erfasst wurden

  • täglicher Lebenssinn und Lebenszufriedenheit (z.B. „Wie sinnvoll fühlt sich dein Leben an?“),
  • tägliches Vergnügen (Essen / sexuelle Aktivität) und
  • die tägliche Gefühlslage.

Ergebnisse im Detail

1.) Welche Auswirkungen hat Neugier als – momentaner – Zustand? An Tagen, an denen sich die Studierenden neugierig fühlten,

  • verspürten sie einen größeren Lebenssinn, wobei dieses Gefühl mindestens bis in den nächsten Tag hinein andauerte.

Diese positive Wirkung von Neugier als Zustand zeigte sich bei den Studierenden unabhängig davon, ob sie an sich neugierige Charaktere waren.

2.) Welche Auswirkungen hat Neugier als – permanente – Charaktereigenschaft? Diejenigen Studierenden, die Neugier als Charaktereigenschaft besaßen,

  • nahmen eine größere Lebenszufriedenheit wahr,
  • zeigten gleichzeitig auch mehr wachstumsorientiertes Verhalten und
  • verspürten einen größeren Lebenssinn.

Die Verbindung zwischen Neugier als Charaktereigenschaft und Neugier als Zustand ist komplex und spielt als zusätzlicher Faktor eine Rolle: Permanent neugierige Charaktere erleben häufiger Neugier im Sinne eines Zustandes und damit einhergehend öfter Sinn. Umgekehrt scheint Sinnerfüllung an sich keine Neugier hervorzurufen.

Fazit

Die Autoren zeigen somit, dass sowohl Neugier als Charaktereigenschaft als auch Neugier als Zustand einen möglichen Weg zur Sinnerfüllung und Lebenszufriedenheit aufzeigen. Dieser Weg wird durch Aktivitäten beschritten, die mit Wachstum verbunden sind. Solche Handlungen sind zum Beispiel der Ausdruck von Dankbarkeit oder Zielverfolgung. Auch Hedonistische Verhaltensweisen werden öfter von neugierigen Menschen gezeigt als von solchen, die nicht neugierig sind; allerdings können diese Aktivitäten im Gegensatz zu wachstumsorientierten Verhaltensweisen nicht zu einem andauernden Gefühl von Sinnerfüllung führen.

Also: Probieren Sie doch einmal etwas Neues aus! Vielleicht fällt ja beim nächsten Essengehen die Wahl nicht auf das althergebrachte Schnitzel mit Pommes – oder auf ein anderes Gericht, das Ihnen zwar schmeckt, aber schon lange nichts Besonderes mehr ist. Es könnte Sie vielleicht zu einem anhaltend neugierigen Menschen machen – und das nützt Ihnen mehr, als nur einen vollen Bauch zu haben.

Zusammengefasst von: Sebastian Roth


[1] Die Vermeidung von neuartigen Situationen gibt zwar einerseits Sicherheit, führt andererseits aber dazu, dass man es bereut, eine vielversprechende Gelegenheit verpasst zu haben.

[2] im Sinne von persönlichem (inneren) Wachstum bzw. Wachstum bezogen auf Beziehungen

Diversity und Sinn im Beruf. Über den Zusammenhang von Diversity-Klima, soziomoralischem Klima, Arbeitsengagement und Sinnerleben im Beruf

Schönherr, A. (2011). Diversity und Sinn im Beruf. Über den Zusammenhang von Diversity-Klima, soziomoralischem Klima, Arbeitsengagement und Sinnerleben im Beruf. Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

Ausschlaggebend für die Formulierung der Forschungsfragen in dieser Diplomarbeit war der Aufsatz „Mühe der Ebene. Kritisches Diversity Management“ von Nadja Schefzig. Aus der Diversity-Management-Perspektive heraus werden unterschiedliche Eigenschaften und Zugehörigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vormals als Mangel und Nachteil galten, als Bereicherung wertgeschätzt. Ziel von Diversity-Management ist demnach, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die durch ein Klima der Toleranz, Fairness und Wertschätzung der Vielfalt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geprägt ist. Ein zentrales Interesse in dieser Arbeit liegt in der Frage: „Hängt ein solches durch eine Diversity-Kultur geprägtes Klima mit Sinnerleben im Beruf zusammen?“ Des Weiteren sollen die Beziehungen zwischen Arbeitsengagement und beruflicher Sinnerfüllung sowie Berufsbedeutungen als Quellen für Sinnerfüllung im Beruf und Arbeitsengagement weiter erforscht werden. Berufsbedeutungen sind auf den beruflichen Kontext übertragene Lebensbedeutungen (Fragebogen zu Lebenssinn und Lebensbedeutungen, Schnell & Becker, 2007) und lassen sich als im Beruf zu verwirklichende, sinnstiftende Werte/Bedeutungen beschreiben.

Um ein Diversity-Klima in Unternehmen erheben zu können, musste eigens eine Diversity-Klima-Skala entwickelt werden. Zusätzlich wurde das soziomoralische Klima (Weber et al., 2009) als wichtige Ressource für berufliche Sinnerfüllung erhoben. An der Datenerhebung (N=103) nahmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Unternehmens aus der Automobilbranche teil.

Die Auswertung der Daten zeigt deutlich, dass ein durch Toleranz, Wertschätzung und eine offene, Kommunikationskultur geprägtes Klima positiv mit beruflichem Sinnerleben und dem Arbeitsengagement der ArbeitnehmerInnen zusammenhängt. Statistische Analysen zeigen auch, dass der Einfluss des Diversity-Klimas auf das Arbeitsengagement und die berufliche Sinnerfüllung über das soziomoralische Klima mediiert wird. Das bedeutet, dass eine positive Wirkung einer Diversity-Kultur für die MitarbeiterInnen nur dann zum Tragen kommt, wenn grundsätzlich ein durch Wertschätzung und eine offene, partizipative Kommunikationskultur geprägtes Klima (=soziomoralisches Klima) vorherrscht.

Der gefundene enge Zusammenhang zwischen Work Engagement und Sinnerfüllung im Beruf stimmt mit bereits von May et al. (2004) und Höge & Schnell (2012) berichteten Ergebnissen überein und bestätigt, dass beide Konstrukte ähnliche Aspekte der Wahrnehmung des vom Individuum ausgeübten Berufes erfassen. Eine wichtige Erkenntnis dieser Studie ist, dass Berufsbedeutungen nicht nur zur Vorhersage von beruflicher Sinnerfüllung, sondern auch zur Vorhersage von Work Engagement beitragen. Harmonie am Arbeitsplatz erweist sich in dieser Stichprobe als wichtigste Quelle für berufliche Sinnerfüllung und Engagement. Das Festhalten an Traditionen und starren Strukturen aber auch das Streben nach Freiheit stehen im untersuchten Unternehmen in einem negativen Zusammenhang mit Sinnerfüllung und Arbeitsengagement.

(Hier können Sie die gesamt Arbeit als pdf-Datei downloaden. Zitieren Sie sie bitte nach den Angaben in der Zusammenfassung.)

Sinnerfüllung als zwischenmenschliche Anziehungskraft?

Stillman, T. F., Lambert, N. M., Fincham, F. D. & Baumeister, R. F. (2011). Meaning as Magnetic Force: Evidence That Meaning in Life Promotes Interpersonal Appeal. Social Psychological and Personality Science, 2 (1), 13-20.

Hat die Suche nach dem Lebenssinn Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen? Sind sinnerfüllte Menschen anziehendere Gesprächs- und Handlungspartner?

Diese Fragen stellten sich die Autoren in ihren beiden Studien. Inspiriert dazu hat sie einerseits die Erkenntnis aus verschiedenen Untersuchungen, dass zwischenmenschliche Beziehungen Lebenssinn fördern bzw. eine wesentliche Quelle für Sinnerfüllung darstellen. Somit wäre es denkbar, dass umgekehrt auch der Lebensinn Einfluss auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ausübt. Andererseits haben Menschen nach Viktor Frankl ein tief verwurzeltes Bedürfnis Sinn im Leben zu finden. Daraus könnte man ableiten, dass Personen unter Umständen eher nach Beziehungen mit sinnerfüllten Menschen streben, um dadurch zumindest teilweise ihr Bedürfnis Sinn zu finden zu befriedigen.

Studie 1

In der ersten Studie wurden die Selbsteinschätzungen von 70 Studierenden zu Lebenssinn und Selbstwert mittels zwei verschiedener Fragebögen erhoben. Zusätzlich sollten sie mit einem Freund eine fünf minütige Diskussion über ihre Beziehung führen, welche unauffällig gefilmt wurde. Die Interaktion wurde anschließend von fünf trainierten Beurteilern hinsichtlich folgender Frage eingeschätzt: Wie gern würden Sie mit dieser Person befreundet sein? (von 1 – überhaupt nicht bis 5 – sehr gern)

Ergebnis:

  • Diejenigen Studenten, die hohe Werte im Lebenssinn-Fragebogen erreichten, wurden als potentielle Freunde attraktiver eingeschätzt.
  • Die Werte des Selbstwert-Fragebogens hatten hingegen keinen Einfluss auf die zwischenmenschliche Anziehung.

Das heißt also, dass wir uns nicht unbedingt mit jenen befreunden wollen, die gut über sich selbst denken und dadurch hohen Selbstwert genießen, sondern dass vor allem sinnerfüllte Menschen anziehend auf uns wirken.

Studie 2

Da eine Reihe anderer Faktoren einen Einfluss auf die zwischenmenschliche Anziehung haben könnte, die Studierenden in der ersten Studie nur hinsichtlich einer Fragestellung beurteilt wurden und Menschen im Alltag fremde Personen innerhalb von wenigen Sekunden bewerten, die Beurteiler hier jedoch 5 Minuten Zeit hatten, führten die Autoren eine zweite Studie durch.

In dieser Untersuchung sollten sich 72 Studierende hinsichtlich Lebenssinn, Religiosität, Glück und Extravertiertheit in den jeweiligen Fragebögen selbst einschätzen. Anschließend wurden sie gebeten, sich 10 Sekunden lang vor laufender Kamera selbst vorzustellen (Name, Hobbys,…). Elf trainierte Beurteiler bewerteten (von 1 – überhaupt nicht bis 7 – sehr) die Selbstvorstellungen hinsichtlich 4 Dimensionen:

  1. Wie sympathisch ist die Person?
  2. Wie gern würden Sie mit der Person befreundet sein?
  3. Wie sehr würden Sie eine Unterhaltung mit der Person genießen?
  4. Wie sinnerfüllt, glauben Sie, ist das Leben der Person?

Zusätzlich wurden vier andere Beurteiler gebeten, die körperliche Attraktivität der Studienteilnehmer einzuschätzen (von 1 – überhaupt nicht attraktiv bis 7 – extrem attraktiv).

Ergebnis:

    • Teilnehmer, die höhere Werte im Lebenssinn-Fragebogen aufwiesen, wurden als sympathischer beurteilt sowie als Freunde und Gesprächspartner bevorzugt. Höhere Ausprägung der Sinnerfüllung hing mit höherer zwischenmenschlicher Anziehung zusammen. ABER:
      • Diesen Zusammenhang konnte man nur bei Studierenden mit geringer oder mittlerer Attraktivität feststellen. Bei sehr attraktiven Teilnehmern hatte die Sinnerfüllung keinen Effekt auf die zwischenmenschliche Anziehung.
      • Mögliche Erklärung: Da attraktive Personen bereits sehr anziehend sind, steigert die Sinnerfüllung diese Anziehung nicht zusätzlich.
    • Die Selbsteinschätzungen von Glück und Religiosität zeigten keinen Zusammenhang, aber Extravertiertheit wies einen positiven Zusammenhang mit zwischenmenschlicher Anziehung auf.
    • Körperliche Attraktivität hatte die größte Vorhersagekraft für zwischenmenschliche Anziehung, d.h. körperlich attraktive Menschen werden generell anziehender wahrgenommen.

Ein sinnerfülltes Leben hat also nicht nur Auswirkungen auf uns selbst, sondern hilft uns auch, neue Bekanntschaften zu schließen. Somit stellt sich für mich die Frage, ob nicht für viele von Schönheitsidealen geplagten Menschen die Sinnsuche eine befriedigendere Alternative zur vergänglichen Unterstützung der plastischen Chirurgie wäre.

Zusammengefasst von Melanie Oberleitner

Erhöhung des Lebenssinns bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs mittels Meaning-Making Intervention

Henry, M., Cohen, R. S., Lee, V., Sauthier, P., Provencher, D., Drouin, P., et al. (2010). The Meaning-Making intervention (MMi) appears to increase meaning in life in advanced ovarian cancer: a randomized controlled pilot study. Psycho-Oncology (19), 1340-1347.

(Anmerkung: MMi ist eine sinnstiftende Intervention)

Reduziert der zusätzliche Einsatz der Meaning-Making Intervention zu der üblichen Behandlung das Level der existentiellen Not von kürzlich diagnostizierten fortgeschrittenen Eierstockkrebspatientinnen? Kann dadurch Depression und Angst verringert, Selbstwirksamkeit erhöht und die Lebensqualität verbessert werden?

Die Meaning-Making Intervention ist ein therapeutischer Ansatz, der entworfen wurde, um die Suche nach dem Lebenssinn in Folge einer Krebsdiagnose zu unterstützen. Sie zeichnet sich vor allem durch eine kurze, individualisierte und strukturierte Anwendung aus. Die MMi besteht meist aus 1-4 Sitzungen à 30-90 Minuten, wobei sie bezüglich Anzahl, Länge und Ort auf die psychologische und physiologische Verfassung des Patienten abgestimmt werden kann. Der Therapeut führt den Patienten durch die drei Hauptaufgaben der MMi:

  1. Was sind die Auswirkungen, was bedeutet die Krebsdiagnose für mich?
  2. Wie habe ich früher schwierige Lebensereignisse erfolgreich bewältigt? Wie könnte mir das in der jetzigen Situation helfen?
  3. Was sind meine Prioritäten im Leben? Wie könnte ich meine Ziele verändern, um dem Leben trotz krankheitsbedingter Einschränkungen einen Sinn zu geben?

Viele Krebspatienten denken über lebensprägende Ereignisse in der Vergangenheit, Gegenwart und über mögliche Ereignisse in der Zukunft nach.

Resilienz ist die Fähigkeit, auf wechselnde Lebenssituationen flexibel zu reagieren und stressreiche, frustrierende, schwierige und belastende Lebenssituationen ohne schwere psychische Schädigungen meistern zu können.

Selbstreflexion kann dabei die Anpassung an Krebs unterstützen, die Resilienz fördern und dazu führen, dass Patienten durch ihre Krankheit lernen, das Leben erfüllender wahrnehmen und ihre Werte, Prioritäten und Ziele neu überdenken. Umgekehrt kann das Fehlen von Sinn oder eine pessimistische Haltung zu Verzweiflung und Entmutigung führen. Deshalb bieten verschiedene therapeutische Interventionen eine unterstützende Umgebung an, um sich mit den existentiellen und/oder spirituellen Fragen des Lebens mit der Krankheit auseinanderzusetzen.

Um die Auswirkungen der Intervention zu untersuchen, wurden 24 Patientinnen mit der innerhalb der letzten zwei Monate gestellten Diagnose Eierstockkrebs im Stadium III oder IV, per Zufall zu Experimentalgruppe, bei denen zusätzlich zur üblichen Behandlung die MMi eingesetzt wurde, und Kontrollgruppe, die keine MMi erhielten, zugeordnet. Zu drei verschiedenen Zeitpunkten (vor der Intervention, einen Monat nach der Intervention und drei Monate nach der Intervention) wurden Lebenssinn, Lebensqualität, Angst, Depression und Selbstwirksamkeit mittels Fragebögen erhoben. Zusätzlich wurden die Patienten in der Experimentalgruppe gebeten, ein Feedback zu ihren Erfahrungen mit der Therapie abzugeben.

Die Ergebnisse der Studie zeigen eine deutliche Erhöhung des Lebenssinns in der Experimentalgruppe. Weiters weisen sie sowohl auf eine verbesserte allgemeine Lebensqualität und auf höheres existentielles Wohlbefinden, als auch auf ein geringeres Level von Angst und Depression hin. Alle Teilnehmer der Experimentalgruppe, die bereit waren, ein Feedback abzugeben, beschrieben die Therapie als eine positive Erfahrung, die sie als nützlich empfanden und sie gaben einstimmig an, dass sie die MMi anderen Krebspatienten weiterempfehlen würden.

Fazit:

  1. Auch in Situationen, in denen es scheint, als ob man seine Perspektive verliert, gibt es Möglichkeiten Sinn zu finden bzw. den vorhandenen Lebenssinn zu erhöhen.
  2. Krankheit bedeutet mehr, als dass ein rein körperliches Problem vorliegt. Patienten wünschen sich deshalb, dass ihre Ärzte dies zunehmend anerkennen und verstärkt die individuellen Bedürfnisse des Menschen und seine Ganzheit berücksichtigen.

Zusammengefasst von Melanie Oberleitner

Nostalgie als Quelle des Sinnerlebens

Routledge, C., Arndt, J., Wildschut, T., Sedikides, C., Hart, C. M., Juhl, J., Vingerhoets, Ad J. J. M. & Schlotz, W. (2011). The Past Makes the Present Meaningful: Nostalgia as an Existential Resource. Journal of Personality and Social Psychology, 101 (3), 638-652.

Wie die Erinnerungen an unsere persönliche Vergangenheit „Sinn machen“

Was bedeutet es für Sie über Ihre Vergangenheit nachdenken zu können? Wie wäre es wohl, wenn Sie keine persönliche Geschichte hätten, die Ihnen Ihre soziale Eingebundenheit in Erinnerung hielte? Keine Symbole, die Ihnen Ihre vergangenen Erlebnissen nahe brächten?

Nun, die Idee der hier beschriebenen Studie war, das Sinnerleben unter dem Aspekt unserer Fähigkeit zum Denken über vergangene Erlebnisse zu untersuchen. Nostalgische Erinnerungen an unsere Vergangenheit könnten eine Quelle für das Empfinden von Sinn sein. Wird uns unsere existentielle Vergänglichkeit bewusst, blicken wir gerne auf unsere hinterlassenen Spuren zurück.War man früher der Meinung, das Schwelgen in nostalgischen Erinnerungen hätte einen krankhaften Charakter, so betrachtet man dieses heute unter einer anderen Perspektive. Denn das sehnsüchtige Erinnern an vergangene Lebensmomente dürfte positiv für das psychische Wohlbefinden sein. Bestehende Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass

das Fühlen von Nostalgie eine soziale Emotion ist und, dass die sozialen Beziehungen eines Menschen wichtig für das Erleben von Sinn sind. Deshalb kommt dem Glauben ein Teil eines größeren sowie bedeutungsvolleren Ganzen zu sein eine wichtige Rolle zur psychischen Entlastung zu. Die aus den persönlich wertvollen Erinnerungen entstehende Nostalgie könnte ein Weg sein, dem Leben einen Sinn zu verleihen. Auch wenn das Erleben von Nostalgie auf das Selbst bezogen ist, sind die bedeutsamen Erinnerungen meist Erlebnisse mit sozialem Charakter (Hochzeiten, Weihnachtsfeiern, etc.). Ist es die Wahrnehmung sozialer Verbundenheit, die das Nostalgieerleben so bedeutend für uns macht?

Der Grundidee der Forscher bestand nun darin, dass nostalgische Gedanken das Leben mit Sinn erfüllen könnten. Um ihre Annahme zu testen konzipierten sie eine Reihe von Untersuchungen. Dabei beeinflussten sie das Nostalgieerleben ihrer ProbandInnen, um dessen Effekte untersuchen zu können. Eine der verwendeten Methoden macht sich die Wirkung des Hörens und Erinnerns von Musikstücken zunutze. Denn häufig ist Musik ein Träger persönlicher Erinnerungen und kann nostalgische Momente erzeugen. Die ProbandInnen, die daraufhin angaben sich nostalgisch zu fühlen, empfanden sich als geliebt und meinten, dass das Leben wert wäre gelebt zu werden. Die empfundene soziale Verbundenheit (geliebt zu werden) führte zum Erleben von Sinn.

Nun wandten sich die Forscher der Frage zu, ob Nostalgie hilft mit Situationen umzugehen, die den Lebenssinn bedrohen. So konfrontierten sie eine Gruppe von ProbandInnen mit einem Essay dessen Kerngedanke von der Sinnlosigkeit, der Unwichtigkeit der menschlichen Existenz handelt. Während dieses Essay den Sinn des Lebens infrage stellte, bekam eine weitere Gruppe ein Essay ohne bedrohlichen Inhalt zu lesen. Es waren nun die ProbandInnen der bedrohlichen Bedingung, die angaben sich nostalgisch zu fühlen. Dies bestätigte die Vermutung der Forscher: Wird die Vorstellung von der Sinnhaftigkeit des Lebens gefährdet, wenden sich Menschen der Nostalgie zu.

Wurden die Teilnehmer vor dem Lesen der Essays in nostalgische Stimmung versetzt, so werteten sie das Essay und dessen Autor nicht so stark ab, wie es die Teilnehmer taten, die sich in gewöhnlicher Stimmung befanden. Es scheint, als wäre ihre abwertende Haltung eine Abwehr der Bedrohung, indem die Glaubwürdigkeit der Quelle infrage gestellt wurde. Die „nostalgischen“ ProbandInnen scheinen aufgrund ihrer wertvollen Erinnerungen weniger defensiv reagieren zu müssen, um die Infragestellung des Lebenssinns durch das Essay entschärfen zu können.

Die beiden letzten Untersuchungen, die hier nicht beschrieben wurden, deuten sogar darauf hin, dass nostalgische Erinnerungen einen therapeutischen Zweck erfüllen können. So können sie vorteilhaft für das Wohlbefinden sein und positiv auf den Umgang mit stressigen Situationen wirken.

Ach, die guten alten Zeiten“ – Wem kommt dieser Gedanke nicht von Zeit zu Zeit in den Sinn?

Zusammengefasst von Daniel Purtscheller

Das Geheimnis der Sinnstiftung? Leidenschaft und Engagement – vor allem für andere

Schnell, T. (2011). Individual differences in meaning-making: Considering the variety of sources of meaning, their density and diversity. Personality and Individual Differences, 51(5), 667-673. (doi:10.1016/j.paid.2011.06.006)

Wir orientieren uns im Leben an ganz verschiedenen Dingen: am eigenen Vorankommen, am Erhalt von Freundschaften, an Fairness, Freiheit oder Liebe… Aber was macht ein sinnvolles Leben aus? In der vorliegenden Studie wurde ein umfangreicher Katalog von Sinnquellen (= 26 Lebensbedeutungen) auf diese Frage hin analysiert. Die Ergebnisse sind überraschend deutlich. Sinn wird gefördert durch…

1. Aktive Teilhabe am Leben: Position beziehen; sich engagieren; leidenschaftlich für das eintreten, was uns wichtig ist

2. Dabei ist es sinn-produktiv, wenn wir uns für verschiedene Dinge einsetzen (nicht nur für sich selbst, aber auch nicht nur für andere): Ausgewogenheit und Vielfalt zählen

3. Als wichtigste Sinnquelle von allen hat sich Generativität erwiesen: etwas von bleibendem Wert tun oder schaffen, sich den kommenden Generationen und der Menschheit im allgemeinen verpflichtet fühlen – und danach handeln!

Über den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen, Sinnerfüllung, Arbeitsengagement und Wohlbefinden.

Pollet, E. (2011). Sinnerfüllung im Beruf. Über den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen, Sinnerfüllung, Arbeitsengagement und Wohlbefinden. Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit.

Diplomarbeit von Edith Pollet

Die vorliegende Diplomarbeit befasst sich mit Sinnerfüllung im beruflichen Kontext. Ausgangspunkt des Forschungsinteresses war die Untersuchung von May, Gilson und Harter (2004), in der empirisch festgestellt wurde, dass Sinnerleben im Beruf einen starken Zusammenhang mit Arbeitsengagement aufweist. Vor allem aus Sicht der differentiellen Psychologie wird der Frage nachgegangen, unter welchen Voraussetzungen berufliche Sinnerfüllung erlebt werden kann, und in welchem Zusammenhang diese Variable mit Arbeitsengagement und Wohlbefinden steht.

Zur Beantwortung dieser Fragestellung wurden in einer Stichprobe von 197 Personen, Arbeitsbelastungen, Arbeitsressourcen, verschiedene Persönlichkeitsmerkmale, Sinnerfüllung, Arbeitsengagement und Wohlbefinden erhoben.

Die Bedeutung von Sinnerfüllung für das Arbeitsengagement konnte bestätigt werden. Auch der vor allem von V. Frankl postulierte positive Einfluss von Sinnerfüllung auf das Wohlbefinden wird von den Ergebnissen unterstützt.

Die Resultate der Korrelations- und Regressionsberechnungen weisen darauf hin, dass Sinnerfüllung im Beruf sowie Arbeitsengagement sowohl durch Merkmale der Arbeitssituation als auch durch Persönlichkeitsmerkmale beeinflusst werden. Als personale Ressourcen für das Sinnerleben konnten vor allem die emotionale Stabilität, die soziale Verträglichkeit und die Selbstwirksamkeitserwartung identifiziert werden. Auch Hollands Theorie beruflicher Interessen konnte erfolgreich mit Sinnerfüllung und Arbeitsengagement in Verbindung gebracht werden.

Im Vorwort des Buches von Hänsel und Matzenauer (2009) ist zu lesen: „In Zeiten der globalisierten Wirtschaft wird zunehmend suggeriert, man könne froh sein, einen regulären Arbeitsplatz zu haben, nach Sinn zu fragen scheint da übertriebener Luxus.“

Aufgrund der dargestellten Bedeutung von Sinnerfüllung für das Wohlbefinden und das Arbeitsengagement relativiert sich dieser „Luxus“. Es ist nicht nur für den Mitarbeiter förderlich wenn er Sinnerfüllung im Beruf lebt, sondern aufgrund des Zusammenhangs mit Arbeitsengagement und Wohlbefinden, profitiert auch das Unternehmen davon.

Hier können Sie die gesamte Arbeits als pdf downloaden. Bitte zitieren Sie nach obigen Angaben.

Existentielle Indifferenz: Die lebensverändernde Kolumne im Guardian…

Oliver Burkeman mit einer britischen Auslegung von Existentieller Indifferenz:

Solange es so viele gibt, die sich nicht einmal die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen, muss sich niemand dafür schämen, noch auf der Suche zu sein..

Zum Guardian

Lebenssinn bei Atheisten

Schnell, T. & Keenan, W.J.F. (2011). Meaning-Making in an Atheist World. Archive for the Psychology of Religion, 33, 55-78.

Atheismus wird oft mit Sinnleere in Verbindung gebracht. Man geht davon aus, dass AtheistInnen weder Sinn erleben, noch moralisch handeln oder gar Ehrfurcht und Dankbarkeit erleben. In der letzten Zeit melden sich Atheistinnen und Atheisten immer häufiger zu Wort. Sie fechten solche Stereotype als Vorurteile an (z.B. Sam Harris) und weisen darauf hin, dass Atheismus Sinnerleben keinesfalls ausschließen muss (z.B. André Comte-Sponville). In dieser Studie haben wir untersucht, ob und auf welche Art AtheistInnen ihr Leben sinnvoll gestalten. Lebensbedeutungen, Sinnerfüllung und Sinnkrise wurden in einer Stichprobe von N = 102 AtheistInnen erhoben; außerdem wurden sie mit Religiösen und sogenannten ’nones‘ (weder religiös nach atheistisch) verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass man nicht alle Nicht-Gläubigen in einen Topf werfen darf…

Hier geht’s zum Originalartikel/FREE PDF.

Nötigt sinnerfüllte Arbeit zu Selbstaufopferung?

Dempsey, S. E., & Sanders, M. L. (2010). Meaningful work?: Nonprofit marketization and work/life imbalance in popular autobiographies of social entrepreneurship. Organization, 17(4), 437–459.

„Work-Life-Balance“ ist zu einem häufig genutzten Schlagwort geworden. Gerade in unserer modernen Gesellschaft gestaltet sich die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben oft schwierig. Stress und Burnout sind unter anderem die Folgen zeitgenössischer Arbeitsformen und sozio-ökonomischer Unsicherheiten.

Doch auch im sozialen Non-Profit Bereich werden die Zeiten härter. Das soziale Unternehmertum – also Unternehmen, die sich zum Wohl der Gesellschaft einsetzen anstatt für den eigenen Profit zu wirtschaften – sind immer öfter gezwungen die Mechanismen der Marktwirtschaft zu imitieren um überhaupt längerfristig bestehen zu können.

Die höhere Arbeits- und Lebenszufriedenheit, die eine sinnerfüllte Tätigkeit in diesen Bereichen bringt, wird so immer öfter auch begleitet von Überarbeitung und einem inneren Zwang immer noch mehr tun zu wollen und das bei einem viel zu geringen oder gar keinem Lohn, der kaum das eigene Überleben sichert.

Unternehmerische Entscheidungen beruhen inzwischen auch im Non-Profit-Bereich auf dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Fairness, Gerechtigkeit, Gleichheit und demokratische Verantwortung treten immer mehr in den Hintergrund.

Self-authorship bedeutet das eigene Leben selbst zu bestimmen.

Von Führungskräften wird nach Gay’s (1996) Konzept vom „unternehmerischen Subjekt“ viel erwartet. So sollen sie ihre Organisationen durch Selbstverbesserung und Selbstregulation aufwerten. Nadeson und Threthewey (2000) bemerken, dass durch die Positionierung eines Individuums als Autor seiner Selbst („Self-authorship“) ökonomische und politische Ungleichheiten legitimiert werden. In einem solchen Rahmen werden Armut, Hunger und andere Ungleichheiten dem persönlichen Versagen zugeschrieben – verursacht durch zu wenig Eigeninitiative.

Der vorliegende Artikel vergleicht die Autobiografien von drei herausragenden Personen, die jeweils andere US amerikanische Non-Profit-Organisationen gegründet haben.

  1. John Wood ist Gründer von „Room to Read“ und hat seinen hochbezahlten Arbeitsplatz bei Microsoft aufgegeben um Büchereien in Entwicklungsländern aufzubauen.
  2. Greg Mortenson gründete das „Central Asian Institute“ nach einem erfolglosen Versuch den K2 in Pakistan zu besteigen. Die Großmütigkeit der Dorfbewohner, die ihm medizinische Unterstützung anboten, rührte Greg Mortenson so sehr, dass er beschloss in den ländlichen Gebieten dort Schulen zu bauen.
  3. Wendy Kopp ist Gründerin von „Teach for America“, einer Organisation die die besten College-Absolventen engagiert um 2-Jahre lang in den ärmsten und ländlichsten Schulen zu unterrichten.
Jack Welch, Vorsitzender und CEO bei General Electric: „My kids were raised, largely alone, by their mother Carolyn […] There’s lip service to work-life balance and there’s reality […] if your boss is doing his job right […] he is making your job so exciting that your personal life becomes a less compelling draw.

Ihnen ist gemeinsam, dass sie alle drei bereit waren sich für ihr Ziel selbst aufzuopfern bis zu einem Punkt, an dem ihre Gesundheit, ihre Familien und andere Bereiche ihres persönlichen Lebens darunter leiden mussten. Problematisch ist vor Allem, dass Aufgaben, die dem größeren Ganzen dienen sollen oder in denen Personen glauben einer inneren Bestimmung folgen zu müssen, oft wie selbstverständlich mit Selbstaufopferung und unbezahlter Arbeit verknüpft werden.

Alle drei Unternehmer wurden angespornt durch:

  • Ein inneres Verlangen „nach etwas mehr“ im Leben, das sie davon abhielt, einen typischen Karrierepfad einzuschlagen bzw. dabei zu bleiben. Sie wollten etwas verändern und fühlten sich berufen einer höheren Bestimmung zu dienen.
  • Sie machten ein einschneidendes Erlebnis mit sozialen Problemen, das für sie zu einem lebensverändernden Erlebnis wurde.

Dies ließ sie, die vielen Hindernisse überwinden, die mit dem Aufbau einer Organisation einhergehen. Beispielsweise mussten finanzielle Mittel aufgebracht werden. Eine gute Idee und der Wille allein reichten nicht aus, ein solches Unternehmen zu führen. Hierarchische Strukturen und Management wurden nötig, um die Richtung zu weisen und am Ende hing der Erfolg schließlich auch davon ab, immer mehr wie ein marktwirtschaftlich orientiertes Unternehmen zu agieren. Während John Wood in seiner früheren Tätigkeit bei Microsoft bereits das nötige betriebswirtschaftliche Wissen mitbrachte, waren Greg Mortenson und Wendy Kopp gezwungen sich das Wissen anzueignen.

Obwohl sie für das Überleben der Organisationen notwendig war, erschwerte es die vermehrte Strukturierung der Organisationen den Mitarbeitern ihrer Arbeit nachzugehen. Für zukünftige Angestellte wurde es sogar weniger erstrebenswert diese Tätigkeiten auszuüben. Aber auch die Führungskräfte selbst litten unter ihrer bald sehr unausgeglichenen Work-Life-Balance und Selbstaufopferung in Form von Überstunden, Stress oder finanziellen Risiken und erheblichem Schlafmangel. Die Arbeit war oft nicht bezahlt oder zumindest unterbezahlt und auch die Führungskräfte selbst weigerten sich, Gehaltserhöhungen in Anspruch zu nehmen, selbst wenn sie und ihre Familien das Geld brauchten.

Die Analyse dieser Biografien zeigt die Schattenseiten sinnerfüllter Tätigkeit auf. Auch stellt sich die Frage, ob ein derart engagiertes Vorgehen anderen Menschen als Vorbild dient, wenn der Einsatz einer solchen Selbstlosigkeit bedarf.

Ich persönlich finde es vor Allem schade, dass die „Vermarktwirtschaftlichung“ der Arbeit im Non-Profit-Sektor die Wertorientierung und die Freude an der Tätigkeit so sehr in den Hintergrund drängt. Neben finanzieller Unterstützung von Organisationen die dem Gemeinwohl dienen, finde ich es auch wichtig, ihnen mehr Anerkennung entgegenzubringen. Vielleicht gelingt es den in diesen Bereichen tätigen Menschen dann auch eine angemessene Entlohnung für ihre Leistungen anzunehmen und sich nicht selbst auszubeuten.Ein generelles Umdenken in der Gesellschaft in Richtung „Gemeinwohl Ökonomiescheint in diesem Zusammenhang erstrebenswert zu sein. Im Gegensatz zum aktuellen Gewinnstreben und Konkurrenzdenken könnte unternehmerisches Denken so in Zukunft auch von Gemeinwohlstreben und Kooperation geprägt sein.

Zusammengefasst von Sandra Schmid

Miller-McCune: Who Cares If It’s All Meaningless Anyway?

Brad Wittwer mit einer amüsanten Zusammenfassung des Phänomens ‚Existentielle Indifferenz‘

(s. Schnell, T. (2010). Existential Indifference: Another Quality of Meaning in Life. Journal of Humanistic Psychology, 50 (3), 351-373.)

Hier geht’s zum Miller-McCune Artikel: Who Cares If It’s All Meaningless Anyway?

Coverstory OÖ Moments: Macht Ihr Leben Sinn?

Macht Ihr Leben noch Sinn? Zweifellos eine provokante Frage, die es sich immer wieder von Neuem zu stellen gilt, und zwar am besten dann, wenn wir noch gesund und munter sind…

Judith Hintersteiner (OÖ Moments) interviewt Tatjana Schnell und Andreas Salcher.

Schnell, Tatjana (2010). Macht Ihr Leben Sinn? Von Judith Hintersteiner. OÖ Moments 10/2010.

„Ein Pilger ist der, welcher geht, und der, welcher sucht.“ Eine Längsschnittstudie zu Lebenssinn & Lebensbedeutungen bei Pilgern des Jakobswegs

Pali, S. (2010). „Ein Pilger ist der, welcher geht, und der, welcher sucht.“ Eine Längsschnittstudie zu Lebenssinn & Lebensbedeutungen bei Pilgern des Jakobswegs. (Universität Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit)

Im Fokus dieser vorliegenden Arbeit steht die Fragestellung, ob sich potentielle Pilger des Jakobswegs in ihren Lebensbedeutungen, Lebenssinn und Sinnkrise von der Normalbevölkerung unterscheiden und ob die Erfahrung des Pilgerns eine Veränderung in diesen Bereichen auslöst.

Die Daten wurden mithilfe einer Online-Version des Fragebogens zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe von Schnell & Becker, 2007) gewonnen. Die Pilger wurden aufgefordert, den Fragebogen vor dem Pilgern auszufüllen (T1), bis zu zwei Wochen nach dem Pilgern (T2) und vier Monate danach (T3) um mögliche Veränderungen feststellen zu können. 85 potentielle Pilger nahmen zum ersten Messzeitpunkt teil, 46 Teilnehmer konnten für eine Erhebung zu allen drei Messzeitpunkten gewonnen werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass potentielle Pilger in den Skalen Sinnkrise, Selbsterkenntnis, Herausforderung und Freiheit und in der Dimension Selbstverwirklichung im Vergleich zur Normstichprobe weitaus höhere Werte aufweisen. In der Dimension Ordnung zeigen sie hingegen signifikant niedrigere Ausprägungen. Keine Unterschiede hingegen fanden sich in der Skala Naturverbundenheit und in der Dimension Selbsttranszendenz vertikal. Potentielle Pilger scheinen also Menschen zu sein, die auf der Suche nach Selbsterkenntnis und neuen Erfahrungen sind, dabei wenig orientiert an Tradition und Bodenständigkeit und die (noch) keinen besonders starken Bezug zur Natur und zu transzendenten Inhalten haben. Das erhöhte Maß an Sinnkrise erklärt vielleicht unter anderem den Wunsch, aus alltäglichen Strukturen auszubrechen und den eigenen Weg zu finden.

Das Pilgern übt einen hoch signifikanten Einfluss auf die Entwicklung der Skalen Sinnerfüllung und Sinnkrise aus. Nach dem Pilgern zeigen die Untersuchungsteilnehmer signifikant niedrigere Werte in der Sinnkrise und signifikant höhere Werte in der Sinnerfüllung.

Nach dem Pilgern finden sich die Lebensbedeutungen erneut stark in der Selbstverwirklichung, aber auch im Wir– und Wohlgefühl, besonders in der Skala Gemeinschaft. Die Naturverbundenheit und der Bezug zu religiösen bzw. spirituellen Themen (Selbsttranszendenz vertikal) nehmen nach dem Pilgern einen deutlich größeren Stellenwert ein, ebenso die eigene Gesundheit. Zusammengefasst könnte man sagen, dass sich das Bild eines sich selbst und anderen umsorgenden Menschen abzeichnet, dem die Natur und der spirituelle Bezug zu der eigenen Wirklichkeit wichtig geworden sind.

Diese Arbeit zeigt, dass der Prozess des Pilgerns eine äußerliche, aber auch eine innerliche Bewegung ist, die zu mehr Sinnerfüllung im Leben führt.

Was bedeuten Sinnerfüllung und Sinnkrisen für unser Wohlbefinden?

Schnell, T. (2009). The Sources of Meaning and Meaning in Life Questionnaire (SoMe): Relations to demographics and well-being. The Journal of Positive Psychology, Vol.4 (6), 483-499

Was bedeuten Sinnerfüllung und Sinnkrisen für unser Wohlbefinden?

Dieser Frage geht die Studie „The Sources of Meaning and Meaning in Life Questionnaire (SoMe): Relations to demographics and well-being“ (Schnell, 2009) nach und zeigt dabei auch die Notwendigkeit einer getrennten Erfassung von Sinnerleben und Sinnkrise auf.

135 Personen beatworteten den Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe, Schnell & Becker, 2007), der neben 26 Lebensbedeutungen das Vorhandensein einer Sinnkrise und die Ausprägung von Sinnerleben erfasst. Zudem wurden positive Aspekte von Wohlbefinden – positive Gestimmtheit und generelle Lebenszufriedenheit – und negative Aspekte von Wohlbefinden wie Neurotizismus, Depression und Ängstlichkeit gemessen.

Der LeBe misst im Gegensatz zu bisherigen Fragebögen Lebenssinn zweidimensional. Das bedeutet, dass die beiden Erfahrungsdimensionen von Lebenssinn – Sinnkrise und Sinnerleben – einzeln erhoben werden. Daher ist es möglich die Zusammenhänge zwischen dem Auftreten einer Sinnkrise und dem persönlichen Wohlbefinden einerseits und dem Grad des Sinnerlebens und dem Wohlbefinden andererseits zu analysieren. Dies führt zu starken Abweichungen zu Ergebnissen bisheriger Studien, die Lebenssinn mit nur einer Skala als Kontinuum zwischen Sinnerleben und Sinnkrise erfassten und zum einen Zusammenhänge zwischen Sinn und Wohlbefinden und zum anderen zwischen mangelndem Sinnerleben und Ängstlichkeit, Neurotizismus oder Suizidgedanken postulierten.

Eine Korrelationsanalyse ergab, dass die Zusammenhänge zwischen Sinnerleben, Sinnkrise und positiven und negativen Aspekten von Wohlbefinden gering bis mittelhoch sind. Sinnerfahrungen sind daher nicht mit positivem oder negativem Wohlbefinden gleichzusetzen. Es zeigte sich jedoch, dass der Grad des Sinnerlebens ein geeignetes Maß ist, um positive Aspekte von Wohlbefinden vorherzusagen. Erfährt eine Person also ihr Leben als sehr sinnvoll, wird sehr wahrscheinlich auch ihre generelle Lebenszufriedenheit hoch und ihre Stimmung gut sein. Ähnliches gilt für das Erleben einer Sinnkrise: Leiden Personen unter einer Sinnkrise, treten sehr wahrscheinlich auch weitere negative Affekte wie Ängstlichkeit oder Depression auf, die Werte für Lebenszufriedenheit und gute Stimmung sind hingegen gering.

Interessanterweise stellte sich heraus, dass ein geringes Sinnerleben nicht mit negativen Aspekten von Wohlbefinden, wie Angst oder Depression einhergeht. Eine Begründung für dieses Ergebnis könnte sein, dass die Abwesenheit von Sinnerfüllung ganz im Gegensatz zur Sinnkrise keinen Leidenszustand darstellt. Wenn wir also keinen Sinn in unserem Leben wahrnehmen, heißt das nicht, dass wir unter einer Sinnkrise leiden, und es macht auch keine Aussage darüber wie ängstlich oder depressiv wir sind. Es gibt also Menschen, die keine Sinnerfüllung erleben, sich deswegen aber nicht schlecht fühlen.

Bei einem solchen Zustand geringer Sinnerfüllung, der aber nicht von einer Sinnkrise begleitet wird, spricht man von existenzieller Indifferenz (Schnell, 2010). Existenziell Indifferente Personen sind nicht besonders leidenschaftlich oder engagiert und zeigen wenig Interesse an Selbsterkenntnis, Spiritualität, Religiosität und Generativität. Dies beeinflusst aber nicht ihr Befinden und so sind sie nicht depressiver oder ängstlicher als Personen die ihr Leben als sinnvoll wahrnehmen. Ihr subjektives Wohlbefinden ist jedoch geringer ausgeprägt.

Zusammengefasst von Stephanie Theves

Lebenssinn und psychisches Wohlbefinden – Gibt es einen Zusammenhang?

Zika, S. & Chamberlain, K. (1992). On the relation between meaning in life and psychological well-being. British Journal of Psychology, 83, S.133-145

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Lebenssinn einen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden der Menschen hat?

Mit eben dieser Frage beschäftigten sich Zika & Chamberlain (1992) in ihrer Untersuchung und versuchten mit Hilfe der drei  Fragebögen „Purpose in Life Test„, „Life Regard Index“ und der „Sense of Coherence Scale“ diese Annahme zu überprüfen. Zwei unterschiedliche Gruppen, nämlich Mütter jüngerer Kinder und ältere Leute, wurden für die Untersuchung herangezogen, da diese als Risikogruppen für geringeres Wohlbefinden gelten. Dies wird gerechtfertigt, indem angegeben wird, dass Mütter und ältere Menschen oft nur ein geringes finanzielles Einkommen haben, zu einem gewissen Grad abhängig von anderen sind und die Gefahr von Isolation bei ihnen höher ist, als bei anderen.

Bei der Untersuchung wurde das Konstrukt „Wohlbefinden“ in 3 Komponenten unterteilt (Lebenszufriedenheit, positive Gefühle und negative Gefühle), welche alle drei auf eine Korrelation mit Lebenssinn getestet wurden.

Zika & Chamberlain (1992) kamen zu dem Ergebnis, dass alle 3 Komponenten von Wohlbefinden mit dem Konstrukt Lebenssinn korrelieren. Man kann also sagen, dass eine hohe Sinnerfüllung mit Lebenszufriedenheit einhergeht, mit häufigem Erleben von positiven Gefühlen und selten auftretenden negativen Gefühlen.

Allerdings kann weder klar festgestellt werden, was die Ursache dieses Zusammenhangs darstellt, noch in welcher Richtung dieser Zusammenhang verläuft. Die Autoren favorisieren zwar die Ansicht, dass Lebenssinn das psychische Wohlbefinden von Menschen beeinflusst, andererseits ist es jedoch auch möglich, dass das Wohlbefinden die Wahrnehmung dessen beeinflusst, was wir als sinnvoll betrachten.

Abschließend kann zusammengefasst werden, dass Lebenssinn einen deutlichen Zusammenhang mit psychischem Wohlbefinden aufweist und dass daher Menschen, welche unter einem Sinnverlust leiden, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Einschränkungen in Ihrem Wohlbefinden erleiden (Zika & Chamberlain, 1992). Daraus schlussfolgern die Autoren, dass das Thema Lebenssinn viel mehr Bedeutung in der Behandlung von Menschen, die unter psychischen Problemen leiden, bekommen sollte.

Zusammengefasst von Anna Engelhardt

Lebenssinn eine Vermittlerrolle zwischen Persönlichkeitseigenschaften und dem subjektiven Wohlbefinden?

Compton, W.C. (2000). Meaningfulness as a mediator of subjective well-being. Psychological Reports, 87, S.156-160.

W. C. Compton untersucht in dieser Studie den Zusammenhang zwischen dem subjektiven Wohlbefinden und den Persönlichkeitsmerkmalen Selbstbewusstsein, internale Kontrollüberzeugungen (die Annahme, dass ich selbst für das zuständig bin, was in meinem Leben geschieht), positive soziale Beziehungen, Optimismus und wahrgenommener Lebenssinn. Den Autor interessierte, ob Lebenssinn eine Vermittlerrolle zwischen Persönlichkeitseigenschaften und dem subjektiven Wohlbefinden einnimmt – ob also bestimmte Persönlichkeitseigenschaften eher mit Wohlbefinden einhergehen, wenn das Leben als sinnvoll erfahren wird.

Die Untersuchung wurde an 347 amerikanischen Studenten durchgeführt, welche eine Reihe von Fragebögen ausfüllten. Das subjektive Wohlbefinden wurde in 3 Variablen aufgeteilt: Lebenszufriedenheit, Glücksgefühl und Ausgeglichenheit.

Als Ergebnis zeigte sich, dass alle fünf der oben beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale (Selbstbewusstsein, internale Kontrollüberzeugungen, positive soziale Beziehungen, Optimismus, Lebenssinn) Einfluss auf das Wohlbefinden eines Menschen haben. Dabei wies die Überzeugung, dass das eigene Leben sinnvoll ist, den stärksten Vorhersagewert für subjektives Wohlbefinden auf.

Der wahrgenommene Lebenssinn und das subjektive Wohlbefinden verfügen also über einen nachweislichen Zusammenhang. Vielleicht finden Sie ja mal für sich die Zeit, um darüber nachzudenken, wie sie in Ihrem Leben den Zusammenhang zwischen diesen beiden Variablen wahrnehmen.  Gab es Zeiten, in denen Sie Ihr Leben als relativ sinnlos erlebt haben? Wahrscheinlich haben Sie sich in dieser Zeit auch nicht besonders wohlgefühlt.

Andererseits könnte es auch möglich sein, dass Ihnen in Zeiten, in denen Sie sich (aus unterschiedlichsten Gründen) schlecht fühlen, auch das Gefühl für den Sinn Ihres Lebens abhanden kommt.

Auf jeden Fall ist zu erwarten, dass beides wieder ansteigt, sobald eines von beiden sich wieder stabilisiert!

Zusammengefasst von Anna Engelhardt

Sinnerfüllung im Beruf. Zum Zusammenhang von Merkmalen der Arbeitstätigkeit, Sinnerfüllung, Arbeitsengagement und Wohlbefinden

Siller, E. (2009). Sinnerfüllung im Beruf. Zum Zusammenhang von Merkmalen der Arbeitstätigkeit, Sinnerfüllung, Arbeitsengagement und Wohlbefinden. (Universität Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit)

Während sich zum Beispiel die Philosophie oder auch die Klinische Psychologie schon sehr lange mit dem Thema „Sinn“ beschäftigen, wird in der Arbeits- und Organisationspsychologie erst vergleichsweise kurz in diesem Bereich geforscht. Diese Diplomarbeit soll einen Beitrag zu dieser „jungen“ Forschung liefern.

Ausgangspunkt der Diplomarbeit war die Frage, welche Bedingungen mit einer Berufstätigkeit in Zusammenhang stehen, die als sinnerfüllt erlebt wird. Dafür wurden – aus arbeitspsychologischer Sicht – die Korrelationen zwischen Arbeitsressourcen, Arbeitsbelastungen, Flexibilitätsanforderungen, der soziomoralischen Atmosphäre, Arbeitsengagement, Wohlbefinden und Sinnerfüllung im Beruf bzw. generell erlebter Sinnerfüllung näher betrachtet.

Im Theorieteil der Diplomarbeit erfolgt die Darstellung der einzelnen Konstrukte: Der komplexe Begriff Sinn wird näher beleuchtet und vorliegende Untersuchungen zu Sinn und Beruf werden angeführt. Weiters folgt eine Erläuterung, aus welchen Dimensionen sich Arbeitsengagement zusammensetzt, was unter Flexibilitätsanforderungen verstanden wird bzw. welche Inhalte die Arbeitskraftunternehmer-These aufweist. Der letzte Punkt beschäftigt sich mit der soziomoralischen Atmosphäre und ihren sechs Merkmalen.

Für die Untersuchung wurde ein umfassender Fragebogen aus Teilen verschiedener bestehender Verfahren zusammengestellt, mit welchem die Erhebung der Stichprobe erfolgte. Die Fragestellung richtete sich an Erwerbstätige, die in einem befristeten oder unbefristeten Arbeitsverhältnis stehen. Es konnten 183 gültige Fragebögen für die Berechnungen herangezogen werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass Arbeitsressourcen, soziale Unterstützung und eine wahrgenommene soziomoralische Atmosphäre sowohl mit Arbeitsengagement als auch mit Sinnerfüllung in einem signifikanten positiven Zusammenhang stehen.

Ebenfalls signifikante positive Korrelationen konnten sowohl zwischen Arbeitsengagement und Wohlbefinden bzw. Sinnerfüllung und Wohlbefinden als auch zwischen Arbeitsengagement und Sinnerfüllung errechnet werden.

In Bezug auf Flexibilitätsanforderungen zeigte sich, dass die Skalen Anforderungen an Selbstbestimmung und Selbstorganisation, Anforderungen an eigenständige Karriereentwicklung und Anforderungen an eigenverantwortliches Lernen signifikant positiv mit Arbeitsengagement bzw. mit Sinnerfüllung zusammenhängen. Für die Skalen Anforderungen an zeitliche Flexibilität bzw. Anforderungen an funktionale Flexibilität und Arbeitsengagement bzw. Sinnerfüllung konnten keine signifikanten Korrelationen festgestellt werden.

Bei den Arbeitsbelastungen zeigten wider Erwarten nur arbeitsorganisatorische Probleme eine negative signifikante Korrelation mit Sinnerfüllung, zwischen Zeitdruck sowie Arbeitsunterbrechungen und Sinnerfüllung waren keine signifikanten Zusammenhänge nachweisbar.

Interessante Ergebnisse lieferte die Berechnung der Mediatoreffekte. Es konnte gezeigt werden, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitsressourcen und Arbeitsengagement vollständig von Sinnerfüllung im Beruf mediiert wird. Für die Mediation von generell erlebter Sinnerfüllung konnte dieser Effekt aber nicht nachgewiesen werden.

Generell wurden die Hypothesen zu Sinnerfüllung immer in zwei Varianten gerechnet: einmal mit der Skala Sinnerfüllung im Beruf und einmal mit der Skala generell erlebte Sinnerfüllung. Es zeigte sich, dass diese Differenzierung auch für weitere Forschungen im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie in Betracht gezogen werden sollte, da bei nahezu allen Hypothesen, welche die Sinnerfüllung betreffen, die Korrelationen der einzelnen Skalen mit Sinnerfüllung im Beruf stärker ausfielen als die jeweiligen Zusammenhänge mit generell erlebter Sinnerfüllung.

Trotz der interessanten Ergebnisse der Untersuchung liegt ihre Beschränkung vor allem darin, dass es sich um eine Querschnittserhebung handelt, welche ausschließlich Korrelationen feststellt, jedoch keine Schlüsse auf die Kausalität der Zusammenhänge zulässt. Für zukünftige Forschungen wären sicherlich Untersuchungen von Interesse, welche im Stande sind, Aussagen über die Kausalität der Korrelationen zu liefern.

Abschließend darf ich als Autorin bemerken, dass ich der Ansicht bin, dass Forschung zum Thema Sinn in der Arbeits- und Organisationspsychologie ein zukunftsträchtiger und lohnender Bereich sein kann. Durch die sich laufend verändernde (Arbeits-)Zukunft und die damit verbundenen Herausforderungen sollte ein Hauptaugenmerk darauf liegen, was arbeitenden Menschen dabei hilft, gesund und engagiert zu bleiben und ihre Tätigkeit als sinnerfüllt zu erleben.

Hier können Sie die Arbeit als pdf herunterladen. Bitte zitieren Sie nach obigen Angaben.

Lebensbedeutungen bei Zwillingen

Güfel, B. (2010). Lebensbedeutungen bei Zwillingen. (Universität Innsbruck: Unveröffentlichte Diplomarbeit)

Die Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob mittels des Fragebogens zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (Schnell & Becker, 2007) Unterschiede zwischen Zwillingen hinsichtlich der untersuchten Sinnskalen festgestellt werden können. Die Methode der Zwillingsforschung unternimmt den Versuch, durch die Gegenüberstellung von monozygotischen (eineiigen) und dizygotischen (zweieiigen) Zwillingen mögliche genetische Einflüsse aufzudecken.

Daten von 248 Zwillingen sind in die Untersuchung eingegangen: 60 monozygotische Pärchen, 64 dizygotische Pärchen.

Zusammenfassend haben die Ergebnisse teilweise recht unterschiedliche Zusammenhänge hervorgebracht. So spielen erbliche Einflüsse für manche Lebensbedeutungen eine erstaunlich geringe Rolle. Die Verwirklichung von expliziter Religiosität und Spiritualität z.B. haben weniger mit einer genetischen Veranlagung zu tun, als dass sie vielmehr durch die Umwelt geprägt zu sein scheinen.  Aber auch das Erleben von Sinnerfüllung oder einer Sinnkrise scheinen mehr durch die Umwelt beeinflusst zu sein, als durch die Gene. In diesen Skalen konnten aufgrund der Zusammenhänge zwischen den Zwillingen keine genetischen Einflüsse festgemacht werden. Starke genetische Einflüsse hingegen weisen die Lebensbedeutungen Gesundheit, Fürsorge, Harmonie und Kreativität auf. Mit einem jeweiligen genetischen Varianzanteil von ca. 50% kann man hier von einer starken vererbten Prädisposition sprechen.

Erwerbslose Menschen mit freiwilligem Engagement und ohne freiwilliges Engagement: Ein Vergleich von Lebenssinn, Lebensbedeutungen und subjektivem Wohlbefinden.

Dickel, I. (2009). Erwerbslose Menschen mit freiwilligem Engagement und ohne freiwilliges Engagement: Ein Vergleich von Lebenssinn, Lebensbedeutungen und subjektivem Wohlbefinden. (Unveröffentlichte Diplomarbeit, Technische Universität Berlin)

Das Ziel dieser Arbeit war zu untersuchen, ob bei freiwillig engagierten Erwerbslosen das subjektive Wohlbefinden, die Sinnerfüllung und wesentliche Lebensbedeutungen höher ausgeprägt sind als bei nicht engagierten Erwerbslosen. Ein weiteres Ziel war zu prüfen, ob freiwillig engagierte Erwerbslose weniger unter einer Sinnkrise leiden als nicht engagierte Erwerbslose.

Die Ausprägungen des subjektiven Wohlbefindens, der Sinnerfüllung, der Lebensbedeutungen sowie das Ausmaß des Leidens an Sinnlosigkeit wurde mit zwei standardisierten Fragebogen erhoben. Der Fragebogen zum subjektiven Wohlbefinden bestand aus den Skalen Stimmungsniveau und Allgemeine Lebenszufriedenheit. Der zweite standardisierte Fragebogen erhob die Ausprägung der Skalen Sinnerfüllung, Sinnkrise, Selbsttranszendenz – vertikal, Selbsttranszendenz horizontal, Selbstverwirklichung, Ordnung, Wirund Wohlgefühl und der 26 Lebensbedeutungen: Explizite Religiosität, Spiritualität, Soziales Engagement, Naturverbundenheit,Selbsterkenntnis, Gesundheit, Generativität, Herausforderung, Individualismus, Macht, Entwicklung, Leistung, Freiheit, Wissen, Kreativität, Tradition, Bodenständigkeit, Moral, Vernunft, Gemeinschaft, Spaß, Liebe, Wellness, Fürsorge, Bewusstes Erleben, Harmonie.

Der zur Erhebung eingesetzte Fragebogen umfasste neben den zwei standardisierten Fragebogen jeweils einen Fragenkatalog bezüglich soziodemographischer Daten und Angaben zum freiwilligen Engagement. Die hauptsächlich in Berlin wohnenden 145 Versuchspersonen füllten den Fragebogen innerhalb des Zeitraumes von November 2008 bis April 2009 aus.

Zur Untersuchung der Forschungsfragen wurden 35 t‐Tests an einer probabilistischen Stichprobe mit 86 Erwerbslosen ohne freiwilliges Engagement und 59 Erwerbslosen mit freiwilligem Engagement gerechnet.

Die Ergebnisse zeigen, dass freiwillig engagierte Erwerbslose ihr Leben sinnerfüllter wahrnehmen und weniger unter einer Sinnkrise leiden als nicht engagierte Erwerbslose. Im Bezug auf das subjektive Wohlbefinden unterscheiden sich freiwillig engagierte Erwerbslose nicht statistisch signifikant von Erwerbslosen ohne Engagement. Freiwillig engagierte Erwerbslose weisen eine höhere Ausprägung in den Sinndimensionen Selbsttranszendenz – vertikal und Selbstverwirklichung auf. Die Lebensbedeutungen Soziales Engagement, Naturverbundenheit, Generativität, Macht, Entwicklung, Wissen, Kreativität, Bewusstes Erleben und Harmonie spielen im Leben engagierter Erwerbloser eine größere Rolle als bei nicht engagierten Erwerbslosen.

Behinderung und Lebenssinn. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Behinderung eines Menschen und den Lebensbedeutungen seiner gesunden Geschwister? Eine quantitative Studie.

Engelhardt, A. (2008). Behinderung und Lebenssinn. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Behinderung eines Menschen und den Lebensbedeutungen seiner gesunden Geschwister? Eine quantitative Studie. (Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Innsbruck)

Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses dieser Arbeit steht die Fragestellung, ob sich die Geschwister von Menschen mit einer Behinderung in ihren Lebensbedeutungen von der Normalbevölkerung unterscheiden.

Die Daten wurden mit Hilfe des „Fragebogens zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn“ (LeBe von Schnell & Becker, 2007) gewonnen und die Normierungsstichprobe des Fragebogens, welche aus 603 Personen besteht, wurde als Vergleichsstichprobe für die Untersuchung herangezogen. Die Geschwisterstichprobe besteht aus 97 Brüdern und Schwestern von Menschen mit verschiedensten Behinderungen (Down-Syndrom, Autismus, geistige und körperliche Behinderung).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Geschwister in der Ausprägung von bestimmten Lebensbedeutungen, wie Soziales Engagement, Gemeinschaft, Selbsterkenntnis, Entwicklung, Freiheit, Fürsorge und Bewusstes Erleben von der Normierungsstichprobe des Fragebogens dahingehend unterscheiden, dass diese Skalen bei ihnen eine signifikant größere Ausprägung und dementsprechend eine stärkere Verwirklichung erfahren. Als bester Prädiktor für Sinnerfüllung erwies sich in der erhobenen Stichprobe die Sinndimension Wir- und Wohlgefühl des Fragebogens. Im Unterschied dazu hat in der Normierungsstichprobe die Dimension Selbsttranszendenz horizontal den besten Vorhersagewert. Außerdem zeigte sich, dass in der für diese Studie erhobenen Stichprobe die Lebensbedeutungen Generativität, Bewusstes Erleben und Harmonie am engsten mit der erlebten Sinnerfüllung der Brüder und Schwestern verknüpft ist.

Durch die hier dargestellte Studie konnte nachgewiesen werden, dass für Menschen, welche mit einem behinderten Geschwister aufwachsen, tatsächlich andere Lebensbedeutungen als Sinnquellen einen hohen Stellenwert einnehmen, als dies bei der Normierungsstichprobe der Fall ist. Besonders die Verwirklichung von Lebensbedeutungen der Sinndimension Wir- und Wohlgefühl führt in dieser Stichprobe zu hoher Sinnerfüllung.

Warum bin ich nicht weg und jemand anderes da?: eine qualitative Studie über Lebenssinn und Lebensziele suchtkranker Jugendlicher in der Rehabilitation

Terneß, M. (2007). Warum bin ich nicht weg und jemand anderes da?: eine qualitative Studie über Lebenssinn und Lebensziele suchtkranker Jugendlicher in der Rehabilitation. Saarbrücken: VDM-Verlag.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Themen Lebenssinn und Lebensziele bei suchtkranken Jugendlichen. Dabei wurden Persönliche Gespräche (nach der von Inghard Langer entwickelten Methode) mit 8 Jugendlichen geführt, die sich zu der Zeit im COME IN befanden, einer rehabilitativen Einrichtung, die die Behandlung und Resozialisierung dieser Jugendlichen zum Ziel hat. Es wird ein Überblick gegeben über Theorie und Forschung zum Thema Lebenssinn in der Psychologie. Die Methode des Persönlichen Gespräches wird vorgestellt. Es handelt sich dabei um eine humanistisch orientierte Art und Weise Gespräche zu Forschungszwecken zu führen, die auf dem von Rogers entwickelten klientenzentrierten Ansatz basiert, der sich wiederum durch eine empathisch, unbedingt wertschätzende und authentische Grundhaltung gegenüber dem Klienten auszeichnet. Es geht dabei hauptsächlich um die subjektive Welt der Klienten und weniger um verallgemeinerbare Empirie zur Lebenssinn-Problematik. Das Persönliche Gespräch wird als Methode wissenschaftstheoretisch und metaphysisch eingebettet. Aus dieser heraus lässt sich die besondere Betonung und Einbringung des persönlichen Bezugspunktes des Autors in die Gespräche verstehen. Die verdichteten Gespräche selbst werden als Hauptteil dieser Studie betrachtet. Der Leser sei aufgefordert selbst in die Welt der Klienten einzutauchen und sie mit seiner eigenen Welt abzugleichen. Wenn diese Arbeit beim Leser zu einer Anregung, einer inneren und vielleicht auch äußeren Auseinandersetzung mit den von den Klienten gemachten Aussagen zu entsprechender Thematik geführt hat, kann sie als erfolgreich gelten.

Für die am wissenschaftlichen Diskurs interessierten Leser kann der Ergebnisteil zu einigen interessanten Erkenntnissen führen. Hier zeigt sich, dass wir es mit einem sehr komplexen und heterogenen Feld zu tun haben, welches das ganze Leben der Klienten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft betrifft. Viele Aussagen und Hypothesen lassen sich ableiten. Nach Verdichtung der Aussagen zu Lebenssinn und Lebenszielen ergaben sich folgende fünf Bereiche, die allerdings lediglich als Heuristik zu verstehen sind, da Sinn-Inhalte und deren Bedeutungen aufgrund ihrer multiplen Verstrickungen nicht immer voneinander zu trennen waren:

Soziale Beziehungen, Arbeit, Angenehme Aktivitäten, lebensgeschichtlich bedingte suchtspezifische Sinn-Orientierungen, Ziel- und Erfolgsorientierung.

Es zeigte sich, dass Lebenssinn nur wirklich im lebensgeschichtlichen Kontext der Klienten zu verstehen ist, was am besten am Bereich „lebensgeschichtlich bedingte suchtspezifische Sinn-Orientierungen“ zu sehen ist, bei dem deutlich wird, dass die Klienten sich sowohl in ihren Lebenszielen, als auch in ihrem jetzigen Erleben auf das in ihrer Vergangenheit erlebte „Leid“ im Sinne einer Kontrastierung beziehen. Dieses scheint sich bei einigen auch in einem bewussteren Erleben auszudrücken, welches auf einen möglichen Entwicklungsgewinn über das Wachsen an kritischen Lebensereignissen hindeutet (s.a. Kapitel „Beziehung zu Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen“ und „Sucht und Vergangenheit“). Allerdings könnten auch in den anderen Bereichen suchtspezifische Aspekte vermutet werden. So scheint bspw. die Gewinnung von Selbstwert als Hintergrundmotivation an verschiedenen Stellen durchzuschimmern. Der Bereich Glauben, der interessanter Weise von keinem Klienten selbstständig als sinnkonstituierend genannt wird, zeigt, dass es trotz einer vermeintlichen „Nicht-Religiösität“ im konfessionellen Sinne, vielfältige Vorstellungen vom „Funktionieren“ der Welt sowie von Leben und Tod geben kann. Allerdings hat das bei den meisten Klienten keine „bewussten“ Implikationen für ihr Handeln in ihrem alltäglichen Leben.

Erwähnenswert ist innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses auch die Tatsache, dass Selbsttranszendenz bei vielen Jugendlichen, insbesondere als Motivation im Bereich angenehme Aktivitäten, im Lebenssinn-Kontext auftaucht.

Die Jugendlichen sind insgesamt durchaus imstande relativ elaboriert über Lebenssinn und Lebensziele zu sprechen, was auf eine grundsätzliche Anwesenheit von Sinnerleben hindeutet, wobei hier der Vergleich mit suchtkranken Jugendlichen, die noch nicht „clean“ sind, zusätzliche Erkenntnisse bringen könnte.

Mich persönlich beeindruckte vor allem das kreative Potential der Jugendlichen, welches in diesem Rahmen natürlich nicht objektivierbar war. Trotzdem wäre auch hier ein Vergleich mit nicht süchtigen Jugendlichen interessant. Verallgemeinerbare Aussagen, zu einem möglichen besonderen Potential dieser Jugendlichen könnten natürlich große Relevanz für entsprechende rehabilitative Maßnahmen haben. Das COME IN scheint dieses Potential in ihrem therapeutischen Angebot bereits zu nutzen.

Die Arbeit des COME IN muss aufgrund der hier gewonnenen Klientenaussagen insgesamt als sehr gut bewertet werden. Es ist anzunehmen, dass ein großer Teil der sinnstiftenden Inhalte der Klienten durch die Therapie vermittelt werden konnte. Bezüglich des Themas Lebenssinn könnte eine etwas stärkere Auseinandersetzung mit lebensphilosophischen- und Glaubensfragen von Vorteil sein, insofern sich ein konsistentes und kohärentes Sinnsystem, welches sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzt, als hilfreich erweisen kann. Es vermag vermutlich eine positive Zukunftsorientierung zu unterstützen. Empirisch konnten diesbezüglich in anderen Studien immer wieder Zusammenhänge zu psychischer Gesundheit und Wohlbefinden aufgezeigt werden.

Abschließend soll bemerkt werden, dass sich das Persönliche Gespräch als wertvolle Methode, insbesondere in dem hier untersuchten psychologischen Forschungsbereich, erwiesen hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es sich weiterhin außerhalb der psychologischen „Mainstream“-Methodik bewegen. Wem als fachkundiger Leser diese Methode, wie z.B. in dieser Arbeit, über den Weg läuft, der fühle sich also ermutigt, in seiner psychologisch empirischen Tätigkeit das Persönliche Gespräch ebenfalls anzuwenden. Insbesondere wenn es sich um ein Thema handelt, das für den Forscher selber existentiellen Charakter hat, verspricht das Persönliche Gespräch, Menschen in einer ganz besonderen ganzheitlichen Tiefe mit dem Forscher und dem Leser in Kontakt zu bringen. Diese Form der Wissenschaft kann über einen selbstdarstellerischen Selbstzweck hinaus direkt klinisch psychologische Relevanz erhalten, indem sie den Rezipienten zu einem Verstehen anregt, das nicht in einer abstrakten theoretischen Verhärtung bestimmter Konzepte besteht, sondern im besten Fall zu mehr Menschlichkeit führt, die dann wieder etwaigen Klienten und Patienten zu Gute kommen kann.

Informationen über den Autor

Michael Terneß machte sein Diplom in Psychologie an der Universität Hamburg. Im Laufe seines Studiums konnte er viel Erfahrung in den Bereichen Forschung und Klinik sammeln. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Zen-Praxis, vertritt er einen idiographisch-humanistischen Forschungsansatz, der Forscher und Leser wieder mit den untersuchten Menschen in Kontakt bringen möchte.

Die Arbeit wurde an der Universität Hamburg erstellt und betreut von Prof. Gerhard Vagt und Dipl. Psych. Peter Buttgereit.

Sie ist erhältlich über verschiedene Universitätsbibliotheken (www.gvb.de), bei www.grin.com sowie verschiedenen Internet-Buchhandlungen (z.B. www.amazon.de).

Lebensbedeutungen im interkulturellen Vergleich- eine Gegenüberstellung von Sinnquellen in der peruanischen und deutschen Kultur

Gapp, S.(2007). Lebensbedeutungen im interkulturellen Vergleich- eine Gegenüberstellung von Sinnquellen in der peruanischen und deutschen Kultur. (Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Innsbruck)

Diese Diplomarbeit behandelt das Thema Lebenssinn im interkulturellen Vergleich. Die Erhebung wurde mit Hilfe des Fragebogen zu Lebensbedeutung und Lebenssinn (LeBe, Schnell & Becker, 2007) durchgeführt, der zu diesem Zweck ins Spanische übersetzt (und rückübersetzt) wurde. Der LeBe dient dazu, die Quellen, aus denen Menschen ihren individuellen Sinn beziehen, dimensional zu erfassen. (Für jede Lebensbedeutung wird die persönliche Ausprägung ermittelt.)

116 Probanden, welche in Peru leben, wurden gebeten, den Fragebogen auszufüllen. Für einige Vergleiche wurden die Daten einer in Deutschland mit dem LeBe erhobenen Eichstichprobe, welche 603 Personen umfasst, herangezogen.

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass die in Deutschland erhobenen Lebensbedeutungen auch in Peru als Sinnquellen gelten, allerdings mit einer unterschiedlichen Gewichtung. So ist die Verwirklichung von expliziter Religiosität viel wichtiger (und stärker ausgeprägt) in Peru als in Deutschland. Am engsten ist Sinnerfüllung bei PeruanerInnen mit den Lebensbedeutungen Gemeinschaft, Harmonie und Generativität verknüpft.

Außerdem zeigt sich, dass bei den befragten PeruanerInnen z.B. Individualismus, Spaß, Leistung und Tradition eng miteinander zusammengehören (wer eines davon verwirklicht, hat auch hohe Ausprägungen in den anderen). In Deutschland jedoch sind diese Bereiche streng voneinander getrennt: Wer Individualismus sehr wichtig findet, hat üblicherweise niedrige Werte in Tradition. Wer Lebenssinn aus Leistung zieht, legt normalerweise wenig Wert auf Spaß als Lebensinhalt.

(Hier können Sie eine Zusammenfassung zentraler Ergebnisse dieser Studie auf einem Poster sehen, das auf dem ICP in Berlin 2008 präsentiert wurde.)

Sinnstiftung durch Massenmedien. Theoretische Voraussetzungen und Untersuchung am Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

Lindenthal Michael (2007). Sinnstiftung durch Massenmedien. Theoretische Voraussetzungen und Untersuchung am Nachrichtenmagazin Der Spiegel. (Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Innsbruck)

Die Medien sind im Alltag westlicher Industriegesellschaften nicht wegzudenken, so dass auch sie in das Blickfeld der psychologischen Forschung gerückt sind. Massenmedien sind ein wesentlicher Teil der Umwelt. Hier findet auch Persönlichkeitskonstruktion statt, in dem Sinne, dass Massenmedien identitätsstiftend agieren. Sie präsentieren Rollenmuster und beinhalten Sinnangebote.

Solche Sinnangebote wurden in einer inhaltsanalytischen Längsschnittstudie untersucht. Anhand quantitativer sowie qualitativer Inhaltsanalysen der Berichterstattung des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel von 1994 bis 2004 wurden folgende Fragen bearbeitet:

  • Wird das Thema Sinnstiftung eher negativ (Sinnkrise) oder positiv (Sinnmöglichkeiten) dargestellt?
  • Welche Sinnangebote werden gemacht (in Anlehnung an die 26 Lebensbedeutungen des Fragebogens zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn- LeBe, Schnell und Becker)?
  • Gibt es eine Veränderung in Art oder Häufigkeit der Sinnangebote im untersuchten Zeitraum 1994 bis 2004?

Es konnte mittels einer Themenfrequenzanalyse gezeigt werden, dass im Spiegel Sinnmöglichkeiten gegenüber einer etwaigen Sinnkrise klar im Vordergrund stehen. Die Stabilität der Themenhäufigkeiten hat sich als hochsignifikant erwiesen, und es konnten Trends in der Entwicklung der Häufigkeiten einzelner Lebensbedeutungen identifiziert werden.

Mittelpunkt der qualitativen Analyse war die Lebensbedeutung „Gesundheit“. Dabei konnte unter Anderem eine Bedeutungszunahme festgestellt werden, welche sich auch in der Themenfrequenzanalyse zeigte. Orientiert am Sense of Coherence (Kohärenzsinn; Antonovsky, 1997) konnten Sinnangebote und Rezeptionsmöglichkeiten erkannt werden.

Implizit und explizit religiöse Transzendenzerfahrungen- eine qualitative Studie

Sabine Römer (2003). Implizit und explizit religiöse Transzendenzerfahrungen- eine qualitative Studie. (Universität Trier: Unveröffentlichte Diplomarbeit)

Zusammengefasst von Simone Schmit:

In dieser Diplomarbeit geht es um das Phänomen der Transzendenzerlebnisse. Den hier untersuchten Erlebnissen werden neben religiösen Erfahrungen, die traditionell in der religionspsychologischen Forschung behandelt werden, auch Erlebnisse zugeordnet, die einen implizit religiösen Charakter besitzen. Nach dem von Schnell (2004) entwickelten Konstrukt der impliziten Religiosität kann sich Religiosität einerseits explizit in religiösen Organisationen und etablierten Religionen manifestieren, andererseits implizite Züge annehmen. Diese Art von Religiosität zeigt sich u.a. in persönlich bedeutsamen Transzendenzerfahrungen, welche das Hauptaugenmerk dieser Untersuchung sind. Solche Erlebnisse sind Situationen oder Beschäftigungen, die der betroffenen Person ein Gefühl von Bedeutsamkeit oder „Heiligkeit“ vermitteln und häufig unvorhergesehen auftauchen. Sie kennzeichnen sich durch eine kurzzeitige Bewusstseinsänderung und lassen die Person einen Moment lang alle raum-zeitlichen Gegebenheiten sowie das eigene Selbst, vergessen. Anhand unterschiedlich konzipierter Fragestellungen werden 74 Probanden nach diesen besonderen Momenten ihres Lebens befragt. Die berichteten Erlebnisse wurden primär qualitativ, teilweise auch quantitativ ausgewertet und Zusammenhänge zwischen ihnen aufgezeigt.

Anhand der Ergebnisse lässt sich sagen, dass alle Probanden von Transzendenzerfahrungen in einer sehr großen interindividuellen und intraindividuellen Vielfalt (à Vielfalt zwischen Personen, aber auch innerhalb einer Person) berichteten. Durch die breite Konzeptualisierung konnten unterschiedlichste Erlebnisse verzeichnet werden, welche die Kriterien der Bewusstseinsveränderung, Kurzzeitigkeit, Gefühl von Bedeutsamkeit, Aufgehen in der Situation aufweisen.

Numinose Erlebnisse (Erfahrungen wie Einblicke in eine andere Wirklichkeit, Begegnung mit Unerklärlichem, das Erfahren eines Siebten Sinnes und Telepathie) wurden von der Hälfte der Probanden berichtet. Sie wurden meist als etwas erlebt, das ‚über einen kommt‘, als nicht aktiv herbei zu führen. Nach Tart (1960) kann eine Person umso mehr außergewöhnliche Bewusstseinszustände erfahren, je offener sie Erfahrungen gegenübersteht. Sie bedürfen eines gewissen Kontrollverlusts.

Den numinosen Erlebnissen wurden ‚natürliche‘ Erlebnisse gegenübergestellt: diese wurden als weniger bewusstseinsverändernd erfahren. Zu ihnen zählen Einheitserlebnisse, Selbstüberschreitungen, Ekstase und kraftspendende Beschäftigungen und Erlebnissen. Diese setzen eine stärkere Aktivität der Person voraus. Meistens finden diese Erfahrungen in der Freizeit statt. Dabei ist der Kontext oft ein Hobby (z.B. malen, Musik hören, lesen…). Diese Transzendenzerfahrungen können ebenfalls nicht herbeigeführt, aber durch bestimmte Handlungen und Einstellungen erleichtert werden – im Gegensatz zu den oben erwähnten paranormalen Erfahrungen. Personen wissen um die kraftspendende Wirkung und setzen sie bewusst ein.

Die Diplomarbeit beinhaltet neben den erwähnten Ergebnissen noch weitere interessante Erkenntnisse und Diskussionen zu diesem Themenbereich, sowie die Schlussfolgerung, dass Transzendenzerlebnisse etwas universal Menschliches sind, von dem beinahe jeder zu berichten weiß.

Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ebenen der Religiositätserfassung und Persönlichkeitsmerkmalen

Mirjam Bartlog (2003). Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ebenen der Religiositätserfassung und Persönlichkeitsmerkmalen. (Universität Trier: Unveröffentlichte Diplomarbeit)

Zusammengefasst von Simone Schmit:

Für diese Diplomarbeit wurden die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitseigenschaften und verschiedenen Religiositätsebenen untersucht. Die verschiedenen Religiositätsebenen sind:

  • Die explizite (institutionelle Religiosität, Spiritualität)
  • Die persönliche (‚intuitiv‘ zugeschriebene Religiosität, wie auch immer definiert)
  • Und die implizite Ebenen (‚weltliche‘ Religiosität)

Als Persönlichkeitsmerkmale wurden die Big Five, erfasst mit dem NEO-FFI (Borkenau & Ostendorf), sowie die Charakter-Skalen des TCI (Cloninger) verwendet:

Big Five (NEO-FFI)

  1. Neurotizismus (Nervosität, Ängstlichkeit, Traurigkeit, Unsicherheit, Sorgen um die eigene Gesundheit, unrealistische Ideen,…),
  2. Extraversion (Geselligkeit, Aktivität, Personenorientierung, Optimismus,…),
  3. Offenheit für Erfahrung (Wissbegier, Kreativität, Phantasie, kulturelle Interessen),
  4. Verträglichkeit (Altruismus, Mitgefühl, Verständnis, Wohlwollen, Kooperativität,…) und
  5. Gewissenhaftigkeit (Ordnungsliebe, Zuverlässigkeit, Disziplin, Ehrgeiz, Genauigkeit,…).

Charakter-Skalen (TCI)

  • Selbstlenkungsfähigkeit (Verantwortlichkeit, Einfallsreichtum, Zielorientiertheit, Selbstakzeptanz)
  • Kooperativität (Hilfsbereitschaft, Gewissen, Mitleid, Einfühlungsvermögen, soziale Akzeptanz)
  • Selbsttranszendenz (Phantasie, Spiritualität, mystische Erfahrungen)

Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildet das in der Religionspsychologie sehr neue Konzept der impliziten Religiosität von Schnell. Viele interessante Ergebnisse gingen aus dieser Studie hervor. Folgend werde ich einige dieser Ergebnisse aufzählen:

Wie unterscheiden sich explizit Religiöse von nicht explizit Religiösen bzgl. ihrer Persönlichkeitseigenschaften?

  • Explizit Religiöse wiesen eine signifikant höhere Verträglichkeit auf als die Gruppe der nicht explizit Religiösen.
  • Explizit Religiöse wiesen mehr Neurotizismus auf als nicht explizit Religiöse.
  • Bezüglich Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Offenheit für Erfahrung konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Gruppe der nicht explizit Religiösen und der Gruppe der explizit Religiösen gefunden werden.
  • Explizit Religiöse weisen eine signifikant höhere Kooperativität auf als nicht explizit Religiöse.
  • Zudem haben explizit Religiöse signifikant höhere Werte auf der Skala Selbsttranszendenz, was der Annahme der Autoren des TCI entspricht, dass Selbsttranszendenz mit Gefühlen mystischer Teilnahme und religiösen Glaubens zusammenhängt.
  • Die Selbstlenkungsfähigkeit hingegen ist bei explizit Religiösen niedriger ausgeprägt als bei nicht explizit Religiösen.

Persönliche Religiosität bzw. das Empfinden, sich einer individuell definierten Religiosität verbunden fühlen, scheint besonders stark mit Gefühlen mystischer Teilnahme und Gefühlen des Verbundenseins mit dem Universum assoziiert zu sein (Skala Selbsttranszendenz). Hier könnte man vermuten dass der religiöse Glaube gerade dann zu etwas „Persönlichem“ und „Individuellem“ wird, wenn bestimmte transzendente Erlebnisqualitäten erfahren worden sind.

Es hat sich gezeigt, dass es Unterschiede bezüglich der Persönlichkeit von Individuen gibt, wenn man Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Religiosität auf verschiedenen Religiositätsebenen untersucht. Entscheidend dafür, welche Zusammenhänge gefunden werden, sind demnach Religiositätsdefinitionen und diesbezügliche Einteilungskriterien. Dass persönliche und implizite Religiosität im Gegensatz zu institutioneller und expliziter Religiosität immer wichtiger werden, wird angesichts der allgemein beobachtbaren gesellschaftlichen Veränderung deutlich.

Lebensbedeutungen bei alkoholabhängigen Menschen: Eine empirische Untersuchung mit dem „Fragebogen zu Lebensbedeutungen“

Beuel, C. (2004). Lebensbedeutungen bei alkoholabhängigen Menschen: Eine empirische Untersuchung mit dem „Fragebogen zu Lebensbedeutungen“. (Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Trier)

Wie erfahren alkoholabhängige Menschen Lebenssinn? Um diese Frage zu beantworten, wurden in dieser Untersuchung 3 Gruppen miteinander verglichen:

a) alkoholabhängige Menschen in klinischer Behandlung, b) alkoholabhängige Menschen in Selbsthilfegruppen und c) eine gematchte Stichprobe aus der ‚Normalbevölkerung‘. Für die Untersuchung wurde der Fragebogen zu Lebensbedeutungen (Erste Version des LeBe, Schnell, 2003) herangezogen.

Die Hypothesenbildung basiert auf existenzanalytischen Vorstellungen und einzelnen empirischen Untersuchungen zu Persönlichkeitsmerkmalen bei Alkoholikern. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse folgende Unterschiede:

Die Alkoholiker der Klinik-Gruppe waren mit ihrem Leben unzufriedener und zeichneten sich durch niedrigere Lebensenergie und Sinnerfüllung aus als die Personen aus der Normalbevölkerung.

Bei spezifischen Lebensbedeutungen wurden ebenfalls Unterschiede gefunden. So legten die Alkoholiker in klinischer Behandlung größeren Wert auf Freiheit, Selbsterkenntnis, Herausforderung, Spaß und Leistung und sahen sich als weniger gesundheitsorientiert als die Kontrollgruppe. Hinsichtlich der übergeordneten Dimension „Selbstverwirklichung“ gab es einen weiteren Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Die in Therapie befindlichen Alkoholabhängigen legen demnach größeren Wert auf Lebensbedeutungen, die mit Selbstverwirklichung in Zusammenhang stehen, als die nicht alkoholabhängigen Personen. Dies kann sicherlich auf die therapeutische Intervention zurückgeführt werden, die die Alkoholabhängigen während der Untersuchung durchliefen und in der besonders Aspekte der Selbstverantwortung und des Selbstbewusstseins gestärkt werden.

Beim Vergleich der Klinik-Gruppe mit den Teilnehmern der Selbsthilfegruppe (AA) zeigte sich, dass letztere ihr Leben als sinnerfüllter empfanden. Teilnehmer der AA waren außerdem zufriedener mit ihrem Leben und wiesen eine höhere Lebensenergie auf. Sie haben – im Gegensatz zu den in klinischer Behandlung befindlichen Personen – die Alkoholabhängigkeit bereits ‚unter Kontrolle‘, was als Grundlage der optimistischeren Grundhaltung dem Leben gegenüber verstanden werden kann.

Die Lebensbedeutungen Harmonie, Achtsamkeit, Wellness und Selbsterkenntnis bedeuteten den AA- Gruppen-Teilnehmern mehr als Alkoholabhängigen der Klinik-Gruppe. Sie waren außerdem transzendenzorientierter und Lebensbedeutungen, die mit der Dimension Selbsttranszendenz zusammenhängen, waren bei ihnen stärker vertreten. Diese Bereiche sind im Programm der AA verankert und können wohl mit dieser spezifische Art der Selbsthilfegruppen in Beziehung gesetzt werden.

Die Lebensbedeutungen Vernunft und Leistung hingegen waren den Befragten in der Klinik-Gruppe wichtiger als den Teilnehmern der AA.

Rituale und ihre psychologische Bedeutung. Eine empirische Untersuchung.

Uwe Reusch. (2003). Rituale und ihre psychologische Bedeutung. Eine empirische Untersuchung. (Diplomarbeit. Universität: Trier.)

Zusammengefasst von Tatjana Hoffmann:

Die Diplomarbeit von Uwe Reusch befasst sich mit dem Thema „Rituale und ihre psychologische Bedeutung“. Es geht um Lebensbereiche und Ereignisse darin, die eine herausragende Bedeutung für die Leute haben, die sie regelmäßig ausüben, auf besondere (stilisierte) Art zelebrieren. Grundlage der Untersuchung waren 74 halbstrukturierte Tiefeninterviews, die mittels qualitativer Inhaltsanalyse bearbeitet wurden.

Reusch hat festgestellt, dass sich für die Befragten besonders der Leistungsaspekt (Zielerreichung, Erfolg und Anerkennung) sowie hedonistische Elemente (Abwechslung, Abenteuer, Spaß, Freude) in regelmäßigen und bedeutsamen Handlungen ausdrückt. Rituale der Körperpflege, Sport und Fitness sieht er als Ausdruck der Notwendigkeit, im Rahmen der westlichen Leistungsgesellschaft gesund, fit und leistungsfähig bis ins hohe Alter bleiben zu müssen. Hedonistische Rituale versteht er als mögliche Kompensation dieses Leistungsdrucks. Wenn auch seltener, finden sich Rituale doch auch im sozialen Bereich (Altruismus, Hilfsbereitschaft, familiäre Nähe und Liebe).

Rituale zeigen sich auch in Arbeit und Beruf. Gelegenheiten für Ritualisierungen im Arbeitssektor sind z.B. Stilisierungen von Vorträgen, Auftritten und Präsentationen. Dabei werden Bedeutungen assoziiert wie z.B. Selbstpflege, Bewusstheit, Leistung, Kreativität, Entwicklung, Ehrgeiz.

Wiederum als Gegenpol dazu werden auch Entspannung, Wohlgefühl, Anregung, Besinnung, Genuss, Gemütlichkeit und Geborgenheit stilisiert. Beim Aspekt der Gemeinschaft sind den Befragten v.a. gemeinsame Aktivitäten, wie zusammen „etwas essen/trinken“, sei es zu Hause oder im Restaurant, wichtig.

Gemäß den Ergebnissen der Untersuchung zeigt sich, dass Rituale auch in Krisenzeiten an Wichtigkeit gewinnen, als Bewältigungs- oder Übergangrituale. In kognitiv- emotionalen Spannungsmomenten dienen sie als eine Art Katalysator zur Bewältigung z.B. durch Rückzug in sich selbst, Ruhe, Austausch und Loslassen. Rituale haben somit eine Art „Schleusenfunktion“ im Alltag. Sie helfen uns den notwendigen Abstand vom Alltag zu bekommen und dann die Integration, bzw. den Anschluss in den Alltag wieder zu erlangen.

Die qualitativ gewonnenen Daten wurden quantifiziert und auf drei Fragen hin untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl explizit wie auch implizit religiöse Menschen Ritualen mehr Bedeutung zumessen als nicht religiöse Menschen. Ebenso zeit sich auch ein Unterschied zwischen den Geschlechtern. So scheinen Frauen über mehr Rituale zu verfügen als Männer.

Die Arbeit schließt mit der Aufstellung einiger Forschungshypothesen bezüglich der Fragen nach der Entstehung von Ritualen und deren allgemeingültiger Funktion.

BR Interview: Warum mache ich das alles?

Markus Köbnik von on3-radio stellt Fragen zum Sinn des Lebens

„Was macht uns glücklich, Geld, Karriere oder die Freunde? Diese Fragen erforscht die Psychologin Tatjana Schnell. Im Interview erklärt sie, wo wir nach Sinn suchen sollten, und warum manche Menschen glücklicher sind als andere…“

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Hier geht es zur Sendung…

Existentielle Indifferenz: Wenn es uns nicht einmal mehr stört, dass unser Leben sinnlos ist…

„Tatjana Schnell shows how we may want to elaborate a new disorder, alongside of a new DSM. In „Existential Indifference: Another Quality of Meaning in Life,“ Schnell fills a gap that has long puzzled existential thinkers–how do we characterize people who are neither disturbed nor energized by a life purpose and who appear to be mentally healthy. Schnell calls these people the „existentially indifferent“ and sets out to study more about them. I think you will be very intrigued by this article and the rather jarring questions it raises, not only toward the existentially dindifferent but also the society out of which they emerge.“

(Kirk Schneider, Editor’s Commentary, Journal of Humanistic Psychology, 50/3)

Schnell, T. (2010). Existential Indifference: Another Quality of Meaning in Life. Journal of Humanistic Psychology, 50/3, 351-373.

Zusammenfassung:

Existentielle Indifferenz beschreibt einen Zustand geringer Sinnerfüllung, der nicht mit einer Sinnkrise einhergeht. In der existentialistischen Tradition kennt man einen solchen Zustand schon seit langem; die Möglichkeit der quantitativen Erfassung hat es bisher jedoch nicht gegeben.

Durch Anwendung und Verknüpfung zweier Skalen des LeBe (Schnell & Becker, 2007), nämlich Sinnerfüllung und Sinnkrise, kann man existentiell Indifferente empirisch identifizieren. Nach den Daten einer repräsentativen Stichprobe (Studie 1, N = 603) sinkt existentielle Indifferenz mit dem Alter leicht; sie ist besonders häufig bei Singles und Partnern, die unverheiratet zusammenleben.

Existentiell Indifferente zeigen generell wenig Leidenschaft und Engagement; besonders desinteressiert sind sie an Selbsterkenntnis, Spiritualität, Religiosität und Generativität. Dies wirkt sich nicht sichtbar auf die seelische Gesundheit der existentiell Indifferenten aus: Depressivität und Ängstlichkeit z.B. sind ähnlich ausgeprägt wie bei Menschen, die ihr Leben als sinnvoll erfahren. Das subjektive Wohlbefinden der existentiell Indifferenten (positive Stimmung und Lebenszufriedenheit) ist jedoch deutlich geringer ausgeprägt (Studie 2, N = 135).

Inwiefern erleben psychisch erkrankte Personen Sinn in ihren täglichen Beschäftigungen?

Leufstadius, C., Erlandsson, L., Björkman, T.& Eklund, M. (2008). Meaningfulness in Daily Occupations among Individuals with Persistent Mental Illness. Journal of Occupational Science, 15(1), S.27-35

Inwiefern erleben psychisch erkrankte Personen Sinn in ihren täglichen Beschäftigungen? Diese Frage untersuchten Christel Leufstadius et al. (2008) im Rahmen einer Interviewstudie mit 102 dauerhaft psychisch erkrankten Personen, die sich hinsichtlich ihrer Tagesstruktur unterschieden und so drei Arten täglicher Beschäftigungen repräsentierten: Personen,  die arbeiten oder studieren, Personen, die an einer gemeinschaftsbasierten Aktivität teilnehmen und jene, die keiner regelmäßigen Beschäftigung nachgehen. Die Teilnehmer  der Studie befanden sich zuvor mindestens zwei Jahre in psychiatrischer Behandlung und waren im Alter zwischen 20 und 55 Jahren.

In 30-40 minütigen Interviews wurden die Befragten gebeten die Tätigkeiten, die sie in den vergangenen 24 Stunden ausgeführt hatten, zu beschreiben und zu beurteilen ob sie diese als sinnvoll erlebten oder nicht. Zudem sollten sie erklären warum und in welcher Weise sie die Beschäftigungen als sinnvoll empfinden.

Von den 1435 genannten Tätigkeiten wurden 91% von den Befragten als sinnvoll beurteilt und bei 40% dieser als sinnvoll erlebten Beschäftigungen gaben die Teilnehmer eine Begründung an.  Diese 526 kommentierten Beschäftigungen wurden per  Inhaltsanalyse ausgewertet.

In der Inhaltsanalyse wurden Wörter, Sätze oder ganze Abschnitte der Aussagen analysiert und zu übergreifenden Kategorien zusammengefasst. Die Häufigkeiten, mit denen die einzelnen Kategorien in den Antworten auftauchten, wurden gezählt und so konnten fünf Hauptthemen gefunden werden, die Sinnerleben in täglichen Beschäftigungen beschreiben: 1) Beziehungen zu anderen und ihrer Umwelt, 2) Freude und Spaß im Leben, 3) Produktiv sein und Erfolgserlebnisse haben, 4) Beschäftigt sein und Routinen und Aufgaben  im Verlauf der Zeit haben, 5) Auf sich achten um gesund zu bleiben.

Diese fünf Themen waren in allen drei Gruppen repräsentiert. Die am häufigsten genannten Aspekte waren die Beziehungen zu anderen, Freude und Spaß im Leben und das Achten auf die Gesundheit.

Personen, die arbeiteten oder studierten, nannten häufiger die Beziehungen zu anderen und ihrer Umwelt und machten weniger Aussagen über das Achten auf ihre Gesundheit, als die anderen beiden Gruppen.

Die Teilnehmer einer gemeinschaftsbasierten Aktivität machten mehr Aussagen über Freude und Spaß im Leben als die übrigen Personen. Das könnte dahingehend interpretiert werden, dass diese Aktivitäts-Zentren den Personen erfolgreich die Gelegenheit bieten persönliche Interessen zu verfolgen und Tätigkeiten auszuüben, die ihnen Freude bereiten.

Aussagen zur vierten Kategorie kamen in der Gruppe psychisch erkrankter Personen ohne regelmäßige Beschäftigung  seltener vor als in den anderen Gruppen. Eine Beschäftigung zu haben spielt bei psychisch erkrankten Personen vor allem in der Entwicklung ihrer Identität eine wichtige Rolle (Mee et al., 2004) und kann als menschliches Grundbedürfnis gewertet  werden, um Sinn in der eigenen Existenz zu sehen (Meyer, 1922; Wilcock, 1993).

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass auch psychisch erkrankte Personen Sinn in ihren täglichen Beschäftigungen erleben, auch wenn sich die Tätigkeiten, die dieses Sinnerleben generieren, unterscheiden können.

Zusammengefasst von Stephanie Theves

Psychologische Ressourcen, positive Illusionen und Gesundheit

Taylor, S. E., Reed, M. G., Bower, E.  J., Gruenewald, L. T. (2000). Psychological Resources, Positive Illusions, and Health. American Psychologist, Vol . 55, No. 1, 99-109.

In diesem Artikel werden Sinnerfüllung, Optimismus und persönliche Kontrolle – wie bereits Frankl, Seligman und Taylor postulierten – als psychologische Überzeugungen genannt, die die seelische Gesundheit des Menschen schützen; doch wie sieht es für die körperliche Gesundheit aus?

Um dies herauszufinden, untersuchten die Autoren dieses Artikels die Beziehung zwischen psychologischen Überzeugungen und dem Krankheitsverlauf bei HIV- infizierten Männern. Die Untersucher gingen davon aus, dass Optimismus, persönliche Kontrolle und Sinnerfüllung nicht nur protektiv auf die Gesundheit wirken, sondern auch aktiv Einfluss auf die Gesundheit nehmen können – ihr als förderlich dienen.

Folgend begrenze ich mich auf den Aspekt der Sinnerfüllung, um im Rahmen unseres Themas „Lebenssinn“ zu bleiben:

Die Autoren gingen davon aus, dass schwierige Ereignisse im Leben positive psychologische Veränderungen mit sich bringen, wenn sie es ermöglichen, Sinn aus einer traumatischen Erfahrung (beispielsweise einer schwere Krankheit) zu schöpfen.  Es wurde schon öfters bestätigt, dass Sinnerleben und Krankheitsverlauf zusammenhängen können.  Affleck und seine Mitarbeiter (1987) fanden heraus, dass Männer, die einen Herzanfall überlebt haben und aus diesem einen Sinn für sich selbst ziehen konnten, weniger gefährdet sind, einen weiteren Herzinfarkt zu bekommen. Janoff- Bulmann und Silver, Boon und Stones haben beschrieben, dass schwierige traumatische Erlebnisse die grundlegenden Überzeugungen, die jeder über sich selbst und die Welt hat, beeinflussen können – was dazu führen kann, dass diese Überlegungen sich dahingehend verändern, dass ein traumatisches  Ereignis einen Sinn erhalten kann und dieser für den Betroffenen spürbar  ist. Auf diesen Aussagen basierend untersuchten die Autoren  40 HIV infizierte Männer, die gerade den Verlust eines guten Freundes oder Partners durch Aids erfahren haben. Sie untersuchten diese, weil der gerade erlebte Verlust ein traumatisches Erlebnis darstellt, welche Auswirkungen auf das Immunsystem der Erkrankten haben kann. Ein solcher Verlust kann ungünstige Auswirkungen haben, indem er negative Erwartungen bezüglich der eigenen Krankheit hervorruft und dies den Krankheitsverlauf verschlechtert. Daher konnte untersucht werden, ob dies auch der Fall ist, wenn jemand einen Sinn in diesem Verlust sieht. Negative Erwartungen könnten beispielsweise ausbleiben, was sich wiederum schützend auf die Gesundheit auswirkt. Um diese Annahmen  zu bestätigen, wurden die Männer interviewt. Im Folgenden einige Aussagen, die die Männer machten:

„Was sein Tod bewirkte ist, dass er andere Werte in mir hervorbrachte, die mein Verhalten so änderten, dass…“

„Verbringe mehr Zeit mit den Menschen, die dir etwas bedeuten“

„Ich würde sagen, sein Tod verstärkt meinen Glauben.“

Nur 3 der 16 Männer, welche Sinnerfüllung durch das traumatische Erlebnis erfahren haben, starben in einer bestimmten, auf das Interview folgenden Zeitperiode. Hingegen starben die Hälfte jener Personen, die keinen Sinn in dem Ereignis sahen, in dieser Zeit. Dies zeigt, dass Sinnfindung dazu führen kann, auch traumatische Ereignisse aus einer anderen Perspektive zu sehen – als hätte man daraus eine Lehre gezogen und würde dadurch nun bewusster leben.

Allgemein lässt sich sagen, dass Ressourcen wie Sinnerfüllung, Glaube an persönliche Kontrolle und Optimismus nicht nur dem Menschen helfen, sich an stressvolle Situationen anzupassen, sondern auch ihre Gesundheit schützen!

Zusammengefasst von Simone Schmit

Lebenssinn und Krankenhausaufenthalt – passen diese Begriffe zusammen?

Stolovy, T. Lev-Wiesel, R. Doron, A. & Gelkopf, M. (2009). The meaning in life for hospitalized patients with schizophrenia. Journal of Nervous and Mental Disease, 197, S. 133-135.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie sich  jahrelange Krankenhausaufenthalte auf das Wohlbefinden von Menschen mit psychischen Störungen auswirken können?

Die israelischen Autoren haben dieses Thema genauer unter die Lupe genommen und mit 60 Patienten des „Lev Hasharon Medical Center“ in Israel eine Untersuchung gestartet. Alle Patienten litten laut ICD-10 unter „Schizophrenie“. Darunter versteht man eine Krankheit, die mit den untenstehenden Merkmalen einhergeht. Von einer krankhaften Diagnose darf erst gesprochen werden, wenn mindestens zwei der folgenden  Merkmale zutreffen und diese über einen Zeitraum von einem Monat vorhanden sind:

  • laute Gedanken, Gedankeneingebung von außen (z.B. Gott, Außerirdische)
  • verschiedene Formen von Wahnvorstellungen (z.B. Kontrollwahn, Beeinflussungswahn, Wahn über Wetterkontrolle)
  • tägliche Halluzinationen jeder Sinnesmodalität
  • Gedankenabreißen oder Einschiebungen in den Gedankenfluss
  • Symptome wie Erregung, Haltungsstereotypien oder wächserne Biegsamkeit, Mutismus und Stupor
  • Symptome wie Sprachverarmung und verflachte oder unangepasste Affekte

In dieser Untersuchung nahmen  49 Männer und 11 Frauen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren teil. Mehr als die Hälfte der PatientInnen befand sich schon länger als ein Jahr in einem Krankenhaus. Die Autoren verwendeten in der Untersuchung eine Vielzahl von Verfahren zur Messung von Lebenssinn („Purpose in Life Questionnaire“ von Crumbaugh and Maholick, 1968), Lebensqualität („QLESQ-18″ von Ritsner et. al., 2005), Depressivität („BDI-FS“ von Beck et al., 1997) sowie Medikamenteneinnahme („DAI-10″ von Hogan et al., 1983).

Die Ergebnisse zeigen, dass die Lebensqualität positiv durch den Lebenssinn und negativ durch das Ausmaß von Depressivität beeinflusst wird.

In Bezug auf den Krankenhausaufenthalt fanden die Autoren heraus, dass der Lebenssinn umso stärker ausgeprägt ist, je länger der Krankenhausaufenthalt andauert! Bei der Frage nach dem Warum stoßen die Autoren unter anderem auf die Tatsache, dass PatientInnen mit Schizophrenie außerhalb der Krankenhauswände oft isoliert, einsam und verarmt leben. Längere Krankenhausaufenthalte bieten ihnen die Möglichkeit, engere Bindungen mit anderen Personen, wie z.B. Psychotherapeuten, aufrechtzuerhalten.

Was könnten nun diese Ergebnisse für den klinischen Alltag in Krankenhäusern bzw. Psychiatrien bedeuten? Für mich persönlich bedeutet es, dass man für die Nachhaltigkeit des Sinnerlebens zusätzlich die sozialen Kontakte außerhalb der Krankenhauswände stärken müsste. Weiters sollte man das gewonnene Wissen um den Einfluss des Lebenssinns noch besser in therapeutische Maßnahmen einbauen, um auch Patienten mit kurzen Krankenhausaufenthalten durch „Sinnerfahrungen“ zu stärken.

Zusammengefasst von Daniela Paterno

Die Suche nach dem Sinn bei Suchtkranken

Zusammenfassung verschiedener Studien – als Ergänzung zum Artikel „Sinn-Gruppe“ als Therapiemethode?

Viele Alkohol- bzw. Drogenabhängige sprechen davon, dass sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen bzw. diesen verloren glauben. Deshalb scheint es interessant auf dieses Thema näher einzugehen.

Dies ist die Zusammenfassung der Ergebnisse einiger Studien, welche sich mit der Sinnfrage in der Therapie mit Suchtkranken befassen bzw. zu erfassen versuchen, warum die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebenssinn, Spiritualität und Religiosität besonders bei Alkohol- und Drogenpatienten wichtig ist.

In einer Untersuchung von Robinson et al. (2007) wurden 123 alkoholabhängige Patienten mit unterschiedlichen Verfahren hinsichtlich ihren täglichen spirituellen Erlebnissen, ihres Trinkverhaltens und Glaubens befragt. Weiters wurde ihnen der „Purpose in Life“ – Test vorgelegt. Es zeigte sich, dass es in den ersten 6 Monaten während der Therapie beispielsweise zu einem Anstieg der spirituellen Erlebnisse und der subjektiven Einschätzung des Lebenssinns kam. Diese beiden Faktoren stehen auch in Zusammenhang mit Alkoholabstinenz.

Tilton Robert (2006) untersuchte die Wichtigkeit des Konstrukts „Purpose in Life“ (Lebenssinn) in der Therapie von Alkoholpatienten. Er kam zu dem Ergebnis, dass Lebenssinn signifikant in Zusammenhang mit der Teilnahme an den Treffen der anonymen Alkoholiker steht, was wiederum in Zusammenhang mit Alkoholabstinenz gesetzt werden kann. Auch die weiteren Ergebnisse dieser Studie erbringen Beweise für die Wichtigkeit der Aufnahme und Bearbeitung des Themas „Lebenssinn“ in der Behandlung von Suchtkranken.

In einer Studie von Chen Gila (2006) an israelischen, alkoholabhängigen Gefangenen fand man heraus, dass es bei längerer Alkoholabstinenz zu einem Anstieg von Kohärenz und Lebenssinn kommt, sowie zu einer Reduktion von Angst und Depressivität.

Young Hall et al. (2001) sprachen in ihrer Studie davon, dass es für Alkohol- bzw. Drogensüchtige wichtig ist, dass diese während der Therapie einen Glauben an eine höhere Macht entwickeln bzw. beginnen sich mit ihrem Glauben auseinander zu setzen, da dies eine Voraussetzung dafür sei, einen befriedigenden Lebenssinn für sich zu finden. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben bzw. der eigenen Spiritualität wird gefördert, indem der Patient die Herrschaft über die Krankheit und über sich selbst wieder gewinnt und seine Sicht auf die Welt verändert.

Zusammengefasst von Anna Engelhardt

„Sinn-Gruppe“ als Therapiemethode?

Kern P. (1992). Eine „Sinn-Gruppe“ als Zusatzangebot bei der stationären Behandlung von Suchtkranken. Sucht 38, S. 173-179

Für die Therapie und den Therapieerfolg von Suchtkranken spielt die Beantwortung von Sinnfragen eine wichtige Rolle. In einer Fachklinik für Suchtkranke wurde den Patienten angeboten, freiwillig bei einer „Sinn-Gruppe“ teilzunehmen. In den Gruppensitzungen wurden verschiedene Themen behandelt, wie beispielsweise Freiheit, Entscheidungen, Gewissen und Sinn. In verzweifelten Situationen soll es den Teilnehmern möglich sein, sich an die Aussagen und Gespräche zu erinnern, die in der Gruppe stattgefunden haben.

Als Basis dieser „Sinn-Gruppe“ wurde das von Victor E. Frankl entwickelte Menschenbild verwendet. Für Frankl sind wir alle Wesen, die von vornherein auf der Suche nach Sinn sind und sein Menschenbild weist darauf hin, dass auch verzweifelte und scheinbar aussichtlose Situationen noch Möglichkeiten zur Sinnfindung bieten.

Da die Teilnehmeranzahl zu gering war, konnten keine statistischen Aussagen abgeleitet werden, allerdings lässt sich feststellen, dass ein sehr großes Interesse der Beteiligten vorhanden war, dass diese die „Sinn-Gruppe“ als sehr wichtigen Teil ihrer Therapie ansahen und dass die Gespräche innerhalb Gruppe hilfreich waren für die Beantwortung eigener Fragen. Die Teilnehmer der Gruppensitzungen füllten zu Beginn der Therapie in der ersten Gruppenstunde den „Purpose in life“ Test nach Crumbaugh & Maholick (1964) aus. Es ergaben sich deutliche Unterschiede zwischen den Werten der „Sinn-Gruppe“-Patienten und denen von Nicht-Patienten im Hinblick auf die Sinnperspektive. Die Gruppenteilnehmer empfanden ihr Leben deutlich wertloser, sie gaben an, nicht zu wissen, warum sie da sind und dass sie in ihrem Leben keine verantwortungsvollen Aufgaben sehen. In einem abschließenden Beurteilungsbogen nach der Therapie gaben die Gruppenteilnehmer an, dass sie durch die Hilfe der „Sinn-Gruppe“ ihr Leben in Zukunft sinnvoller und verantwortungsbewusster werden gestalten können.

Was halten Sie von einer solchen „Sinn-Gruppe“ als Teil einer Therapie? Können sich Ihrer Meinung nach neue Sinnperspektiven auftun, wenn man in der Gruppe über das Thema spricht?

Zusammengefasst von Anna Engelhardt

Implizite Religiosität – Zur Psychologie des Lebenssinns

Schnell, Tatjana (2009). Implizite Religiosität – Zur Psychologie des Lebenssinns. Lengerich: Pabst Science Publishers.

Überarbeitete Neuauflage

Was trägt uns im Leben? Was leitet unsere Gedanken, unser Verhalten, unsere Gefühle? Welche letztgültigen Bedeutungen liegen unserem Leben zugrunde?

Vielfältige Studien haben gezeigt, dass diese letztgültigen Bedeutungen – wir nennen sie Lebensbedeutungen – fünf Bereichen zugeordnet werden können:

  1. Selbsttranszendenz: Überschreitung eigener Bedürfnisse und Orientierung an einem größeren Ganzen (vertikal: an einer jenseitigen Macht)
  2. Selbsttranszendenz: Überschreitung eigener Bedürfnisse und Orientierung an einem größeren Ganzen (horizontal: an diesseitigen größeren Zusammenhängen)
  3. Selbstverwirklichung: aktive Entwicklung eigener Potentiale
  4. Ordnung: Bewahrung und Mäßigung
  5. Wir- und Wohlgefühl: Erlangen und Erhalten von körperlichem, seelischem und sozialem Wohlbefinden

Dabei ist Selbsttranszendenz der beste Prädiktor für ein sinnerfülltes Leben. Hilfreich ist es aber auch, wenn nicht nur eine, sondern mehrere Lebensbedeutungen verfolgt werden. Und noch besser, wenn diese aus unterschiedlichen Bereichen stammen!

(S. auch Schnell, 2008 ).

Diejenigen Lebensbedeutungen, die für einen Menschen sehr zentral sind, werden häufig in ‚typisch religiösen‘ Formen ausgedrückt: Sie sind wichtiger Bestandteil des (persönlichen) Mythos; sie werden regelmäßig im Handeln umgesetzt, in (persönlichen) Ritualen; und sie können Transzendierungserfahrungen erleichtern – also solche Momente, in denen wir für einen Moment über uns selbst hinauswachsen, uns selbst vergessen, eins werden mit der Welt…

In dem Buch werden persönliche Mythen, persönliche Rituale und Transzendierungserfahrungen ausführlich erläutert. Ihre empirische Erhebung wird beschrieben, Zusammenhänge untereinander und mit anderen Variablen werden dargestellt. Im zweiten Teil des Buches wird der Übergang von qualitativer zu quantitativer Forschung beschrieben: So wurde der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe; Schnell & Becker, 2007) aus den qualitativen Ergebnissen heraus entwickelt.

Das Buch enthält sehr viele statistische Informationen; es ist für Nicht-WissenschaftlerInnen daher sicherlich kein angenehmer Lesestoff…

Deutsche in der Sinnkrise?

Schnell, Tatjana (2008). Deutsche in der Sinnkrise? Ein Einblick in die Sinnforschung mit Daten einer repräsentativen deutschen Stichprobe. Journal für Psychologie, 16(3), Artikel 09.

Frei zugänglich: Journal für Psychologie

Befinden sich die Deutschen in einer Sinnkrise – wie es Kanzlerin Merkel 2005 andeutete? Nach einem kurzen Überblick über den Stand der Sinnforschung und Differenzierungen des Konstrukts Lebenssinn werden die Ergebnisse einer Untersuchung an einer repräsentativen deutschen Stichprobe (N = 603) anhand des Fragebogens zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe; Schnell & Becker 2007) vorgestellt.

Es zeigt sich eine relativ geringe Punktprävalenz (4%) von Sinnkrisen, wozu jedoch auch nicht zufällig fehlende Werte beigetragen haben können. Ein Drittel der Stichprobe erweist sich als existentiell indifferent, ein neu eingeführtes Konstrukt, das Menschen beschreibt, die ihr Leben weder als sinnerfüllt erfahren, noch unter einem Sinnmangel leiden. Die skalierten Lebensbedeutungen sind bei diesen Personen insgesamt geringer ausgeprägt als bei denjenigen, die unter einer Sinnkrise leiden; die geringste Ausprägung findet sich bei der Skala Selbsterkenntnis. Eine Vielzahl von Lebensbedeutungen trägt zur Sinnerfüllung der Deutschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts bei. Am stärksten ausgeprägt sind Moral, Harmonie, Fürsorge, Entwicklung und Gemeinschaft. Sehr wenig verbreitet hingegen ist Explizite Religiosität, gefolgt von Spiritualität.

Analysen des Zusammenhangs von Art und Anzahl der Lebensbedeutungen mit dem Ausmaß der subjektiven Sinnerfüllung sprechen dafür, dass Sinnerfüllung umso stärker erlebt wird, je mehr Selbsttranszendenz (Tiefe) die charakteristischen Lebensbedeutungen umfassen. Sinnerfüllung steigt zudem mit der Anzahl charakteristischer Lebensbedeutungen (Breite), und sie ist umso stärker, je unterschiedlicher diese Lebensbedeutungen sind (Balanciertheit).

Sinn, Lebenssinn, Sinnlosigkeit – Was versteht man darunter?

Auhagen, A.E. (2000). On the psychology of meaning of life. Swiss Journal of Psychology, 59/1, S. 34-48.

Hat mein Leben einen Sinn? Erlebe ich mein Handeln als sinnvoll? – Dies sind Fragen, die sich sicherlich jeder in seinem Leben mindest einmal stellt. Aber auch in der Wissenschaft der Psychologie, sowie vielen weiteren Wissenschaften wird über das Thema Sinn nachgedacht und berühmte Psychologen leisten wichtige Beiträge zur „Sinnforschung„.

Ann Elisabeth Auhagen schreibt in ihrem Übersichtartikel, dass beispielsweise der Psychologe Victor Frankl, welcher das KZ überlebte, sagte, dass jeder Mensch Sinn im Leben braucht, um daraus Kraft und Energie zu schöpfen, um zu überleben. Diese Art Sinn muss jeder Mensch für sich selber finden und dies kann nicht erzwungen werden. Weitere wichtige Namen, welche sich der wissenschaftlichen Erforschung des Sinns zuwendeten, sind Maslow, Baumann, Antonovsky, Wong und Reker.

Man hat nachweisen können, dass es möglich ist, Lebenssinn durch Fragebogenstudien oder Interviews zu erheben. In Interviews wurden die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen am häufigsten als sinnstiftendes Element genannt.

In wissenschaftlichen Untersuchungen fand man heraus, dass erlebtes Sinnlosigkeitsgefühl zu Depression, Stress, Lethargie, psychosomatischen Symptomen etc. führen kann. Besonders Menschen in kritischen Lebenssituationen, wie beispielsweise in einer Trauersituation, scheinen anfällig für Sinnlosigkeits- und Hilflosigkeitsgefühle.

Weiters wurde auch der Zusammenhang zwischen Religion und Lebenssinn erforscht und man fand heraus, dass Menschen, die an Gott glauben, größere persönliche Lebensbedeutung für sich sehen.

Obwohl es empirische (= auf methodischem Weg gewonnene) Befunde und verschiedene Theorien dazu gibt, was als Lebenssinn angesehen werden kann und welche Sinnquellen dorthin führen, hat schlussendlich doch jeder Mensch eine ganz persönliche Auffassung darüber, wodurch er bzw. sie Sinn im Leben erfährt.

Und was ist in ihrem Leben sinnstiftend?

Zusammengefasst von Anna Engelhardt

Was berühmte Leute über den Sinn des Lebens gesagt haben

Richard T. Kinnier, Jerry L. Kernes, Nancy E. Tribbensee & Christina M. Van Puymbreck, 2003, „What Eminent People Had Said About The Meaning Of Life“, Journal of Humanistic Psychology 2003, 43, 105- 118

Wie denken und dachten eigentlich große, berühmte, bedeutende Menschen wie Albert Einstein, Muhamad Ali, Jenis Joplin, Bob Dylan und natürlich Mutter Theresa, Martin Luther King sowie Mohandas Ghandi über die Frage nach dem Sinn des Lebens??

195 bedeutende Menschen, darunter 144 Männer und 51 Frauen wurden von einem Team aus vier, auf diesem Gebiet bewanderten Psychologen, untersucht. Es wurden Leute vor dem 19. Jhd., aus dem ausgehenden 19. und z.T. noch lebende Menschen des 20. Jhd. für die Untersuchung herangezogen. Das Kriterium bei dieser Auswahl lag auf der Bekanntheit aber auch der Achtung und dem Respekt, dieser Personen in der Öffentlichkeit. Die vier Forscher haben aus Antworten noch lebenden Berühmtheiten, Aussagen von Personen- Experten und der Literatur, 238 Zitate exzerpiert, die sich auf das Sinnverstehen beziehen. Zehn folgende Kategorien fassen all dies zusammen. Lassen Sie sich überraschen wie vielfältig und doch einfach auch die großen Persönlichkeiten diese Frage für sich beantwortet haben. (Die angeführten Personen sind hier als Beispiele unter vielen anderen angeführt.)

Die meisten Aussagen ließen sich der Kategorie „Das Leben genießen, erfahren und erforschen. Den Augenblick genießen. Die Lebensreise.“ Unterordnen. Hierzu äußerten sich u.a. Janis Joplin, Thomas Jefferson, Sinclair Lewis und Eleanor Roosevelt. Janis Joplin ist für den Ausspruch bekannt: „You got to get it while you can“, im Sinne von: Mach es solange du kannst.

Die zweithäufigste Kategorie ist im Leben zu „zu lieben, zu helfen oder anderen zu dienen. Mitgefühl erleben oder zeigen.“ Dies hießen Leuten wie Albert Einstein, Mohandas Ghandi, Dalai Lama, Albert Schweitzer und Jean Jaques Rousseau gut. Einstein meinte z.B., dass nur ein Leben, das für andere gelebt wird, ein würdiges, wertvolles Leben ist. Viktor Frankl sagt, dass Liebe das ultimative Ziel ist, das der Mensch anpeilen kann. Die Erlösung/ Seelenheil des Menschen ist durch die Liebe und in der Liebe.

Eine weitere Einordnung ist unter der Annahme: „das Leben ist ein Mysterium“. Davon gingen u.a. Bob Dylan, Albert Einstein, Betty Friedan, Napoleon und Stephen Hawking aus. Der letztere äußerte sich in etwa so: Wenn wir eine Antwort finden würden, wieso wir und das Universum existiert, würden wir das Gedankengut Gottes durchschauen.

Weniger optimistisch sind Aussagen die sich der Kategorie „Das Leben ist Sinnlos“ zuschreiben lassen.  Arthur Schopenhauer sagte einmal: „Es ist sinnlos, das wir geboren sind; es ist sinnlos, dass wir sterben“. Diese Gruppe schließt u.a. Sigmund Freud, Franz Kafka, Jean Paul Sartre und Bertrand Russel mit ein.

„Gott dienen oder ihn würdigen und/oder sich auf das nächste Leben vorbereiten“ haben Mohandas Ghandi, Martin Luther King, Mother Theresa und Dalai Lama, aber auch Muhammad Ali und Nelson Mandela, als Aufgabe für sich bestimmt.

„Das Leben ist ein Kampf.“ Dieser Ansicht war z.B. Charles Dickens.

„Im Leben einen Beitrag zu etwas machen, das viel großartiger ist, als wir selbst“, war das Ziel von Ralph Waldo Emerson, Benjamin Franklin, Margaret Mead und Richard Nixon. Emerson glaubte, dass unsere Aufgabe darin besteht, die Welt ein Stückchen besser zu hinterlassen. Horace Mann meinte, dass es eine Schande zu sterben sei, solange man noch keinen Kampf für die Menschlichkeit gewonnen hat.

Zwei Kategorien beziehen sich auf die eigene Entwicklung. „Das Streben nach Wahrheit, Weisheit, einer höheren Sinnesebene. Den eigenen Sinn finden.“ Obwohl sich hier nur wenige einreihen lassen sind es doch Leute wie Erich Fromm, Friedrich Nietzsche sowie auch damals Plato.

„Das Leben ist absurd oder es ist ein Witz“. Wen würden sie unter dieser Kategorie vermuten.  Genau. Charlie Chaplin neben Bob Dylan, Lou Reed und Oskar Wilde. Chaplin beschrieb das Leben mal so: eine Tragödie von Nahem und eine Komödie aus der Entfernung.

Wir sehen hier, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens weiterhin die eines jeden einzelnen von uns bleibt. Vielleicht findet sich der eine oder andere von ihnen hier eine Anregung für sich. Obwohl das Leben manchmal unfair und gemein, absurd oder gar lächerlich ist, so sollten wir es doch als eine Chance wahrnehmen uns selbst und die Welt zu erleben. Nach Wahrheit, Weisheit und Liebe zu suchen. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass es im Leben eines jeden von uns einen Sinn gibt und, dass wir alle Teil eines größeren Ganzen sind.

Zusammengefasst von Tatjana Hoffmann

Sinn in monotoner Arbeit?

Quelle: Isaksen, J. (2000). Constructing Meaning despite the Drudgery of Repetitive Work. Journal of Humanistic Psychology, 40, 84-107.

Gibt es wirklich die Möglichkeit, eine monotone Tätigkeit unter ungünstigen Arbeitsbedingungen als sinnvoll zu empfinden? Nach Isaksens qualitativer Studie (2000) geben drei von vier Angestellten eintöniger Jobs an, dies zu tun. Ihm zufolge kann man sich aktiv und durch kontinuierliche Bemühungen seinen eigenen Sinn schaffen. Dieser kann verschiedene Bereiche betreffen, die im Arbeitsleben als bedeutend empfunden werden.

Psychologische und körperliche Beschwerden bei eintönigen Jobs:

Körperliche und psychische Symptome entstehen genau dann, wenn die Anforderungen der Arbeit nicht mit den Bewältigungsmöglichkeiten des Arbeiters übereinstimmen. Bei sich wiederholenden Arbeitsabläufen kann der Fall eintreten, dass die psychischen Anforderungen an ArbeiterInnen hoch sind, ihre Entscheidungsfreiheit jedoch gering. Diese Personen leiden schließlich unter körperlichen Beschwerden sowie genereller physischer Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag. Aber auch psychische Symptome wie Verlust an Selbstwertgefühl und Passivität bis hin zu Depressionen sind mögliche Folgen, welche sich auch auf die Familie übertragen können.

Reduziert Sinnerleben das persönliche Stressniveau?

Die qualitative Studie von Isaksen (2000) zeigt große Unterschiede zwischen Personen, die ihre Arbeit als sinnvoll und jenen, die ihre Arbeit als sinnlos erleben. Unter Letzteren sind Langeweile, eine negative Einstellung zur Arbeit und geringes Selbstwertgefühl weit verbreitet. Auch Hoffnungslosigkeit, ein negatives Selbstbild und geringes Vertrauen in die Zukunft gehen mit Sinnlosigkeit im Beruf einher. Dennoch schaffen es 75 % der Befragten, Sinn in ihrer monotonen Tätigkeit zu erfahren. 82% würden sogar weiter ihrem Beruf nachgehen, wenn sie für das gleiche Gehalt zuhause bleiben könnten. Es ist nicht einfach, sich unter ungünstigen Arbeitsbedingungen selbst einen Sinn zu schaffen. Um etwas zu verändern, muss als Grundlage der Wille zum Sinn vorhanden sein.

Möglichkeiten Sinn in monotonen Berufen zu erleben:

Jeder Mensch kann selbst zu seinem persönlichen Sinn beitragen, beispielsweise durch Freude etwas Neues zu Lernen, Verantwortungsgefühl oder Stolz.

Die Befragten der Studie gaben am häufigsten folgende Bereiche als sinnstiftend an:

–          Sinnempfinden durch Verbundenheit zum Arbeitsplatz. Dies zeigt sich, wenn die Verbindung zum Arbeitsplatz positive Auswirkungen auf die Identität und Selbstachtung von ArbeiterInnen hat. Man erlebt einen ausgeprägten Teamgeist oder hat mitunter das Gefühl wichtig für verschiedene Arbeitsabläufe zu sein.

–          Sinnerleben durch soziale Beziehungen bei der Arbeit. Die Person pflegt auf der einen Seite ihre sozialen Kontakte, indem sie rücksichtsvoll mit Problemen anderer umgeht und sich aufgeschlossen zeigt. Auf der anderen Seite nimmt sie diese auch bei privaten und beruflichen Problemen für sich in Anspruch und profitiert daraus.

–          Sinn durch Betrachtung der Arbeit als einen essentiellen Teil eines größeren Zusammenhangs. Das Leben ist durch mehrere Bereiche geprägt, zwei davon sind Familie und Arbeit. Hierbei ist die Familie für viele der fundamentale Beweggrund zu arbeiten. Man verdient Geld, um Kinder und möglicherweise den Partner/die Partnerin zu versorgen. Trotz der Tatsache, dass Familie und Arbeit oftmals im Konflikt zueinander stehen, stellt die Familie an sich oft den Beweggrund dar, die Arbeit im Gesamtkontext als sinnvoll zu betrachten.

Was bedeutet das für mich?

Von allen Befragten gab niemand an, das „bloße Geldverdienen“ als sinnvoll zu empfinden. Erst, wenn es für etwas Befriedigendes ausgegeben wird, wie für die Familie oder auch Träume, die man verwirklichen möchte, wird Geld sinn-relevant. Wenn das Hauptziel des Arbeitens also im Geldverdienen an sich liegt, wird dies wenig zur Sinnerfüllung am Arbeitsplatz beitragen. Versuchen Sie, Ihren persönlichen Sinn zu stärken, auch wenn dies für Sie aufgrund der aktuellen Arbeitsbedingungen schwierig zu sein scheint. Bemühen Sie sich soziale Beziehungen in der Arbeit aufzubauen, und Ihre Arbeit als Teil eines größeren Zusammenhangs zu sehen.

„Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden.“ (Frankl)

Zusammengefasst von Jessica Färber

Religiosität und Lebenseinstellung / Sinnempfinden

Zusammenfassung des Artikels „Religious orientation and meaning in life: An exploratory Study“ von Earnshaw, E.L. (2002)

Zusammengefasst von Anna Engelhardt:

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen der Religiosität einer Person und deren Sichtweise des persönlichen Lebenssinns gibt?

In diesem Artikel wird mit Hilfe einer Studie versucht, die Beziehung zwischen Lebenseinstellungen und religiöser Motivation zu  erforschen. Wie bereits in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen belegt wurde, spielt die Religion als Sinnquelle im Leben vieler Menschen eine durchaus wichtige Rolle. Jedoch, so fügt die Autorin hinzu, gibt es viele verschiedene Arten von Religiosität und es muss nicht unbedingt jede religiöse Orientierung ein Gefühl von Sinn vermitteln.

Wichtig in diesem Zusammenhang erscheint es, zwischen den verschiedenen möglichen Aspekten einer religiösen Orientierung zu unterscheiden:

  • Intrinsische Religiosität: Die Religiosität von intrinsisch gläubigen Personen basiert auf einer großen inneren Motivation und ist ungemein wichtig für sie. Sie sind stark mit ihrer Religion verbunden. Der Nutzen, den die Verbundenheit mit einer Glaubensgemeinschaft mit sich bringt, steht für diese Menschen nicht im Vordergrund.
  • Extrinsische Religiosität: Die Motive für extrinsisch gläubige Menschen liegen im Erreichen von sozialen Gewinnen. Von ihnen wird die Religion z.B. dahingehend genutzt, einen sozialen Status zu erreichen oder in eine Gemeinschaft integriert zu sein.
  • Quest („Suche“): Personen, die auf der Suche sind, sind offen für die Exploration von Glaubensinhalten und sammeln Informationen und Antworten zu religiösen Fragen, ohne die Festlegung darauf, dass es nur eine mögliche Klärung dafür gibt.

In der beschriebenen Untersuchung wurden diese 3 Arten von Religiosität als mögliche Ursachen für das Erleben von Lebenssinn, Lebenszweck und Akzeptanz des Todes gesehen und dahingehend überprüft. Als Stichprobe wurden 42 amerikanische Studenten herangezogen, welche das „Life Attitude Profile“ (von Reker & Peacock, 1989) und einen Fragebogen zur religiösen Orientierung ausfüllten.

Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass Personen, welche eine hohe intrinsische Religiosität aufweisen, von einem großen Sinnempfinden berichten. Sinnempfinden war sonst mit keiner anderen Art von Religiosität verbunden.

Eine hohe Akzeptanz des Todes ist stark mit der Suche („Quest“) nach einer religiösen Einstellung verbunden, jedoch überraschenderweise nicht mit intrinsischem Glauben. Dieses Ergebnis kann jedoch auch auf den jungen Altersdurchschnitt der Stichprobe zurückgeführt werden.

Interessant ist außerdem, dass extrinsische Religiosität keinen einzigen Aspekt von Sinn vorhersagen konnte. Daraus kann geschlossen werden, dass extrinsische Religiosität eher selten mit dem Erleben von Sinn einhergeht – vielleicht, weil diese Art zu glauben nicht auf einer wirklichen ‚Verinnerlichung‘ beruht?

Ist der Lebenssinn das entscheidende Bindeglied zwischen Religion und Lebenszufriedenheit?

Steger M. F., & Frazier P. (2005). Meaning in Life: One Link in the Chain from Religiousness to Well-Being. Journal of Counseling Psychology, Vol.52, No 4, 574-582.

Zusammengefasst von Simone Schmit:

Folgend handelt es sich um eine interessante Untersuchung bezüglich des Zusammenhanges zwischen Lebenssinn, Religion und Lebenszufriedenheit.

Lebenssinn, Religion, Wohlergehen; diese Schlüsselwörter des Artikels von Michael F. Steger und Patricia Frazier waren jene, die mich dazu antrieben diesen Artikel durchzulesen; mir erschien der Zusammenhang dieser Wörter so offensichtlich, dass mir die „wahre“ Verbindung zwischen ihnen bisweilen verdeckt blieb. Fragen wie: Ist der Lebenssinn das entscheidende Bindeglied zwischen Religion und Lebenszufriedenheit? Beeinflussen sich diese Komponenten? rücken in dem Artikel in den Vordergrund des Interesses. Die Ergebnisse von Steger und Frazier bejahen diese Frage und  erläutern, dass religiöse Menschen mehr Sinnerfüllung erleben und dadurch eine positivere Sicht auf ihr eigenes Leben und sich selbst haben. Religion führt oftmals dazu, dass Menschen einen tieferen Lebenssinn entwickeln, was ein wichtiges Element für das Wohlbefinden eines Menschen darstellt.

Beispielsweise sind Menschen, die ethischen Minoritäten angehören, eher dazu bereit ihren Sinn des Lebens aus ihrer Religion abzuleiten, als Menschen, die einer Mehrheit angehören. Daraus lässt sich schließen, dass Menschen, die ihren Glauben stärker verinnerlicht haben – also sozusagen stärker glauben, religiöser sind – auch mehr dazu tendieren, einen Lebenssinn für sich zu entdecken. So steht der Lebenssinn  in der Mitte, als Resultat des Glaubens und als Ausgangspunkt für das eigene Wohlbefinden.

Wesentlich ist hier die Erkenntnis, dass religiöse Menschen nur dann Wohlbefinden erleben, wenn sie Sinnerfüllung erfahren. So wäre es ein Trugschluss zu denken, dass alle religiösen Menschen über Lebenszufriedenheit verfügen; ohne Sinnerfüllung ist Religion kein selbstverständlicher Zugang zum persönlichem Wohlbefinden.

Darstellung eines Fragebogens zur Erfassung von Lebenszielen

Klusmann U., Trautwein U. & Lüdtke O. (2005). Intrinsische und extrinsische Lebensziele. Reliabilität und Validität einer deutschen Fassung des Aspirations Index. Diagnostica 51/1, S. 40-51.

Zusammengefasst von Anna Engelhardt:

Wie kann man eigentlich die unterschiedlichen Ziele von Menschen erfassen? Auf welchem Wege kann dies durchgeführt werden?

Eine Möglichkeit dies zu erfassen bietet der Aspiration Index (von Deci & Ryan, 1997). Das ist ein Fragebogen, welcher 35 Lebensziele vorgibt, die von den Befragten hinsichtlich ihrer Wichtigkeit und der Erwartungswahrscheinlichkeit („Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie dieses Ziel erreichen?“) geordnet werden. Diese vorgegebenen Lebensziele erfassen die Bereiche persönliches Wachstum, Beziehungen, Gesellschaft, Gesundheit, Wohlstand, Ruhm und Attraktivität. Unter Lebensziele versteht man langfristig ausgerichtete Ziele, welche einen Orientierungspunkt im Leben darstellen. Neben der Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse ist es für jeden Menschen wichtig, Kompetenz, menschliche Nähe und Autonomie zu erreichen. Wonach jeder Mensch letztendlich strebt, ist stark mit seiner/ihrer individuellen Lebensgeschichte verknüpft.

Im Aspiration Index werden intrinsische und extrinsische Ziele erhoben. Unter intrinsischen Zielen ist das Streben nach Selbstakzeptanz, nach sozialer Eingebundenheit und nach Verbesserung der Gesellschaft gemeint. Zu den extrinsischen Zielen zählen Reichtum, äußerliche Attraktivität, sowie Ruhm. Menschen, die ihr Leben mehr nach intrinsischen Zielen ausrichten und diese befriedigen können, empfinden höheres Wohlbefinden als jene, die nach extrinsischen streben.

Bei einer Studie des Berliner Max-Planck-Instituts mit dem Aspiration Index, welcher auf Deutsch übersetzt wurde, wurden Beziehungsziele am wichtigsten und mit den höchsten Erwartungen eingeschätzt, gefolgt von persönlichem Wachstum, Gesundheit und Gesellschaft. Die niedrigste Ausprägung erfährt die Kategorie Ruhm.

Wie durch Studien bewiesen wurde, ist der Aspiration Index ein gültiges Verfahren mit hoher Stabilität (was bedeutet, dass ähnliche Ergebnisse bei wiederholten Messungen mit einigem Zeitabstand wieder auftauchen), um Lebensziele zu erheben.

Sind Sie neugierig geworden?

Persönlichkeit und Lebenssinn

Schnell, T., Becker, P. (2006). Personality and meaning in life. Personality and Individual Differences, 41, 117-129.

Zusammengefasst von Simone Schmit:

In dem Artikel „Personality and meaning in life“ geht es um die Beziehung zwischen Persönlichkeit und zwei folgend beschriebenen Aspekten des Lebenssinnes:

  • Die Sinnerfüllung- d.h. Sinnerleben: das Ausmaß an empfundener Sinnerfüllung.
  • Die Quellen des Sinnes: Lebensbedeutungen, durch welche der Mensch Sinnerfüllung erfahren kann; beispielsweise Selbst-Transzendenz, wozu Religiösität, Spiritualität und Naturverbundenheit gehören, oder Selbstverwirklichung (Individualität, Macht, Freiheit usw.) sowie Ordnung (Vernunft, Moral, Tradition usw) und Wir- und Wohlgefühl ( Spaß, Wellness, Liebe usw.)

Für die im Artikel beschriebene Untersuchung ging man von 3 Hypothesen aus.

  1. Die erste Hypothese geht von einem gemäßigten Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Sinnerfüllung aus. So nahm man an, dass eine extravertierte Person, also eine ihrer Umwelt gegenüber aufgeschlossene Person, eine hohe Sinnerfüllung aufweist.Persönlichkeit              ——–>                      Sinnerfüllung
  2. Zur zweiten Hypothese: Persönlichkeitsfaktoren lassen mittels der Sinnquellen auf die Sinnerfüllung schliessen. So könnte man sagen, dass bei bestimmten Persönlichkeitseigenschaften bestimmte Lebensbedeutungen bevorzugt werden, und über diese dann wiederum Sinnerfüllung erlebt wird.Persönlichkeitsmerkmale  —–>  Lebensbedeutungen  ——->  Sinnerfüllung
  3. Die dritte Hypothese besagt, dass es möglich ist, ganz spezifische Lebensbedeutungen anhand der Persönlichkeit vorherzusagen. Man könnte also vorhersagen, dass eine bestimmte Kombination von Persönlichkeitseigenschaften, wie hohe Extraversion und hohe Verträglichkeit, mit der Lebensbedeutung ‚Gemeinschaft‘ einhergeht.

Um herauszufinden, ob sich diese Hyptohesen bestätigen, wurden 202 Männer und Frauen aus ganz Deutschland untersucht. Bei den Persönlichkeitsmerkmalen ging man von den 4 folgenden aus, erfasst mit dem Trierer Integrierten Persönlichkeitsinventar von Becker:

  1. Neurotizismus: bezeichnet Menschen, die oft besorgt, ängstlich, unsicher sind.
  2. Extraversion/Offenheit: bezeichnet aktive und enthusiastische Personen.
  3. Gewissenhaftigkeit: kennzeichnet Menschen, für die Selbstdisziplin und Fürsorge wichtig sind.
  4. Verträglichkeit: einfühlsam, wenig nachtragend oder misstrauisch.

Die Untersuchung brachte folgende Ergebnisse hervor: Die erste und die dritte Hypothese sind bestätigt worden.

Die erste Hypothese betreffend (Sinnerfüllung durch Persönlichkeitsmerkmale hervorsagen) konnte für die Persönlichkeitsmerkmale Extraversion/Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit mit eindeutigen Ergebnissen bestätigt werden. Jedoch ist darauf hinzuweisen, dass sich nur 16 % der Unterschiedlichkeit der Sinnerfüllung mittels der 4 Persönlichkeitsmerkmale erklären lassen. Menschen, die ihr Leben als sinnerfüllt erleben, kann man also als tendenziell eher extravertiert, offen, verträglich und pflichtbewusst beschreiben.

Interessant ist auch dass es keinen negativen Zusammenhang zwischen Neurotizismus und Sinnerfüllung gibt. So kann man sagen, dass auch bei seelischer Instabilität Sinnerfüllung möglich ist. Theoretisch kann jeder Sinnerfüllung erfahren, unabhängig von den jeweiligen Persönlichkeitsmerkmalen!

Zur zweiten Hypothese (Sinnerfüllung durch Persönlichkeitsmerkmale via Lebensbedeutungen vorhersagen). Das interessanteste Ergebnis war hier, dass die Sinnerfüllung  extravertierter Menschen unabhängig ist von der Sinnesquelle, die die Person wählt: – es gibt also einen direkten Weg von Extraversion zur Sinnerfüllung.
Die Hypothese 3 (Vorhersage spezifischer Sinnesquellen durch Persönlichkeitsmerkmale) konnte bestätigt werden. So kann man beispielsweise sagen, dass Personen mit den Persönlichkeitsmerkmalen Extraversion und Gewissenhaftigkeit ihre Sinnerfüllung in den Lebensbedeutungen Entwicklung, Leistung und Fürsorge finden. Menschen mit hoher Extraversion verwirklichen häufig die Lebensbedeutungen Spaß, Herausforderung und Individualität auf. Besonders niedriger Neurotizismus findet sich bei Menschen, die Macht als sinnstiftend erleben. Personen mit hohem Neurotizismus beschreiben häufig Spiritualität, Liebe und Harmonie als zentrale Sinnquellen. Warum wohl gerade diese drei Lebensbedeutungen? Vielleicht stellen sie besonders gute Anker dar für Menschen, die viel grübeln, Verlassensängste haben und selbstunsicher sind.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Burnout und Sinnverlust?

Schmitz, E. & Hauke, G. (1994). Burnout und Sinnverlust. Integrative Therapie 3, S. 235-253

Zusammengefasst von Anna Engelhardt:

Jeder hat sicherlich schon einmal etwas über Burnout gehört und weiß, dass dieser Zustand von emotionaler, geistiger und körperlicher Erschöpfung gekennzeichnet ist, was so weit gehen kann, dass die von Burnout betroffene Person arbeitsunfähig, depressiv und suizidgefährdet ist. Bei der Krankheit Burnout kommt es zu einer verminderten Leistungsfähigkeit und psychischer Erschöpfung. Alle Berufsgruppen sind davon betroffen und es wird oft erst spät erkannt, da es von einem sehr schleichenden Verlauf geprägt ist.

Burnout hat auch etwas mit Sinnverlust zu tun. Aber die Frage, worin der Zusammenhang zwischen Burnout und Sinnverlust besteht ist immer noch unklar. Beim Burnout treten teilweise dieselben Symptome auf, wie beim Sinnverlust, wie beispielsweise Gefühlsleere, Energiemangel, chronisches Gefühl der Hoffnungslosigkeit oder existentielle Verzweiflung. In dem Artikel wird ein Versuch beschrieben, den Zusammenhang zwischen Burnout und Sinnverlust anhand einer Fragebogenstudie empirisch zu belegen. Verwendet wird hierzu ein Fragebogen mit einer bekannten Burnout-Skala, den „Maslach Burnout Inventory“ (Maslach & Jackson, 1986) und ein Instrument zur Messung der inneren Sinnerfüllung und der existentiellen Frustration, der LOGO-Test von Elisabeth Lukas (1986). Als Ergebnis ergab sich ein gut belegter Zusammenhang von Burnout-Werten und den Werten des Logotests, d.h. es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen innerem  Ausbrennen und Sinnverlust. Die Frage nach der Ursache dieses Zusammenhangs und dessen Wirkung kann allerdings nicht beantwortet werden.

Aber wie und warum entsteht Burnout? Grundsätzlich gibt es viele verschiedene Erklärungsansätze. Einer geht davon aus, dass Burnout dadurch entstehen kann, dass sich die Person ausschließlich mit nur einem einzigen Lebensbereich, und zwar der Arbeit, identifiziert und keine anderen Quellen hat, aus denen sie/er Energie oder Selbstbewusstsein schöpfen kann. In der Arbeit kommt es zu einer Überschätzung der eigenen Grenzen, zu vermehrter Anstrengung und Engagement, was schließlich zu einem Zusammenbruch führt.

Ich für mich ziehe aus dem Artikel den Schluss, dass es gesünder und wertvoll ist, wenn man sich selber als Person nicht nur über einen einzigen Lebensbereich definiert, sondern mehrere Dinge als wichtig in seinem Leben ansieht. Überlegen Sie einmal für sich, ob in Ihrem Leben verschiedene Bereiche Aufmerksamkeit bekommen. Dreht sich bei Ihnen alles um Arbeit oder steht nur die Familie im Mittelpunkt? Auch Freizeit und persönliche Hobbys können sinnstiftend sein. Sicherlich spielt die Arbeit eine sehr große Rolle in jedermanns Leben und man kann durch sie viel Selbstbestätigung gewinnen und seine Arbeit als sehr sinnstiftend im Leben sehen, allerdings darf und sollte das nicht das Einzige sein, was unser Leben erfüllt.

Sinnkrisen, Belastungen, Lebenssinn…

Schmitz, E., 2005, „Sinnkrisen, Belastungen, Lebenssinn – psychologische Perspektive, Konzepte und Forschung“, Sonderdruck aus: Petzold H. G., Orth I. (Hgg.), Sinn, Sinnerfahrung, Lebenssinn in Psychologie und Psychotherapie, 122- 155.

Zusammengefasst von Tatjana Hoffmann:

Empfinden wir mehr Sinn im Leben, wenn wir schwere, oft tragische Lebensereignisse zu bewältigen haben? Oder lässt uns das Sinnempfinden besser, kompetenter mit ebensolchem Leid im  Leben umgehen? Mit solchen Überlegungen beschäftigen sich Laien wie auch Wissenschaftler in Selbstreflexionen, psychotherapeutischen und psychiatrischen Arbeiten, Tagebuchaufzeichnungen, sowie philosophischen Diskussionen.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens im Allgemeinen ist streng wissenschaftlich nicht messbar. Die Psychologie arbeitet hier an der Frage nach dem persönlichen Lebenssinn des einzelnen Menschen.

Die wichtigsten Methoden zur Erfassung von Sinnempfinden lassen sich in zwei Hauptverfahren aufteilen. Die einen sind standardisierte Fragebögen, wie z.B. Purpose in  Life Test (PIL), Seeking of Noetic Goals Test (SONG), Life Regard Index (LRI) und Life Attitude Profile Revised (LAP-R). Das zweite Hauptverfahren, die Interviewmethode umfasst  alle freien Erzählungen. Allerdings ist anzumerken, dass die Forschung zu Lebenssinn und Sinnerleben z.T. immer noch sehr subjektiv  ist und sich daher oft methodischen und logischen Überprüfungen entzieht.

Viktor Frankl ging davon aus, dass wir in lebensbedrohlichen Situationen einen besonders starken „Willen zum Sinn“ entwickeln. Newcomb und Harlow zeigen hingegen, dass die Sinnlosigkeit bedingt durch schwere Einschnitte im Leben wie Krankheit, z.B. Krebs- oder HIV- Diagnose, schwerer Unfall, Folter  oder auch Stress zu Leiden wie etwa Süchten führen kann.

Sinnverlust resultiert aus Kontrollverlust über das eigene Leben. Hierbei ist es entscheidend, wie das Ereignis subjektiv  bewertet wird und auf welche Gründe die Person den Kontrollverlust zurückführt.  Ist dieser auf eine bestimmte Situation beschränkt, so kann die Person besser damit umgehen, indem sie sich in der Bewältigung gezielt auf dieses eine, oder auch mehrere, aber einzelne Bereiche konzentriert. Verspürt die Person nach einem solchen Ereignis aber das Gefühl auf der ganzen Linie zu versagen, d.h. vollkommene Hilflosigkeit, so stellt sie sich als gesamte Person in Frage und ist mit der Verarbeitung schnell überfordert.

Menschen, die fähig sind Befriedigung zu erfahren, optimistisch die Zukunft zu planen und in verschiedenen sozialen Rollen zu fungieren, verarbeiten Lebenskrisen besser. Zudem erfährt eine Person umso weniger Sinnverlust, je höher die Anzahl der Bereiche ist, in denen sie fest verankert ist, wie z.B. Arbeitsplatz, Glaubensgemeinschaft und Familie.

Kritische Lebensereignisse sind Entwicklungsaufgaben.  Diese sind entsprechend den persönlichen Kompetenzen zu bewältigen. Ist hierbei der Bewältigungsprozess die Quelle der Sinnfindung? Lebenskrisen können eine Art Weckruf sein, das Leben zu überdenken, neue Prioritäten zu setzten und Interessen zu erforschen. Sie können aber auch zur Aufgabe jeglicher Ziele im Leben und zu einem Gefühl tiefer Sinnlosigkeit führen. Damit haben sowohl Harlow, als auch Frankl in ihrer Annahme Recht. Es liegt also ein gutes Stück weit an uns selbst, ob wir durch solche Situationen verzweifeln, oder die Zügel packen und neue Sichtweisen für das Leben gewinnen.

Wege zum Sinn. Sinnfindung mit und ohne Religion

Schnell, T. (2004). Wege zum Sinn. Sinnfindung mit und ohne Religion – Empirische Psychologie der Impliziten Religiosität. Wege zum Menschen, 56, 3-20.

Zusammengefasst von Simone Schmit:

74 Personen aus Deutschland mit vielfältigen religiösen Hintergründen wurden interviewt um einen Überblick über die Inhalte und Arten von impliziter Religiosität zu bekommen. Unabhängig davon, was man im Allgemeinen unter Religiosität versteht, wurden die Befragten gebeten, ihre persönliche Religiosität zu beschreiben.

Sechs Ausprägungen konnten unterschieden werden.

  1. 23% der Befragten beschrieben ihre persönliche Religiosität als Kontingenzbewältigung – „Dass ich nicht alleine dastehe, dass Gott bei mir ist, dass ich behütet, beschützt bin, Hilfe bekomme“
  2. 18% der Interviewten verstehen unter persönlicher Religiosität die Wahrnehmung einer All-Einheit von allem – „Verbundenheit mit der Welt, mit dieser Energie, man ist nicht allein als Mensch da. Sondern man gehört zu einer Gemeinschaft“
  3. 12% der befragten Personen definieren ihre persönliche Religiosität als ein Urvertrauen – „Ein großes Daseinsvertrauen, eine Getragenheit, die mir Geborgenheit gibt ohne dass ich etwas dafür geleistet hätte…“
  4. Für 11% der Befragten steht der Glaube an Gott im Mittelpunkt – „An Gott zu glauben, aber auch an die eigene Verantwortung, Gott dankbar zu sein…“
  5. Die persönliche Religiosität als Glaube an eine nicht näher zu beschreibende höhere Macht gilt für weitere 11% – „Es bedeutet für mich an etwas Höheres zu glauben. Ich bin der Meinung, dass ich für mich kein Gottesdienst und keine Kirche brauche damit ich gläubig sein kann“
  6. Für 5% der befragten Personen steht Religiosität für Werte und Normen – „Den christlichen Werten, die ja so in ihrer Grundbasis auch ähnlich sind zu anderen Religionen…nach denen so sein Leben ein bisschen ausrichten“

14% der Interviewten bezeichneten sich als gar nicht religiös.

Die TeilnehmerInnen wurden auch nach ihren persönlichen Mythen (Erklärung der Gegenwart aus der Vergangenheit, die Herleitung der persönlichen Orientierung und Werte aus dem was als wahr oder richtig angesehen wird), persönlichen Ritualen (Verhalten, das regelmäßig durchgeführt wird und in seiner Bedeutung über sich hinaus, auf eine grundlegendere Lebensbedeutung hinweist) und Transzendierungserfahrungen (beispielweise eine Begegnung mit einem Gott oder einer höheren Macht, kann nicht kontrolliert herbeigeführt werden und ist von kurzer Dauer) gefragt.

Der Inhalt der Interviews wurde dann analysiert; es ergaben sich jeweils unterschiedliche Kategorien bezüglich dieser 3 Themen, welche als typisch religiöse Denk-, Verhaltens- und Erlebensmuster gelten.

Zum persönlichem Mythos:

Der persönliche Mythos kann anhand der erwarteten Entwicklungsrichtung (optimistische oder pessimistische Lebenshaltung), dominanter Archetypen (z.B. Vorbilder), Lebensthemen und der Lebensaufgabe beschrieben werden.

  • Die Entwicklungsrichtung betreffend beschrieben:

– 34% der Befragten ihr Leben als konsistent positiv verlaufend;
– 38% gingen davon aus, dass es sich zum Besseren hin entwickele.
– 20 % hatten das Gefühl, dass mit der Zeit alles schlechter werde.
– 8% berichteten von einer permanenten negativen Gefühlslage.

  • Archetypen: Über ein Drittel gaben gar keine Vorbilder an,

– 14% bestimmten religiöse Autoritäten als ihr Vorbild,
– 11% nannten Sport oder Filmstars
– 9% gaben Familienmitglieder oder enge Freunde an.
– Weitere 9% nannten Politiker und 5 % Künstler und Intellektuelle.

  • Lebensthemen: Hier konnten 26 Lebensbedeutungen unterschieden werden, welche sich unter die Oberbegriffe: Transzendenzeinbindung [heute: vertikale Selbsttranszendenz], Verantwortung [heute: horizontale Selbsttranszendenz], Selbstverwirklichung, Tugend [heute: Ordnung] und Wir- und Wohlgefühl unterordnen lassen. Beispielsweise fällt unter Verantwortung: soziales und ökologisches Engagement, Naturverbundenheit, Generativität usw.
  • Zur Lebensaufgabe:  20 % gaben an, sie hätten keine.

– 46 % nannten eine, die als altruistisch zu bezeichnen ist.
– 14% gaben Selbstverwirklichung und
– 11% Selbstliebe, Liebe und Fürsorge an.
– 4% hatten eine explizit religiöse Lebensaufgabe und
– 7% konnten nicht genau sagen, was ihre Lebensaufgabe ist.

Es konnten viele Zusammenhänge der verschiedenen Elemente ermittelt werden. Einige davon werde ich folgend erläutern:

  • Die Wahrnehmung einer Lebensaufgabe geht mit einer optimistischen Einschätzung des Verlaufs der eigenen Lebensgeschichte einher.
  • Menschen, die eine Lebensaufgabe haben, weisen auch deutlich häufiger Vorbilder auf.
  • Hohe Werte auf jeder der fünf Sinndimensionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Vorhandenseins einer Lebensgeschichte.
  • Eine Lebensaufgabe ist umso wahrscheinlicher vorhanden, je stärker eine Person ihre persönliche Religiosität einschätzt.
  • Auch eine positive Erwartung bezüglich der Entwicklung des Lebensverlaufs geht mit hoher persönlicher Religiosität einher.

Persönliche Rituale:

Es konnten folgende Arten von persönlichen Ritualen identifiziert werden:

  • Gemeinschaftsrituale (z.B. gemeinsames Ausgehen, Telefongespräche, Einladung zum Essen). 80% berichteten von mindestens einem Gemeinschaftsritual.
  • Übergangsritual: z.B. Übergang vom Schlafen zum Erwachen, vom Arbeitsleben in die Freizeit oder auch biographische Rituale wie Geburtstage). 66% der Befragten berichteten hiervon.
  • Rituale sozialen Engagements: z.B. Nachbarschaftsbesuche, politische Aktivitäten, Gremienarbeiten in Vereinen. Die Hälfte aller Befragten gab an, solche Rituale auszuüben.
  • Wellness-Rituale: z.B. Wannenbäder, Tanzen, Sport oder Fitness. 42% üben regelmäßig solche Rituale aus.
  • Besinnungsrituale, beziehen sich auch auf den explizit religiösen Bereich wie beispielsweise Meditation, Gebet, Yoga. Ein Drittel aller Befragten führt solche Rituale aus.

Es zeigt sich ein positiver Zusammenhang zwischen Ritualen und Lebensaufgabe: Je mehr persönliche Rituale eine Person ausübt, umso wahrscheinlicher ist es, dass diese eine Lebensaufgabe wahrnimmt

Je mehr persönliche Rituale ausgeübt werden, desto positiver sind die Erwartungen, die die Personen bezüglich der Zukunft hegen.

Jene Menschen üben die meisten persönlichen Rituale aus, die dem Wir-und Wohlgefühl viel Bedeutung zuweisen.

Die Häufigkeit von Übergangsritualen hängt mit der Höhe der persönlichen Religiosität zusammen.

Transzendierungserlebnisse:

Hier konnten 5 Kategorien von einander unterschieden werden:

  1. Selbstvergessenheit: alle berichteten von solchen Erlebnissen.
  2. Einheitserlebnisse: 63% der Befragten hatten bereits Einheitserlebnisse.
  3. Außersinnliche Wahrnehmungen 64% der Interviewten erzählten davon.
  4. Wunder: 33% berichteten von einer solchen Transzendierungserfahrung.
  5. Visionen/Erleuchtungen: 30% der befragten Personen beschrieben solche Erlebnisse.

Je mehr Transzendierung eine Person erlebt, desto eher hat sie eine Lebensaufgabe und nimmt einen positiven Entwicklungsverlauf ihres Lebens an.

Der gottgläubige Mensch ist am deutlichsten durch die hohe Bedeutung charakterisiert, die er den Sinndimensionen Transzendenzeinbindung zumisst,

während Menschen, die ihre persönliche Religiosität als Urvertrauen beschreiben, sich am häufigsten an Vorbildern orientieren.

Sie üben häufig Wellnessrituale aus und weisen eine hohe Offenheit für das Übersinnliche auf.

Wird Religiosität als Kontingenzbewältigung verstanden, werden besonders viele Rituale ausgelebt, vor allem Übergangsrituale.

Menschen die sich keinerlei persönliche Religiosität zuschreiben, haben keine Lebensaufgabe und gehen eher davon aus, dass das Leben sich zum Negativen hin verändert

Sie üben weder Gemeinschaftsrituale noch Übergangs- oder Rituale sozialen Engagements aus.

Sie erfahren weniger Transzendierungserlebnisse.

Auf allen Sinndimensionen außer der Tugend weisen sie unterdurchschnittlich Werte auf.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der implizit (persönlich) religiöse Mensch davon ausgeht, dass sein Leben einen positiven Verlauf nimmt; er hat eine Lebensaufgabe und orientiert sich häufig an Vorbildern. Er schöpft Sinn aus den Bereichen Verantwortung, Transzendenzeinbindung, Selbstverwirklichung oder Wir-und Wohlgefühl. Er übt viele persönliche Rituale aus, vor allem Rituale sozialen Engagements und Besinnungsrituale. Er erfährt  häufig Transzendierungerlebnisse.

Eine nicht explizit christliche Religiosität wird häufig als sinnvoller erlebt als eine explizit christliche Religiosität.

Was sucht der Mensch, wenn er Sinn sucht?

Längle, A. (1991). Was sucht der Mensch, wenn er Sinn sucht? Daseinsanalyse 8/3. S. 174-183

Zusammengefasst von Anna Engelhardt:

Jeder Mensch bestimmt den Sinn seines Lebens selbst. Sinnsuche und -empfindung ist also etwas Subjektives, etwas, was jeden Menschen unterscheidet.

Mit der Sinnfrage beschäftigen sich verschiedene Forschungszweige, wie beispielsweise die Psychologie, aber auch in der Religion spielt diese Frage eine Rolle.

Sind wir Menschen ständig auf der Suche nach Sinn oder nur in bestimmten Lebenslagen? Überlegungen von Längle in seinem Artikel beziehen sich darauf, dass sich besonders in Zeiten des Verlusts (Verlust von etwas Wertvollen, wie beispielsweise bei Krankheit) die Sinnfrage besonders aufdrängt. Auch Orientierungs- und Beziehungslosigkeit in gewissen Lebensphasen drängen Menschen verstärkt dazu, sich mit dem Thema Sinn auseinander zu setzen. Das Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit wird in unserer Kultur häufig durch übersteigertes Konsumverhalten (sei es Konsum von materiellen Sachen, Drogen oder Alkohol) zu kompensieren versucht. Hingegen sagt Frankl (1982a), dass der Mensch nicht nur in bestimmten Lebenssituationen nach Sinn sucht, sondern ständig darum bemüht ist, Sinn im Leben zu finden. Jeder Mensch sei fundamental auf Sinn hin ausgerichtet und strebt sein ganzes Leben lang danach.

Aber warum? Warum streben wir nicht einfach nur nach Vergnügen und Lust?

Wir Menschen erleben, dass unser Handeln nicht gleichgültig ist, sondern dass unser Verhalten zu Reaktionen und Wirkungen führt. Deshalb ist es den Menschen nicht gleichgültig, was sie tun bzw. unterlassen. Die Frage nach dem Sinn unserer Handlungen drängt sich uns immer wieder auf. Die Sinnfrage ist eine Grundfrage und es geht dabei auch darum, herauszufinden warum man selbst in der Welt ist. Auf diese Frage suchen Menschen unter anderem auch in der Religion eine Antwort.

Haben Sie schon eine Antwort darauf für sich gefunden?

Der Zeitgeist und die Frage nach dem Sinn des Lebens

Csef,  H. (1999). Der Zeitgeist und die Frage nach dem Sinn des LebensExistenzanalyse 1/1999, 4-12.

Zusammengefasst von Tatjana Hoffmann:

„Jede Zeit hat ihre Neurose – und jede Zeit braucht ihre Psychotherapie“. Welche psychischen Defizite sind es, die sich in unserer Zeit abzeichnen? Nach Csef sind es neben Sorgen um Umweltzerstörung, Krieg, Aggression, vor allem auch Ängste vor Arbeits-, Status-, sowie Beziehungsverlust und ganz einfach die „namenlose Angst“ vor der Ungewissheit der Zukunft. Die Folgen davon reichen von psychischen Problemen wie Depression, über Süchte, hin zu Gewalt gegenüber sich selbst und den Mitmenschen.

Csef führt in seiner zusammenfassenden Arbeit zur „Frage nach dem Sinn des Lebens“ eine Reihe von namhaften Personen an, die sich damit beschäftigen. So haben viele Politiker das Thema für sich entdeckt. Sie sind sich einig, dass das ausschließliche Streben nach materieller Befriedigung zu Sinnverlust und damit zu vielfältigen sozialen Problemen führt.

Neben Politikern, die sich vor allem mit den Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft beschäftigen, richtet die Psychoanalyse ihren Blickwinkel auf zwischenmenschliche Beziehungen. Der zunehmende Vertrauensverlust in diesen führt zu sich verbreitendem Zukunftspessimismus.

Soziologen führen die steigende Unübersichtlichkeit der Welt und den durch den Fortschritt in vielen Bereichen resultierenden Wertewandel an. So führt beispielsweise die Virtualität in unserem gegenwärtigen Alltag zu einem Verlust an realen sinnlichen Erfahrungen.

Wie soll sich das Individuum in dieser Dynamik orientieren? Dazu gibt es seit einiger Zeit ein wachsendes Übermaß an Fertigprodukten in der Literatur. Dieses führt allerdings oft zu noch mehr Verwirrung und Ratlosigkeit bei den Sinnsuchenden. Das häufigste Ziel der Sinnsuche ist es, mit der Familie glücklich zu sein. Dies wird allerdings angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen immer schwieriger zu erreichen.

Trotz der Vielzahl an Psychotherapierichtungen (etwa 400 Schulen) beschäftigten sich bisher nur wenige mit der Sinnfrage. Die Logotherapie sowie die Existenzanalyse versuchen jeden Einzelnen bei der Sinnfrage zu unterstützen. Sie stellen somit für viele einen „Kompass … in orientierungslosen Zeiten“ dar.